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Kapitel XXIV: Von Tschoir nach Erenhot 

Ich lasse die Mongolei schneller hinter mir, als geplant, weil eine mongolische Familie mich mit Gastfreundschaft überschüttet. Bevor ich allerdings einen Fuß in China setze, steht mir noch der Horror eines jeden Reisenden, der Super-Horror eines jeden Radreisenden bevor: die Grenze. 

Bilder aus der Mongolei

Tschoir, Mongolei. Aimag-Zentrum. 7800 Einwohner. Die Sonne hat ihren höchsten Stand an diesem Tag erreicht, ein Flimmern zieht sich quer über den Horizont. Nachdem ich reißende Bergflüsschen und rennende Kühe überlebt hatte, war ich gerade dabei, mich  umzublicken, um herauszufinden, was es mit dem penetranten Hupen auf der sonst freien Straße auf sich hat. Wurzel der Ruhestörung ist ein algengrüner Lastenzug, der mir auf dem Hinterrad sitzt – einer von der Sorte, an dem mehr Rost als Farbe ist, der schwarze Giftwolken ausstößt, an jedem Gelenk wild klappert und dessen Tacho nur mit viel Widerwillen 50 Kilometer die Stunde anzeigt. Fahr‘ doch vorbei, denke ich leicht genervt.

Der Fahrer fuchtelt mit den Armen. Ich nehme an, dass ich anhalten soll. Mache ich. Zwei Kinder luken aus dem Fenster. Ah, schon klar, die 2 sind neugierig und Papa hält für sie an, damit sie schauen und winken können. Wäre nicht das erste Mal; ist in den vergangenen Tagen tatsächlich mehrmals vorgekommen. Doch Papa gibt mir mit Gesten zu verstehen, dass ich mitfahren kann. Nach den vergangenen abenteuerlichen Nächten, einer sehr engen Straße und Mongolen, die mich wie eine Verrückte beäugen würden, wenn ich denen etwas von Fahrerlaubnis und TÜV erzählen würde, kann ich mein Glück kaum fassen.

Wir packen Fahrrad und Gepäck auf den ersten Anhänger, ich lande auf dem Beifahrersitz, die Kinder auf der Rückbank, die auch als Bett dient, darüber hängt ein zweites Bett. Die Tür ist mit einem Seil befestigt. Damit sie schließt, ist wirklich viel Kraft nötig, mehr als ich aufbringe, weil ich Angst habe, die Tür noch weiter kaputt zu machen – als ob man da noch irgendwas kaputt machen könnte… Der Motor rebelliert lautstark, als er wieder gezündet wird, die Kupplung kracht und poltert. Dann geht es ruckelnd los. 

Baktar versteht vielleicht 2 Wörter Englisch, sein ältester Sohn eine Handvoll mehr, doch als der Fernfahrer sagt „Ulan Bator, China“ und den rechten Arm vor und zurück bewegt, ist ein Missverständnis unmöglich. Er nimmt mich mit bis zur Grenze, keine Viehherden mehr in meinem Zelt. Erleichterung. Ich strahle aus dem Beifahrerfenster hinaus, beobachte mich im Außenspiegel. Der Wind peitscht über den trockenen Sand, Gräser biegen sich unter Sturmböen.

Baktar bietet mir Wurst, Cola und Eistee an. Ich solle mich bedienen. Während ich versuche, nichts zu verschütten und zu schlucken, ohne mich zu verschlucken, knattern wir über die löchrige Straße. Die Kinder spielen, raufen auf der Rückbank. Munkh Orgil und Munkh Suld. Munkh Orgil fehlt der rechte Arm, doch er spielt und bewegt sich ganz selbstverständlich – so selbstverständlich, dass ich später immer wieder vergesse, dass er nur einen Arm hat. Baktar hält mir sein Handy hin und gibt mir zu verstehen, ich solle ihn bei Facebook hinzufügen. Dann zeigt er mir das Profil von einem weiteren Radreisenden, den er vor kurzem ebenfalls mitgenommen hat und der am 13. August die Grenze überquert hat. 

Am Nachmittag halten wir an einem kleinen Restaurant am Straßenrand. Die gibt es überall entlang der Straße, doch weil ich mich nicht verständigen kann, bin ich nie in eines hineingegangen. Es gibt übrigens auch immer mal wieder Minimärkte und Jurten, die Wasser und wenige Lebensmittel verkaufen, falls jemand mal plant, mit dem Fahrrad durch die Mongolei zu fahren… Im Restaurant gibt es Fleisch in Teigtaschen. Erst kommt ein Teller mit 6 gefüllten Taschen an unseren Tisch getragen, dann kommt der zweite und der dritte. Ich bin eigentlich nach einer Teigtasche satt, doch Baktar hält mir immer wieder eine neue hin. Na gut… ich esse… ich puste… der Schweiß läuft mir über die Stirn. Anschließend noch zum Loch, dann geht es weiter.

Die Sonne ist schon untergegangen, als wir in Zamiin-Uud, der Grenzstadt, ankommen. Hier endet die Fahrt. Doch auf uns wartet schon Baktars Frau, die Mutter von Munkh Orgil und Munkh Suld. Mein Gepäck kommt in ein Auto, dass mehrere Versuche benötigt, um anzuspringen. Baktar nimmt das Fahrrad, weil ich natürlich den Weg nicht kenne. Die Jurte der Familie Munkhbaatar ist nicht größer als die Manege eines Zirkus‘, ein Bücherregal, drei Schränke, ein Fernseher, eine Kochplatte, eine mobile Waschmaschine und ein Bett, in dem ich diese Nacht schlafen soll.

Wir essen gemeinsam Abendbrot. Es gibt mal wieder Fleisch mit Reis, Salat und Brot, welches ich heimlich wieder zurücklege, weil ich echt nichts mehr herunterkriege, sowie mongolischen Tee, der mich an verdünnte heiße Milch erinnert. Dann taucht der Bruder von Baktar auf. Er spricht ziemlich gut Englisch, fährt gern Fahrrad, nimmt meines erst einmal unter die Lupe und fragt nach dem Preis. Ich fühle mich leicht unwohl, als ich den Preis nenne. Das muss für diese Menschen verdammt viel Geld sein, denke ich. Dann erzählt er mir, dass er an der Grenze arbeite und mir beim Grenzübergang helfen könne. 

Bevor ich mich ins Bett lege, blicke ich noch einmal in den Nachthimmel der Wüste, der so viel heller, so viel sternenreicher, so viel  spektakulärer ist als der europäische Nachthimmel. Eine Sternschnuppe. Ein Wunsch. Psst.

Zum Frühstück gibt es Nudelsuppe. Zumindest für Baktar. Er löffelt, schlingt die Suppe in sich hinein. Ich befürchte schon, dass ich auch Instantbrühe zum Frühstück bekomme. Nicht dass ich mich beschweren würde, aber Joghurt oder Marmeladen-Brötchen sind um 9 Uhr eher mein Ding. Ich habe Glück. Baktars Frau hat kleine süße Brötchen besorgt, die mit Butter und Zucker bestrichen sind. Schon besser. Baktar verlässt uns anschließend. Ich fahre mit den Kindern und der Mutter zu ihrem Restaurant. Dort gibt es dann richtiges Essen. Brühe mit Nudeln und Fleisch, selbst gekocht, nicht instant. Nach der halben Schüssel bin ich so satt, dass mein Magen die Segel streicht. Ich esse trotzdem alles auf, Frühsport für den Magen, der ist ja dehnbar und es schmeckt super.

Dann geht es weiter. Zurück in den Wagen, der sich immer wieder weigert anzuspringen. Munkh Orgil fährt das Fahrrad, weil es viel zu kompliziert wäre, mir mit Gesten den Weg zu erklären. Die Familie bringt mich bis zur Grenze und macht auch noch einen Wagen für mich klar, der mich zur mongolischen Grenzkontrolle bringt, denn mit dem Fahrrad kann ich das Niemandsland nicht überqueren. Jetzt beginnt der Horror eines jeden Reisenden, der Superhorror eines jeden Radreisenden: der Grenzübertritt. Ich kann vorwegnehmen: Es wird nicht so schlimm, wie ich es erwartet hätte oder im Internet gelesen habe.

Mit einem Jeep und vier anderen Reisenden fahren wir zum mongolischen Grenzübergang. Dort springen alle aus dem Wagen heraus und laufen in ein Gebäude. Ich laufe erst einmal hinterher, werde aber wieder hinausgeschickt. Als zwei Beamte mich gerade wieder hineinschicken wollen, kommt mir Baktars Bruder entgegen. Wir gehen wieder hinein. Das Gepäck läuft durch die Scanner, dann die Passkontrolle. Draußen benötige ich wieder eine Mitfahrgelegenheit. Baktars Bruder organisiert mir eine, was gar nicht so leicht ist. Denn die Fahrer wollen 20000 Tugrig. Ich habe aber nur noch 13000 irgendwas dabei.

Aller guten Dinge sind 3. Wir finden einen Fahrer, ich verabschiede mich, dann geht es zur chinesischen Grenze. Das gleiche Prozedere: auspacken, scannen, Passkontrolle. Außerdem muss ich noch eine Travelcard ausfüllen. Dann ist es geschafft, denke ich. Ich setze mich auf Anton und fahre los, nur um auf 500 Meter weiter auf die nächste Passkontrolle zu stoßen, die ich ebenfalls nicht mit dem Fahrrad überqueren darf. Der Zollbeamte stoppt einen Wagen, der mich mitnehmen muss. Also alles wieder ins Auto. Das Gute: Ich muss nichts zahlen. Ich habe auch gar nichts mehr. Dann bin ich in China. Erenhot. Mal wieder völlig ohne Plan.

 

Tag 97 | Ulan Bator – Zamiin-Uud (4) | 55,3 Kilometer / Mitfahrgelegenheit bis Zamiin-Uud| 174 Höhenmeter

Tag 98 | Zamiin-Uud – Erenhot | Grenzüberquerung

 

Bilder aus der Mongolei

 

One comment on “450 Kilometer durch Gobi: Road Trip mit einer mongolischen Familie

  1. Toll geschrieben! 👍

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