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Kapitel XXI: Von Ulan Bator zu Chinggis Khan zum Terelj Nationalpark

Ein Franzose begleitet mich aus Ulan Bator hinaus, ein Mongole drückt mir eine Tüte Fleisch in die Hand und ein Holländer lädt mich ein, auf seiner Ger-Farm zu übernachten. Als ich Ulan Bator endlich hinter mir lasse, geht es in jeder Hinsicht bergauf. Das Reisefieber ist zurück.

Bilder aus der Mongolei

Es regnet. Es stürmt. Die Bäume biegen sich, Schilder fliegen durch die Straßen, die Fensterputzer seilen sich übereilt von den Fassaden ab. Die Straßen sind innerhalb von Minuten überflutet, von einem Gehweg zum nächsten geht es nur durch knietiefe Pfützen. Das Wasser läuft durch die Seitentüren in die Autos hinein, über die Türschwellen in die Häuser. Die Gullis scheinen nur Zierde zu sein in Ulan Bator – oder Venedig mitten in der Wüste.

Es ist vorerst der letzte Abend, die letzte Nacht in der Hauptstadt. So richtig habe ich immer noch nicht realisiert, dass mein Handy tatsächlich für immer verloren ist. Ständig versuche ich zurückzuspulen, doch die Zeit lässt sich nicht stoppen, meine Dummheit nicht ungeschehen machen. Ich gehe zurück in Meg’s Guest House, eine Wohnung mit vier Zimmern, zehn Betten, Bad und Küche. Klein, gemütlich, freundlich – und alle sprechen Englisch, eine Seltenheit in dem Land, in dem sich die Hälfte der Bevölkerung in eine einzige Stadt gezwängt hat. Ich packe meine Sachen, gehe ins Bett, sehne den nächsten Morgen herbei.

Durch den dichten Verkehr geht es Richtung Osten. Ich brauche ein, zwei Stunden, um an Autos und Ampeln vorbei- und aus der Stadt herauszukommen. Dicht gedrängt rauschen die Mongolen millimeterweise an mir vorbei. Hupen, drängeln, schneiden. Nach einer Stunde ist meine Lunge von all den Abgasen um ein Jahr gealtert. Ich halte bei KFC, um mir etwas zum Mittag mitzunehmen. Die Fahrt aus der Stadt dauert länger, als ich gedacht hätte und ich bin am Verhungern. Die Straße ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse, ich verliere meine 5-Liter-Wasserflasche. Eine Mongole fährt darüber. Peng. Verzweiflungstränen. Das ist der Gipfel der städtischen Misere. Danach hat Gott wohl Mitleid mit mir…

Auf dem Weg aus der Stadt heraus treffe ich einen französischen Radler, mal wieder mit deutlich weniger Gepäck unterwegs als ich. Habe ich zu viel eingepackt, aber was sollte ich denn auspacken? Wir fahren zusammen die Straße entlang. Nach der inneren Stadt kommen die äußeren Bezirke, der Verkehr ist noch genauso dicht. Der Fahrer eines Kleinlasters mit Ladefläche hält an, will uns mitnehmen, aber ich habe es nicht weit und der Franzose will in die Wüste. Stattdessen gibt uns der Fahrer zu verstehen, wir sollen uns an die Ladefläche hängen. Er zieht uns einige Kilometer mit, bevor wir wieder loslassen.

Kurz vor Nalaich verabschiede ich mich auch von dem Franzosen wieder. Er hat noch drei Tage, bis er an der Grenze sein muss, ich habe noch vier Tage, bevor ich mein Visum für China abholen kann. Ich fahre weiter nach Osten und biege schließlich auf die Straße zum Terelj Nationalpark ab. Es geht bergauf, ich lasse mir Zeit. Am Straßenrand sind Viehherden unterwegs, Yaks, Kühe, Pferde, überall stehen Jurten, mal allein, mal im Verbund. Es geht wieder bergab bis zum Eingang das Nationalparks, die asphaltierte Straße hört plötzlich auf. Stattdessen rolle ich einen Geröllweg hinunter, voller handball-großer Steine, tiefer Löcher und Rillen, wie von einer überdimensionalen Hake gezogen. Am Fuß des Berges beginnt der Apshalt wieder. 

Ich fahre noch ein, zwei Kilometer, biege dann zum Fluss Tuul ab und schlage mein Zelt am Ufer auf. Eigentlich will ich kochen, Nudeln, wie in Norwegen. Doch ich bin viel zu müde. Nach dreieinhalb Wochen ohne Fahrrad, in Hostels und Zügen, mit Magen-Darm-Grippe bin ich zum Super-Schlappi mutiert. 40 Kilometer. Einen Joghurt bekomme ich noch runter, dann lege ich mich hin. 18.47 Uhr. Um 8.02 Uhr wache ich wieder auf. Ups. Ich lasse es auch an diesem Tag ruhig angehen.

Noch bevor ich im Sattel sitze, kommt ein Mongole zu mir, der Rest seiner Familie hockt am Flussufer. Er gibt mir zu verstehen, dass ich mitkommen soll. Ich lade noch den Rest aufs Fahrrad, dann folge ich ihm. Er streckt mir eine Plastiktüte mit Fleisch und Knochen entgegen. Ich zögere kurz. Die Stücke sehen aus, wie die Reste, die ich früher meinen Hunden gegeben habe. Das schreckt mich aber gar nicht davon ab zuzugreifen, auch nicht dass die sieben anderen Mongolen in die gleiche Tüte gegriffen haben. Andere Länder, andere Sitten. Ich mache mir einzig und allein Sorgen um meinen Magen, ob er das schon wieder verträgt. Aber welche Wahl habe ich, abzulehnen wäre ziemlich unhöflich. Ich greife zu, er deutet mir an reinzubeißen, das mache ich. Es schmeckt tatsächlich ziemlich gut, auch wenn es ein Kampf ist, durch die Fettschichten an das Fleisch heranzukommen. Aber mehr Bio geht wahrscheinlich nicht. Ich bedanke mich, sie wollen ein Foto, den Kindern schenke ich eine Packung deutscher Kekse. Weil wir keine Worte austauschen können, tauschen wir sozusagen Essen aus. Dann geht es weiter zu Chinggis Khan.

Die größte Reiterstatue der Welt liegt nicht weit entfernt. Dennoch bin ich totmüde, als ich an dem Denkmal ankomme, das in der Sonne silbern glänzt. Die Ausmaße sind gigantisch, spiegeln den ganzen Stolz wider, den die Mongolen mit ihrem Chinggis verbinden. Die 30 Meter hohe Statue, die auf einem 10 Meter hohem Gebäude steht, zeigt den Eroberer aus dem 13. Jahrhundert auf seinem Pferd mit Gerte und Schwert, wie er über die Weite der Mongolei blickt. In dem Gebäude darunter sind Museum und Restaurant untergebracht, Touristen können sich in traditionelle Kostüme werfen und in einer Jurte fotografieren lassen. Das Museum ist eher ein Witz, aber ein Ausflug zum Kopf des Pferdes von Chinggis lohnt sich allemal.

Als ich wieder unten bin, pruste ich einmal durch. Die Treppen waren nach der kurzen Radtour ziemlich anstrengend. Ja, der Gegenwind ist nicht ohne, aber auch nicht schlimmer als in Finnland, kein Grund, so erschöpft zu sein. Ich fahre in aller Seelenruhe zurück zum Nationalpark, eigentlich schleiche ich zurück zum Nationalpark, wie eine Schnecke – wo ist bloß all die Kraft hin? Als ich kurz anhalte, um etwas zu trinken, und darauf warte, dass ein weißer Geländewagen an mir vorbeifährt, um hinter ihm zurück auf die Straße zu biegen, hält dieser an. How are you doing? Great. Where are you from? Germany. Er wechselt die Sprache. Ah, ich dachte vielleicht Holland. Wo ich hinmöchte? Zum Terelj-Nationalpark. 

Bert, Fahrer des Geländewagens, Einwanderer aus den Niederlanden, und – was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß – Reisetipp im Lonely Planet, erzählt, er habe ein Ger-Camp im Nationalpark und lädt mich ein, dort zu übernachten. Er versucht mir, den Weg zu erklären, aber wir haben beide keine Karte und der Weg zum Camp ist ohne Hilfe einfach nicht zu finden. Er muss an diesem Tag noch nach UB, zwei Reisende, die mit im Auto sitzen, zum Zug bringen. Er fährt erst am nächsten Tag zurück nach Terelj. Deshalb einigen wir uns darauf, dass ich erst einmal Richtung Terelj fahre, der einzigen Straße folge und er mich am nächsten Tag irgendwo einsammelt.

Wir verabschieden uns. Dann fahre ich zurück in den Park – nicht besonders weit, ich bin tatsächlich schon wieder totmüde – und schlage auf einer der Weiden mein Zelt auf. Viehherden ziehen an mir vorbei. An diesem Abend gibt es wieder Nudeln – von Nichts kommt die Kraft ja auch nicht wieder zurück – dann schlafe ich so flugs ein wie am Tag zuvor. Ein aufregender und wunderschöner Tag erwartet mich mit vielen Begegnungen aus der ganzen Welt.

Tag 86 | Ulan Bator – Nalaikh am Tuul | 43 Kilometer | 330 Höhenmeter

Tag 87 | Nalaikh am Tuul – Chinggis Khan Statue – Gorkhi Road | 56,3 Kilometer | 270 Höhenmeter

Bilder aus der Mongolei

 

4 comments on “Zurück in die Wildnis, wo die wahren Abenteuer warten

  1. Ich habe Deinen Blog vor ein paar Tagen entdeckt und die Berichte verschlungen :). Jetzt freue ich mich immer drüber neues von Dir zu lesen. Danke fürs Teilen Deiner vielen Eindrücke.
    Viele Grüße aus Deutschland
    Oliver

    Gefällt 1 Person

  2. Tino Salzwedel sagt:

    Mir geht es ähnlich wie Oliver über mir.
    Durch deine Bericht in den LN dachte ich mir such mal nach ihr 🙂
    Geniale Fotos und Berichte.
    Radreisen mag ich auch, allerdings war meine längste Tour 2 Wochen statt 2 Jahre.
    Und dann fahre ich auch lieber in der Wärme und ohne Regen. Dieses Jahr Barcelona – Freiburg (und dann faul per Zug nach Lübeck).

    Was mich interessieren würde:
    Die Rohloff-Schaltung läuft gut ?
    Welches Solarladegerät hast du und funktioniert dies zufriedenstellend – auch wenn man mit Handy reißt ? 😉
    Powerbank zurückgeschickt ? Ich fahre bisher immer mit 1-2 Powerbanks.

    LG aus Lübeck
    Gruß Tino

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    1. luisarische sagt:

      Moin Tino, bisher läuft die Rohloff-Schaltung top – auch nachdem ich sie einmal auseinander- und wieder zusammengebaut habe 😉

      Als Solarladegerät habe ich das x-Dragon 14W 2-Port USB, das kann ich absolut empfehlen (https://www.amazon.de/dp/B014PCJUDQ/?tag=vgltst-21)

      Eine Powerbank habe ich zurückgeschickt, weil sie nicht funktionierte, aber dafür eine neue gekauft und habe auch noch eine Solarpowerbank von InnooTech. Die läuft eher nicht so gut, was aber wohl an dem individuelle Gerät liegt, die sollen eigentlich ziemlich gut sein.

      Früher bin ich auch nur 2,3 Wochen unterwegs gewesen – und danach bestimmt wieder. Also falls du mal Tipps für Fahrradrouten brauchst, sag‘ einfach Bescheid – auch für wärmere Gegenden 🙈

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      1. Tino Salzwedel sagt:

        Ich werde morgen oder übermorgen zu Räderwerk in HL fahren und ein Fahrrad probefahren …. Aktuell fahre ich ein 28″ Rad und anscheinend sollen ja 26″ Räder Tourenräder besser sein. Ich habe da so viele Überlegungen ….. 26″ oder 28″ / Bremse: Scheibe oder Hydraulikfelge / Reifendicke / Federung ja nein nur vorne oder beides / Rohloff oder Kettenschaltung
        Ich weiß nur: Kein E-Bike 🙂 und Schläuche mit Autoventil

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