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Kapitel XXVII: Von Xuanhua nach Peking

Zwei Tage, eine Nacht und die chinesische Mauer trennen mich von Peking, als ich Xuanhua wieder verlasse. Es ist eine der schönsten Strecken auf meinem Weg durch China. Die Sprachbarriere aber bleibt und die Menschen mir fremd.

Bilder aus China | Erenhot – Peking

Als ich aufwache, läuft der Schweiß über mein Gesicht, der Regen über das Fenster. Grau in grau liegt der Himmel über Xuanhua, während sich die Temperatur weigert, unter 30 Grad zu sinken. Seitdem ich die Wüste verlassen habe, sind auch die kalten Nächte verschwunden, Rosies Wollsocken und die Merino-Wolle tief in meinen Taschen verstaut. Ich will heute nicht aufs Rad, denke ich, während ich mich umdrehe, die Bettdecke zwischen die Ellbogen klemme und die Augen wieder schließe. Neeeiiiinnnn…. heute nicht, heute will ich faulenzen.

Es regnet, begrüßt mich Yafu, als wir es beide aus dem Bett geschafft haben. You don’t say! Sie hatte mich gestern schon gefragt, ob ich nicht zwei Nächte bleiben will, die Stadt erkunden, die Beine hochlegen. Ich hatte zunächst abgelehnt, weil ich in Peking erwartet werde, aber nun frage ich sie, ob ich bleiben kann. Sicher, sagt sie und strahlt. 

Yafu ist zu 100 Prozent reisesüchtig; familiär und beruflich ist die Englisch-Lehrerin aber so eingeschränkt, dass sie ihre Lust, die Welt zu entdecken, kaum ausleben kann. Sie schwärmt von Mexiko, England, Frankreich, Israel, erzählt von Indien und Kambodscha. Ihr Ehemann und ihr Sohn scheinen ihre Leidenschaft nicht zu teilen. Deshalb beherbergt Yafu gern internationale Gäste, mit denen sie sich über die Länder dieser Welt austauschen kann. 

Ich werde den ganzen Tag mit selbst gekochtem Essen verwöhnt. Tofu, Suppe, Bohnen, Dumplings, Rind, Gemüse, Ei – alles auf die chinesische Art zubereitet, alles, was das Herz begehrt und noch mehr. Die chinesische Küche ist so vielfältig, dass ich mein Verlangen nach Kürbiskernbrot, Stilfser und Bergblütenkäse schnell vergesse. Yafu erzählt mir, dass die Chinesen keine Süßigkeiten mögen und auch kein Sport, dass sie in Europa in den Supermärkten Yum Yum kaufen, weil ihnen die europäische Küche zu eintönig ist und dass sie am Ende immer auf ihr eigenes Wohl bedacht sind. Was den letzten Punkt betrifft, bin ich froh, dass Yafu ganz anders ist. 

Von den Deutschen habe sie gehört, dass wir keinen Humor haben – was pauschal gesehen sicher nicht ganz falsch ist, andererseits kann ich nicht unbedingt behaupten, in meinem Leben zu wenig zu lachen. Dass ich das gleiche von den Chinesen denke, behalte ich für mich. Sonst schwärmt Yafu von Deutschland: wegen der Arbeitsmoral, der Sauberkeit, dem Sozialsystem, der Produktqualität, der Freiheiten. Sie beneidet alle EU-Bürger für unsere grenzenlosen Reisemöglichkeiten innerhalb Europas, wundert sich über die Briten und will unbedingt nach Frankreich – sie habe viel Gutes über das Essen dort gehört. Ich erzähle ihr von ausgedehnten Mittagessen, die sich in mehreren Gängen über den gesamten Nachmittag strecken.

Yafu hilft mir, die Chinesen zu verstehen, doch die Menschen bleiben mir fremd, was vor allem an der Sprachbarriere liegt. So sehr ich mir auch wünsche, ich beherrschte die Sprache, kann ich leider nicht die Sprachen aller Länder lernen, die ich durchfahre. Mit dem Rad zu reisen hilft mir zwar, viel tiefer in Land und Kultur einzutauchen, als es anderen Reisenden möglich ist, aber diese Barriere bleibt – und das ist besonders in China eine Herausforderung, wo kaum ein Mensch Englisch spricht. 

Yafu und ich tauschen uns stundenlang aus. Ich könnte ewig mit ihr in der Küche sitzen, essen und reden. Am nächsten Tag allerdings gibt es keine Ausreden mehr. Mein Warmshowers-Gastgeber erwartet mich in Peking. Zurück aufs Fahrrad, raus aus Xuanhua und ab in die Berge. Die Sonne ist zurück, die Route ein Traum. Fern ab der Megastraßen fahre ich mitten durchs Land. Maisfelder säumen meinen Weg, kleine Dörfer hie und da, Berge, Bäche, Flüsse; kaum ein Auto, das zum Überholen ansetzt, kein Lastenzug, der einen mit dauerndem Hupen verjagen will. Es ist so ruhig, so wunderbar ruhig. Zum ersten Mal bin ich völlig entspannt und mache mir nicht mal um meinen Schlafplatz Gedanken.

Huailai. Weinreben. Weintrauben. Wohin das Auge reicht. Der zweite Abschnitt der Strecke führt mich durch die international bekannten Weinfelder dieses Landkreises. Was würde ich jetzt für einen Riesling aus Traben-Trarbach oder einen Grauburgunder von der Reichenau geben! Ich kann nicht widerstehen. Ich stibitze. Es ist zu verlockend, wie all die prallen, lilaroten Weintrauben dort völlig verloren abhängen. So allein, so reif zum Essen… ich habe nicht einmal ein schlechtes Gewissen 🙈. 

Es geht weiter. Vorbei am Yongding He und entlang des Guanting Reservoirs. An den Ufern des Wasserspeichers geben sich die Betonskelette der stetig in die Höhe wachsenden Hochhäuser und Feriensiedlungen, die mich mit ihren zweitstöckigen, beigen Häusern mit Garage und Einfahrt, Vorgarten und Schrägdach an Vororte im mittleren Osten der USA erinnern, die Klinke in die Hand. Maßarbeit ohne Maß. Am Straßenrand kehren Menschen, deren Haut von Alter und Wetter gezeichnet ist, mit ihren zerfransten Hexenbesen den Dreck vom Asphalt. Sie versuchen sauber zu halten, was nicht sauber zu halten ist. China. Zwischen Zukunft und Vergangenheit.

Ein Rennradler kommt von hinten. Er quatscht mich an. Auf Chinesisch. Ich antworte auf Englisch. Er redet einfach weiter. Also rede ich auch. Irgendwas. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Was soll ich auch machen? Sprachbarriere. Er begleitet mich, bis ich anhalte, um auf mein Navi zu schauen. Dann fährt er weiter. Ich schlage mein Zelt auf. Zwischen Autobahn und Hauptstraße, Dattelbäumen und Tannen.

Als die Sonne aufgeht, stehe ich auf. Gleiches Gedöns wie jeden Morgen. Und los geht’s zur Mauer. Erst einmal gibt es aber mal wieder Navi-Ärger. Zunächst soll ich eine Straße entlangfahren, die es gar nicht gibt, dann will es mich durch einen Tunnel schicken, den ich nicht befahren darf. Ich navigiere auf eigene Faust, folge Reisegruppen und Touristenbussen und lande mitten im Themenpark rund um die chinesische Mauer in Badalingzhen. Zwischen Souvenirläden und Bistros, zwischen Menschen und Menschen glänzt der geputzte Asphalt in der Morgensonne. Wo bin ich hier bloß gelandet? Tausende Menschen drängeln sich wie Ameisen über die historische Grenzbefestigung, Ellbogen an Ellbogen. Es ist halb neun. Mir genügt der Blick von unten auf das 1400 Jahre alte Meisterwerk menschlicher Baukunst, das Neil Armstrong vom Mond aus beobachtete. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen zum Frühstücken und beobachte durch die Bäume hindurch das Exerzieren der Soldaten.

Dann geht es bergab. Von den Bergen nach Peking in ein betoniertes Konglomerat aus Siedlungen und Straßen. Die Hauptstadt beginnt 40 Kilometer vor der verbotenen Stadt,  vor dem Palast – vielleicht auch früher. Diese 40 Kilometer, komplett flach, völlig harmlos, ziehen sich in die Länge, wie ich es noch nie erlebt habe. Als ich in den inneren Zirkeln der Stadt ankomme, brauche ich immer noch anderthalb Stunden, bis ich im Chaoyang District bin. Die Einheit aus Hochhäusern ist umzäunt, bewacht von Sicherheitsbeamten. Hineinzukommen ist aber kein Problem. Haus 7. Block A. Wohneinheit 1008. Namensschilder gibt es nicht. Nur eine Nummer zur Wohnung von Scott und seinem Golden-Retriever Penny. Angekommen.

Tag 104 | Xuanhua | Regenpause

Tag 105| Xuanhua – Donghuayuanzhen | 120,1 Kilometer | 730 Höhenmeter

Tag 106 | Donghuayuanzhen – Peking | 100,1 Kilometer | 350 Höhenmeter

Bilder aus China | Erenhot – Peking

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