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Kapitel XXVIII: Von Peking nach Yangsanmuxiang

Die Erwartungen, die ich an China hatte, waren wohl illusorisch. Vielleicht sind die Wege durch die nordöstlichen Provinzen durch Megastädte über Megastraßen bei Megalärm die falschen für mich. Nach Tianjin aber führt mich das Schicksal.

Bilder aus China | Peking – Shanghai

126 Kilometer liegen zwischen Peking und Tianjin. Es gab eine Zeit, da habe ich mir keine Gedanken gemacht, diese Strecke an einem Tag zu bewältigen. Doch seit Skandinavien hat sich etwas ganz Entscheidendes verändert: das Licht. Während der weißen Nächte war ich bis 9, 10, 11 Uhr nachts unterwegs, immer der Sonne hinterher. Mittlerweile geht die Sonne um halb 7 unter. 20 Minuten später ist es dunkel. Deshalb verzichte ich auf dem Weg nach Tianjin zunächst auf Pausen. Denn zwischen Tianjin und Peking gibt es kaum eine Möglichkeit, das Zelt aufzuschlagen. Ich muss Tianjin erreichen – oder auf einer Parkbank schlafen.

Ich radle von Stadt zu Stadt, über riesige Boulevards, vorbei an zahlreichen Ampeln. Rot, grün, rot, grün. Einkaufsstraßen, Kaufhäuser, Baustellen. Die Straßen enden im Nirgendwo, beginnen im Nirgendwo. Auf acht Spuren ist teils nicht ein Auto zu sehen. Zwischen den Städten kämpfen zurückweichende Dörfer und Bauern um ihr Land, während sich die Stadtgrenzen immer weiter ausdehnen, die Dörfer peu a peu verdrängen, überwachsen. Die Orientierung fällt nicht leicht zwischen Dörfern und Städten, mein Tablet mit der heruntergeladenen Route liegt auf meinem Lenker, damit ich nicht ständig anhalten muss, um das Tablet aus dem Rucksack zu holen. Das war schon einfacher, als ich mein Handy noch hatte.

Die Strecke ist flach, der Wind schwach. Ich komme gut voran und gönne mir am Nachmittag dann doch zwei kurze Pausen, weil ich gut in der Zeit bin und weil ich merke, wie müde die Beine sind. Tianjin ist so gigantisch wie all die anderen Städte – allgemein gibt es in China eigentlich nur Abstufungen des Gigantismus, nichts darunter. Und überall wachsen Hunderte weitere Häuser in die Höhe. Ich kann nicht umhin, an Debatten im Gemeinderat zu denken, stundenlange Diskussionen um ein Bauprojekt – was gut so ist. In China haut die Regierung alles raus, was sie an Baumaterialien hat, ohne jemanden zu fragen, ohne jemanden zu informieren, ohne Rücksicht auf Natur, Menschen und Kultur zu nehmen.

In Zentrum Tianjins fühle ich mich sofort wohl. Ich kann nicht genau sagen, warum, aber hätte ich das vorher gewusst, hätte ich die Tage, die ich in Peking war, lieber in Tianjin verbracht. Die Mischung aus modernen Glaskonstruktionen und europäischen Kolonialgebäuden zwischen Einkaufsstraßen und fliegenden Gassen hat Charme. Diese Stadt ist einfach nicht so überladen wie Peking, sie quillt nicht aus allen Ecken – wie Knete, die von einer Faust zerquetscht wird. Tianjin gefällt mir – aber vielleicht liegt das auch an Millie.

Ich komme am frühen Nachmittag, mitten im Sonnenlicht, im Hostel an. Was für eine Erleichterung. Mein Hostel liegt inmitten einer dieser fliegenden Gassen. So nenne ich sie jetzt einfach mal, weil sie vollgestopft sind mit fliegenden Küchen. In der Straße, die vereinzelt von Bäumen gesäumt ist, herrscht Chaos. Autofahrer und Radfahrer drängeln sich ihren Weg hindurch, Fußgänger nutzen die Straße wie eine Fußgängerzone. In den Erdgeschossen der angenehm niedrigen Häuser gibt es Lebensmittel, Burger, Spieße, Gemüse und Suppen. Kartons mit Lebensmitteln und tragbare Küchen stehen mitten auf dem Asphalt. Charmantes Chaos. Das Hostel tanzt völlig aus der Reihe. Über eine bunt gepflasterte Treppe geht es zu einem kalkweißen Gebäude mit blauem Fensterrahmen, blauer Tür. Wie auf den griechischen Inseln. Cloudy Bay Hostel. Und Englisch sprechen sie auch noch.

Ich bin noch dabei auszupacken, als ich angesprochen werde. Ob ich mit dem Fahrrad gekommen sei? Allerdings. Von wo und wie lange und überhaupt. Ich sage der jungen Chinesin, dass ich noch schnell auspacken will und dann all ihre Fragen beantworte. Während wir reden, erzählt Millie, dass sie mit einer Freundin in Tianjin ist, um sich die Meisterschaften im Tischtennis anzuschauen. Ihre Freundin ist bereits bei einem Spiel, für das Millie keine Karte hat. Sie will in die Stadt und anschließend ins Kino. Ich bin, um ehrlich zu sein, völlig erschöpft von den 130 Kilometern, aber Millie ist so liebenswürdig, so offenherzig, so freundlich und spricht so gutes Englisch, dass ich sie frage, ob ich sie begleiten kann. Freundschaft auf den ersten Blick.

Auf dem Weg zur Stadt halten wir bei den fliegenden Händlern, Millie hilft mir, einen chinesischen Burger und gewürztes Fladenbrot zu bestellen. Wir ziehen durch die Stadt, quatschen und gehen schließlich ins Kino: Dunkirk – die Zeitsprünge verwirren mich völlig und die Filmmusik ist so laut, dass ich kein Wort verstehe. Millie kommt aus dem Süden, Einzelkind (wie eigentlich alle in ihrem Alter, Ein-Kind-Politik), lebt und arbeitet in Shanghai, liebt japanische Animes und spielt Tischtennis. Sie hat Ingenieurwissenschaften studiert und ist ein Jahr lang in Sydney zur Schule gegangen. Am liebsten würde ich mit ihr einige Tage in Tianjin bleiben, aber die Uhr tickt mal wieder. Visum und so. Ich muss weiter. Doch wir verabreden uns in Shanghai. In zwei Wochen will sie mir ihre Stadt zeigen. 

Abschied und Aufbruch fallen wirklich schwer. Ich radle ziemlich teilnahmslos über die gigantischen Hauptstraßen, an Seen und Flüssen vorbei, durch weitere Hochhaussiedlungen und Baustellen hindurch, und schlage mein Zelt frühzeitig mitten im Maisfeld auf. Was anderes ist nicht zu finden und die nächste Stadt liegt wenige Kilometer entfernt. Da es immer ein, zwei Stunden dauert, bis ich durch die Städte durch bin, spare ich mir das Vergnügen und schlafe nach einer Woche wieder in meinem Zelt. 13 Tage. Shanghai. Ich komme. 

Tag 112 | Peking – Tianjin | 133,3 Kilometer | 120 Höhenmeter 

Tag 113 | Tianjin – Yangsanmuxiang (Huanghua) | 89,7 Kilometer | 70 Höhenmeter 

Bilder aus China | Peking – Shanghai

 

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