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Kapitel XX: Von Moskau nach Ulan Bator

4 Tage und ein paar Zerquetschte sitze ich im Zug fest. Nach tausenden Kilometern und Höhenmetern genießen Körper und Geist das Nichtstun auf der Schlafliege, während die Transsibirische Eisenbahn mehr als 6000 Kilometer durch Russland tuckert.

Bilder aus Russland

Wie die rhythmischen Schläge einer Basstrommel rollen die Räder der transsibirischen Eisenbahn über die Schienen. Alles quietscht, klappert, ächzt, droht auseinander zu fallen. Wenn der Zug bremst, schieben sich die Waggons schwerfällig aufeinander, weigern sich stehen zu bleiben. Ein Grollen rollt durch den ganzen Zug. Bilder einer Entgleisung spielen sich vor meinem inneren Auge ab. Bis er steht. Irgendwo im Nirgendwo in der russischen Weite, wo einzig Datschen die ewig weite Landschaft unterbrechen. Die Zeit scheint still zu stehen fern ab von Moskau. 

Immer wieder stoße ich mich in dem engen Abteil. Trete mit dem Schienbein gegen die Leiter oder schlage mit dem Kopf gegen die Ablage. Meine Füße hängen am Ende der Liege in der Luft – und für die, die mich nicht persönlich kennen, das vierte Supermarkt-Regal ist für mich ganz schön weit entfernt. Auf einer Ablage, ein ausgeleiertes Netz, liegen ein Buch, Brot, Nutella und eine Flasche Wasser. Die Wandverkleidung erinnert mich an die Schränke der Großeltern; graue Vorhänge, rotbraune Ledersitze, ein abgetretener Teppich, zwei Steckdosen auf dem Gang, ein Wasserkocher aus dem 19. Jahrhundert.

Ich gehe ins Bad. Es riecht. Es stinkt. Wonach? Keine Ahnung. Ein Waschbecken aus Metall. Zwei graue Rädchen auf Augenhöhe, die nicht dazu da sind, das Wasser aufzudrehen. Ich muss einen eisernen Stift in den Wasserhahn drücken. Das Wasser strömt über meine rechte Hand, mit der linken versuche ich, mich zu waschen. Die Toilettenspülung finde ich nicht ganz so schnell wie den Wasserhahn. Ich schaue an den Wänden nach, hinterm Klo, ich gehe ums Klo herum. Vom Fuße des Klos glotzt mich ein Hebel an. Der könnte alles mögliche auslösen, denke ich, drücke ihn aber einmal mit dem Fuß durch. Die Klappe im Klo öffnet sich. Durch eine handball-große Fallröhre kann ich die vorbeisausenden Schienen und Steine als graue Masse erkennen, wie ein Pinselstrich durchs Klo hindurch. Leben fern ab der modernen Gesellschaft. Eine Zeitreise. So hatte ich mir das vorgestellt.

Ich genieße die Tage im Zug, wechsle zwischen schlafen, essen, Hörbuch hören, lesen und Netflix gucken hin und her. Meine Akkus lade ich über mein Solarladegerät, das ich tagsüber ans Fenster stelle. Ich schlafe so viel wie noch nie. Es ist schon erstaunlich, wie der Körper innerhalb eines Tages von Iron Man auf Garfield umstellt. Sobald ich das Hörbuch anmache, dauert es zehn Minuten bis ich eingeschlafen bin – ganz gleich zu welcher Tageszeit. Immer wieder muss ich das Hörbuch zurückspulen. Schlafen.

Die Fahrt erinnert mich an unsere Wochenendausflüge mit dem Nachtzug nach Amsterdam und Prag. Was für eine großartige Zeit wir doch hatten. Zwei der schönsten Wochenenden meines Lebens. Das müssen wir wieder machen, Anna, Dana, Isa, David, Daniel. Sobald ich zurück bin. Wien steht, glaube ich, immer noch auf dem Plan, oder?!

Die erste Nacht bin ich allein im Abteil. Am Tag steigt ein junger, schweigsamer Russe dazu. Am zweiten Tag lerne ich Irina kennen. Sie hat das Abteil neben mir. Zunächst bietet sie mir einen Apfel an, dann kommt sie nochmal mit ihrer Teekanne vorbei und deutet mir an, mit zu ihr kommen. Neben Tee gibt es auch Süßigkeiten. Sie spricht kein Wort Englisch, und vielleicht zehn Wörter Deutsch. Trotzdem erfahren wir einiges über einander. Sie ist seit 5 Jahren pensioniert, ist auf dem Weg zu Sohn und Schwiegertochter, und zu ihrer Enkelin in Irkutsk. Eine Tochter habe sie auch. Ihr Vater habe im Kriege gekämpft, war in Dresden. Zwischendurch ruft ihre Schwester an.

Eine dreiköpfige Familie steigt am Abend des zweiten Tags ein. Ich denke, dass es Mongolen sind. Spitze Augen, flache Gesichter. Immer diese Vorurteile! Es ist eine russische Familie, die in Ulan-Ude wieder aussteigt, wo die Menschen fast alle so aussehen. Es steigen ein Brasilianer und zwei Spanier ein. José und José. Den Namen des brasilianischen Jungen könnte ich im Traum nicht wiedergegeben. Der Brasilianer ist seit 4 Monaten unterwegs. Er ist zu Fuß durch Spanien, Portugal und Frankreich gelaufen. Von Ulan Bator will er nach Peking. Dann zurück nach Brasilien. Die zwei Spanier sind in einer kleinen Gruppe unterwegs, insgesamt 2 Wochen. Sie sind durch Russland gereist, wollen nun durch die Mongolei reisen und dann nach Peking. Dann geht es auch für sie wieder zurück.

Wir tauschen uns über unsere Reisen aus, bis wir an der Grenze ankommen. Alle im Abteil erzählen, was sie gehört haben, wie viele Stunden die Grenzkontrollen dauern sollen. Zwischen zwei und zwölf ist alles mit dabei. 110 Minuten dauert es, bis der russische Zoll zufrieden ist, bis wir weiterfahren. 20 Minuten später, nach einer Fahrt durchs Niemandsland, kommen die mongolischen Zöllner in den Zug. Sie verteilen Zettel zum Ausfüllen für die Einreise. 

Während wir die weißen Lücken füllen, kommt bereits die nächste Zöllnerin, die unsere Pässe einsammelt. Weil ich nicht schnell genug war, steht meine Passnummer nicht auf dem Einreiseschein. Ich bin nicht die einzige. Wir füllen weiter die weißen Lücken aus, als die nächste Zöllnerin kommt und die weißen Zettel einsammelt. José versucht zu erklären, er sei noch nicht fertig. Sie reißt ihm den Zettel aus der Hand. Wir geben unsere ab. Ohne Adresse. Ohne Unterschrift. 

Eine Stunde später erhalten wir die Pässe mit Stempel zurück. Nach insgesamt 115 Minuten geht es weiter nach Ulan Bator. Die weißen Zettel liegen wohl immer noch halb ausgefüllt beim Zoll oder vielleicht schon im Müll. Es ist 1 Uhr. Wir versuchen noch ein paar Stunden zu schlafen. Um 5.50 Uhr Ortszeit weckt die Zugbegleiterin alle auf. Einpacken. Aufwachen. Die mongolische Steppe betrachten. Ankommen in Ulan Bator.

José und José und der Brasilianer helfen mir beim Auspacken. Dann holt der Fahrer des Hostels sie ab. Ich stehe auf dem Bahnhof. Mit Taschen und Paket. Jetzt wird es spannend. Ich befreie die Einzelteile von Anton aus dem Paket und fange an. Ein mongolischer Taxifahrer, der auf Reisende wartet, kommt dazu und hilft mir. Flugs haben wir aus 79 Einzelteilen ein Ganzes gemacht. Eine Schraube habe ich verloren, die will ich mir die nächsten Tage in Ulan Bator besorgen.

Der Taxifahrer fragt mich, in welchem Hostel ich bin. Ich erkläre ihm, dass ich gar kein Hostel gebucht habe – ich wusste ja nicht, ob ich jemals in Ulan Bator ankomme und während der Reise mit dem Zug hatte ich kein Internet. Er kennt ein Hostel, sagt er mir und ruft gleich an. Sein Taxi ist groß genug für Anton und mich. Ich überlege, ob ich zu vertrauensvoll bin, weil sein Taxi ein ganz normaler Van ist, aber er liefert mich sicher im Hostel ab und kassiert seinen Lohn. Eine Mongolin bringt mich zu meinem Schlafsaal. Schuhe aus. Es ist eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad. Das große Zimmer ist der Schlafsaal, das kleine Zimmer ist ein Einzelzimmer. 

Ich bin angekommen in Asien, in der Fremde. Ich habe keine Ahnung, was mich hier erwartet, wie ich die Sprachbarrieren überwinde, wo ich schlafe, was ich esse, wie ich in so dünn besiedelten Gebieten wie in der Mongolei immer an genug Trinkwasser komme, wie ich ohne Internet den richtigen Weg finde. Wir werden es herausfinden …

Tag 72 bis 76 | Moskau – Ulan Bator | Transsibirische Eisenbahn

Bilder aus Russland

 

 

 

 

 

 

 

 

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