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Luisa Rische

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Kapitel XIX: Vom Törmänen nach Helsinki

Auf dem Weg nach Helsinki fordert mich nicht nur der Gegenwind heraus, sondern auch die finnische Bahn. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich die Deutsche Bahn zu schätzen weiß. Wir jammern schon auf hohem Niveau… Auch dafür ist so eine Reise gut, das zu erkennen.

Bilder aus Finnland: Nordkapp – Helsinki

Eine immergleiche Schablone liegt auf meinen Tagen, zeichnet meinen Weg nach Oulu aus. Aufstehen, Frühstücken, Packen, Fahren, Pausieren, Fahren, Auspacken, Aufbauen, Kochen, Essen, Schlafen. Selbst die Landschaft scheint ewig die gleiche zu bleiben. Ich habe angefangen, tagsüber Hörbuch zu hören, während ich die ewig gleiche Straße, durch die ewig gleichen Wälder, immer gegen den Wind fahre. Schätzing, Harris, Vargas unterhalten mich, verursachen Risse in meiner Schablone.

Ich fahre von Törmänen nach Petkula, nach Sodankylä, nach Rovaniemi. Täglich kommen mir drei bis zehn Radfahrer entgegen. Viel mehr als in Norwegen. Das wundert mich. Wissen die nicht, wie viel schöner die Strecke an der norwegischen Küste ist. Vielleicht fahren sie über Norwegen wieder zurück? Aber wer hat schon die Zeit dafür? Vielleicht wollen sie auch die 20.000 Höhenmeter meiden, überlege ich. Aber das wäre unsinnig. Die Küste Norwegens ist jeden Höhenmeter wert, mehr noch. Es ist – zumindest bis zu diesem Zeitpunkt – die schönste Stecke, die ich je mit dem Fahrrad gefahren bin.

Weil ich frühzeitig in Helsinki ankommen möchte, um das Visum zu beantragen, will ich ab Oulu mit dem Zug fahren. Weil die Zahl der Stellplätze für Fahrräder begrenzt ist, will ich frühzeitig eine Fahrkarte für Anton buchen. Zunächst versuche ich, mir über das Internet ein Ticket zu sichern. Die Homepage der finnischen Bahn fordert mich auf, einen Sitzplatz auszuwählen. Weil das iPhone aber kein Flash öffnen kann, kann ich den Sitz nicht auswählen. Anstatt eine zufällige Platzwahl auszuwählen – diese Option bietet die Bahn nicht an – , muss ich die Buchung abbrechen.

Den nächsten Versuch starte ich im Bahnhof von Rovaniemi. Ein Mitarbeiter von VR sitzt in einer Ecke im Bahnhof. Kaffe. Zeitung. Eine Fahrkarte könne man bei ihm aber nicht buchen. Ich soll die Automaten benutzen. Ob ich da auch ein Ticket für ein Fahrrad buchen könne? Er will es mir zeigen. Allerdings sind beide Automaten kaputt. Den nächsten Versuch starte ich 120 Kilometer weiter in Kemi. Der einizige Automat im Bahnhof funktioniert, doch von einer Fahrradkarte ist weit und breit keine Spur. 

Ich frage einen jungen Finnen, der gerade ins Bahnhofsgebäude kommt. Er bietet mir an, ein Ticket mit seinem Laptop zu buchen. Wir versuchen es – und kommen bis zur Zahlung. Ich gebe all meine Daten ein. Anstatt die Zahlung auszuführen, komme ich zur Seite „Sichere Zahlung“ oder so. Ich gebe meine Daten noch einmal ein, dann heißt es, meine Bank habe mir gerade eine Tan-SMS geschickt. Ich schaue auf mein Handy. Nichts. Der Finne schaut auf die Uhr, sein Zug kommt in wenigen Minuten. Eine SMS kommt nicht. Ich gebe auf. Gerade als der Finne hinausgeht, kommt dann doch noch die SMS. Ich renne hinaus, der Zug steht schon da, ich gebe fix den Tan ein. Doch ich muss wohl einen Fehler machen. Zahlung abgebrochen, ruft er mir zu, während er in seinen Zug hechtet. Vielen Dank trotzdem für die Hilfe, rufe ich auf Englisch hinterher.

Am nächsten Morgen rufe ich bei VR an. Die Buchung über das Telefon kostet zwar, aber klappt überraschend problemlos. Fünf Minuten später habe ich mein Fahrradticket. 120 Kilometer später sitze ich im Nachtzug nach Helsinki. Ein Sitzabteil. 6 Plätze. 2 Gäste. Glück gehabt, sagt Walther, der mit mir im Abteil ist und gerade von einer Hochzeit kommt, dann können wir uns je auf drei Plätzen lang machen. Walther und ich unterhalten uns bis tief in die Nacht. Er lebt in Helsinki, studiert Ingenieurwissenschaften und arbeitet gleichzeitig für eine der größten Firmen Finnlands (den Namen habe ich nicht verstanden). Besonders gern arbeite er im Sommer, erzählt er, dann seien die ganzen Alten im Urlaub, und es werde nicht wegen jeder Sekunde gemosert, die man früher geht.

In der Nacht bekomme ich eine E-Mail. Sampo… Wer zum Teufel?! Es ist der junge Finne, der mir helfen wollte, ein Zugticket zu buchen. Er fragt mich, ob ich mein Ticket noch bekommen hätte? Wir schreiben ein bisschen hin und her. Er bietet mir an, bei ihm zu übernachten, während ich in Helsinki bin. Er meint, eigentlich mache er so etwas nicht, aber ich hätte einen netten Eindruck hinterlassen. Sampo ist sozusagen meine Rettung, eigentlich hatte ich mich schon darauf eingestellt, aus der Stadt zu fahren und auf einem Campingplatz zu übernachten. Über Couchsurfing und Warmshowers hatte ich nur Absagen bekommen. Sampo wohnt mitten in Helsinki, zehn Minuten vom Bahnhof entfernt.

Bevor ich zu Sampo gehe, informiere ich mich noch im Hauptbahnhof über meine Möglichkeiten der Weiterreise nach Russland. Es fährt ein Nachtzug. 103 Euro. Das Fahrrad kostet nichts, muss aber in einer Box verpackt sein. Dann geht es durch die bevölkerten Straßen der finnischen Hauptstadt zu Sampo. Er wohnt im Erdgeschoss – Gottseidank keine Treppen! – die 3-Raum-Wohnung gehört ihm, erzählt er. Das überrascht mich nicht. Bereits in Norwegen habe ich erfahren, dass selbst junge Menschen einen Kredit aufnehmen, um sich eine Wohnung zu kaufen. Zur Miete zu wohnen, sei ungewöhnlich, erklärt auch Sampo, der sein eigenes Unternehmen leitet und von zu Hause aus arbeitet.

Ich arbeite an diesem Tag nicht mehr. Es regnet. Ich gehe ins Kino. Lasse mich berieseln. Danach geht es ins Bett. Schlafen. Ausruhen. Das war ein ganz schöner Ritt gegen den Wind bis nach Oulu, und eine unruhige Nacht im Nachtzug. Morgen geht es weiter. Weiterreise. Visum. Unterlagen. Es gibt viel zu organisieren. Zu viel. Ich würde mich so gern einfach auf mein Fahrrad setzen und weiterfahren…

Tag 57 | Törmänen – Petkula | 121,8 Kilometer | 8 Stunden 27 Minuten | 14,4 Kilometer im Schnitt | 685 Höhenmeter 

Tag 58 | Petkula – Sodankylä | 47,8 Kilometer | 3 Stunden 5 Minuten | 15,5 Kilometer im Schnitt | 118 Höhenmeter 

Tag 59 | Sodankylä – Rovaniemi | 129,4 Kilometer | 8 Stunden 18 Minuten | 15,6 Kilometer im Schnitt | 686 Höhenmeter 

Tag 60 | Rovaniemi – Kemi | 132,4 Kilometer | 8 Stunden 56 Minuten | 14,8 Kilometer im Schnitt | 618 Höhenmeter 

Tag 61 | Kemi – Oulu | 117 Kilometer | 7 Stunden 45 Minuten | 15,1 Kilometer im Schnitt | 478 Höhenmeter 

Tag 62 | Helsinki

Bilder aus Finnland: Nordkapp – Helsinki

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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