search instagram arrow-down
Luisa Rische

Palim Palim

Instagram

Facebook

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel VII: Von Lillehammer nach Dalholen

Zwei Reisende aus Deutschland bereiten mir einen unvergesslichen Abend in Lillehammer. Dann folgen die Berge. Mehrere Tausend Höhenmeter liegen zwischen Trondheim und mir. Ich folge den Pfeilen des Pilgerwegs – eine überwältigende Route.

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

Weniger bloggen. Weniger posten. Weniger surfen. Das hatte ich mir in Lillehammer fest vorgenommen. Das Reisen und das Digitale optimal miteinander zu vereinen, fällt nicht so leicht. Es ist, als ob ich versuchte, in zwei Leben gleichzeitig unterwegs zu sein, als ob ich nicht Loslassen könnte. Nun sitze ich in Vognillan und stelle für mich selbst fest, das eine geht ohne das andere gar nicht. Und mit Loslassen hat das vielleicht gar nichts zu tun. Seit ich vor drei Tagen in Lillehammer aufgebrochen bin, ist so viel passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll zu erzählen. Und weil ich keinen Reisegefährten habe, mit dem ich all diese Erlebnisse teilen könnte, muss ich meine Geschichten mit euch allen teilen… denn Teilen macht alles so viel schöner.

Lillehammer. 3 Tage zuvor. Die Tinte des letzten Blogs ist sozusagen noch nicht getrocknet. Ich bin gerade dabei – blauer Himmel und See-Panorama in Hintergrund – , meine Kette zu ölen, die Bremsen zu reinigen, Halterungen für die Action-Cam anzubauen, als zwei Jungs mit Wanderrucksäcken verloren über den Zeltplatz stiefeln und nach einem geeigneten Platz für ihre zwei 1-Mann-Zelte Ausschau halten. Wie sich das für Deutsche – was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß – gehört, stellen sie ihre blass-grünen Zelte, die nicht größer sind als ein Spieltunnel für Kinder, wie am Lineal gezogen hintereinander auf. Ich mache Anton noch abfahrbereit, packe meine Sachen grob zusammen, bevor ich auf die zwei zugehe, auf der Suche nach Gesprächsasyl. Monty (wie Monty Python) ist gerade am Kochen. Couscous mit Tomatensauce und Thunfisch.

Hey, where are you from? Germany. Großartig, ich auch, darf ich mich dazusetzen? Na klar. Monty und Leon, beide Anfang 20, sind wie ich auf der Durchreise. Als Tramper und Wanderer ziehen die zwei Kölner, die sich seit der Grundschule kennen, durch Norwegen. Kein festes Ziel, keine feste Route, kein fester Zeitraum. Es ist ihre letzte große Reise, bevor die Abiturienten sich dem Studium widmen wollen. Sie sind über Kopenhagen und Oslo teils mit dem Bus angereist und erst einmal in die Berge verschwunden, haben eiskalte Bergflüsse durchquert und sich Fleece-Inlets für die Schlafsäcke nachgekauft. In Kopenhagen haben die zwei – genau wie Flori und ich – einen Abstecher nach Christiania gemacht. Im Gegensatz zu uns waren sie dort einkaufen – und auch die zwei teilen gern. Glück für mich.

Der Abend nimmt seinen Lauf. Quatschen, Musik hören, Kekse essen. Wir wundern uns über einen Camper, der mit Eskimo-Schlafsack und Luftmatratze tatsächlich unter freiem Himmel pennt, tauschen uns über das nasskalte Wetter und die Eigenheiten der Norweger aus. Zum Beispiel: Münzzähler an den Kassen, die kaum genutzt werden, da die Norweger selbst Cent-Beträge mit der Karte zahlen. Wir kommen auf Island zu sprechen, Nordlichter und so. Leon erzählt, er habe gehört, dort gebe es keine Bäume, weil die Wikinger sie damals alle ausgerissen hätten. Ob da was dran sei? Keine Ahnung, aber einen Baum habe ich dort nicht gesehen. Als die Kekse leer sind und der Hunger noch da – es ist immer noch Pfingsten -, fahre ich zu McD. Mitternachtssnack für uns alle. Der Himmel dämmert seit einer Stunde. Dunkler wird es in dieser Nacht nicht mehr. Stattdessen geht die Sonne um 3.22 Uhr wieder auf – nicht dass die zwischendurch tatsächlich untergegangen wäre.

Die traute Dreisamkeit macht den Aufbruch allein am nächsten Tag nicht viel leichter. Ich erinnere mich an Montys Worte, der im vergangenen Jahr mehrere Monate allein durch Asien gereist ist. Work & Travel. Man gewöhne sich irgendwann daran, dass es auf so einer Reise eben nur flüchtige Begegnungen gibt. Monty, Leon, falls ihr das lest, vielen Dank für diese flüchtige Begegnung und einen wunderbaren Abend. Ich wünsche euch noch viel Freude und viele Abenteuer auf eurer Reise durch Norwegen. Vielleicht begegnen wir uns ja irgendwo in der norwegischen Wildnis noch einmal. Man sieht sich schließlich immer zweimal im Leben.

Ich lasse den Abend hinter mir und blicke nach vorn. Einkaufen. Pfingsten ist vorbei. Ich besorge mir 3 Kilogramm an Vorräten, falls noch ein Feiertag bevorsteht – man weiß ja nie. Bulgur, Tomatensauce, Müsli, Milch, Brot und Käse. Außerdem Magnesium und Calcium für die Muskeln – habe ich sonst eigentlich immer dabei, aber dieses Mal dachte ich irgendwie, ist sowieso nach 3 Wochen leer. Was für ein Vollpfosten ich doch bin! Die zusätzlichen Kilos machen das Fahrrad und den bevorstehenden Ritt über die norwegischen Berge nicht leichter. Doch auf der Fahrt nach Ringebu, als es immer tiefer ins Land hineingeht, fängt es an zu kribbeln. Die Landschaft, die sich in den Fjorden spiegelt, verändert sich. Rauer, wilder, unbewohnter. Verlassene Skipisten schneiden durch die Hänge. Ich freue mich auf die Berge, darauf, mit Anton alle Höhen zu überwinden, oben anzukommen und den Blick über die Weiten Norwegens schweifen zu lassen.

800 Meter geht es am nächsten Morgen geradewegs bergauf. Die Straße ist wenig befahren, ich konzentriere mich auf mich selbst. Die Augen sind nach unten gerichtet, ich starre auf die weißen Striche der Fahrbahnbegrenzung. So orientiere ich mich und nehme nicht wahr, wie langsam ich tatsächlich vorankomme, wie widerwillig sich die nächste Kurve nähert. Schrittgeschwindigkeit. Jeder Tritt strengt an. Alle paar hundert Meter halte ich an, esse etwas, trinke Wasser, hole Luft. Die Nicht-Radfahrer unter euch denken jetzt wahrscheinlich: warum? Warum mache ich das und wie kann ich auch noch Freude dabei empfinden. Die Erklärung in Worte zu fassen ist schwierig, ein gewisser sportlicher Ehrgeiz nötig. Aber jeder Meter ist es wert.

Der Gipfel rückt näher. Bäume werden zu Sträuchern, Sträucher zu Moos, Moos zu Stein. Auf 1000 Metern ist die Landschaft karg wie auf dem Mond, die Aussicht reicht hunderte Kilometer weit. Vor mir liegen die Berge, teils schneebedeckt. Hinter mir rast eine Unwetterfront auf mich zu. Ich fahre über den Kamm, von Oppland nach Hedmark, kratze dabei an den Rändern des Rondane Nasjonalparks. Mit wie vielen Knoten der Wind von hinten, von der Seite und von vorne kommt, weiß ich nicht. Doch er verfängt sich immer wieder in meinen Taschen, bläst mich auf die Straßen und die letzten Meter bis zu Passhöhe hinauf. Dort verdiene ich mir sogar das Lob eines entgegenkommenden Motorradfahrers, die sich sonst ja nur gegenseitig grüßen.

Das Gefühl, oben anzukommen, ist unbeschreiblich. Keine Droge der Welt könnte das auslösen. Die schweren Beine sind  vergessen – auch wenn sie immer noch nicht so arbeiten wie in Schweden. So habe ich mir das vorgestellt. Denke ich. Oben stehend. Auf einem der Dächer Norwegens. Hier bin ich richtig. Verlassene Straßen, raue Natur, Berge, Wind, Freiheit. Für eine Sekunde überlege ich, mein Zelt auf 1080 Metern Höhe aufzuschlagen, auf den nächstgelegenen Gipfel zu wandern und über Nacht hier zu bleiben. Doch der Sturm naht – und so, wie er mich einige Stunden später auf 700 Metern in Folldal abfängt, bin ich froh, nicht auf dem Gipfel geblieben zu sein.

Tag 20 | Lillehammer | Ruhetag

Tag 21 | Lillehamer – Ringebu | 96,7 Kilometer | 7 Stunden 17 Minuten | 13,2 Kilometer im Schnitt | 1597 Höhenmeter

Tag 22 | Ringebu – Dalholen | 105,6 Kilometer | 8 Stunden 6 Minuten | 13 Kilometer im Schnitt | 1611 Höhenmeter

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

 

 

 


Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: