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Kapitel XI: Von Osen nach Kolvereid 

Endlich stoße ich auf eine Reisende, die mit dem Fahrrad und in meine Richtung unterwegs ist. Ruth hilft mir, auf meiner Reise anzukommen.

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Bodø

Kaffee. Breit grinsend steht Jon am Morgen vor meiner Hütte mit einem Becher Kaffee in der Hand. Es gibt eigentlich nur vier Dinge, die ich nicht mag: Oliven, Lakritz, Senf und Kaffee. Doch wie könnte ich diesen Kaffee ausschlagen. Ich erinnere kurz, was Jon mir alles gegeben hat: kostenlose Übernachtung, freie Hütte, Strom, Heizlüfter, Bett mit Matratze. Ich nehme den Kaffee natürlich, bedanke mich ein Dutzend Mal und trinke ihn. Völlig ungenießbar 😅, aber eine weitere tolle Geste von Jon.

Bevor ich in Osen aufbreche, drückt er mir noch eine Adresse in die Hand. Ein Hotel in Bangkok. Wenn ich dort vorbeikomme, soll ich liebe Grüße ausrichten, dann bekäme ich einen guten Preis. Wie geil ist das denn! Ich freue mich riesig. Heute steht allerdings erst einmal Namsos auf dem Plan und – wie könnte es anders sein – es regnet.

Der Weg nach Namsos ist wie ein Fahrstuhl, der hoch und wieder runter, hoch und wieder runter fährt. Das Auf und Ab ist Markenzeichen des Radfernwegs Nummer 1. Manchmal zermürbend, aber, ich bin mir sicher, es gibt kaum einen schöneren Radweg in Skandinavien. Weil meine Oberschenkel mittlerweile an Stellen ziehen, von denen ich gar nicht wusste, dass es da Muskeln gibt, und ich mich dauernd mit ihnen unterhalte – Ihr schafft das Jungs! Wir packen das – bekommen sie an diesem Tag auch Namen. Ich nenne sie Chuck und Norris. Von Chucky, die Mörderpuppe, und Mrs. Norris, Filchs Katze – Scherz, ihr wisst natürlich, wer der Namenspatron ist.

15 Kilometer vor Namsos ist eine weitere Pause Pflicht. Während die Autos durch einen Tunnel fahren, werden Fahrräder um einen See geleitet, die Sonne lugt auch noch durch die Wolken. Perfekter Platz zum Hinsetzen und Genießen. Einmal Nutella-Brød, bitte. Darauf freue ich mich schon den ganzen Tag. Die Ernährung ist seit Kopenhagen mehr als einseitig, aber der Platz, um Lebensmittel zu transportieren, begrenzt, und die Lebensmittel selbst ganz schön teuer. Das Glas Nutella habe ich mir vor zwei Tagen gegönnt – und Nutella hat selten so geil geschmeckt. Zuvor gab es meist Käsebrötchen in der Pause.

Es geht weiter nach Namsos. Einkaufen. Dann zum Campingplatz. Es ist der letzte vor Bodø, also der letzte, den ich nutze. Bis Bodø zelte ich wild – und zwar nicht allein, wie sich kurz nach meiner Ankunft in Namsos ergibt. Weil ich das mit dem Kochen nicht so richtig auf die Reihe kriege – viel zu kleiner Topf, viel zu wenig Zutaten, viel zu anstrengend – , habe ich mir zum Abendbrot etwas Schnelles und etwas Leckeres geholt. Asiatische Fertignudeln im Becher und ein Lachs-Ei-Wrap vom Bäcker. Ruth dagegen, die neben mir in der Küche steht, hat einen ganzen Berg von Gemüse zum Kochen dabei – und nichts dafür bezahlt. 

Sie unterhält sich gerade mit zwei deutschen Campern, als ich meine Lauscher aufsperre. Mit dem Rad unterwegs … seit 7 Wochen … wild zelten, … will hoch zu den Lofoten. Ich mische mich ganz unauffällig in das Gespräch mit ein. Sie hatte schon längst entdeckt, dass ich auch mit dem Fahrrad reise und lädt mich zum Essen ein. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Kartoffeln, Paprika, Chili, Tomaten, Bohnen. Sie fragt mich, ob es ein Problem für mich sei, dass sie die Zutaten containert habe. Nö, sage ich, aber eine geile Idee, billig durch Norwegen zu kommen…

Wie sich so eine Reise von einer Sekunde auf die andere ändert! Wir quatschen den ganzen Abend und essen bis zum Umfallen. Die Kartoffel-Pfanne ist unfassbar gut, aber momentan schmeckt sowieso alles unfassbar gut. Hauptsache Essen. Wir tauschen Reisegeschichten aus, erzählen von unseren Begegnungen. Ruth ist jüngst mit Jacob von Trondheim bis Namsos geradelt. Jacob war ihr Host bei Warm Showers. Sie wurde auch schon von einem Busfahrer mitgenommen und hat von einem norwegischen Pärchen Marshmallow-Schoko-Eis bekommen. (Eis! Ich dreh‘ durch, wie geil wäre das denn jetzt!) Pannen hatte sie drei: ein kaputter Schlauch, ein geplatzter Reifen, ein verklemmter Umwerfer.

Am nächsten Morgen – nach einem entspannten Frühstück mit Lese-Empfehlung von Ruths E-Reader: Ein einsamer Fjord. Ein totes Mädchen – treten wir gemeinsam in die Pedalen. Ruth hat ganz schön Tempo drauf, da kann ich nicht mithalten. Mit neidvollem Blick betrachte ich ihre dünnen Reifen, und ihr sportlich geschnittenes Fahrrad. Sie wartet immer wieder auf mich, während ich Chuck und Norris gut zurede – nach zehn Tagen im Rad ist jeder Höhenmeter eine Herausforderung. Meine Gedanken springen hin und her zwischen: Oh mein Gott, es geht schon wieder hoch! Und: Oh mein Gott, wie schön ist dieses Land!

Während der Fahrt schwebt mir zudem die ganze Zeit diese Kartoffelpfanne von vergangener Nacht vor den Augen herum. Immer wieder nehme ich einen großen Löffel von dem Essen, das nur in meiner Fantasie existiert. Mir tropft sozusagen der Speichel aus dem Mund, während ich Anton, Gepäck und mich mal wieder 200 Meter hochwuchte. Nach 50 Kilometern machen wir endlich Pause am Fjord, in der Bucht von Salsnes. Während wir uns Brote schmieren mit Käse, Nutella und Marmelade, tauchen vor uns immer wieder Rückenflossen auf. Die Fische könnten Baby-Wale sein oder Delfine oder etwas ganz anderes. Wir wissen es nicht, doch es sieht faszinierend aus. Dann geht es weiter zur Fähre, die uns nach Hofles bringt.

Vorbei an Fjorden, Inseln und Sunde landen wir 85 Kilometer später an einem kleinen Tümpel, mit Hütte und Stühlen. Während ich mein Zelt auspacke, macht Ruth tatsächlich ein Feuer. Ich bin begeistert. Auf so eine Idee wäre ich nie gekommen. Seitdem es allzeit hell ist, spielen Uhrzeiten keine Rolle mehr, und um Mitternacht gibt es Abendbrot. Ich verdrücke eine riesige Portion Nudeln und lege mich danach gesättigt und zufrieden ins Bett.

Ruth ist so ziemlich die beste Reisepartnerin, die man haben kann und wäre die perfekte Weltreisende. Sie reist mit Lammfell und Hula-Hoop, kann ein Feuer machen, kennt sich mit Kräutern und Pilzen aus, kennt sich mit Fahrrädern aus und tut sich nicht schwer damit, allein zu reisen. Ich bin froh, dass wir jetzt erst mal zusammen unterwegs sind. Sie hilft mir, auf meiner Reise anzukommen.

Tag 29 | Osen – Namsos | 80,7 Kilometer | 5 Stunden 28 Minuten | 14,8 Kilometer im Schnitt | 870 Höhenmeter 

Tag 30 | Namsos – Kolvereid | 85 Kilometer | 5 Studen 29 Minuten | 15,5 Kilometer im Schitt | 1170 Höhenmeter 

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Bodø

 

 

 

 

 

 

 


One comment on “Zeitweilig zu zweit unterwegs 

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