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Zwischenspiel III: Auf einen Quickie mit Helsinki

Bekomme ich mein Visum für Russland oder muss ich die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn stornieren? Finde ich einen Karton, um Anton zu verstauen und kann ich mich an die vorgegebenen Maße halten? Lassen die Zugbeleiter mich in den Nachtzug, wenn ich die 60x100x40 Zentimeter nicht einhalten kann? Alle Antworten auf diese Fragen gibt es hier!

Bilder aus Finnland: Nordkapp – Helsinki

Helsinki. Es ist Dienstag. Eigentlich will ich heute den Antrag für mein Visum einreichen. Doch es kommt wie immer anders. Der Reiseveranstalter hat sich immer noch nicht gemeldet. Ich bitte sie am Morgen, mir meine Reiseunterlagen zu schicken, um das Visum zu beantragen. Ich bitte sie am Nachmittag, mir meine Unterlagen zu schicken. Dann kommt endlich eine Antwort. Das VHS akzeptiere die Reiseunterlagen nicht, ich bräuchte einen Support Letter – und den könnten sie frühestens morgen schicken. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass sie mich zur Verzweiflung treiben wollen. Erst einmal ist das VHS das russische Visazentrum in Deutschland. Ich frage mich, ob sie meine E-Mail, dass ich in Finnland bin, und mein Visum im VFS, also im finnischen Visazentrum, beantrage, überhaupt gelesen haben. Dass sie einen Support Letter für mich haben, fällt ihnen dann auch erst einen Tag vor der Ablauf der Frist ein. 

Es ist, wie es ist. Anderthalb Stunden, bevor die Frist abläuft, kommt der Support Letter an. Ich gehe mit meinen Unterlagen zum Application Centre, stolpere hastig hinein, laufe zum Schalter und werde erst einmal zurecht gewiesen. Nummer ziehen! Ich schaue mich um. Alles Sitze sind frei, kein Wartender weit und breit. Das Application Centre ist leer. Ich entschuldige mich und ziehe eine Nummer, warte 20 Sekunden, dann erscheint meine Nummer auf einem Display. Rot auf Schwarz. 13.

Weil ich auf meinem Fahrrad keinen Drucker habe, hatte ich das Application Centre im Vorfeld angeschrieben und gefragt, ob ich meine Unterlagen vor Ort ausdrucken könnte. Das sei kein Problem, war die Antwort. Als ich am Schalter stehe, ist es wohl doch ein Problem – oder meine erste verpasste Gelegenheit der Bestechung!? Die Drucker seien kaputt, ich solle in eine Bibliothek gehen. Als ich meiner Bearbeiterin erkläre, wann ich nach Russland reisen will, funktionieren die Drucker auf einmal doch. Denn die Unterlagen müssen bis 15 Uhr – es ist 14.27 Uhr – vorliegen, damit ich am 26. Juli mit dem Zug nach Moskau fahren kann – und ich zahle schließlich für den Antrag. Schwups, laufen die Drucker auf Hochtouren.

Es geht weiter mit den Komplikationen. Das Passfoto ist zu alt. Ich kann vor Ort ein neues machen, brauche allerdings 10 Euro in Münzen. Die Mitarbeiter des VFS legen zusammen, weil ich nur Euroscheine habe. Das Foto sieht aus, als ob ich tagelang auf dem Rad gesessen habe, kaum geschlafen habe und eine Dusche ein Vokabel aus einem fernen Leben ist – ach, richtig, das ist ja jetzt mein Leben. Gut, dass ich ein neues Foto gemacht habe. Das gibt die Realität viel besser wieder.

Weiter geht’s. Ich Honk habe natürlich auf meinem Antrag das deutsche Reiseunternehmen statt des russischen Partners verewigt. Das ändern wir. Alles, wie gesagt, innerhalb von 33 Minuten. Zu guter letzt fällt natürlich noch auf, dass ich meine Versicherungsbestätigung nur auf Deutsch habe – eine Antwort auf meine Anfrage per E-Mail, ob mir der Versicherungsträger noch eine auf Englisch zur Verfügung stellen könne, habe ich bis heute nicht erhalten. Ich fülle ein zusätzliches Formular aus, dass meine Versicherung gültig ist und auch den Rücktransport mit einschließt.

Buchstäblich in letzter Sekunde ist alles ausgefüllt, unterschrieben und bezahlt. Nach diesem Chaos zweifle ich ernsthaft, ob ich das Visum überhaupt bekomme und verbringe die nächsten sieben Tage in Helsinki damit, mich schlecht zu fühlen, Alternativen durchzuspielen, Unmengen an Süßigkeiten – Stressfresser – in mich hineinzustopfen und zu beten, dass ich das Visum bekomme. Im Kopf stelle ich mir vor, wie die Mitarbeiter der russischen Botschaft mich durchleuchten, mich googeln, mein Facebook-Profil durchlesen, meine Artikel lesen, vielleicht auf meinen Blog stoßen oder sich meine Bilder bei Instagram anschauen. Ob die das wirklich machen? Was mögen sie dabei wohl denken?

Ich bleibe bis zum Wochenende bei Sampo. Er arbeitet meist bis in die Nacht hinein und schläft dann bis zum nächsten Mittag. Er unterstützt mit seinem eigenen Unternehmen Medizinstudenten, entwickelt Lernmethoden. Er selbst hat 2004 zwei Jahre Medizin studiert, dann abgebrochen, weil er sich mit den Lehrmethoden nicht zufrieden geben wollte. Zu theoretisch, zu viel Fokus auf Noten, zu zwanghaft. Er selbst gehört eher zu den Überfliegern. In der Schule hatte er nur einsen und zweien, neunen und zehnen in Finnland. Außerdem hat er 12 Sprachen in der Schule gelernt. Auch deutsch. Ich helfe ihm mit Vokabeln und Grammatik. 

Am Wochenende wechsle ich noch für einige Tage ins Hostel auf der Insel Suomenlinnan. Ich brauche noch ein bisschen Zeit für mich, bevor es weitergeht – wie auch immer es weitergeht. Einen Tag später klappere ich die Fahrradläden der finnischen Hauptstadt ab. Ich brauche einen Karton, um mein Fahrrad zu verpacken.  60 mal 100 mal 40 Zentimeter. Das sind die Vorgaben der russischen Bahn, ein Abteil für Fahrräder gibt es im Nachtzug nicht. Nur im Karton kann ich Anton mit dem Zug transportieren – mit dem Flugzeug wäre es übrigens das gleiche Prozedere gewesen. Aber ich werde schnell fündig. Der Mountainbike-Shop im Norden Helsinkis hat einen Karton für mich, er ist etwas zu groß, aber ich will ihn im Bahnhof auf die rechte Größe stutzen. Deshalb kaufe ich noch ein Maßband. Nun fehlt nur das Visum.

Mit zittrigen Händen stehe ich am Morgen des 26. Juli um 9.34 Uhr im VFS. Man hatte mir gesagt, ich solle möglichst früh kommen. Falls ich mein Visum nicht bekomme, hätte ich dann noch Zeit, das Problem herauszufinden (und vielleicht jemanden zu bestechen) oder meine Zugfahrten zu stornieren. Es kommt weder zum einen noch zum anderen. Ich erhalte mein Visum. Was für eine Erleichterung! 

Die nächste Herausforderung erwartet mich am Bahnhof. Ich muss Anton auseinander nehmen, um ihn in den Karton zu bekommen. Gut, wenn man keine Ahnung von Fahrrädern hat! Aber Auseinandernehmen bekomme selbst ich hin. Wie ich Anton in Ulan Bator wieder ganz bekomme, darüber mache ich mir in Ulan Bator Gedanken. Das klappt niemals, denke ich, während die Schrauben auf den Boden kullern und irgendwann nur noch der nackte Rahmen dasteht. Aber gepuzzelt habe ich ja schon immer gern und auch in Ulan Bator wird es Fahrradläden geben, die mir zur Not helfen können.

Der Karton ist am Ende immer noch 8 Zentimeter zu lang und die Räder haben erst gar nicht hineingepasst. Ob sie mich so in den Zug lassen? Falls nicht, überlege ich, weine ich einfach drauf los, so richtig mitleiderregend, und appeliere an die Menschlichkeit, Güte, Hilfebereitschaft – Weltreise, allein unterwegs, viel Geld für Transsib ausgegeben… Für meinen Plan C habe ich mir ein Bündel Rubel in die Hosentasche gesteckt.

Ich brauche weder Plan B noch Plan C. Der Zug rollt in Schrittgeschwindigkeit in den Bahnhof. Mit meinem Wagen, auf dem das Gepäck (fast) höher gestapelt ist, als ich groß bin (was, zugegeben, jetzt auch keine Kunst ist), laufe ich zu Wagon 7. Jeder Wagon hat seinen eigenen Zugbegleiter. Reisepass. Fahrschein. Ich zeige alles vor. Dann fange ich an, das Gepäck in den Zug zu räumen. Viermal steige ich mit diversen Taschen und einem Fahrrad in einem Karton in den Wagon. Die Zugbegleiterin stoppt mich nicht, lächelt mich stattdessen an. Ich verstaue all meine Taschen auf Bett Nummer 17, bis ich aufgrund von Indizien – nur eine Magnetkarte, eine Früstücksbox, einmal Hausschuhe – zu dem Schluss komme, dass ich die einzige in dem 4-Bett-Abteil bin. Zum Glück! Ich hatte schon befürchtet, dass Mitreisende sich aufregen würden, weil ich den ganzen Stauraum brauche.
Es geht los. Moskau, ich komme. Dann Ulan Bator. Und dann China. Also, vielleicht. In Radreise-Chatgruppen wird gemunkelt, dass es wohl zurzeit kein Visum für China in Ulan Bator gebe. Ich werde es herausfinden… vorher muss ich ja auch noch das ganze Gepäck von dem einen in den anderen Zug bekommen.

Tag 63 bis 70 | Helsinki

Bilder aus Finnland: Nordkapp – Helsinki

 

 

 

 

 

 

 

 

2 comments on “Bürokratiewahnsinn im Visa Center: buchstäblich in letzter Sekunde

  1. Großartiger Beitrag. Ich habe Tränen gelacht und wirklich mit gezittert! Ein Hauch von Asterix erobert Rom… 🤞🏻für den Rest (ich hänge ja noch heftig hinterher)

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    1. luisarische sagt:

      Ich freue mich, einen weiteren Mitreisenden zu haben. Lass dir Zeit, ich bin noch eine Weile unterwegs 😜

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