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Kapitel IX: Von Vognillan nach Flakk

Trolle, Elche und Axtmörder begleiten mich auf meinem Weg zurück ans Meer. Das Wetter bleibt spektakulär unentschieden.

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Es geht schon wieder los. Aufstehen. Packen. Drehen. Immer weiter. Immer weiter. Noch ein Berg, noch ein Pass, noch ein See, noch ein Wald. Die Routine verdrängt die Einsamkeit im wilden, mythischen Norwegen, wo Trolle ihr Unwesen treiben, Elche sich im Wald verstecken, Reisende kommen und wieder verschwinden, als wären sie nie da gewesenen. 

Meine Route – aus Maries gepflegtem Garten heraus – führt mich zunächst bergauf zum Skarvatnet. Feriengebiet. Auf allen Seiten des Sees stehen Hütten aus Holz, die sich mit ihren moosbewachsenen Dächern wie ein Chamäleon tarnen und zwischen grünenden Bäumen verstecken. Ob sich hier – einen Steinwurf von Trollheimen entfernt – die Trolle verstecken, wenn weder Sommer noch Winter ist und die Touristen nur eine blasse Erinnerung? 

Schon geht es wieder bergab. Mit Langarmshirt, Weste und Kapuze jage ich im Zickzack an Schafen und Lämmern vorbei, die es sich auf der von der Sonne gewärmten Straße gut gehen lassen, Nase in die Höhe gereckt, Augenlider fest geschlossen, eingekuschelt in Mamas Wolle.

Ich ziehe Langarmshirt und Weste wieder aus. Die passenden Klamotten von Tag zu  Tag auszuwählen, ist im Moment unmöglich. Mindestens dreimal am Tag ziehe ich mich um. Bergauf ist es so warm, dass es nur kurzärmlig zu ertragen ist. Bergab ist es so kalt, dass ich eine Winterjacke brauche. Auf gerader Stecke irgendwas dazwischen. Und wenn es mal wieder regnet, was in den vergangenen Tagen täglich vorkommt, noch das ganze Regengedöns oben drüber, das viel zu warm ist und völlig unbequem beim Fahren. Und am Ende regnet es meist so viel, dass ich sowieso überall nass bin.

An diesem Tag allerdings lächelt die Sonne auf die norwegischen Berge im Oppland, während ich Anton über allerlei Schotterpisten manövriere, durch norwegische Wälder hindurch, über Hängebrücken und Wildwasser hinweg. Was für eine utopische Ruhe an den Grenzen von Trollheimen. 

In Grindal gönne ich mir noch eine Pause, bevor es zum letzten Anstieg an diesem Tag geht… und dann kommt doch alles anders. Da die Pfeile des Pilgerradwegs irgendwo zwischen Ringebu und Oppdal verschwunden sind, folge ich meinem Navi.  Ich fahre die Straße nach links hoch, ich fahre die Straße rechts hoch. Beides falsch. Mitten hindurch soll ich, doch da stehen nur Kühe, die mich interessiert beobachten. Wie komme ich denn jetzt nach Hovin? Ich hole meine Karte aus dem Rucksack. Die schickt mich noch bis nach Meldal und schließlich auf eine weitere Schotterpiste kurz vor Lokken. Die nicht eingeplanten Höhenmeter zwingen mich schließlich in die Knie.

Die Muskeln sind mal wieder am Ende. Ja, ist eben so, wenn man 27 Kilogramm Gepäck, Anton und sich selbst einen Berg nach dem anderen hochbefördert. Lässt sich nichts dran ändern, wird mit der Zeit sicher besser. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was auf mich zukommt. Weil es noch früh am Tag ist, mache ich am Frillsjoen eine Stunde Pause. Anschließend radle ich noch 12 Kilometer und mache mich dann auf die Suche nach einem geeigneten Platz zum Wildzelten.

Ich entdecke eine Wiese und fahre geradewegs mit dem Fahrrad drauf. Und versinke erst einmal. Moor. Alles klar. Lieber wieder raus hier. Für das nächste Mal nehme ich mir vor, erst abzusteigen und nachzuschauen, wie fest der Untergrund ist, bevor ich blind drauf losradle. Einige hundert Meter weiter finde ich eine kleinere Wiese, die fest ist und Schatten bietet. Aber kein Handynetz. Ich fahre noch ein Stück weiter und stoße auf den perfekten Ort. Ein kleines, abgelegenes Wiesenstück zwischen Nadelbäumen direkt an einem plätschernden Bach, und nicht allzu weit weg von der Straße. Netz gibt es immer noch keines, doch der Ort ist zu schön, um weiterzufahren.

Umziehen. Zelt aufbauen. Isomatte und Schlafsack ausrollen. Dann probiere ich mich zum ersten Mal an meinem Spirituskocher aus (zuvor habe ich immer auf die Herdplatten der Zeltplätze und das gute alte Brot vertraut). Sagen wir mal so, ich habe weder das Zelt, noch den Wald, noch mich selbst abgefackelt – und irgendwann war auch der Bulgur genießbar. Mehr möchte ich dazu lieber nicht sagen. Während ich esse, schießt mir noch ein Gedanke durch den Kopf: Axtmörder sind sicher bevorzugt in Gebieten unterwegs, in denen es kein Netz gibt… ahhhhhh…. schnell an was Schönes denken und ab ins Zelt.

Als am nächsten Morgen die ersten Tropfen auf das Zeltdach fallen, packe ich instinktiv in Windeseile ein. Zum Glück. Der Regen wird immer stärker und begleitet mich auf meiner Fahrt bis nach Trondheim. An die norwegische Küstenstadt hatte ich eigentlich keine großen Erwartungen. Ich kannte sie nur vom Skispringen (die Schanze entdecke ich leider nicht) – und bin positiv überrascht. Trondheim ist eine unfassbar lebendige und junge Stadt mit einer – wie es scheint – hippen Kneipenszene. Ich frage nach Asyl im Hostel, weil ich überlege, einen Tag zu bleiben. Doch alle Betten sind belegt. Also Aufwärmen bei Starbucks, wo ich so viel Earl Grey trinke, dass ich einen Koffeinschock bekomme, und dann die Küste entlang zum Campingplatz in Flakk, wo mich die Fähre – nach vielen Gesprächen mit anderen Reisenden – am nächsten Tag zur anderen Küste bringt. Zurück am Meer.

Tag 24 | Vognillan – Skoldadalsvegen (zwischen Lokken und Hovin) | 89,3 Kilometer | 6 Stunden 44 Minuten | 13,2 Kilometer im Schnitt | 1197 Höhenmeter

Tag 25 | Skoldadalsvegen – Flakk (Trondheim) | 75 Kilometer | 5 Stunden 13 Minuten | 14,4 Kilometer im Schnitt | 618 Höhenmeter

Bilder aus Norwegen: Svinesund – Trondheim

 

 

 

 


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