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Zwischenspiel IV: Auf einen Quickie mit Moskau

Visum in der Tasche, Fahrrad im Karton, Lulu im Zug – dann kann die wilde Fahrt ins fremde Land ja beginnen. Auf nach Moskau, wo kein Mensch mehr der englischen Sprache mächtig ist und jeder einen über den Tisch ziehen will. Vorsicht vor den betrunkenen Russen!

Bilder aus Russland

Ich lasse Helsinki hinter mir. Die Fahrt mit dem Nachtzug nach Moskau ist ein Träumchen. Ich habe ein Vier-Bett-Abteil für mich allein. Ein Willkommens-Snack liegt auf dem Tisch bereit. Klimaanlage. Teeservice. Hausschuhe. Zahnbürste. Magnetschlüssel. Decke. Kissen. Pancakes. All inclusive. Und schalldicht isoliert ist der Zug auch noch. Irgendwas macht die Deutsche Bahn mit ihren Nachtzügen falsch.

Nach der ersten Zollkontrolle folgt die zweite. Ein russisches Beamtentrio macht sich in meinem Abteil breit. Was das da sei, fragt der Älteste der drei, Kopf rasiert, Stolperbart. Er zeigt auf meinen Karton, den ich unter den Schlafliegen verstaut habe. Ein Fahrrad, erkläre ich ihm. Aufmachen! Dann schauen wir uns doch mal an, was ein Fahrrad ist. Ich komme an den Karton nicht dran, weil der Herr Oberzöllner auf der Liege sitzt. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich ich die Liege anheben muss, um den Karton herauszuholen. Aufmachen! Ich reiße und reiße und bekomme eine Seite geöffnet. Dem Zöllner geht ein Licht auf. Ah, ein Fahrrad. Jap. Wie viel hat das gekostet. 750 Euro, erzähle ich, und meine Nase wird so lang, dass sie ihm fast ins Auge stößt. Alles klar. Passt. Zumachen. Weiterfahren.

Neun Stunden später rollt der Zug durch die Vororte von Moskau. Es sind Abziehbildchen der Außenbezirke von Stralsund. Rostock. Oder umgekehrt? Bevor alle aussteigen, weist uns noch eine Lautsprecherstimme daraufhin, dass die Zugbegleiter für alle gestohlenen Mitbringsel aufkommen. Ich lasse alles da – nicht dass ich je darüber nachgedacht hätte, etwas einzustecken.

Moskau. Die Sonne scheint. 31 Grad. Es ist wohl der erste gute Tag seit Wochen in Moskau, der erste Sommertag. Ich steige aus mit zunächst 3 Taschen und stolpere fast in mein Schild hinein. Luisa Rische. That’s me, sage ich. Und: I got some more luggage inside. Der junge Russe mit den kurzen, schwarzen Haaren, blauem Adidas-Shirt und Sporthose sowie Jack Wolfskin-Rucksack, der mein meinen Transfer zum Bahnhof der Transsibirischen Eisenbahn ist, organisiert vom Reiseveranstalter, stürzt sich gleich in den Zug – und erträgt den Anblick mit Fassung. You are the only one in here?

Als wir alle Taschen aus dem Zug geholt haben, wird ihm klar, dass wir auch zu zweit nicht alles auf einmal aus dem Bahnhof bekommen. Wir brauchen einen Wagen, erkläre ich ihm zum zweiten Mal. Da! Drei Minuten später kommt er mit einem Wagen und einem weiteren Mann, der den Wagen schiebt, zurück. Wie nett, denke ich in all meiner Naivität, die russische Bahn stellt auch noch Fahrer zu den Gepäckwagen – Lulu, wir sind hier in Russland, ehrlich jetzt?! Dann erklärt mir Adidas (es gab irgendwie keinen passenden Moment, ihn nach seinem Namen zu fragen), 300 Rubel pro Gepäckstück. Zurück auf dem Boden der Tatsachen. Der Nachtzug hatte mir wohl meinen Blick auf Russland vernebelt.

Der Wagenfahrer bekommt das Fahrrad und die Räder, die ich vorher zum Glück noch in eine Plastiktüte gesteckt hatte. Adidas schnappt sich selbstbewusst die vier Fahrradtaschen, ich die zwei übrigen Taschen mit Zelt, Schlafsack und Isomatte. Es geht durch den Seitenausgang aus dem Bahnhof heraus, 200 Meter die Straße entlang. Dann halten wir schon wieder. Ich bezahle Wagenfahrer, jetzt sind wir wieder auf uns allein gestellt. Adidas läuft der Schweiß über die Stirn. Er ist leicht überfordert. Aber wir sind bereits am Zielbahnhof. Ob ich das ganze Zeug in Helsinki allein transportiert hätte, fragt er, während er sich mit dem von meinen Reifen schwarz gefärbten Daumen immer wieder über die linke Augenbraue fährt und einen dicken schwarzen Streifen auf seiner Stirn hinterlässt.

Wir schicken die Taschen durch die Röntgenröhre, dann geht es in den Keller zur Gepäckaufbewahrung. 230 Rubel pro Stück. Die Russen wissen schon, wie sie an ihr Geld kommen. Ich gebe 7 Gepäckstücke auf, damit sind meine Rubel erst einmal aufgebraucht. Das Zelt bleibt bei mir und darf sich mit mir zusammen Moskau anschauen. Adidas erweist sich schließlich auch noch als nützlich – die 200 Meter zum nächsten Bahnhof hätte ich auch selbst irgendwie geschafft. Er fährt mich in die Stadt, durch stockenden Verkehr direkt zum roten Platz. Wie ich wieder zurückkomme, dazu sagt er nichts.

Wifi und Bank. Ich finde beides. Doch dabei bleibt es erst einmal. Das Handy will keines der freien Wifi-Netze akzeptieren, der Bankautomat will kein Geld ausspucken. Mir rutscht das Herz in die Hose. Wie soll ich denn jetzt die Gepäckwagenfahrer bezahlen, deren Hilfe ich benötige, um alles vom Gepäckraum zu den Gleisen zu bekommen? Ich könnte zwar alles einzeln hochtragen, aber ich habe keine Ahnung, wie früh der Zug im Bahnhof ankommt und ich kann auch keine Gepäckstücke unbeaufsichtigt irgendwo stehen lassen. Und wer weiß, ob ich noch Bestechungsgelder brauche, um mein Übergepäck in den Zug zu bekommen…

Irgendwann bleibt mein Handy dann doch in einem Wifi-Netz hängen. Ich suche mir den nächsten Starbucks. Meine Karte funktioniert an der Kasse immer noch nicht, dafür komme ich ins Wifi. Runterkommen. Sortieren. Es gibt für alles eine Lösung. Ich öffne die App „Meine Karte“ und finde sofort den Fehler. Meine schlaue Travelcard kann ich für jeden Kontinent einzeln aktivieren und deaktivieren. Für Russland und Asien ist sie natürlich noch deaktiviert. Schön blöd… also ich, nicht die Karte. Nachdem auch dieses Problem gelöst ist, geht es mir wieder besser. Ich stürze mich ins moskauische Leben.

Die Stadt fasziniert mich. So viele Stil, so viel Gesichte, so viele Einflüsse treffen hier aufeinander. Ein Tag reicht bei Weitem nicht aus. Ich bräuchte wahrscheinlich eine Woche, um von Moskau gesättigt zu sein. Eigentlich war es auch mal der Plan, in Moskau einige Tag zu bleiben, aber dann kam irgendwie doch alles anders. Und weil ich eigentlich gern durch die Tibet fahren möchte, (falls das mit dem China-Visum klappt, es heißt nämlich, in Ulan Bator gebe es für Touristen keine Visa mehr) darf ich nicht zu spät in Ulan Bator ankommen. Sonst erfriere ich im Himalaya. Moskau kann und muss warten.

Es sind immerhin 12 Stunden, die ich durch die Stadt schlendere und die mir einen durchaus umfassenden Einblick gewähren. Zurück geht es mit der Metro. Ich hatte mir zwar den groben Weg zum Bahnhof gemerkt, aber nach 12 Stunden ist die Lust nicht allzu groß, den ganzen Weg zurückzulaufen. Die Transsib kommt 30 Minuten vor Abfahrt, um 23.20 Uhr, im Bahnhof an.

Ich schnappe mir einen der Gepäckwagenfahrer, handle einen Pauschalpreis für alle Gepäckstücke aus, dann geht es erst in den Keller und schließlich zu Gleis 4, Waggon 7. Die Zugbegleiterin lacht. Sie weiß nicht so richtig, was sie mit mir und der Wagenladung anfangen soll. Ich sehe, wie es in ihrem Kopf rattert und auf Russisch heraussprudelt. Sorry, only English. Only Russian für sie. Sie holt Hilfe. Ich stehe da, das Herz zum zweiten Mal an diesem Tag in der Hose. Auch die zweite Zugbegleiterin spricht so wenig Englisch wie alle anderen Russen. Sie diskutieren. Auf russisch. Blicken, zeigen auf mein Gepäck. Ich stehe immer noch da.  Versuche zu lächeln.

Irgendwann nimmt mich die zweite Zugbegleiterin mit in den Zug, Abteil 7. Setzen. Die Wagenfahrer, jetzt zu zweit – Lumpenpack, die wollen nur mein Geld – verstauen unter Anleitung der zwei Frauen all mein Gepäck. Das Fahrrad auf die Ablage oben. Die Fahrradtaschen unter die eine Schlafliege, die Räder unter die andere. Zu allem Überfluss bricht sich die zweite Zugbegleiterin auch noch einen Nagel ab, als sie die zwei Räder besser verstauen will. Ich fühle mich hundeelend. Am Ende aber bleibt: Ich sitze in der Transsibirischen Eisenbahn auf dem Weg nach Ulan Bator, mein Fahrrad und all mein Gepäck sind unter, über und neben mir. Puhhh… jetzt erst einmal fünf Tage schlafen!

Tag 71 | Moskau

Bilder aus Russland

 

 

 

 

 

 

 

 

One comment on “Als mir das Herz gleich zweimal in die Hose rutscht

  1. Anja sagt:

    Nix da! Nicht fünf Tage schlafen, nur bis Krasnojarsk! Dann grüß die Stadt und den Jenissej von mir! Und spätestens ab Irkutsk musst Du wach bleiben – die Strecke bis Ulan-Ude ist wunderschön! Gute Fahrt!! Liebe Grüße aus Peking, Anja, die gleich auch in den Nachtzug steigt;-)

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