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Kapitel X: Von Flakk nach Osen 

Auf meinem Weg um die norwegischen Fjorde, durch Täler und Wälder drohe ich, auf Anton zu ertrinken, Elche springen uns vor die Räder, und ein Riese versteckt sich im Nebel. Ein großherziger Campingplatzbesitzer schenkt mir ein Dach über dem Kopf und einen Heizlüfter für die Nacht.

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Bodø

Wie der Kiefer eines weißen Hais ragt der geöffnete Bug der Fähre über den Anleger in Flakk. Während Lastkraftwagen, Autos, Fahrräder und Fußgänger steuerboard auftauchen, verschwinden sie backbord im Schlund des Schiffs nach Rørvik. Ich decke mich mit Brötchen ein, lasse mir den Wind um die Ohren sausen und wärme mich im Licht der Sonne. Über die Gebirgsketten im Osten walzt eine Unwetterfront auf die Küste zu. Regenschauer verhüllen das Land hinter einem grauen Vorhang.

Ich habe die Fähre kaum verlassen, als sich mir das erste Warnschild aufdrängt. Auf weißem Hintergrund in einem roten Dreieck steht ein liebevoll gestalteter Elch. Ich erinnere mich an die Begegnung mit einem Elch in den Bergen. Ich war so überrascht von seiner Größe, dass ich meine Blicke gar nicht mehr abwenden konnte. Er ebensowenig. Versteckt zwischen  winterkahlen Bäumen beobachtete er mich. Na, hoffentlich, trampeln die in der Nacht nicht aus Versehen über mein Zelt, überlege ich, als mich jemand von links anbrüllt. Zu Tode erschreckt – die Fahrt in den nahe gelegenen Graben kann ich gerade noch abwenden – drehe ich mich um. Norwegische Mountainbiker, die mich grüßen und mir klar machen wollen, dass ich ganz schön viel Gepäck dabei habe. Ja, wollen wir die Räder mal tauschen… hatte ich mir schon gedacht.

In Stadsbygd hat mich der Regen eingeholt. Die Suche nach einem Platz zum Zelten gestaltet sich schwieriger, als geplant. An den Küstenstraßen ist links und rechts nicht einmal Platz für eine Trinkpause. Dazwischen reihen sich Häuser und Äcker. Ich überlege noch, an eine Tür zu klopfen, um auf einem Privatgrundstück zu übernachten, als ich auf einen versteckten Pfad stoße, der von der Küstenstraße abgeht und mich zu einem Hang bringt, der unmittelbar ins offene Meer führt. Viel Platz ist nicht, aber was Besseres werde ich kaum finden. Hoffentlich entscheidet sich der Hang nicht, genau heute Nacht abzurutschen. Während ich schon im Zelt liege, kämpft sich die Sonne noch einmal durch die Wolken, bevor sie sich auf unbestimmte Zeit verkriecht. Es ist schon ein geiler Ort, um zu zelten. Unter mir der Hang, vor mir das Meer. Und Elche werden hier wohl kaum aufkreuzen.

Bevor der Regen am nächsten Morgen mein Zelt einmal durchwäscht, packe ich frühzeitig ein. Zurück auf die Küstenstraße. Die Augen zwinkern noch den Schlafsand weg, als ich um die nächste Kurve biege und zwei Elche vor mir stehen. Der eine verschwindet fix im Wald, schlägt mit einem Huf noch gegen die Straßenabsperrung und hinterlässt nur ein blechernes Geräusch. Der zweite stiert mich an. Ich halte an, steige ab, starre zurück. Komm‘ jetzt bloß nicht auf die Idee, mir irgendwie entgegen zu kommen! Er stiert weiter. Elefanten sind sicher nicht viel größer, schießt es mir durch den Kopf. Dann folgt er seinem Freund über die Straßenabsperrung. Zurück in den Sattel.

Als ich Husbysjøen verlasse und Richtung Årnes abbiege, öffnet der Himmel seine Schleusen. Noah, wo bist du? Die Flut kommt. Regenhose und Jacke sind nach Sekunden von innen so nass wie von außen. Der eisige Wind schießt mir durch die Ärmel, über das durchnässte Trikot. Der Regen dringt durch die Überzieher in meine Schuhe ein. Von unten, von oben, von überall kommt das Wasser – und dennoch kann ich meine Augen nicht vom Drumherum abwenden. Ich kann die gewaltigen Felsen und Wälder, die Fjorde und Küsten zwischen Nebel, Regen und Wolken zwar nur erahnen. Doch ich sehe genug, um zu erkennen, was für eine überwältigende Landschaft das sein muss.

In Årnes ist für mich an diesem Tag Schluss. Campingplatz. Ich muss erst einmal durchtrocknen. Zelt aufgestellt, umgezogen, Klamotten aufgehängt und ab ins nächste Café. Heiße Schoki, Tee und Thunfischbrot. Während ich im Café sitze, sehe ich zum ersten Mal einen Gleichgesinnten in meine Richtung fahren. Ich überlege kurz, hinterherzulaufen und ihn zu überreden, morgen zu zweit weiter zu fahren. Doch da ist er schon weg und ich sowieso viel zu aufgeweicht, um mich von meiner heißen Schoki zu trennen.

Der nächste Morgen beginnt bewölkt, aber trocken. Der Weg ist so begeisternd wie am Tag zuvor. Wälder, die sich bis zum Horizont über Dutzende Erhebungen erstrecken, unbewohnte Hänge, Flüsse, Seen, Wasserfälle. Die Höhenmeter rattern schneller über meinen Tacho, als ich treten kann. Unter den schwarzen Regensachen läuft mir der Schweiß über Arme und Beine. Ich bin so nass wie gestern, traue mich aber nicht, die Regenklamotten auszuziehen, weil ich überzeugt bin, dass der Regen dann zurückkommt. Es ist auch nicht so, dass er weg wäre. Aber die Tropfen, die an diesem Tag vom Himmel purzeln, lassen mich weitestgehend in Ruhe.

Zurück an der Küste. Zwei Kilometer zehn Prozent bergauf. Ich puste ordentlich durch und muss zweimal absteigen. Als ich oben ankomme und einen Müsliriegel esse, lässt mich ein tiefes, durchdringendes Surren erst einmal ratlos zurück. Weder eine Autobahn noch ein Flughafen liegen auf der anderen Seite des Bergs. Ich blicke über meine linke Schulter; mein Blick wandert über die nackten Felsen immer weiter den Berg hinauf. Dort steht er. Ein Riese. Er ist so groß, dass sein Kopf im Nebel verschwindet. Das Bild erinnert mich an Abbott und Costello, die zwei Aliens aus Arrival, von denen auch immer nur die Füße zu sehen sind. Dann erkenne ich, was wirklich vor mir steht. Ein Windrad. Riesig. Mitten auf dem Berg. Der Fuß einen Steinwurf entfernt. Die Flügel nur drei Schatten, die so schnell aus dem Nebel auftauchen, wie sie wieder verschwinden. Geisterhaft. 

In Storholmen mache ich eine letzte Pause. Nutella-Brød… Campingplatz-Schild. Ich entscheide mich, heute faul zu sein. In Osen biege ich ab und quartiere mich für eine Nacht ein. Der Besitzer, Jon, fragt mich über meine Reise aus, wo ich gestartet sei, wo ich hin will und zeigt mir ein Buch einer anderen Radreisenden, die quer durch Norwegen gefahren ist und auch in Osen übernachtet hat. Dann erklärt er nicht nur, ich könne kostenlos auf dem Platz übernachten, sondern bietet mir eine freie Hütte an. Mit Dach und Heizlüfter und Tisch und Bett und Licht, das ich jetzt erst einmal ausschalte. Zu viel wird es vom kommenden Tag zu berichten geben… Hatschi! Das war schon der fünfte Nieser… krank werden ist jetzt wirklich keine Option…

Tag 26 | Flakk – Hasselvika | 37,6 Kilometer | 2 Stunden 54 Minuten | 13 Kilometer im Schnitt | 486 Höhenmeter 

Tag 27 | Hasselvika – Årnes | 59,2 Kilometer | 4 Stunden 21 Mnuten | 13,6 Kilometer im Schnitt | 633 Höhenmeter

Tag 28 | Årnes – Osen | 64,4 Kilometer | 4 Stunden 44 Minuten | 13,6 Kilometer im Schnitt | 957 Höhenmeter  

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Bodø

 

 

 

 

 


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