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Kapitel XII: Von Kolvereid nach Stokkvågen

„So soll es sein

So kann es bleiben 

So hab‘ ich es mir gewünscht 

Alles passt perfekt zusammen 

Weil endlich alles stimmt“

Ich + Ich

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Bodø

Ich schwitze. Im Zelt ist kaum Luft zum Atmen. Merino-Unterwäsche und Rosies Wollsocken kleben an meiner Haut. Was ist denn jetzt schief gelaufen? Das kann doch nicht die Sonne sein! Ich öffne das Zelt, stecke den Kopf hinaus und blinzle. Ich werd‘ verrückt! Es ist die Sonne. Sie knallt aus allen Rohren auf mein Zelt, in dem sicher 30 Grad sind. Viel zu warm für lange Unterwäsche und Schlafsack. Guten Morgen, grinst es mir vom See entgegen. Ruth hat ihr rotes Zelt bereits verlassen.

Die Sonne lässt uns beide nicht unbedingt in Eile ausbrechen. Wir genießen den Morgen im Sonnenschein, dehnen uns, machen Yoga, schreiben und frühstücken. Müsli und Haferschleim. Chuck und Norris hängen schwer in den Seilen. Die Reserven sind aufgebraucht, doch sie sind ausreichend mit Kohlenhydraten gefüttert. Wir überlegen, wie schön es wäre, in den Bach zu springen, doch der Bach ist eher ein Tümpel, einigermaßen dreckig und zum Baden eher ungeeignet.

Zurück in die verschwitzten Klamotten, die nächsten Berge hoch. Ruth und ich bemühen uns, unseren Rhythmus aufeinander abzustimmen und sind am zweiten Tag ein gut eingespieltes Team. Mal fährt sie vor, mal quatschen wir. Wir lachen viel, auf und abseits unserer Räder. Ich schiebe mir zwischendurch immer wieder einen Müsli-Riegel zwischen die Zähne, damit Ruth nicht zu lange auf mich warten muss.  

Es ist schon spät, als wir in Holm ankommen. Eine Fähre liegt an, scheint aber nicht zu fahren. Wir verdrücken uns mit Erdnüssen und Kameras auf die Felsen, als ein deutscher Urlauber uns anspricht. Graue Hose, graues T-Shirt, graue Turnschuhe. Wohnmobilfahrer. Wie viel wir denn schon gefahren seien? Die eine 2000, die andere 3000 Kilometer. Nein, wie viel wir vorher gefahren seien. Wie, in unserem Leben? Nein, zum Trainieren, er sei selbst Radfahrer, die Elbe und so lang gefahren. Wie viel wir denn am Tag so fahren würden? Völlig unterschiedlich, aber im Moment kommen wir so auf 1000 Höhenmeter am Tag. Da hätte er jetzt aber mehr erwartet. Wir denken uns: Du kannst unsere Räder gern die Rampe zur Fähre hochschieben, dann reden wir nochmal über die 1000 Höhenmeter am Tag. Wir kommen zu dem Schluss, dass er uns nur erzählen will, dass er auch Fahrrad fährt. 

Nach diesem wahnsinnig interessanten Gespräch beginnen wir uns zu wundern, warum keine Fähre kommt. Wir überlegen erst, ob wir vielleicht die um 18.40 Uhr verpasst haben. Aber das kann eigentlich nicht sein. Unser deutscher Urlauber kommt schon wieder um die Ecke. Fähre kaputt, fährt nicht, erzählt er uns. Die nächste kommt um 20.30 Uhr. Währenddessen hat sich die Sonne schon wieder verabschiedet, wir ziehen uns Jacken und Hosen über, warten leicht durchgekühlt, und überlegen, wie schön es wäre, in einem der Autos mit Stand- und Sitzheizung zu warten, doch niemand will uns einladen.

Die Fähre kommt, der deutsche Urlauber ist verschwunden, bleibt aber Dauerbrenner unserer Witzekiste für die kommenden Tage. Wir nennen ihn Herbert. Am anderen Ufer, als wir die Fähre wieder verlassen, hat sich das Wetter einmal um 180 Grad gedreht. Ein Sturm peitscht das Meer auf, Regen kündigt sich an. 

Nicht weit von der Fähre entfernt schlagen wir unsere Zelte auf, direkt am Meer. Ebbe. Brauner Seetang liegt auf dem nassen, von Pfützen durchlöcherten Sand, der sonst mit Wasser bedeckt ist. Auspacken. Aufbauen. Ich helfe noch einem Reisekäfer aus dem Zelt, der es sich vergangene Nacht im Stoff gemütlich gemacht hat und jetzt 80 Kilometer von Zuhause entfernt ein neues Leben beginnt. Es ist ein gutes Gefühl, nach einem langen Tag ins sichere Zelt, in den warmen Schlafsack zu schlüpfen. Das Zelt ist ein Zuhause geworden. Lesen, Hörbuch hören, schlafen.

Es regnet. Die ganze Nacht. Den ganzen Tag. Wir fahren durch Vik und Berg nach Bronnøysund. Der Wind schiebt uns an. In Bronnøysund gehen wir Containern, ziehen Milch, Joghurt, Knäckebrot, 2 Kilogramm Schokolade und zwölf Flaschen Bier aus der Mülltonne. Ruth kann gar nicht so schnell gucken, da habe ich die Schoki schon verstaut. Ok, dann nehmen wir wohl alles mit, erklärt sie lachend. Klaro. Ich lass doch hier keine Schokolade liegen. Nervennahrung. Futter für die Seele. Auch das Bier verschwindet komplett in unseren Taschen.

Jeweils 6 oder 7 Kilogramm schwerer fahren wir zur Fähre. Pause am anderen Ufer. Zehn Minuten gönnt uns das Wetter, dann sind wir schon wieder am Einpacken – und haben einen Punkt der Erschöpfung erreicht, an dem wir vergnügt albern und über alles lachen. Das Gepäck – ich falle gleich vom Rad -, das Wetter – du wirst sehen, gleich reißt der Himmel auf – und Wohnmobil-Camper – die erzählen nach ihrem Urlaub, sie hätten nichts gesehen, weil es die ganze Zeit geregnet hat und sie das Wohnmobil nicht verlassen konnten und wir… 

Für einen kurzen Moment schweigt der Regen. „So soll es sein / So kann es bleiben“, singt Ruth. „So hab‘ ich es mir gewünscht“, singe ich. Der Rhythmus der alltäglichen Routine hat sich komplett verändert, doch es tut gut, jemandem zum Reden und Rumalbern zu haben. Auf einer Wellenlänge. 

Im Regen bauen wir die Zelte zwischen einem See und einem verlassenen Ferienhaus auf, Privatgrundstück. Ich spanne ein Taro auf, unter dem wir Kochen. Es gibt Nudeln mit Paprika und Rahmsauce. Dazu Bier und Schokolade. Alles aus dem Container. So lässt sich das Wetterunglück aushalten. Wir feiern unser Glück im Regen von Norwegen, stoßen auf mein Einmonatiges an und wollen gleich wieder aufbrechen, als wir mitten in der Nacht aufwachen, und dann feststellen, es sind noch Stunden bis zum nächsten Morgen.

Während wir unser Müsli löffeln – es regnet immer noch -, ist auf einmal ein Auto zu hören. Kommt das zu uns? Ja, scheiße. Was machen wir jetzt. Ich habe meine Schuhe zum Trocknen unter das Ferienhausdach gestellt, erzählt Ruth. Das Auto fährt an unseren Zelten vorbei. Wo ist er? Keine Ahnung. Aber er fährt weiter. Da ist doch gar kein Weg. Ich stehe auf. Es ist ein Windsurfer, der auf dem Grundstück wahrscheinlich genauso illegal unterwegs ist wie wir. Da, blauer Himmel, rufe ich. Ich kann die Sonne sehen. Jetzt bricht sie durch, feixen wir. Natürlich bricht nichts durch. Wir schlüpfen in die nassen Socken, die durchgeschwitzten Klamotten, in die nassen Schuhe. Zum Glück wärmt sich der Körper ja auf, sobald er in Bewegung ist. Zurück auf die Räder und ab nach Sandnessjøen.

In Sandnessjøen planen wir einen einmaligen Coup. Ruth will bis zum 21. Juni auf den Lofoten sein, mir fallen die Beine vom ganzen Treten ab. Wir fragen uns zur nächsten Fähre durch, obwohl der Radweg an dieser Stelle gar keine Fähre eingeplant hat. In der Touristinformation – beziehungsweise eine Etage höher beim Eingang zum Schwimmbad, da die Touristinfo am Sonntag geschlossen hat – finden wir Hilfe. Um 14.45 Uhr fährt eine Fähre nach Stokkvågen. Alles klar, die nehmen wir. Vorher waschen wir uns die Gesichter im Bad der Touristinfo mit heißem Wasser, ich dehne mich in einer dazugehörigen Bibliothek zwischen Henning Mankell und Hillary Mantel. Es ist trocken, warm. Alles, was wir in diesem Moment brauchen.

Um 14.30 Uhr wuchten wir die breiten Räder die enge Gangway hoch. Ruth verliert dabei noch unsere Gurke, die uns von einem netten Schiffsjungen hinterher getragen wird, der auch noch unsere Räder festbindet, damit sie nicht umkippen. Dann geht es im Eiltempo nach Stokkvagen, mitten hinein in den nächsten Regenschauer, den nächsten Sturm, hinein in den nächsten atemberaubenden Fjord.

Tag 31 | Kolvereid – Vennesund | 63,1 Kilometer | 4 Stunden 18 Minuten | 14,6 Kilometer im Schnitt | 839 Höhenmeter

Tag 32 | Vennesund – Tjotta | 94,7 Kilometer | 5 Stunden 16 Minuten | 18 Kilometer im Schnitt | 560 Höhenmeter 

Tag 33 | Tjotta – Kilboghavn | 62,7 Kilometer | 480 Höhenmeter (Quelle: Komoot)

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Bodø

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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