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Kapitel XXIX: Von Yangsanmuxiang nach Linyi

Die Zeit sitzt mir im Nacken. Viel zu entdecken gibt es aber sowieso nicht zwischen Megastraßen und nicht enden wollenden Städten. Von meinen Couchsurfing–Gastgebern werde ich derweil mit Essen überschüttet. Was ich da genau esse, weiß ich oft gar nicht.

Bilder aus China | Peking – Shanghai

Ich habe nicht allzu viel erwartet, als ich auf diese Reise gestartet bin. Eine Sache aber habe ich irgendwie für selbstverständlich genommen: Ich dachte, ich hätte alle Zeit der Welt. Ich habe mein iPad mit Büchern, Filmen und Hörbüchern an die Grenzen seines Speichersplatzes gebracht. Ich dachte, ich mache jeden Morgen Frühsport, frühstücke in aller Ruhe, fahre 100 Kilometer, lese, schreibe und schaue Filme abends im Zelt. Tatsächlich ist die Zeit ständig ein Problem. Zunächst war es die Abfahrt der Transsibirischen Eisenbahn. In Asien sind es die Einreisebestimmungen.

30 Tage hier, 30 Tage dort. Der Countdown meines Visums sitzt mir stets in den Beinen, ich jongliere mit meinen Tagen, Reisezielen und Tageskilometern. Ich streiche Orte wie Xi’an – erste Hauptstadt des Kaiserreichs und Heimat der Terrakotta-Armee – von meiner Liste, weil ich sie niemals erreichen kann. Ich kann zwar zweimal den Antrag stellen, mein Visum zu verlängern, doch China hat auch noch einen Süden, von dem ich mir landschaftlich viel mehr verspreche. Diese ständig knappe Zeitkalkulation habe ich tatsächlich völlig unterschätzt.

Deshalb habe ich es mal wieder eilig auf meinem Weg nach Shanghai, wo die Fähre mich am 19. September, der Tag, an dem mein Visum ausläuft – ein plötzlicher Taifun im Taifun-Monat wäre also irgendwie total blöd – ja, mein Hirn ist ein Generator für Worst–Case–Szenarien und dieser Satz nimmt langsam Überlänge an (zu viel Cicero gelesen) –, nach Japan bringen soll. Können wir das schaffen? Ja, wir schaffen das! Anton, Chuck und Norris, auf geht’s.

Ein Cocktail aus Nebel, Smog und Wolken umhüllt mein Zelt im Maisfeld nicht weit von Tianjin. Der blaue Himmel ist seit Tagen verschwunden, die Sonne scheint stetig durch einen Dunstschleier hindurch. Ich baue das Zelt ab. Die erste Zeltstange bockt, ist an einem Ende eingerissen. Ich umwickle sie mit Ducktape. Außen- und Innenzelt sind von außen und innen nass. Das Klima hat sich verändert. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem hoch. Auch mein Schlafsack und meine Isomatte verstaue ich nass in ihren Hüllen.

90 Kilometer muss ich jeden Tag fahren, um in fünf Tagen in Linyi zu sein, wo ich couchsurfen will. Mein Weg führt mich meistens an der Straße entlang, über Brücken hinweg, die immer wieder über ausgetrocknete Flussbetten führen, durch Jahrhunderte alte Siedlungen hindurch, und weiterhin vorbei an zahllosen Betonsilos – im Bau, leerstehend, bewohnt. Eine Stadt gleicht der anderen. Die Monotonie des Ostens ist zermürbend. Aber es gibt es noch, das ursprüngliche China. Wenn ich mich verfahre, weil ich zu faul bin, auf das Navi zu schauen, gerate ich immer wieder auf Wege, die nur Bauern kennen, die nicht breiter sind als mein Fahrrad, zwischen Feldern und Bächen, durch alte Dörfer hindurch, wo die Menschen mir misstrauisch hinterherschauen. Diese Momente sind viel zu selten, weil das Visum tickt.

Der Verkehr auf den Hauptstraßen und in den Städten ist mühsam, Chaos regiert auf allen Straßen. Achtspurig. Zehnspurig.  Zwölfspurig. Grundregeln missachten die Chinesen pedantisch. Statt sich vorher umzublicken, fahren sie blind darauf los. Statt rechts zu fahren, fahren sie links. Statt zu bremsen, hupen sie. Nein, ehrlich, die Hupen sollten einfach aus allen in China fahrenden Autos ausgebaut werden. Die Menschen benutzen die Tröte nur, weil sie zu faul sind, anzuhalten, vorbeizufahren, sich umzublicken. Übersetzt ist das Tröten eine Ansage an alle anderen Verkehrsteilnehmer: Aufgepasst, hier komme ich, also macht Platz.

Umso sympathischer ist es, wie die Bauern die Straßen nutzen. In all diesem Macht-Platz-Hier-Komme-Ich-Chaos legen die Bauern über die gesamte Breite einer Fahrbahn Mais, Erdnüsse und Sesam zum Trocknen aus. Ich liebe dieses Bild: der Zusammenprall zwischen der Hektik der Fernfahrer und der Geduld der Bauern, zwischen industriell hergestellten Gütern und dem natürlichen Reifeprozess der Feldprodukte. So zermürbend das Radfahren in China teils ist, bin ich mittlerweile überzeugt, dass diese Art des Reisens mir einen Einblick in die chinesische Kultur gibt, wie sie anderen Touristen verborgen bleibt.

Ich schlafe täglich wild. Bis Sonnenuntergang steht das Zelt, zum Sonnenaufgang ist es wieder abgebaut. Wildzelten ist in China erlaubt – oder eher nicht geregelt. Das Problem ist: bestellte Felder und Städte gehen Hand und Hand – mögliche Plätze zum Zelten sind rar gesät. Ich muss zudem aufpassen, dass ich nicht um 17 Uhr noch in eine Stadt hineinfahre. Denn vor Sonnenuntergang bin ich da nie wieder raus. Ich tendiere dazu, an Flussläufen zu übernachten. Die sind meist öffentlich, nicht bestellt und ruhig – auch wenn ich in die Flüsse nicht hineinspringen kann. Ich habe all den Müll gesehen, den die Menschen in diversen Bächen, Seen und Flüssen entsorgen.

Was wirklich unheimlich viel Spaß bringt, ist die Versorgung auf Straßenmärkten und in den fliegenden Küchen, die ab 6 Uhr die Bevölkerung mit Teigtaschen und Suppen versorgen. In allen Dörfern gibt es mindestens eine Straße, in der Straßenhändler ihre Stände aufgebaut haben: klapprige Holzgestelle mit zerrissenen Stoffdächern. Sie verkaufen nicht nur Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, sondern auch Taschen, Schuhe und Bücher. Die fliegenden Küchen haben ihre Suppentöpfe und Dampfkörbe genauso draußen aufgebaut. Englisch spricht natürlich niemand. Ich zeige einfach auf die Dampftöpfe und halte eine Zahl mit meinen Fingern hoch. 2 Dumplings, 3 Dumplings. Das klappt mehr oder weniger, weil die Chinesen ein für mich verwirrendes Fingerzählstem haben. Das Kreuzen der Zeigefinger ist zum Beispiel eine 10 – das einzige Symbol, das ich mir merken kann wegen der römischen Ziffer.

Im Yuanshan National Forest Park geht es am fünften Morgen nach Tianjin erst einmal 500 Meter bergauf. Ich bin nicht die einzige, die früh auf den Beinen ist. Lastwagen fahren in Schlangen an mir vorbei. Von beiden Seiten. Doch ich habe Glück. Die Straße ist so eng, dass sich zwei Lastwagen in einer Kurve in die Quere kommen und der gesamte Verkehr in beide Richtungen zum Erliegen kommt. Die Straße gehört mir, die Lastwagenfahrer blicken mir neidisch hinterher, während ich an allen vorbeiziehe und den Gipfel stürme.

Am frühen Abend erreiche ich Mengyin. Ich kaufe noch Wasser ein. Der Verkäufer spricht mich auf Chinesich an. Ich verspreche mich und sage, „I don’t speak English“, überlege kurz, mich zu verbessern, denke dann aber, er spricht ja sowieso kein Englisch, also auch egal. Wie das im Leben immer so ist, spricht genau dieser Händler auf einmal Englisch. Er lacht, ich lache. Dann geht es weiter. An den Grenzen Mengyins schlage ich mein Zelt auf, an einem Flussufer. Bereits in der Nacht höre ich, wie es anfängt zu regnen. Nicht schlimm. Das Zelt packe ich sowieso jeden Morgen nass ein.

83 Kilometer trennen mich noch von Linyi, von einem Dach, von einem Bett. Ich haue in die Pedalen, weil ich so erleichtert bin, dass ich mir an diesem Tag keine Sorgen um meinen Schlafplatz machen muss. Als ich in Linyi ankomme, hat das Wetter norwegische Ausmaße angekommen, sodass Anton, meine Taschen und ich von dem Dreck der Straße ordentlich in Mitleidenschaft gezogen werden. Dann will das Navi meinen Standort nicht mehr anzeigen – was es schwer macht, ans Ziel zu kommen, wenn ich nicht weiß, wo ich bin. Zum Glück funktioniert wenigstens der geografische Teil meines Gedächtnisses und ich weiß noch, wo ich hin muss. Hochhaussiedlung. Haus Nummer 5. Eingang Nummer 3. Wohnung Nummer 2604. Bob empfängt mich leicht nervös, während ich mir Gedanken mache, dass alles an mir tropft und ich die Wohnung unter Wasser setzen könnte.

Die Wohnung hat Charakter. Zum ersten Mal. Es gibt tatsächlich Bilder, Pflanzen, Bücher, Krimskrams. Die Küche ist völlig unordentlich – wie sympathisch. Bob, 15 Jahre alt, führt mich durch die Wohnung und erzählt, dass er mit seiner Mutter hier lebe. Seine Eltern seien geschieden. Ich komme in seinem Zimmer unter. Anschließend geht es durchnässt und leicht durchgekühlt unter die Dusche. Alles funktioniert. Keine Überschwemmungen. Keine Peinlichkeiten. Als ich mich dann allerdings abtrocknen will, stelle ich fest, dass ich immer noch schwarz bin. Und das liegt nicht an der Sonne, die mich die vergangenen Tage bombardiert hat. Also, nein, doch, irgendwie schon. Es ist nämlich eine Mischung aus Staub und Schweiß, der sich tief in jede Pore nach sechs Tagen ohne Wasser eingegraben hat.

Nach einem späten Mittag fragt mich Bob, ob ich Work–out machen will. Klar, waren ja nur 700 Kilometer in den vergangenen 7 Tagen. Aber Bob möchte mir Park, Ufer und Fluss zeigen. Regenschirm raus und los. Als wir zurückkehren, taucht auch seine Mutter zwei Sekunden später auf und beginnt, ein kleines Festmahl zum Abendbrot zuzubereiten. Es gibt zähflüssige, geschmacklose Bulgursupper und Teigtaschen mit Fleisch– und Tofufüllung. Dazu gibt es einen Salat, in dem viel Koriander ist, ein ziemlich scharfes Gewürz und etwas Schwarzes, dessen Namen ich nicht kenne, das aber die Konsistenz von Möhren hat. Diesen Salat legen wir auf einen Teig, der mich an Crêpe–Teig erinnert, und rollen diesen zusammen.

Bob und seine Mutter schlingen das Essen mal wieder in Windeseile hinunter. Ich kann gar nicht so schnell gucken, da haben sie ihre Teller leer. Ich lasse mir Zeit, genieße die kulinarischen Köstlichkeiten und lege mich anschließend gesättigt und zufrieden ins Bett. Sekunden später bin ich eingeschlafen und habe allen Zeitdruck vergessen.

Tag 114 | Yangsanmuxiang – Shailuopo-Brücke (Majiahe) | 77,8 Kilometer | 50 Höhenmeter 

Tag 115 | Shailuopo-Brücke – Gaoqing Huimin Qinghezhen / Schwimmende Brücke (Hunanghe) | 92,5 Kilometer | 50 Höhenmeter

Tag 116 | Gaoqing Huimin Qinghezhen – Letuancun (Yuanshan National Forest Park) | 113,1 Kilometer | 460 Höhenmeter

Tag 117 | Letuancun – Mengyin | 104 Kilometer | 670 Höhenmeter 

  Tag 118 | Mengyin – Linyi | 88,8 Kilometer | 270 Höhenmeter

Alle Bilder der Weltreise

 

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