My Bike, the World and I

Life Beyond the Matrix

What if you let go of everything and leave the bubble of societal norms to live your dream of raw adventure?

You experience life beyond the imaginable.

You will never be able to return.

explore

discover

experience

Yet vagrancy is a deliverance, and life on the open road is the essence of freedom.

Isabelle Eberhardt

17. Mai 2017

Kein Witz! Ich fahre wirklich um die Welt

Kapitel I: Von Lübeck nach Maribo

Nach Monaten der Vorbereitung nach Jahren der Träumereien starte ich auf meine Reise um die Welt mit dem Fahrrad. Der erste Tag ist der letzte Tag der Abschiede und eine Achterbahn der Gefühle zwischen hungrigen Möwen und laufenden Dänen. Hinsetzen, anschnallen, Los.

Es ist 7.30 Uhr am 17. Mai 2017. Der Wecker reißt mich nach unruhigen 5 Stunden aus dem Schlaf. Ich habe geträumt, dass ich auf einem Naturlagerplatz in Dänemark übernachtet habe. Der Platz lag auf einem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen einer Autobahn. Ich bin mir nicht sicher, was mir mein Unterbewusstsein mitteilen will, entscheide mich aber, die erste Nacht auf einem Zeltplatz zu übernachten.

Der Tag der Tage, schreibt Dana. Anna versucht ein weiteres Mal, mich zu überreden, das Rad zu vergessen und nach Konstanz zurückzukehren. Doch für mich gibt es kein Zurück mehr, in meinem Kopf bin ich auf diese Reise schon vor Jahren gestartet. Auf einem Schrank vor meinem Bett hängt ein gelber Klebezettel. Den hatte ich aufgehängt, bevor ich ins Bett gegangen bin. „Zelt, Messer, Tagebuch“ steht darauf. Ich hole das frisch imprägnierte Zelt, suche meine Messer, die beim Umzug in eine unbekannte Schublade geraten sind, und krame nach einem Notizbuch, dessen Seiten noch weiß sind. Ich packe alles in die bereits übervollen Taschen. Dann geht es nach Puttgarden.

An der Fähre bekomme ich das große Flattern. Scheiße! Was mache ich denn hier? Bin ich völlig bescheuert? Ich fahre allein um die Welt, zwei Jahre kein Zuhause, keine spontanen Besuche bei Anna zum Gintonic-trinken, singen quatschen, kein Seafoodfestival mit Susu und ihrer Glutenunverträglichkeit, kein Tretboot-Ausflug auf den Bodensee… ? Das Flattern geht so schnell, wie es gekommen ist. Krass, ich fahre jetzt um die Welt. Wie geil ist das denn. Ich lebe meinen Traum. Die Gefühle fahren Achterbahn. Die nächste Fähre legt an, es ist 15 Uhr. Die Schiffsklappe öffnet sich – kommt da doch tatsächlich ein Zug aus dem Schiff gefahren! Ob die Leute aussteigen dürfen während der Zugfahrt mit dem Schiff?

Auf der Fähre stürzt sich das erste wilde Tier auf mich. Eine Möwe kommt im Sturzflug auf mich herabgeschossen. Ich nehme sie nur aus dem Augenwinkel wahr, denke, sie hat es auf mich abgesehen. Im Blick aber hat sie mein Sandwich. Ich rette mein Sandwich und mich selbst. Das fängt ja gut an, denke ich, aber: überlebt! Und es fängt wirklich gut an. Auf der Fahrt nach Dänemark reißt der Himmel auf. Seit Wochen friere ich mir in Lübeck den Arsch ab, habe sogar meine Wintersachen nach dem Umzug wieder herausgeholt – und dann: gehe ich auf Weltreise und der Sommer ist da!

Dann geht es endlich aufs Fahrrad. Ich bin keine zwei Kilometer unterwegs, da habe ich mich bereits das erste Mal verfahren und meinen ersten Weggefährten gefunden. Jens, von seinen Freunden Bucky genannt, ist auf dem Weg ins nächste Dorf, er läuft. Als ich gerade an ihm vorbeifahren will, spricht er mich an. Wo ich hin will? Ich so: Um die Welt. Ey, cool, seit wann ich schon unterwegs sei? Seit heute Morgen um 8 Uhr. Wir lachen. Die nächsten 10 Kilometer bewältigen wir zusammen. Ich mit dem Fahrrad, er zu Fuß. Ich habe ein schlechtes Gewissen, doch als er berichtet, dass er den Berlin Marathon mehrmals mitgelaufen und an einem Tag von Berlin nach Kopenhagen mit dem Fahrrad gefahren sei, mache ich mir keine Gedanken mehr. Ein Foto zum Abschied, er empfiehlt mir, in Maribo am See zu übernachten, dann trennen sich unsere Wege.

Ich fahre völlig entspannt und von Endorphinen überflutet nach Maribo. Der erste Tag ist vielleicht der wichtigste auf so einer Reise. Der erste Tag ist meist geprägt vom Grübeln und Zweifeln. Wenn dann die äußeren Umstände nicht passen, ist das großer Mist: Auf Island hatte ich so einen ersten Tag, es ist alles schiefgelaufen. Ich bin nach 30 Kilometern halb erfroren und klitschnass in Egilsstadir angekommen und wollte die Reise nur noch abbrechen, ich wollte zur Fähre zurückfahren und zurück nach Hause in mein warmes, kuscheliges Zimmer. Ich habe mir stattdessen ein Hotelzimmer genommen und bin am nächsten Tag weitergefahren.

Morgen kehrt vielleicht der Alltag, die Routine ein, Ernüchterung, Heimweh, Frust. Aber heute bin ich mit meinem Fahrrad auf eine Reise um die Welt gestartet…

…die mich viel länger, als geplant, an Orte führt, zu denen ich nie fahren wollte, und mich weit über all meine Grenzen hinausbringt. Am Ende bringt kann mich nur eine Pandemie zurück nach Deutschland bringen.