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Kapitel V: Von Grebbestad nach Oslo

Der Ruhetag in Grebbestad ist zu kurz, um die Akkus wieder aufzufüllen. An die Dauerbelastung muss sich der Körper erst noch gewöhnen. Stoppen lasse ich mich davon nicht. Oslo, Hostel und eine zweitägige Pause sind zum Greifen nah.

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

Butterweich. Ich liege auf einer Matratze, die sich um meine Rippen schmiegt, mein Kopf auf einem Kissen. Zwischen meinen Knien klemmt eine Decke, mein rechter Arm baumelt im Nichts, meine linke Hand schlummert unterm Ohr. Als ich aufwache, ist es dunkel. Ich blinzle. Eine Winzigkeit an Licht dringt irgendwo durch einen Spalt. Mein Kopf schaltet von Parken in den ersten Gang. Ich spule zurück.

Grebbestad. Montagmorgen. 5.58 Uhr. Aufstehen. Anziehen. Zusammenpacken. Es ist kalt, die Sonne scheint irgendwo versteckt hinter Wolken. Frühstücken. Zähneputzen. Los geht’s. Schon auf dem Weg nach Tanumshede merke ich, dass ein weiterer Tag Ruhe nicht falsch gewesen wäre. An die Dauerbelastung muss sich der Körper erst noch gewöhnen. Geduld ist eine Tugend – nicht meine. 205 Kilometer liegen zwischen mir und Oslo, zwischen mir und einem Bett, zwischen mir und einer Pause. „Ihr schafft das, Jungs, ich glaube an euch“, rede ich meinen Oberschenkeln gut zu.

Mein Radweg führt mich nach 22 Kilometern durch das schwedische Dorf Lur. Ich freue mich wie ein kleines Kind – schon auf dem Weg habe ich die Kilometer Countdown-mäßig runtergezählt – und posiere aufgedreht mit Handy und Fahrrad vor dem Ortsschild. (Für alle, denen jetzt nicht auf Anhieb klar ist, was mich an Lur so begeistert: Lur ist mein Autorenkürzel und verantwortlich für einen meiner Spitznamen: Lurchi.) Einige Sonnenstrahlen haben sich mittlerweile ihren Weg durch die zuvor noch undurchdringlich wirkende Wolkendecke gebahnt und schieben mich an. Mit Anton geht es über endlose Straßen hinweg, die von dichten Nadelwäldern umgeben sind, auf und ab, auf und ab. Norwegen voraus.

Als ich gerade so richtig in Fahrt bin, bremst mich das Navi aus. Es schickt mich in den Wald, soll wahrscheinlich eine Abkürzung sein, überlege ich und biege ab. Der Weg ist zunächst gut befahrbar, endet dann aber auf einem Trampelpfad, der so dicht bewachsen ist, dass das Navi diesen Weg gar nicht kennen sollte. Ich löse die Klicks und drängle mich durch Sträucher, Bäume, über Steine und Tannenzweige hinweg. Keine Chance. Mein überbreites Fahrrad bleibt überall hängen. Ich schiebe. Durch ein Moor hindurch, über löchrige Brücken hinweg, vorbei an einem umgegrabenen Acker. Das nennt sich dann wohl Radwandern. Ich finde zurück auf die Straße, richte mich, klopfe den Dreck ab. Ein Schokoriegel für die Nerven.

Nach 70 Kilometern und Hunderten Höhenmetern komme ich auf der alten Grenzbrücke in Svinesund an. Was für ein Ausblick! Auf der einen Seite schlängelt sich der Fjord durch dicht bewaldete Steilhänge. Auf der anderen Seite thront die neue Autobahnbrücke zwischen Schweden und Norwegen, dahinter die endliche Weite des Meeres.

Schweden, adé. Hallo, Norwegen. Ich nehme Kurs auf Moss, zweifle aber immer wieder, ob ich an diesem Tag überhaupt noch dort ankomme. Die Beine sind schwer, jeder Anstieg eine Herausforderung. Ich trete einfach, und trete und trete. Immer weiter. Jeden Kilometer, den ich heute schaffe, muss ich morgen nicht mehr fahren. In Sarpsborg weht mir aus der ganzen Stadt ein bekannter Geruch in die Nase, aber ich kann ihn nicht zurordnen. Radfahrer kommen von hinten und von vorne, lächeln mir zu, zeigen mir ihren hochgestreckten Daumen, nicken mit dem Kopf. Die Motivation, die ich brauche. Um 20 Uhr lande ich in Moss und falle todmüde ins Zelt.

Moss. Dienstagmorgen. Die Zeit verschwimmt vor meinen Augen. Die einzige Zahl, die ich weiß: 75. 75 Kilometer bis Oslo. Gar nicht so viel, wenn ich bedenke, was ich gestern gefahren bin. Die Hälfte, um genau zu sein. Doch die Reserven neigen sich dem Ende. Ich mache es wie am Tag zuvor. Einfach treten. Ich habe alle Zeit der Welt. Auch wenn der Kilometerzähler sich nicht bewegen will und die Strecke zwischendurch unendlich erscheint, ist sie endlich. 16.17 Uhr. Endlich in Oslo. Duschen. Essen. Schlafen.

Oslo. Mittwochmorgen. 7.58 Uhr. Ich ziehe meinen Arm zurück unter die Decke. Es war kein Traum. Ich liege im Hostel, in einem Bett, auf einer Matratze. Butterweich. Zufrieden lächle ich in die Dunkelheit hinein. Ich bin noch zu nah dran am alten Leben, als dass ich so etwas nicht zu schätzen wüsste. Das einzige Licht, das von draußen in den Raum dringt, kommt durch einen Spalt zwischen Vorhang und Wand. Ich kann nicht erkennen, ob die Sonne scheint oder die Wolken zurück sind. Der Tag davor scheint ein Leben entfernt zu sein, ich könnte gar nicht mehr sagen, wo ich genau lang gefahren bin. Es waren alles Radwege, da bin ich mir sicher; und die letzten Kilometer nach Oslo ging es bergab. Außerdem war da ein riesiger roter, würfelförmiger Käfig irgendwo im Wald bei Ås. Beim Vorbeifahren überlegte ich, ob sie King Kong zwischen den Bäumen ausgesetzt hätten, oder vielleicht einen Gen-mutierten Saurier wie in Jurassic Park – ja, ich habe auch so verrückte Fantasien, wenn ich nicht übermüdet und allein um die Welt fahre 😂.

Ich hole mein Tablet aus der Tasche, eine Karte von Norwegen und bin schon wieder am Planen. Nichts dazugelernt, könnte man meinen. „Typisch“, höre ich meine Freunde sagen. Pause machen ist schwer, wenn die ganze Welt auf einen wartet. Erst nach Lillehammer, oder doch lieber Östersund. Nicht gleich in die Berge. Meiner Mama schlage ich vor, ein Autogramm von Ole-Einar mitzubringen, wenn ich ihm in den norwegischen Skigebieten begegne. „Na klar“, schreibt sie, „aber erst in zwei Tagen.“ Sicher. Mit der Fähre an den Fjorden vorbeizufahren, wäre auch schön, vielleicht ab Harstad bis zum Nordkapp. Dann könnte ich noch eine der Huskyfarmen besuchen…

Tag 13 | Grebbestad – Moss | 149,7 Kilometer | 9 Stunden 47 Minuten | 15,3 Kilometer im Schnitt | 1356 Höhenmeter

Tag 14 | Moss – Oslo | 77,7 Kilometer | 4 Stunden  54 Minuten | 15,8 Kilometer im Schnitt | 850 Höhenmeter

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

 


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