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Zwischenspiel VI: Auf einen Quickie mit Peking

In Deutschland sei es den Chinesen zu still, zu leise, zu idyllisch. Als Yafu mir das erzählte, lachte ich noch. In Peking vergeht mir das Lachen. Der Lärm in dieser Stadt ist ermüdend.

Bilder aus China | Erenhot – Peking

16 Bezirke. 289 Siedlungen. 17.000 Quadratkilometer. 21,5 Millionen Menschen. Peking. Heute noch Metroplex, morgen schon Megalopolis mit 130 Millionen Einwohnern. Das ist zumindest das Ziel der Megastadt, in der 13.000 Einwohner auf einem Quadratkilometer kuscheln. Einen Vergeleich? Die 289 Siedlungen Pekings entsprechen der Fläche von Schleswig-Holstein, wo 182 Einwohner auf einem Quadratkilometer leben. Der Vergeleich hinkt – und reicht doch nicht aus, um die Gewaltigkeit dieser Stadt in Worte zu fassen. Ihr größtes Problem: Atmosphäre und Charakter verlieren sich zwischen monotonen, charakterlosen Hochhaussiedlungen entlang verstopfter Straßenboulevards, die so breit sind wie ein Fußballfeld lang – und immer noch nicht breit genug für eine freie Fahrt.

Die Wohnung von Scott und Penny ist schnell beschrieben: Auf 25 oder 30 Quadratmetern gibt es nicht viel Persönliches. Fernseher, Couch, Bett, Wasserspender, Reiskocher, drei Fahrräder. Ich muss an meine eigene Wohnung denken, in der ich ständig neuen Raum für neuen Krimskrams schaffen musste, von dem ich mich nicht lösen konnte. An der Wand hingen sicher 50 Fotos, ein Wakeboard, ein Snowboard und ein Fahrrad; Bücher, Musik und Filme hatte ich auf mehrere Schränke verteilt. Ganz zu schweigen von meinem Bett: 2 Matratzen, 3 Decken, 8 Kuscheltiere, 10 Kissen – geil, was für ein Bett, die ganze Absurdität wird mir erst bewusst, da ich es aufschreibe 😂. Für die Chinesen dagegen scheint eine Wohnung nur ein Dach über dem Kopf zu sein. Fotos, Dekor, Persönliches finden in den eigenen vier Wänden keinen Platz. Spitz formuliert: Die Hochhäuser sehen von innen so aus wie von außen.

Ich entscheide mich, die Metroplex mit dem Fahrrad zu erkunden. Weil alles in chinesischen Schriftzeichen geschrieben ist, befürchte ich, dass ich die Orientierung in der U-Bahn verlieren könnte, zu Fuß wäre es lächerlich, Peking zu entdecken, und mit dem Taxi zu teuer. Ich folge zunächst dem dritten Ring in den Norden der Stadt zum Mittagessen, Nudelsuppe, dann geht es weiter in den Westen. Der Himmel ist blau – ach, du meine Güte, ja, tatsächlich! – und die Sonne scheint. Das ist nicht typisch für Peking. Im Kessel der Berge, mitten in der Industrieprovinz Hebei, zwischen Millionen von Autos und Häusern lechzt die Stadt vergeblich nach sauberer Luft. Es ist der einzige nahezu smogfreie Tag, den ich in Peking erlebe. 

Von den spiegelnden Einkaufspassagen gelange ich in die schmalen Gassen der fliegenden Händler und Restaurants – das verschwindende Herz Pekings -, vorbei am Gulou und Zhonglou, Trommel- und Glockenturm, zum künstlich angelegten Seenpark: Houhai, Quianhai, Beihai; die Gegend um die drei Seen heißt Shichahai. Die Touristen spazieren am Ufer entlang, sitzen in den Cafés oder fahren mit traditionellen Booten, gesteuert wie venezianische Gondeln, unter der Jinding–Brücke hindurch. Entlang der Seen tummeln sich aber nicht nur Touristen und Straßenhändler. Einheimische baden und angeln am Quianhai. Ich schlendere und fahre weiter zur Verbotenen Stadt und zum Palast. 

Am Abend hatte ich eigentlich vor, zu einem Couchsurfing-Treffen zu gehen. Scott aber hat andere Pläne. Obwohl er sich das Essen sonst im Netz bestellt und liefern lässt, hat er sich von seinem Cousin überreden lassen, in ein Restaurant zu gehen und Peking-Ente zu essen. Scott fragt mich, ob ich mit will. Na, und ob! Zu fünft sitzen wir an einem runden Tisch und warten auf das Essen. Um uns herum sind die Menschen mit ihren Smartphones beschäftigt. Auch meine Tischnachbarn verweigern alle Gespräche und chatten lieber. Für mich macht das keinen Unterschied, weil außer Scott niemand Englisch spricht, aber es ist schon erschreckend – ich selbst ja ohne Handy – zu sehen, wie der virtuelle Display so viel interessanter ist als die reale Welt. Ich, ohne Handy, fühle mich, als ob ich nüchtern auf der Wies’n wäre.

Nach und nach bringen die Kellner Teller und Schüsseln mit Fisch und Salat an unseren Tisch. Stäbchen-Time. Dann kommt die Ente. Während ich das Fleisch in einen Teigfladen mit Gurke und Soße lege, erzählt mir Scott – Zitat: „Chinese give a fuck about service.“ Tatsächlich muss sich Scott immer wieder lautstark bemerkbar machen, um einen Kellner an unseren Tisch zu bekommen. Trinkgeld gibt es in China nicht. Gezahlt wird digital. Völlig normal. Im Netz, in Restaurants, in Supermärkten, in den fliegenden Küchen. Überall. WeChat nennt sich das. Das ist sozusagen das chinesische WhatsApp: Messenger, Kreditkarte und Portemonnaie der Chinesen.

Ich habe auch für den zweiten Tag in Peking große Pläne. Doch kaum habe ich die Wohnung verlassen, denke ich: Viel zu anstrengend! Der Verkehr, die Ampeln, die Lautstärke. Es ist alles viel zu viel. Ich muss an den Film August Rush denken, doch all diese Geräusche – Motorengeheul, Dauergehupe, chinesisches Geschrei, Megafondurchsagen, Klimaanlagen, Feinstaublüfter – ergeben in meinem Kopf keine Musik. Peking ist ermüdend. Ich radle 500 Meter, an zwei Ampeln, hundert Radlern und Rollerfahrern vorbei, deren Augen das Handy–Display statt der Straße fixiert haben, bis zum nächsten Kaufhaus. Ich schließe mein Rad an und verstecke mich in einem ruhigen Café im obersten Stockwerk der Mall. Am dritten Tag treffe ich mich mit Außenkorrespondent Felix Lee. Zu japanischem Essen in einem Jazz Café tauschen wir uns über Land und Leute, über unsere Heimat und unsere Arbeit aus. Auf dem Weg zurück passiert es dann. Ein Unfall. 

Peking hat eigentlich in jeder Straße einen Radweg. Weil aber bis vor zwei Jahren – bevor die Leihräder Stadt und Land überschwemmten – kaum einer Rad gefahren ist, wie Felix mir erzählte, haben alle anderen Verkehrsteilnehmer diesen Weg für sich in Beschlag genommen: Autos, Busse, Kleinlaster, Elektroroller, Lieferservice, Fußgänger, Dreiradtaxis. Eines dieser Taxis will an mir vorbeifahren, unterschätzt die Breite seiner Fahrgastzelle und schießt mich ab. Mein erster Gedanke gehört Anton. Alles heil, alles gut, nichts passiert. Das Taxi ist schon wieder im Verkehr verschwunden, als mir zwei Menschen zu Hilfe springen: ein Deutscher und ein Amerikaner. Die Chinesen starren, neugierig, unbeteiligt. Ich erinnere mich an die Worte Yafus: Am Ende sind sie eben auf das eigene Wohl bedacht. Hilfe gibt es nur auf Anfrage.

Den vierten Tag verbringe ich mit Scott in seiner Wohnung. Der 38-Jährige kommt eigentlich aus Malaysia, ging einige Jahre in England zur Schule und zog vor zehn Jahren nach Peking – vor allem wegen der Aufbruchstimmung, erzählt er mir. Was er so genau den ganzen Tag macht, habe ich nicht begriffen. Er investiert, handelt mit Aktien, sitzt am Laptop oder schaut Game of Thrones – Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Scott hat dafür umso mehr Ahnung, er versorgt mich mit Wissen über Asien, wie die Länder miteinander verstrickt sind, wie sich China entwickelt hat, wie die Rohingya aufgrund kurzsichtiger Kolonialisten in ihre Lage geraten sind. Er erzählt von den Dynastien, den Religionen, und dass Chinesen Spieler sind: nicht nur Glücksspieler, auch unter den Religionen wählen sie sich den Gott aus, der ihnen gerade zur Seite steht. 

Am fünften Tag verlasse ich die Megacity, die sich bis zum Bauchnabel im Smog versteckt. Peking ist ein Kulturschock, Peking ist ermüdend inmitten der Dauerbeschallung. Wie der Lärm von einer Million Vuvuzelas. Ohrenbetäubend. Zwischen Straßen und Hochhäusern liegen die sympathischen Ecken zudem gut verborgen. Peking ist ein überlaufendes Glas – ohne Atmosphäre, ohne Charme, ohne Identität. Wer hier nicht war, hat nichts verpasst. Mir fällt eine Last von den Schultern, als ich die Grenzen Pekings hinter mir lasse. Es gibt andere Städte in China, die einen Besuch mehr lohnen: Die erste lerne ich an dem Tag kennen, als ich Peking verlasse.

Tag 107 bis 111 | Peking 

Bilder aus China | Erenhot – Peking

 

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