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Luisa Rische

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Kapitel VIII: Von Dalholen nach Vognillan

Mitten in den norwegischen Bergen stoppt mich zum ersten Mal ein Plattfuß. Die Reparatur ist eine Herausforderung. Der Plattfuß jedoch könnte der Beginn ein Fern-Freundschaft fürs Leben sein. 

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

Ich sitze immer noch in meinem Zelt in Vognillan. Es ist 23.34 Uhr. Vor 20 Minuten hätte laut Wetterbericht die Sonne untergehen sollen. Zugegeben: Sie ist nicht mehr zu sehen. Dennoch: Es ist taghell. Selbst im Osten zeigt die Nacht keine Motivation anzubrechen. Nur der Vollmond präsentiert stur seine Krater. Es wäre Zeit zu schlafen. Doch Schlaf will nicht kommen. Daran ist nicht nur das Tageslicht in der Nacht schuld.

17 Stunden zuvor. Bevor der Regen mich einholt, packe ich zusammen, verlasse Dalholen. Für die andere Seite des Bergs sagt der Wetterbericht Sonne voraus. Das hält mich allerdings nicht davon ab, immer wieder vom Fahrrad zu steigen, Bilder zu machen. Zu beeindruckend ist die raue norwegische Landschaft im Schein des zwielichtigen Lichts, und die Steigung nach Hjerkinn zu entspannt, als das ich mich beeilen müsste.

Weil der Aufbruch jedoch einigermaßen überstürzt ablief, will ich auf der Passhöhe frühstücken. Sagen wir mal so: Ich hatte schon bessere Ideen. Der Wind bläst die Milch von meinem Löffel. Obwohl ich mit dem Kinn schon fast im Teller und im Müsli hänge, ist der Löffel meist leer, bevor er meinen Mund erreicht. Ich esse, was es in meinen Mund schafft, packe wieder, ziehe mir die Winterkleidung über und stürze mich ins Tal. Wenn auch direkt an der Straße – eine wahnsinnig schöne Abfahrt, mit dutzenden Wasserfällen, die dem schmelzenden Schnee links und rechts eine Abfahrt ins Tal  ermöglichen.

Weil es im Großen und Ganzen bergab geht, bin ich bis zum frühen Nachmittag in Oppdal, wo ich eine ausgedehnte Pause mache. Eigentlich war Oppdal als Ziel gedacht, doch der Tag ist noch lang und die Sonne scheint – wie vorausgesagt. Es gibt keinen Grund, nicht weiterzufahren. Sechs Kilometer schaffe ich, bevor mein Vorderrad erst nach links abdriftet, dann nach rechts. Zwischen Boden und Felge dehnt sich der Reifen zu beiden Seiten aus. Platten! Während ich absteige, überlege ich mir meine nächsten Schritte.

Die Problematik in Kurzform: Ich habe die falschen Ersatzreifen gekauft, richtige Größe, aber falsches Ventil, auf das keine meiner zwei Pumpen passt. Deshalb muss ich den Schlauch flicken, was das Ganze unnötig in die Länge zieht. Zweitens: Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wie ich das Rad vom Rahmen bekomme. Was die Technik am Fahrrad betrifft, habe ich grundsätzlich keine Ahnung. Alles, was ich kann, ist einen Schlauch zu wechseln – an einem Fahrrad mit Schnellspannern. 

Da mein altes Fahrrad diese Reise nicht überlebt hätte, habe ich mir ein neues gekauft. Mit Nabendynamo, Nabenschaltung und Hydraulikbremse. Ich hatte schon vorher keine Ahnung von Fahrrädern – mit dieser Technik kenne ich mich erst recht nicht aus. Alle Fahrradtechniker und stets gut vorbereiteten Menschen schlagen jetzt wahrscheinlich die Hände über ihren Köpfen zusammen. Wie kann man so auf Weltreise mit dem Fahrrad gehen? Nun ja, mein Motto ist, wenn ein Problem auftritt, setze ich mich damit auseinander und finde eine Lösung. Sicher fliege ich damit irgendwann mal auf die Fresse, aber an diesem Tag nicht.

Ich habe die Vorderradtaschen noch nicht abgenommen, da taucht Marie hinter mir auf. Es stellt sich heraus, der Plattfuß ereignete sich genau vor ihrem Haus. Sie spricht nur wenige Worte Englisch. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich einen platten Reifen habe und frage sie, falls ich den Schlauch nicht reparieren kann, ob sie wisse, wo es in der Nähe eine Fahrradwerkstatt gibt. Sie versteht nur Fahrradwerkstatt. Ich kann gar nicht so schnell gucken, da sitzt sie schon im Auto, fordert mich auf einzusteigen. Fahrradwerkstatt? Fahrradwerkstatt!

Zurück nach Oppdal mit dem Auto. Vor dem Einkaufszentrum halten wir. Ich folge Marie. Auf dem Weg grüßt sie so ziemlich jeden Menschen, der uns entgegenkommt. Sie erzählt mir, sie habe 30 Jahre hier gearbeitet, jetzt sei sie im Ruhestand. Im Fahrradladen drücken sie mir einen passenden Ersatzschlauch in die Hand, sagen mir, ich könne noch mal mit dem Rad kommen, falls ich es nicht hinbekomme, und tragen mir mein Handy hinterher, dass ich mal wieder an der Kasse vergessen habe. Vollpfosten!

Zurück nach Vognillan. Marie parkt vor ihrem Haus und sagt mir, ich solle ihre Garage nutzen, um das Fahrrad zu reparieren. Das mache ich. Taschen ab, Fahrrad umgedreht und los geht’s, die zweite Problematik lösen. Ich schaue mir den Verschluss des Rads an und probiere so ziemlich jedes Werkzeug aus, das ich dabei habe. Keines passt. Das ist jetzt ein Witz, oder?! Da habe ich tonnenweise Werkzeugen dabei, schleppe die über Tausende Höhenmeter – nur das Werkzeug, das ich brauche, hat es nicht in meine Taschen geschafft. Verzweifelte Hilferufe per Wire. Dann fällt mir auf, dass meine Imbuschlüssel ein zweites Ende haben. Ich werd‘ verrückt – und eines passt auch noch. Einen Hebel habe ich auch dabei – und das Rad ist ab. 

Der Rest ist Routine. Als ich den Mantel kontrolliere, entdecke ich auch das Problem. Eine Reißzwecke steckt rechtwinklig im Reifen. Wie verrückt! Das muss man erst einmal schaffen, das Teil so zu treffen. Aber es scheint Schicksal gewesen zu sein, Pech auf jeden Fall nicht. Während ich den Schlauch wechsle, taucht die Enkelin von Marie auf. Gyeri – das ist jetzt sicher falsch geschrieben, aber so klang der Name – kann noch weniger Englisch als ihre Oma, bietet mir aber gleich ein Bonbon an und erzählt von ihrem großen Bruder. Ich versuche derweil, mit meiner Handpumpe, 5 Bar in den Schlauch zu bekommen. Klappt nicht ganz…

Marie kommt in die Garage, in der Hand super liebevoll zubereitete Smørbrøds mit Ei, Tomate, Käse und Schinken. Dazu eine Tasse Milch. Wir setzen uns in den Garten, ich esse, sie erzählt, wie ihr Mann und sie 2003 das Haus gebaut haben, er aber zwei Jahre später gestorben sei. Sie erzählt von ihren zwei Söhnen, der eine lebt in Trondheim, der andere mit seiner Frau aus Thailand direkt hinterm Haus. Auf dem Acker zwischen den Häusern pflanzen sie Kartoffeln an. Wir kommen auf meine Reise zu sprechen und ich frage sie, ob ich mein Zelt heute Nacht in ihrem Garten aufschlagen könnte. Aber klar doch! Sie müsse noch weg, doch ich solle mich ausbreiten.

Hier bin ich also. 6 Kilometer nordwestlich von Oppdal, im Garten von Marie und bombardiere diejenigen, die noch wach sind mit Nachrichten und Bildern von der taghellen Nacht. Dana zieht schließlich einen Schlussstrich, als ich ihr ein Bild schicke, auf dem ich mich in der Kapuze meines Schlafsacks verstecke, um sozusagen künstlich Dunkelheit zu erzeugen. Genauso, schreibt Dana, und jetzt Handy weg und tzzzztzzzztzzzz, versuche ich jetzt auch mal. Message angekommen, ich schalte den Flugmodus ein, Hörbuch an und eingeschlafen.

Als ich am nächsten Tag das Zelt verlasse, steht Marie schon draußen, fragt mich, ob ich mich frisch machen wolle. Klar doch, das wäre großartig. Auf dem Weg ins Haus möchte sie wissen, wie ich mein Frühstück denn gern hätte. Mit Ei? Das wäre toll. Tee oder Kaffe? Tee, bitte. Während sie mich immer wieder auffordert, mehr Brot zu essen, schlägt sie vor, dass ich mir weitere Brote für die Reise machen soll. Dann bringt sie mir noch einige norwegische Wörter bei – eigentlich kein großes Geheimnis diese Sprache. Wir tauschen Adressen aus, ich verspreche ihr, aus der ganzen Welt zu schreiben. Zum Abschied noch ein Foto und eine herzliche Umarmung. Dann fährt sie mit dem Auto in die eine Richtung, ich fahre mit dem Fahrrad in die andere.

Tag 23 | Dalholen – Vognillan| 75,2 Kilometer | 4 Stunden 22 Minuten | 17,2 Kilometer im Schnitt | 563 Höhenmeter

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

 

 

 


3 comments on “Wie sich eine Reißzwecke im Reifen als Glücksbringer herausstellt

  1. Rudi aus Konstanz sagt:

    Da scheint in der Routenbeschreibung im Bereich Vognillan einiges durcheinander geraten zu sein.
    Gruß Rudi

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  2. Rudi aus Konstanz sagt:

    Vognillan ist übrigens eher 6 km nordwestlich (!) von Oppdal.

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    1. luisarische sagt:

      Lieber Rudi, vielen Dank für den Hinweis. Da habe ich dann wohl Osten und Westen verwechselt. Ist korrigiert.

      Gefällt mir

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