search instagram arrow-down

Palim Palim

Instagram

Facebook

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel XVIII: Vom Nordkapp nach Törmänen

Schweren Herzens verlasse ich das umschwärmte Schieferplateau auf 71 Grad Nord, dessen charakteristischer Felsenfinger zum azurblauen Meer, zur Barentsee hinausragt. Ich muss nach Helsinki – und zwar schneller, als mir lieb ist.

Bilder aus Finnland: Nordkapp – Helsinki

Lang ist's her. Zu lang. Die Organisation der Weiterreise hat in den vergangenen Tage viel Zeit geschluckt. Zu viel Zeit. Zu viele Nerven. Ich freue mich darauf … quatsch, ich kann es kaum erwarten! … bald wieder im Sattel zu sitzen, durch Wüsten, Täler und Wälder zu fahren, Asien und fremde Länder zu entdecken, nichts zu organisieren, nicht auf die Uhr zu gucken, einfach nur da zu sein, wo ich geraden bin, wenn ich es gerade bin. Asien. Ich bin so aufgeregt.

Noch aber bin ich in Europa. Finnland. Es ist zwei Wochen her, dass ich am Nordkapp war. Ein Herzensziel, ein Traum, ein Moment mit Tränchen im Auge. Vielleicht kehre ich in zwei Jahren zurück, bevor ich nach Hause fahre, vielleicht beende ich die Reise dort, wo ich sie begonnen habe, wo die Temperaturen selten zweistellig sind, wo kein Baum mehr steht, wo der Wind immer bläst, wo Spitzbergen ein Schimmer am Horizont ist. Am Nordkapp.

Es ist der 8. Juli. Ich baue mein Zelt ab, packe das Fahrrad, frühstücke im nördlichsten Fischerort der Welt, ein 50-Seelen-Dorf, am Fuße des Kaps, das mit einem kitschigen Weihnachtsmann-Café und Rentierfellen lockt. Die Sonne scheint. Das Wetter könnte nicht besser sein, als ich das Nordkapp wieder verlasse, über die Straße der Insel Mageroya zum Nordkapp-Tunnel fahre.  Je weiter ich in den Süden komme, desto mehr Touristen kommen mir entgegen, die allenthalben wegen der Sichtung von Rentierherden anhalten. Dasher, Dancer und Prancer sind wohl nicht mit dabei. 

Helsinki. Ich habe es eilig. Ich habe die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn über einen Reiseveranstalter gebucht. Es schien mir die beste Option zu sein – auch weil sich der Reiseveranstalter um das Visum kümmern will. Es ist das erste Mal, dass ich einen Teil einer Reise nicht selbst organisiere. Ich hätte mich lieber anders entschieden. Per E-Mail kommt die Nachricht, die Reiseunterlagen kommen bald, um das Visum hätte ich mich ja selbst gekümmert. Wie bitte? Natürlich nicht. Jetzt ist es zu spät. Bevor der Reisepass in Deutschland und wieder zurück in meinen Händen ist, ist die Transsib vermutlich schon abgefahren. 

Ich muss mich selbst um die Beantragung des Visums kümmern und mindestens 7 Tage, bevor ich die Grenze passieren will, in Helsinki sein. Früher wäre besser. Während ich also im Eiltempo mit dem Rad immer weiter nach Süden fahre, informiere ich mich über die ganzen Formulare, die ich benötige, um so einen Antrag zu stellen. Die Fahrt durch Finnland hatte ich mir anders vorgestellt.

Es ist, wie es ist, sage ich mir immer wieder, während ich auf dem Fahrrad sitze und versuche, mich weiterhin an der Fahrt zu erfreuen. Ich rolle 221 Meter hinab. Unter Null. Unter die Meeresoberfläche. Der Nordkapp-Tunnel verbindet Mageroya seit 1999 mit dem Festland. 7 Kilometer. 10 Prozent. Dunkelheit. Kälte. Geduld. Ich durchquere den Tunnel viel schneller, als ich erwartet hatte. Auf der anderen Seite scheint immer noch die Sonne. Was für ein Glück! Ich fahre die Küste des Porsangerfjords entlang.  Die Brüder und Schwestern von Vixen, Comet und Blitzen säumen die Straße. 100 Kilometer am Tag muss ich fahren, um pünktlich in Helsinki anzukommen – und den zweiten Teil der Strecke fahre ich immer noch mit dem Zug. 

Ich übernachte an der Küste einige Kilometer vor Smørfjord. Als ich mein Zelt aufgebaut und eingeräumt habe, sammle ich meine Zutaten zum Kochen zusammen, schnappe mir den Spirituskocher und schraube ihn auf. Das ist zumindest der Plan. Ich scheitere leider am Aufschrauben. Ich versuche es erneut und erneut und erneut. Wechsle die Hände. Nehme ein Handtuch.  Beschimpfe mich selbst. Warum musste ich das Teil auch so fest zudrehen. Selbst schuld! Dann fängt es an zu regnen. Ich lasse es sein, gebe auf, schlüpfe in mein Zelt und esse etwas Kaltes.

Völlige Ruhe und ein kristallklares Meer begrüßen mich am nächsten Morgen. Die Lachse springen nicht den Fluss hinauf, sondern über die spiegelglatte Oberfläche der Meeres. Ruth, wo bist du? Jetzt könnten wir uns einen Lachs angeln. Ein Kescher würde wahrscheinlich schon reichen. Oder die Hände. Es sind so viele. Wie eine Bande Frösche springen sie aus dem Wasser. Immer wieder. Zu Dutzenden. Was für ein Festmahl. 

Ich löse mich von dem Anblick, verabschiede mich von dem Geschmack im Mund, fahre weiter. Der letzte Fjord, der letze Tag in Norwegen. Sonntag. Das Wetter könnte nicht schöner sein. In Olderfjord fängt mich der Gegenwind ab. Es ist ein Krampf, die Berge bei diesem Wind hochzukommen. Keine Chance. Selbst beim Herunterfahren muss ich treten, um nicht stehen zu bleiben. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß – und das ist auch gut so (weil ich mir bis Rovaniemi einrede, es muss ja auch irgendwann mal wieder aufhören zu wehen): So bläst es mir jeden Tag bis Oulu entgegen. 

Ich fahre durch Lakselv nach Skoganvarri, wo ich an diesem Tag mein Zelt aufschlage. Meinen Kocher lasse ich an diesem Abend nicht so leicht davonkommen wie am Tag zuvor. Ich hole meine Werkzeugtasche heraus, schütte sie aus und lege los – bis der Kocher nachgibt, der Deckel aufspringt und ich mir Nudeln kochen kann. Es gibt einfach nichts Schöneres, als nach einem langen Tag auf dem Rad etwas Warmes zu essen. Die Nudeln gibt es trotz des schönen Wetters im Zelt, weil mich die Mücken draußen nicht in Ruhe lassen.

Über Kárášjohka fahre ich am nächsten Tag zur finnischen Grenze. Ich radle durch dichte Nadelwälder, immer gegen den Wind. Die schneebedeckten Gipfel sind längst verschwunden, das Land wird immer flacher. Seit der letzte Fjord hinter mir liegt, hat Finnland für mich schon begonnen, auch wenn die Karte etwas anderes sagt.

Als ich tatsächlich in Finnland ankomme, geht es erst einmal bergauf. Als ich auf der ersten Kuppel ankomme, erhebt sich die Straße erneut vor mir. Als ich auf der nächsten Kuppel ankomme: das gleiche Bild. So geht es immer weiter. Wie das Meer führt die Straße durch die finnischen Wälder im Nordwesten. Wie Wellen erhebt sich die Fahrbahn immer wieder, immerzu. Kleine Wellen, große Wellen, Tsunamis. Gegenwind. Baustellen. Die Straße teils ein Trümmerfeld.

Heidewitzka! Wenn einem die Uhr im Nacken sitzt, gibt es wirklich schönere Strecken zu fahren. Immerhin finde ich erneut einen ruhigen Zeltplatz unmittelbar am Wasser, mit einer Feuerstelle, mit unzähligen Mücken.

Das, worauf ich mich in Norwegen eingestellt hatte, überfällt mich in Finnland: Gegenwind und Mücken. Ich hatte damit gerechnet, das mich beides in Norwegen in den Wahnsinn treiben würde. Der Wind blies entweder gar nicht oder von hinten, nur selten kam er von vorn. Die Mücken zwangen mich nur einmal, mich im Zelt zu verstecken. Sonst hatte ich bis kurz vor Tromsø keinen einzigen Mückenstich. In Finnalnd sehe ich nach zwei Tagen aus, als ob ich die Masern hätte. Zum Glück bin ich abends – dank des Gegenwinds – so müde, dass mich das Jucken nicht vom Schlafen abhalten kann. Tief und fest. Der Gegenwind ist anstrengender als jeder norwegische Berg. 

Es geht weiter. Von Kaamasmukka nach Törmänen. Durch eine Unendlichkeit an Nadelwäldern und vorbei am Inarijärvi. Der drittgrößte See Finnlands lässt einen Durchatmen. Der Inarijärvi fühlt sich an wie ein belebender Farbklecks inmitten von Lappland,  inmitten der Unendlichkeit der finnischen Wälder. Ich genieße es, an seinen Rändern entlangzufahren. Lappland kann nicht die Vielfalt bieten, die die Küste Norwegens einem Tag für Tag entgegengeworfen hat. Die Landschaft ist in sich geschlossener, eintöniger. Zu viel Wald, zu viel Monotonie, zu wenig Akzente. Norwegen verwöhnt Reisende, wie ich es in einem anderen Land noch nicht erlebt habe.

Während Wind, Mücken, Uhr und rücksichtslose Finnen leichte Hektik in die zuvor entspannte Reise bringen, motivieren mich Hunderte entgegenkommende Touristen, Motorrad- und Wohnmobilfahrer, selbst Busfahrer, mit hochgestreckten Daumen, Hupen, Winken, Rufen, freundlich lachenden Blicken, Klatschen. Zu Beginn meiner Reise hatte ich den Blick in entgegenkommende Fahrzeuge meist gemieden, mittlerweile schaue ich fast jedem Fahrer ins Gesicht, weil es so viele Menschen sind, die einen grüßen, und ich möchte jeden zurückgrüßen. An dieser Stelle: Vielen Dank an alle engagierten Reisenden, die nicht mit dem Rad unterwegs sind, und uns Radler trotzdem alle unermüdlich grüßen, motivieren, pushen. Das gefällt mir – um es im heutigen digital-sozialen Slang zu sagen. 👍❤️🤗

Zehn Kilometer hinter Törmänen schlage ich an diesem Tag mein Zelt auf. Mitten im Wald, unmittelbar an einem See. Gleiches Bild, gleiches Szenario. Mit Mückenschutz koche ich völlig überstürzt eine Portion Nudeln. Dann ab ins Zelt. Ich habe die letzte Nudel noch nicht ganz geschluckt, als mich der Schlaf übermannt.

Tag 53 | Skarsvåg – Smørfjord | 97,1 Kilometer | 6 Stunden 30 Minuten | 14,9 Kilometer im Schnitt | 1117 Höhenmeter 

Tag 54 | Smørfjord – Skoganvarri | 113 Kilometer | 7 Stunden 42 Minuten | 14,6 Kilometer im Schnitt | 806 Höhenmeter 

Tag 55 | Skoganvarri – Kaamasmukka | 99,3 Kilometer | 7 Stunden 24 Minuten | 13,4 Kilometer im Schnitt | 866 Höhenmeter 

Tag 56 | Kaamasmukka – Törmänen | 133 Kilometer | 9 Stunden 4 Minuten | 14,7 Kilometer im Schnitt | 932 Höhenmeter 

Bilder aus Finnland: Nordkapp – Helsinki

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: