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Kapitel XXIII: Von Ulan Bator nach Tschoir

Mit dem Visum im Gepäck verlasse ich Ulan Bator endgültig und breche auf zur Gobi. Es ist befreiend, endlich wieder voranzukommen. Während ich Kilometer um Kilometer radle, sind die Nächte jedoch alles andere als entspannt. Meine persönliche Horrornacht in Dänemark war ein Träumchen dagegen.

Bilder aus der Mongolei

Ich vermisse Europa. Nicht, weil ich Heimweh hätte. In Europa jedoch bedeutet die Organisation einer Reise: auf das Fahrrad setzen und losfahren. Alles andere ergibt sich. In Asien nehmen Planung, Organisation und Grenzüberquerungen mehr Zeit in Anspruch als das Radfahren. Zugegeben, beim zweiten Mal würde ich das alles doppelt so schnell auf die Reihe bekommen, aber es ist eben das erste Mal. Visa, Wetter, Unterkünfte, Wildzelten, Internet, Routen, Straßen. Asien ist nicht Europa – ich hatte es ja schon mal gesagt, aber ich muss es noch einmal betonen: Es geht verdammt viel Zeit dabei drauf!

Die letzten zwei Tage in Ulan Bator lasse ich es mir in der Bäckerei Tous les Jours gutgehen. Die Stadt, in der es wirklich nicht so viel zu entdecken gibt, kenne ich schließlich schon. Ich muss eben nur noch einiges organisieren und schreiben und das Tous les Jours bietet das beste Gebäck, das es in Ulan Bator und in der gesamten Mongolei gibt – was allerdings keine große Kunst ist, denn Brot und Brötchen kommen dem verwöhnten deutschen Gaumen im Land der Viehzüchter und Fleischfresser eher einem Unfall gleich: trocken wie Sand, weich wie Gummi, geschmacklos wie Knäckebrot.

Ene mene muh und raus bist du… 

Aber zurück zu diesem Planungsgedöns: Ich würde gern über China nach Tibet nach Nepal nach Idien fahren, um dort Susu zu besuchen. Da Tibet ein heikles Thema ist, habe ich einen Reiseexperten angeschrieben, der in Tibet lebt. Um nach Tibet zu kommen, bräuchte ich folgendes, antwortet er mir: „All foreign travelers going to Tibet MUST be part of an organized tour for the entire time they are in Tibet. This includes inside the capital city of Lhasa. There are no exceptions. The organized tour must include travel permits, a tour guide, a private vehicle, a driver and an official travel itinerary.“ 

Um Tibet nach Nepal wieder zu verlassen, muss ich zudem in den Flieger steigen, denn der Grenzpass ist aufgrund der schweren Verwüstungen durch das Erdbeben vor 2 Jahren immer noch geschlossen. Drittens: Ich komme nicht vor November in Tibet an – und wer will schon den Winter auf dem Dach der Welt verbringen, mit Zelt und Fahrrad? Ich entscheide mich also, Tibet erst einmal ruhen zu lassen und irgendwann in Zukunft noch einmal hervorzukramen, denn das Dach der Welt will ich auf jeden Fall mit dem Fahrrad erklimmen. Stattdessen landet übrigens Japan auf meiner Karte.

Ich verlasse Ulan Bator endgültig am 17. August. Bevor ich mich auf den Weg zur Gobi mache, muss ich noch einen Stop beim Fahrradladen einlegen. Wie ich es schon zuvor in einem Blog geschrieben hatte, ist es einfach unmöglich, seine sieben Sachen immer zusammenzuhalten. Obwohl sich die Taschenlampe tatsächlich immer noch in meinem Besitz befindet – whoopwhoop -, ist mein Schloss auf einmal verschwunden. Ich schätze, dass ich es auf einer der Viehweiden im Nationalpark liegen gelassen habe. Mein Geschirrtuch lasse ich übrigens im Hostel in UB liegen, was mir allerdings erst im nächsten Supermarkt auffällt. Vollpfosten! Aber in der Wüste gibt es sowieso nichts, was ich abtrocknen könnte.

Dann sitze ich wieder im Sattel. Über eine Straße im Süden – nicht quer durch die Stadt wie zuletzt – fahre ich nach Nalaich. Letzte Einkäufe tätigen: Wasser, Nutella, Joghurt, Brot. Weiter geht’s. Weil der Typ vom Fahrradladen die Enden der Schlosshalterung so ungünstig angeschnitten hat, komme ich ständig mit den Oberschenkeln dagegen und scheuere alles auf. Ich lege noch einmal selbst Hand an. Leatherman. Rutsche ab und zack: die Kuppe vom unteren Knöchel des Mittelfingers weg. Also fast – es sieht ungefähr so aus wie beim kopflosen Nick. Scheiße. Denke ich. Worüber ich mir sonst nie Gedanken gemacht habe, da blubbert es auf einmal in meinen Kopf: Wüste, Entzündung, Blutvergiftung. Ah! Pflaster drauf und weiter.

Auf dem Weg treffe ich tatsächlich ein weiteres Mal auf Bert, der schon wieder Touriführer spielt und diesmal mit einer 7-köpfigen Gruppe unterwegs ist. Er fragt mich ein weiteres Mal, ob ich genug Wasser dabei hätte. Klaro. 10 Liter – Wasser wird allerdings mein geringstes Problem sein. Dann trennen wir uns erneut – bis zum nächsten Mal, irgendwann. 30 Kilometer weiter schlage ich zwischen einigen Hügeln mein Zelt auf. Ich versuche, eine möglichst ebene Stelle zum Schlafen zu finden. Gelingt. Abendbrot. Gewitter. Schlafen.

Um 1.10 Uhr fängt es an zu regnen. Und in was für Sturzbächen das Wasser hinunterkommt! Es donnert und blitzt. Ich habe – wirklich, ehrlich – eine Scheißangst, geröstet zu werden. Das ganze Zelt wummert vom Schlagen meines Herzens. Immerhin schlägt es. Irgendwann knipse ich die Taschenlampe an und sehe, dass es unter meinem Zelt schwimmt. Ach, du meine Güte! Ich liege sozusagen auf einem Wasserbett. Wenn der Hang jetzt herunterkommt… Ich schaue aus der Vordertür. Ja, die Schuhe stehen ziemlich tief im Wasser. Aber es geht noch. Kein Grund zur Panik. Dann schaue ich aus der Hintertür. Ich öffne den Reißverschluss und eine Handvoll des Dreckwassers fließt hinein. Ach, du Scheiße!

Ich verlasse das Zelt und – ihr glaubt es nicht! – Trottelich hat das Zelt tatsächlich in die Abflussrinne der umliegenden Hügel gestellt. Mein Zelt wirkt wie eine Staumauer in dem tiefschwarzen, reißenden Flüsschen, das der Schwerkraft nach unten folgt. Um mich herum schießen die Blitze senkrecht in den Boden. Ich will leben, bitte, lass mich leben. Hilft alles nichts. Mitten in der Nacht, mitten in Sturm, mitten im Gewitter stelle ich das gesamte Zelt einmal um. Irgendwohin. Mir ist mittlerweile egal, wie schief ich liege. Klitschnass zurück ins Trockene, Sachen wechseln, zurück in den Schlafsack, Hörbuch an. Ablenken. Es regnet bis 8 Uhr. Ich lebe.

Nach so einer Nacht ist die Erleichterung umso größer, wieder im Sattel zu sitzen. Es geht weiter Richtung Wüste. Die Hügel verschwinden langsam, das Land wird flacher. Am Straßenrand liegt nicht mehr ganz so viel Müll wie rund um UB, dafür sind immer wieder geplatzte Reifen und tote Tiere zu sehen. In allen möglichen Verwesungsstadien. Vom Fell bis zum Knochen. Mit Rückenwind fliege ich durch den Tag und suche mir frühzeitig ein Nest zum Campieren. Die letzte Nacht steckt noch so in den Knochen, dass ich kaum schlafe. Ich mache mir sogar Gedanken, ob mein Zelt dem starken Wind gewachsen ist – Gedanken, an die ich in Skandinavien nicht eine Sekunden verschwendet habe.

Der nächste Morgen kommt. Gegenwind. Ich komme nicht weit. Viel zu anstrengend. Kopfschmerzen. Nach einer langen Mittagspause suche ich mir wenig später einen Zeltplatz – und am nächsten Morgen passiert das, was ich all die Zeit befürchtet hatte. In der Mongolei kann der Wildcamper eigentlich überall zelten. Bloß: Die Viehherden können auch überall grasen. Obwohl sich die Mongolen im Land tatsächlich Zäune und Mauern um ihre Jurten und Häuser gebaut haben – was völlig absurd aussieht vor der ewigen Weite der Mongolei -, gibt es für das Vieh keine Grenzen.

Ich bin gerade am Frühstücken, als mein Zelt die Wege einer Ochsenherde kreuzt. Es grunzt. Ich stecke meinen Kopf aus dem Zelt und ziehe ihn gleich wieder zurück. Ein Dutzend Ochsen mit riesigen Hörnern kommt auf mich zu. Im Galopp. Neugierig beschnuppern sie Zelt, Schuhe und Fahrrad. Recken ihre Nasen gegen das Mückennetz, stoßen ihre Hörner gegen den zarten Stoff des Zeltes, hinter dem ich hocke, kauere, Atmung im Stillstand. Todesangst. Bilder von Pamplona, Stieren, roten Tüchern, aufgespießten Toreros laufen vor meinem inneren Auge ab. 

Ich wünschte mir, sie mögen endlich wieder gehen. Einige Minuten später verlieren sie dann das Interesse. Ich packe schnell zusammen, baue mein Zelt hockend ab, befestige alles am Fahrrad und erstarre jedes Mal zu Salzsäule, wenn der schwarze Chef-Bulle, 100 Meter entfernt, sein Haupt hebt. Ich entferne mich erst einmal zu Fuß im 90-Grad-Winkel von der Herde. Als ich weit genug weg bin, geht es im großen Bogen zurück zur Straße. Durchatmen.

Das war ganz schön viel Abenteuer in 3 Nächten, denke ich, als der Fahrer eines Lastkraftwagens hinter mir hupt. Immer und immer wieder. Was will er denn, frage ich mich und drehe mich um.

Tag 92 bis 93 | Ulan Bator

Tag 94 | Ulan Bator – Zamiin-Uud (1) | 63,6 Kilometer | 610 Höhenmeter

Tag 95 | Ulan Bator – Zamiin-Uud (2) | 66 Kilometer | 277 Höhenmeter

Tag 96 | Ulan Bator – Zamiin-Uud (3) | 60,5 Kilometer | 234 Höhenmeter

 

Bilder aus der Mongolei

 

One comment on “Von reißenden Flüsschen und galoppierenden Ochsen: abenteuerliche Nächte

  1. gabiwinck sagt:

    Hochachtung vor deinem Mut!!!

    Gefällt mir

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