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Kapitel XIII: Von Stokkvågen nach Øres

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Wie uns der Regen zu Boden prügelt, wir danach wieder aufstehen und uns kringelig lachen.

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Tromsø

Liebes Tagebuch, reden wir einfach nicht mehr drüber! So kommentiert Ruth diesen Tag. Wir zwei liegen in unseren Schlafsäcken auf unseren Isomatten auf einem grau-melierten Fliesenboden. Links und rechts sind zwei Sitzbänke aus Holz befestigt, in der Mitte des Raums – aus dem gleichen Holz geschnitzt – steht ein Tisch, der nicht viel höher ist als die Sitzbänke. Es ist der Warteraum für die Fähre. Weil wir zu spät gekommen sind, warten wir jetzt. Weil die nächste Fähre erst morgen kommt, schlafen wir im Wartehäuschen. Wie wir in diese Situation geraten, das erzähle ich euch jetzt.

30 Stunden zuvor. In Stokkvågen balancieren wir unsere Räder die Gangway der Schnellfähre wieder herunter. Pause. Orientieren. Planen. Weil in die eine Tasche von Ruth Wasser eingedrungen und in der anderen Milch ausgelaufen ist, steuern wir den nächsten Campingplatz an. Nur um euch die Situation vor Augen zu führen: Stellt euch vor, es regnet den ganzen Tag, jeden Tag, jede Nacht. Schuhe, Klamotten, Haare, alles ist nass. Die zwei Dinge, die einen dabei warm halten, sind das Radfahren und der Gedanke daran, abends in trockene Klamotten zu schlüpfen – und jetzt sind diese auch noch nass. Scheiße. Genau!

Wir fahren nach Kilboghavn. Der Fjord ist ein Auenland irgendwo zwischen Gondor und Mordor. Im Zwielicht der Regenwolken, die über den Himmel jagen und in den teils grünen, teils schneebedeckten Bergen hängen bleiben, erstrahlt die Küste mit seinen roten Holzhütten in einem außergewöhnlichen Licht. Wir kommen kaum voran. Immer wieder halten, staunen, knipsen wir. Mehrere Steigungen liegen zwischen uns und dem Campingplatz. Irgendwann reicht’s mir und ich schreie den Frust einfach mal raus. Es hilft. Dann schüttet Gott die nächste Badewanne über uns aus.

Kurz vor dem Ziel – 200 Meter, um genau zu sein -, taucht da plötzlich ein Regebogen auf. Ehrlich jetzt!? So etwas kann ich ja jetzt nicht unfotografiert stehen lassen. Ich zücke ein letztes Mal an diesem Tag die Kamera. Ruth hat derweil schon verhandelt (bevor sie mich scheltet: Du hast auch immer die Ruhe weg, oder?!). Also gut, viel zu verhandeln war wohl nicht. Irgendwelche Menschen, die uns gestern und heute gesehen haben, haben uns wohl schon auf dem Campingplatz angekündigt, und weil es die ganze Nacht regnen soll, überlässt uns die Besitzerin, die ein bisschen Deutsch spricht, eine Hütte für 30 Euro. Mitleidsbonus. Wir können unser Glück kaum fassen. Dusche, Tee, Nudeln, Bier, Schokolade. Es ist ein ruhiger Abend, wir sehnen uns beide der  trockenen Matratze entgegen.

19. Juni. So gut haben wir lange nicht mehr geschlafen. Wir kosten jede Sekunde in der Hütte mit Dach und Heizung aus und reißen Witze über das Wetter, während die Regentropfen gegen die Fensterscheibe schlagen. Ich will ins Bad, das 100 Meter von unserer Hütte entfernt liegt, öffne die Tür und schließe sie gleich wieder. Ruth lacht. Nun, du kannst ja auf Sonne warten, ich muss aber meine Sachen holen, sagt sie, öffnet die Tür, schaut hinaus, geht einen Schritt vor, wieder zurück und schließt die Tür wieder. Wir brüllen los.

Irgendwann gehen uns die Ausreden aus, nicht aufzubrechen. Wir packen und verlassen schweren Herzens die Hütte, die vier Betten, die Kochplatte, Tisch und Stühle. Die nächste Fähre ist drei Kilometer entfernt. Als wir ankommen, ist unsere Regenkleidung bereits durch. Mit der Fähre geht es von Kilboghavn nach Jektvik. Irgendwo auf halber Höhe überqueren wir den Polarkreis. Eine Lautsprecherstimme weist uns auf diesen historischen Moment hin. Wir schnappen uns die Kameras und laufen aufs Deck. Ein Stahlgerüst in Form eines Globus steht uns als Fotomotiv zur Verfügung.

Jektvik begrüßt uns mit elf Prozent Steigung. Gut, dass es endlich mal wieder bergauf geht, scherzen wir. Immerhin ist es trocken. Klar, gleich reißt der Himmel auf! Wir treten. Der Regen lässt nicht lange auf sich warten. Was gerade getrocknet war, ist gleich wieder nass. Selbst das Land ist mit so viel Wasser überfordert. Die Wasserfälle haben sich verzehnfacht, Bäche und Flüsse treten überall über die Ufer. Ich frage mich, wo das alles herkommt, sagt Ruth, während sie einen Blick auf den Fluss wirft, der an uns vorbeifließt und deutlich über seine Ufer getreten ist. Ich antworte, das kann ich dir ganz genau sagen. Bist du die letzten Tage mal Rad gefahren? Das ist das Wasser, das in deiner Tasche war.

Es geht durch einen Tunnel, dann durch einen zweiten. Die Autos brettern an uns vorbei. Kein schönes Gefühl. Ich bete, dass uns niemand übersieht. Wind und Fahrtwind wirken im regenfreien Tunnel wie ein Fön, unsere Regenklamotten sind schon fast wieder trocken, als wir die Röhre verlassen. Vor uns erheben sich gigantische Felsmassive mitten im Meer. Die nächste Fähre verpassen wir um wenige Minuten. Bibbernd stehen wir am Anleger, als ein Loch in den Wolken die Sonne preisgibt. Zehn Minuten gönnt sie uns. Dann verschwindet sie hinter den Wolken, wir im Inneren der Fähre. Dort lasse ich mir heißes Wasser über die Pulsadern laufen. Mein kleiner Zeh am rechten Fuß dagegen scheint das Durchbluten eingestellt zu haben.

In Halsa schaffen wir es den ersten Berg hinauf, bevor uns das Wetter an diesem Tag den Rest gibt. Ein letzter Blick von der Anhöhe, ein letztes Foto. Der Ausblick ist unbeschreiblich. Ruth kleidet das Bild in folgende Worte: Als hätte jemand die Alpen in die Karibik gepackt und die Temperatur hinuntergedreht. Während der Abfahrt beginnt der Regen, uns zu Boden zu prügeln, so beschreibt es Ruth. Eine Regenwolke hat sich im Gipfel eines Bergs festgeklettet, der sich unmittelbar neben uns erhebt, und entleert sich komplett über uns. Wie Hagelkörner dreschen die Regentropfen auf uns ein. Um uns herum eine Welt in grau, außer Regen nichts zu sehen.

Erst sind die Ärmel durch, dann läuft es im Nacken rein, später gibt auch die Regenhose auf. Der Klimawandel hat den Monsun nach Norwegen gebracht, brülle ich Ruth im Regen entgegen. Anders als in Asien reißt der Himmel nach dem Regen nicht auf, es regnet einfach weiter. Man glaubt es kaum, aber wir haben unser Lachen immer noch nicht verloren.

Der Wind hängt in unseren Taschen, er kommt von vorne. Die Strecke führt auf und wieder ab, auf und wieder ab. Die 30 Kilometer fühlen sich wie eine Ewigkeit an. In Engavagen wollen wir unsere Flaschen im Supermarkt auffüllen, die Tür öffnet sich allerdings nicht. Es ist nach 20 Uhr und der Markt geschlossen. Uns reicht es langsam. Die nächsten 8 Kilometer lassen uns beide verzweifeln. Ob überhaupt noch eine Fähre fährt? Ob wir jemals am Anleger ankommen? Ob wir irgendwo falsch abgebogen sind?

Wir kommen an. Schon während der Anfahrt zum Anleger checken wir unabhängig voneinander die Umgebung nach einem Schlafplatz aus. Die letzte Fähre ist längst weg. Ruth entdeckt einen Warteraum. Wir haben die gleiche Idee.  In den Warteraum? In den Warteraum! Unsere Hände sind klamm und teils eingeschlafen. Wir können kaum die Taschen von unseren Rädern lösen. Man stelle sich vor, wir hätten noch ein Zelt aufbauen müssen. Das wäre wahrscheinlich mitten in der Nacht unter dem Regen zusammengebrochen.

Im Fährhäuschen – für uns ein unverhofftes Luxus-Apartement mit Bodenheizung – löst sich die Stimmung wieder. Wir machen es uns gemütlich, essen Brote und Schokolade, trinken Bier und reißen Witze über das Wetter. Willst mal was Außergewöhnliches sehen, Ruth? Schau mal aus dem Fenster. Da ist ein blauer Fleck. Ja, stimmt. Alles blau. Gleich reißt der Himmel auf. Wir überlegen, wie am nächsten Morgen norwegische Pendler sich im Warteraum aufwärmen wollen, während sie auf die Fähre warten, und uns schlafend vorfinden zwischen all unseren Klamotten, die wir überall zum Trocknen verteilt haben, und kiloweise Lebensmitteln, alle aus dem Container. Ich träume davon, wie tatsächlich Pendler in den Warteraum kommen und fix wieder verschwinden…

KABOOM! Ein Schlag, der den Boden unter uns erbeben lässt, reißt uns aus dem Schlaf. Wir schrecken hoch. Ich glaube, das war die erste Fähre, murmle ich und schaue aus dem Fenster. Der weit geöffnete Rumpf ist sozusagen eine Armeslänge entfernt. Jap, das ist sie. Ich grinse. Wir können dem Kapitän bei der Arbeit zusehen – ob er uns auch in unseren Schlafsäcken sieht? -, dann drehen wir uns wieder um, schlafen weiter. Ich überlege, ob das mit den Pendlern nur ein Traum war, oder ob da tatsächlich welche waren, denn es gibt auch einen Bus, der fünf Meter vom Warteraum entfernt hält. Wir werden es nie wissen.

KABOOM! Die zweite Fähre. Anschließend bemühen wir uns aus den Schlafsäcken. Wir müssen auf die Toilette – ein zweites Häuschen 20 Meter entfernt. Als wir zurückkehren, wirft Ruth noch einen Blick auf den Fährplan. Dann erklärt sie, sie habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich kann es mir denken. Also, wir können ganz entspannt machen, sagt sie. Weil die nächste Fähre erst in 6 Stunden kommt, vermute ich. Sechseinhalb, verbessert Ruth. Wir lachen uns kringelig, denn Ruth meinte am Abend zuvor noch, dass wir die zweite Fähre nehmen sollten.

Wir frühstücken, schlafen, lesen, schlafen noch einmal. Dann platzt tatsächlich ein Mann in den Warteraum. Es ist ein norwegischer Radler. Wir fangen an zu packen, es ist eine komische Situation. Um 14.25 Uhr steigen wir auf die Fähre. Die Sonne scheint, während wir ans andere Ufer fahren. In Ørnes durchsuchen wir noch einmal zusammen die Container. Es gibt Brot, Obst, Gemüse und Milchreis. Dann umarmen wir uns. Ruth will bis zum 21. Juni auf den Lofoten sein, ich bin erst am 24. Juni in Bodø verabredet. Der Abschied fällt uns beiden schwer, nachdem wir Leid und Freud so miteinander geteilt haben. In Ørnes trennen sich unsere Wege. Vorläufig.

Tag 34 | Kilboghavn – Vassdalsvik | 79,5 Kilometer | 680 Höhenmeter (Quelle: Komoot)

Tag 35 | Vassdalsvik – Skaugvoll | 44,6 Kilometer | 440 Höhenmeter (Quelle: Komoot)

Bilder aus Norwegen: Trondheim – Tromsø

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 comments on “Die Wege trennen sich. Vorläufig 

  1. Jarg sagt:

    Hallo Luisa,
    seit kurzer Zeit folge ich deinem Blog: was für eine mutige, wunderbare Reise! Ich bin beeindruckt, wünsche dir in jeder Hinsicht immer genug Luft und einen gutherzigen Rückenwind, wann immer du ihn brauchst.
    Gute Fahrt wünscht
    Jarg

    Gefällt 1 Person

  2. Roland Wallisch sagt:

    Liebe Luisa,
    dreimal darfst Du raten, was ich soeben lieber gelesen habe: Die Gemeinderatsvorlage über die Neukonzeption des Bildungsturms oder die abenteuerliche Radreise zweier Frauen durch das völlig verregnete Norwegen.
    Ein lieber Gruß et bon courage!
    Roland

    Gefällt 1 Person

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