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Luisa Rische

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Kapitel III: Von Kopenhagen nach Åsa

So wie ich nach Dänemark gekommen bin, verlasse ich es wieder. In Schweden erwarten mich Meer, Sonne, Sturm und der erste Regen. Ich begegne vielen Radreisenden, die fahren wohlwissend in die andere Richtung.

Alle Bilder aus Schweden

Die Furcht zieht ihre Spuren durch mein Gesicht. Stirn in Falten. Augenlider geschlossen. Zähne zusammengebissen. In Zeitlupe lasse ich mich in den Sattel sinken. Aufatmen. Ausatmen. Durchatmen. Zwei Tage Kopenhagen und mein Po ist wieder im Einklang mit der Welt. Zugegeben, ich trage ab jetzt zwei gepolsterte Fahrradhosen – zusätzlich zum Sitz-Gel für das Hinterteil. Haha 😂. Ja, so etwas gibt es tatsächlich!

Die ersten Umdrehungen – raus aus Kopenhagen – fallen dennoch schwer. Vor mir liegen zwei Jahre Ungewissheit, hinter mir steht Flori: Zuhause, Heimat, Sicherheit, Komfortzone. Wie schön wäre es, einen Weggefährten zu haben, zu zweit um die Welt zu fahren… Aber wozu über etwas nachdenken, das längst entschieden ist. Nicht zurückblicken… niiiiicht zurückblicken. Ein Blick zurück macht den Weg nach vorn nur schwerer.

Der Weg zur Fähre ist dann schnell abgehakt. Ich freue mich auf das neue Land. Blick voraus. Sonne, Ostsee und blauer Himmel begleiten mich weiter auf meiner Reise. 20 Minuten dauert die Überfahrt nach Helsingborg. In Schweden fahre ich zunächst durch Stadt und Land, dann führt mich der Radweg an die Westküste – und es ist genauso schön, wie ich gehofft hatte. Ewige Weiten, ferne Küsten. Die Sonne lässt es sich gut gehen auf den Wellen des Meeres, die ihr Licht tausendfach zurückwerfen; Ferienhäuser in weiß und gelb säumen die Küste. Hier könnte ich leben. 

Nach einem entspannten Start in Dänemark gilt es nun, Kilometer zu machen. Bis zum Nordkapp ist es ein weiter Weg. Das wird mir klar, als ich beim Campingplatz in Bastad ankomme. Neben der Rezeption hängt eine mannshohe Karte der skandinavischen Länder. Als ich einen Blick darauf werfe, schießt mir das Blut aus dem Kopf. Weiß im Gesicht stehe ich da. Also gefühlt habe ich in diesem Moment die erste Stufe des Empire State Buildings erklommen – und es gibt keinen Fahrstuhl, der mich nach oben bringt. „How can I help you?“, fragt mich der Besitzer des Campingplatzes. 

Auf dem Zeltplatz treffe ich einen Gleichgesinnten aus Norwegen. Er fährt allerdings in die andere Richtung, von Oslo über Deutschland nach Prag. Eine wunderschöne Strecke, erzähle ich ihm gerade, als mein Magen knurrt – ein schwarzes Loch, das gerade dabei ist, sich von innen heraus selbst aufzufressen. „Enjoy your meal“, sagt er und lacht. Am nächsten Morgen, als ich aufstehe, ist er schon weg, die Sonne ist immer noch da.

Aufstehen. Toilette. Zähne putzen. Ausziehen. Anziehen. Zelt ausräumen. Schlafsack einrollen. Isomatte einrollen. Zelt abbauen. Taschen verpacken. Taschen am Fahrrad anbringen. Zelt einpacken. Trinkflaschen. Helm. Tacho. Schuhe. Navi. Losfahren. Leben auf Rädern in Steno. Wo habe ich denn jetzt schon wieder diese Taschenlampe gelassen? Alles zusammenzuhalten fordert mehr Gedächtnisleistung, als ich aufbringen kann.

Der Weg nach Falkenberg führt mich weiter am Meer entlang. Ich muss mich zwingen, nicht immer wieder abzusteigen und Bilder zu machen. Stattdessen lasse ich die Bilder, die die Natur vor mir zeichnet, auf mich wirken – und stehe plötzlich mitten im Nadelwald, fern ab aller Radwege. Ein sandiger Trampelpfad macht das  Durchkommen zum nächsten asphaltierten Radweg möglich. 90 Kilometer später hat der erste Campingplatz die Schotten schon dicht gemacht, der zweite lässt mich gewähren. Für diese Nacht ist zum ersten Mal Regen angekündigt.

Es ist 4.15 Uhr, als ein Trommelwirbel auf mein Zelt hinabgeht, der für die kommenden sechs Stunden nicht müde wird, auf mein Schlafzimmer einzuschlagen. Ich verstecke mich ab 7 Uhr in der Küche des Zeltplatzes, schließe mein Handy an die Steckdose an, frühstücke, lese, beantworte Nachrichten. Als der Himmel aufreißt, bin ich schon wieder bereit aufzubrechen.


Der Wind hat deutlich zugenommen. Mittlerweile ist mir klar, warum alle Radreisenden mir entgegenkommen. Ich mache mich klein und versuche, unter den Böen hindurchzuschlüpfen – wenn nur mein Fahrrad nicht so viel Angriffsfläche böte. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was auf mich zukommt. Als ich in Kärradal ankomme, sind die Beine schwer wie zwei Sandsäcke, die Ohren glühen rot wie die Haare von Pumuckl (ich wusste, ich hatte irgendwas vergessen einzucremen), die Augenlider kämpfen gegen Sandmanns Schlafsand – schon seit den frühen Morgenstunden.

Abendroutine. Schlafen. Morgenroutine. Weiter. Ich starte. Aber lange bleibe ich an diesem Tag nicht im Sattel. Der Wind peitscht mir mit Sturmböen entgegen. Am Strand haben die Surfer ihre Kites herausgeholt. Ich schaue mit neidischen Blicken zu, wie die Drachen die Surfer über die Wellen tragen, die Boards durchs aufgepeitschte Wasser schneiden. Mir reicht es für heute. Der nächste Zeltplatz in Åsa ist 4,5 Kilometer entfernt. Das ist meiner – und für heute erst mal Schluss.

Tag 6 | Kopenhagen – Bastad | 115,6 Kilometer | 7 Stunden 16 Minuten | 15,9 Kilometer im Schnitt | 637 Höhenmeter

Tag 7 | Bastad – Falkenberg | 89,7 Kilometer | 5 Stunden 40 Minuten | 15,8 Kilometer im Schnitt | 394 Höhenmeter

Tag 8 | Falkenberg – Kärradal (Varberg) | 56,0 Kilometer | 3 Stunden 28 Minuten | 16 Kilometer im Schnitt | 180 Höhenmeter

Tag 9 | Kärradal (Varberg) – Åsa | 25,3 Kilometer | 1 Stunden 45 Minuten | 14,4 Kilometer im Schnitt | 132 Höhenmeter

Alle Bilder aus Schweden

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