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Kapitel XXVI: Von Xianghuangqi nach Xuanhua

Das Reise-Erlebnis bleibt auf der Strecke, während ich in einem fremden Land, in dem niemand Englisch spricht, mit der Suche nach Schlafplätzen beschäftigt bin. Beim Couchsurfen jedoch lerne ich nicht nur die Menschen, sondern auch die chinesische Küche kennen.

Bilder aus China | Erenhot – Peking

5.30 Uhr. Irgendwo im Nirgendwo am Straßenrand. Aufstehen. Packen. Losfahren. Ich bin mittlerweile im Gebirge angekommen, die Wüste liegt hinter mir, Windparks vor mir. Aus den Viehzüchtern sind Ackerbauern geworden. Felder statt Pferde. Mais statt Milch. Die Zäune am Straßenrand sind Bäumen gewichen. Gepflanzt in Reih und Glied – wie sich das gehört. Die mit einem Lineal gezogenen Baumreihen erinnern mich an die Städte: gepflanzt, künstlich hochgezüchtet, charakterlos. Die Straßen sind so symmetrisch, dass ich mich nicht verirren kann.

Die Grenze zwischen der Inneren Mongolei und Hebei liegt vor mir, die Grenze zwischen einer ländlich und einer industriell geprägten Provinz. Auf dem Weg zwischen den Städten kommen mir nicht nur motorisierte Dreiräder mit abenteuerlich überladener Ladefläche entgegen, sondern auch Esel, die bergeweise Kohl transportieren. Die Haut der Menschen ist wettergegerbt, die Gesichter der Frauen hinter Tüchern versteckt, nur die Augen verfolgen mich störrisch durch einen Boomerang-großen Schlitz. Die Dörfer am Straßenrand sind teils so leer wie die Neubauten der Städte. Immer mehr Menschen verlassen das Land – und doch sollen immer noch 60 Prozent in der Landwirtschaft tätig sein. Viele wollen ihre Wurzeln nicht verlassen, das kalte Haus gegen eine kalte Wohnung im Hochhäuserblock eintauschen.

Ich schlafe in dieser Nacht in einem Wald, der nicht größer ist als ein Fußballfeld. Zwischen Reih und Glied tanze ich aus der Reihe. Der Straßenlärm erstickt zwischen Ästen und Blättern. Als zwei Bauern ganz in der Nähe mit ihren Zwerg-Traktoren vorbeiknattern, verstecke ich mich. Ich weiß nicht, ob sie mich sehen. Ich weiß nicht, ob das einen Unterschied macht. Es ist erlaubt, sein Zelt am Wegesrand aufzuschlagen. Aufgrund der kommunikativen Schwierigkeiten allerdings, will ich es lieber vermeiden, Einheimischen beim Wildzelten zu begegnen.

Am nächsten Tag steht mir ein kurzer Ritt bevor. In Zhangbei habe ich eine Unterkunft in einer Jurte gebucht. Was ich nicht weiß, ist, dass diese Region ein beliebtes Ausflugsziel der Chinesen ist. Nach 300 Kilometern bin ich einigermaßen verblüfft,  freizeitliches Leben zu entdecken: Vergnügungspark mit Achterbahn, Ausritte mit Pferden und Kamelen, Rennen mit Quads, Schießanlagen für Pfeil und Bogen, Glücksspiel, ein Dutzend Jurtendörfer. Während ich durch das Feriengebiet fahre, erinnere mich an ereignisreiche und magenunverträgliche Ausflüge in den Heide-Park. Meine Jurte kann ich derweil nicht finden. Doch ich kann mich darauf verlassen, dass jemand neugierig genug ist, mich aufzuhalten. Ich zeige dem chinesischen Rollerfahrer meine Buchung, dann bringt er mich  direkt vor die Tür des Jurtendorfs. Bilder. Videos. Mehr Bilder. Schließlich darf ich hinein in meine Jurte, auf mein Bett, ausspannen, schlafen.

Um 7 Uhr geht es weiter. Ich habe es eilig. Nicht weil ich es wirklich eilig hätte, eher weil ich mich im Norden Chinas unwohl fühle. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich mich in einem fremden Land tatsächlich fremd fühle. Die Menschen, die Straßen, die Städte, die Nächte. Der Norden Chinas liegt nicht auf meiner Wellenlänge oder ich nicht auf seiner. Auf dem Fahrrad treibt mich meistens der Gedanke um, ob und was für einen Schlafplatz ich am Abend finde, bevor die Sonne untergeht. Sobald die Sonne aufgeht, bin ich schon wieder am Packen, weil ich, wie gesagt, jegliche Begegnungen während des Wildzeltens meiden möchte. Während es jedoch auf der Straße bergab geht, geht es auf meiner Reise durch das Land der großen Internetmauer schleichend bergauf.

Mein Ziel ist Xuanhua und ein Bett in der Wohnung eines Couchsurfing-Gastgebers. Die Fahrt ist ungewohnt entspannt, weil ich mir eben keine Gedanken um meinen Schlafplatz machen muss. Ich fahre durch Zhangbei bis zum Grassland. Die Heaven Road führt mich zu einer 1300-Meter-Abfahrt. Es ist Samstag, das letzte Wochenende der Sommerferien und Tausende Touristen haben sich im Grassland eingefunden. Kein Problem. Mit dem Fahrrad zirkle ich an allen Staus vorbei. Die Aussicht ist unglaublich. Die Mittagspause breche ich ab, als eine chinesische Reisegruppe nach der anderen kommt, um mit mir Bilder zu machen.

Bergab folge ich einer einsamen Straße, die auch durch Italien oder Südfrankreich führen könnte. Es geht durch Dongyaozizhen und Qiaoxi, vorbei an Mauern, Tempeln und gläsernen Hängebrücken. Ich begegne zum ersten Mal der altertümlichen chinesischen Baukunst, wie ich sie mir vorgestellt hatte: geschwungene Dächer, überragende Ecken, rote Säulen aus Holz. Es ist ein wunderbarer Tag, eine wunderschöne Route – zumindest bis Qiaoxi. Danach fahre ich durch ein Konglomerat aus Städten und folge der acht- bis zwölfspurigen Hauptstraße nach Xuanhua: ein Stadtteil dieser gigantischen Industriestadt Zhangjiakou im Zentrum Hebeis.

In Xuanhua erwartet mich Yafu. Wir treffen uns in der Fußgängerzone am KFC – auf das Fastfood-Restaurant fahren die Chinesen total ab, KFC gibt es überall. Ich bin schwer zu übersehen zwischen den Massen und Yafu entdeckt mich sofort. Anschließend fährt sie mit ihrem birnengrünen Elektroroller vor, ich hinterher, zu einem grauen Betonklotz zwischen all den anderen grauen Betonklötzen.  Yafu wohnt im obersten Stockwerk, zwei Jungs helfen uns tragen. Oben erwartet uns schon ihr 16-jähriger Sohn. Die Wohnung ist schlicht eingerichtet, kaum ein Foto hängt an der Wand – dafür zwei, drei japanische Mangas. Ich erkenne One Piece.

Während Yafu einkauft, springe ich unter die Dusche. Ich drehe den Hahn auf und bin schockiert, als das ganze Bad eine Minute später unter Wasser steht. Ach du… ! Der Abfluss liegt auf der anderen Seite des Bads – und bis das Wasser dort angekommen ist, hat es sich auf dem gesamten Boden verteilt. Soll wohl so sein. Ich halte das Duschen dennoch kurz, weil ich befürchte, dass das Wasser unter der Tür in die ganze Wohnung dringen könnte. Auch die Toilette ist etwas beängstigend: die Spülung furchtbar kraftlos (die ganze peinliche Geschichte um diese blöde Spülung erspare ich euch einfach), das Toilettenpapier landet im Mülleimer. Yafu und ihr Sohn schließen die Tür nicht, wenn sie auf Toilette gehen. Ganz normal hier in China.

Zum Abendbrot gibt es Hotpot, Feuertopf – ein traditionelles Gericht, das mich an Fondue erinnert (Oh Gott, wie geil ein Zürcher Käsefondue jetzt wäre!). Im Hotpot ist scharfe Brühe, die durchgehend erhitzt wird. Dann kommen Fleisch, Fisch, Teigbällchen, Nudeln und Salat hinein. Jeder nimmt sich, was er haben will. Mit Stäbchen. Natürlich. Ach ja. Verflucht. Ich, Depp. Ob ich damit umgehen könne, fragt Yafu. Nun ja… Sushi… also… äh… Ich war, um ehrlich zu sein, so sehr mit tausend anderen Dingen beschäftigt, dass ich gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte, dass in Asien mit Stäbchen gegessen wird. Ich stolpere etwas ungeschickt durch den Hotpot, lasse hier und da was fallen. Mit den Händen aber wird nicht gegessen, Fingerfood gibt es nicht: Das ist den Chinesen wichtig! Scheiß auf eine geschlossene Klotür… Prioritäten und so… Nach diesem Intensivkurs werde ich, wenn ich wieder in Deutschland bin, nie wieder das Nigiri fallen lassen.

Dann verschwinden Yafu und ich im Nachtleben der Stadt. Nein, wir gehen in keine Kneipe und zechen keine Gintonics. Wir gehen spazieren. Zu den Stadttoren. Zum Park. Durch die Fußgängerzone. Ganz Xuanhua ist auf den Beinen. Denn, erklärt mir Yafu, nach dem Essen wird sich bewegt, um die Kalorien wieder zu verbrennen. Die Menschen walken schnellen Schrittes durch den Park oder machen beim Square Dance mit, der auf jeder größeren Fläche angeboten wird. Einige spielen so etwas ähnliches wie Hacky-Sack – ich habe meinen zufällig im Rucksack und zeige ihn Yafu. Andere spielen Badminton oder fahren Inliner. Ein buntes Treiben zwischen bunten Reklametafeln mitten in der Nacht. In diesem kurzen Moment ist mir China ziemlich sympathisch.

Tag 102 | Dengyoufang – Zhangbei | 50,1 Kilometer | 80 Höhenmeter

Tag 103 | Zhangbei – Xuanhua | 107,7 Kilometer | 360 Höhenmeter

Bilder aus China | Erenhot – Peking

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