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Kapitel XXV: Von Erenhot nach Xianghuangqi

„Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.“ – Konfuzius, chinesischer Philosoph und Lehrmeister, 551 bis 479 v. Chr.

Bilder aus China | Erenhot – Peking

Ungewissheit macht mich fahrig. Auf so einer Reise ist jeder Tag ungewiss, ist jeder Tag ein Abenteuer, ist jeder Tag die Suche nach einem Schlafplatz, ist jeder Tag das Streben nach Sicherheit, während ich auf meinem Fahrrad und in meinem Zelt völlig schutzlos Natur und Mensch ausgeliefert bin. Diese Ungewissheit treibt mich im fremden Asien immer mal wieder in den Wahnsinn. Dann denke ich an meine Freunde und male mir vor meinem geistigen Auge aus, wie ich sie alle in die Arme schließe und nicht mehr loslasse. Dann lache ich laut und denke nicht weiter darüber nach. Das Geheimnis ist, es ab und zu zuzulassen, das quälende Gefühl der Ungewissheit, um nicht leichtsinnig zu werden, und sonst nicht darüber nachzudenken. Ich konzentriere mich auf die Dinge, die ich beeinflussen kann. Blindes Vertrauen in fremde Menschen ist dabei immer wieder nötig.

Das Gefühl der Ungewissheit drückt nach der Überquerung der mongolisch-chinesischen Grenze mal wieder auf den Panikknopf. Ich lasse es 5 Sekunden zu, dann analysiere ich meine Situation wie ein Matheproblem. Ich bin in Erenhot. China. Ich habe kein Internet, ich habe kein Geld, ich kenne den Wechselkurs nicht, ich habe keine Orientierung, keine Übernachtung, keinen Plan. Die Menschen starren mich an, als ob Brad Pitt persönlich in Erenhot gelandet wäre. Keine Seele spricht auch nur eine Silbe Englisch. Die nächste Stadt liegt 120 Kilometer entfernt. Dazwischen bläst der Wind den Sand der Wüste über die ewige Weite. Es ist 11.36 Uhr. Durchatmen. Ankommen. Planen. Einen Schritt nach dem anderen.

Ich bin in Erenhot. Erlianhaote. Erlian. Die Stadt hat viele Namen und ist ganz anders als sein Pendant Zamiin-Udd. Die Straßen sind zu achtspurigen Boulevards mit einem grünen Mittelstreifen ausgebaut. Die Gehwege sind frisch gepflastert, blank poliert. Grüne Parks sprießen inmitten der Wüste, Wasser plätschert aus Springbrunnen. Das Plätschern ist nur zu erahnen, es ist so laut: alles hupt, alles schreit, blecherne Mikrofonstimmen hallen zwischen den Häuserwänden wider. Reklametafeln entlang der Straßen leuchten bei Tag und bei Nacht. Ein Passant hebt eine leere Plastikverpackung auf, wirft sie in den nächsten Mülleimer. Wo bin ich denn hier gelandet?

Der Schein trügt. Ein Blick hinter die Fassaden zeigt, dass Erenhot einst so aussah wie Zamiin-Uud; Gassen und Hinterhöfe fern ab der glitzernden Hauptstraße sehen immer noch so aus. Müll, Fäkalien, Dreck, bröckelnde Hauswände. In diesen Gassen räumt niemand den Müll weg, in diesen Gassen fegt niemand den Sand weg, den der Wind aus der Wüste tagein, tagaus in die Grenzstadt trägt. Dutzende Neubauten, blanke Glasfassaden, moderne Ampeln und entstehende Hochhäuser können dieses Bild nicht trügen. China will. China will Quantität. China will keine Qualität. Der Schein genügt einem Land, das sich in den vergangenen 20 Jahren auf der Überholspur zum Weltspieler entwickelt hat.

Ich mache mich auf die Suche nach Wifi. Das gibt es überall. Nicht alle Netze sind offen, nicht alle offenen Netze akzeptiert mein Tablet. Doch ich werde fündig. Die Planung kann beginnen. Ich nutze Bing statt Google und entscheide mich, in Erenhot zu bleiben. Die Übernachtung im Hotel kostet mich weniger als eine Übernachtung auf einem Zeltplatz in Skandinavien. Privatsphäre. Zum ersten Mal, seit ich Deutschland verlassen habe. Doch ohne Google, Facebook, Instagram und YouTube, ohne Telegram und WhatsApp, die mit meinem gestohlenen Handy verschwunden sind, bringt das Ganze wenig Spaß. Nur Wire ist mir geblieben. Immerhin.

China, Tag 2. Es passiert am helllichten Tag. Ich werde gekidnappt, entführt. Sack über den Kopf und weg. Quatsch, ich übertreibe mal wieder völlig 😝. Es sind drei Hotelangestellte, die mich sanft an den Schultern packen und dauer-kichernd ins nächste Hotelzimmer schieben, das sie gerade reinigen. Dort holen sie ihre Handys aus den Taschen, posieren um mich herum und knipsen: mich und uns und mich. Dann lassen sie mich wieder gehen. Ich packe Anton und zuckle los. Acht Spuren. Zwei Radspuren. War das gerade ein Auto oder doch nur ein Traum? China. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Schein und Sein.

Als die Stadt aufhört, die Hochhäuser im Nichts verschwinden, beginnt die Wüste. Nahtlos. Am Straßenrand stehen grün bemalte Dinosaurier. Zwei Langhälse – Littlefoot lässt grüßen – bilden das Tor nach draußen oder nach drinnen. Jurten zieren weiterhin den Straßenrand, Pferde und Kamele schlurfen über den trockenen Wüstensand. Zwei Radfahrer kommen mir kurz hinter Erenhot entgegen. Es bleiben die zwei einzigen Radreisenden, die ich in China – zumindest bis Shanghai – sehe. Ich will an diesem Tag in Sonid Youqi ankommen, und wieder im Hotel übernachten. Die abentuerlichen Nächte in der Mongolei stecken mir noch in den Knochen – und so ein abgeschlossener Raum ist schon was Feines, aber ich komme nicht in Sonid Youqi an.

Aus dem zunächst lauen Lüftchen entwickelt sich ein handfester Sturm. Zwischendurch geht nichts mehr. Ich halte an einer Raststätte und werde gleich wieder belagert. Ich versuche, einem der neugierigen Chinesen zu erklären, wo ich hin will, in der Hoffnung, dass er mich mitnimmt. Er lädt mich zu einer Nudelsuppe ein. Immerhin. Dann trete ich wieder in die Pedale. Am späten Nachmittag lässt der Sturm nach. Doch es ist zu spät. 11 Kilometer vor der Stadt hat sich die Sonne hinterm Horizont verabschiedet. Im Dunkeln will ich nicht fahren. Ich schlafe am Straßenrand, weil auf der gesamten Strecke ein Zaun den Ausflug in die Wüste verhindert. Als die Sonne um 5.20 Uhr aufgeht, fahre ich weiter. Nach Sonid Youqi. Die Stadt ist bereits auf den Beinen. Auf einem Vorplatz betreiben 100 Chinesen zusammen Gymnastik zu lauter Musik, deren Echo durch Straßen und Gassen hallt. Ich ziehe alle Blicke auf mich. Sie starren. Ungeniert. Wo bin ich hier bloß gelandet?

Rückenwind. Ich fliege durch die Innere Mongolei und erreiche an diesem Tag mein Ziel. Xianghuangqi. Nur das mit dem Hotel will einfach nicht klappen. Im ersten Hotel trage ich bereits meine Taschen ins Zimmer, als sie mich doch wieder fortschicken. Die anderen Hotels finde ich erst gar nicht, einige nehmen nur Chinesen auf, viele Angestellte verstehen nicht, was ich von ihnen will. Das größte Hotel hat kein freies Zimmer mehr. Zeitverschwendung. Zurück ins Zelt. 

Bevor ich jedoch die Stadt, die mit der gleichen Schablone, die sie für Erenhot und Sonid Youqi nutzten, ins Nichts gestampft wurde, wieder verlasse, kaufe ich noch Wasser und Lebensmittel ein. Während ich mich im Geschäft durch Instant-Nudeln und Trockenfleisch zu Joghurt und Obst durchwühle, versammelt sich gefühlt die halbe Stadt um mein Fahrrad. Alle reden auf mich ein, als ich hinauskomme. Ich wiederhole, dass ich kein Chinesisch spreche und verdrücke mich so schnell ich kann. Die Sonne ist fast untergegangen. Da mir nicht viel Zeit zum Suchen bleibt, schlafe ich erneut am Straßenrand. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend. Schlaflos in China. Wo bin ich hier bloß gelandet?

Tag 98 | Zamiin-Uud – Erenhot | Grenzüberquerung

Tag 99 | Erenhot – Sonid Youqi | 123 Kilometer | 260 Höhenmeter

Tag 100 | Sonid Youqi – Xianghuangqi | 121 Kilometer | 510 Höhenmeter

Bilder aus China | Erenhot – Peking

 

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