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Kapitel XXX: Von Linyi nach Gulizhen

Auf dem Weg nach Shanghai fahre ich Straßen entlang, die es eigentlich gar nicht gibt, ich scheitere ich fast an einer Flussüberquerung und treffe einen Rennradler, der mit mir – irgendwann in der Zukunft – das Dach der Welt befahren will.

Bilder aus China | Peking – Shanghai

Mit einer zum Bersten gefüllten Verpflegungstasche – Crêpe–Teig, dieses schwarze Zeug, Maiskolben, Teigtaschen und Erdnüsse – breche ich nach Nanjing auf. Obwohl ich völlig entspannt in Linyi losfahre und mich mehrmals verfahre, habe ich bei Rückenwind und leicht abschüssiger Strecke am Ende des Tages 112 Kilometer auf dem Tacho – also eher im Navi, weil der Tacho aufgrund schlapper Batterien keinen Ton mehr von sich gibt. Am nächsten Tag schaffe ich es nicht bis zum nächsten Flussufer. Die Beine sind müde. Ich improvisiere und schlafe auf einem Hügel zwischen Dorf und Feld. Niemand sieht mich. Erst als ich am nächsten Morgen den Hügel wieder herunterkomme, schauen ein, zwei vorbeifahrende Bauern leicht pikiert.

Auf dem Weg nach Chengqiaozhen, über künstlich angelegte Fischteiche und kilometerlange Brücken hinweg, an rußspuckenden Industrieanlagen vorbei und über einsame Landstraßen, lande ich mal wieder auf einer Straße, die es gar nicht gibt – zumindest, wenn es nach meinem Navi geht. Das passiert tatsächlich täglich und liegt nicht unbedingt am Navi. Sowohl Komoot als auch Apple–Karten (Google funktioniert in China nicht) zeigen mir Straßen an, die längst abgerissen sind, und zeigen keine Straßen, wo es eigentlich welche gibt. China reißt ab und baut Straßen im Wochenwechsel – was sollen die Navis da schon machen?! Es kommt vor, dass eine zehnspurige Straße im Nichts endet oder aus einer Landstraße ein zehnspuriger Highway erwächst. Irgendwie aber komme ich immer an, irgendwie finde ich immer einen Zeltplatz, irgendwie wache ich morgens immer wieder im Ganzen auf.

Als ich mit Ruth durch Norwegen fuhr, hatten wir ein Dutzend Running–Gags parat. Dauerbrenner waren das Wetter und die Wohnmobil–Touristen. Ein anderer Insider war die Aussage „Du Optimist!“ – das haben wir uns gegenseitig an den Kopf geworfen, wenn einer so etwas sagte, wie: Gleich reißt der Himmel auf oder Im nächsten Container finden wir Brownies. Darauf sind wir gekommen, weil ich mich grundsätzlich nicht als Optimisten bezeichnen würde, aber so eine Weltreise wohl einen gewissen Optimus voraussetzt – wer würde sonst auf die Idee kommen, mit Fahrrad und Zelt um die Welt zu fahren!? Ich würde es ja eher als Naivität bezeichnen… aber vielleicht schließt sich das auch gar nicht aus.

Wir Optimisten, auf jeden Fall, sehen natürlich alles positiv. Wenn ich also beim Wildzelten um 5 Uhr aufstehe, um unangenehme Begegnungen mit Einheimischen zu vermeiden, erfreue ich mich natürlich der unfassbar schönen Sonnenaufgänge, die ich jeden Morgen erlebe. Ironie aus! Nein, ehrlich, das sind ziemlich faszinierende Bilder, die die Natur jeden Morgen für mich ausmalt. Auf dem Weg nach Nanjing zeigt sich die Sonne zunächst als orangener Kreis, dessen noch schwache Strahlen sich durch den Nebel kämpfen, über die Felder kriechen und sich glitzernd im Morgentau verfangen. Die Luft wirkt unverbraucht, angenehm kühl. Die Einwohner von Chengqiaozhen putzen sich die Zähne vor ihren Häusern oder löffeln Nudelsuppe. Schüler in weißen T–Shirts kommen mir gähnend auf ihren Rollern und Rädern entgegen. Ich genieße den Morgen umso mehr, weil ich weiß, dass Nanjing nicht mehr weit ist, und weil ich weiß, dass ich heute Nacht keinen Schlafplatz finden muss.

Als ich in Pokou ankomme, muss ich eigentlich nur noch die Brücke über den Jangtsekiang überqueren. Wie jedoch zu erwarten war – zumindest hatte sich mein Generator für Worst–Case–Szenarien diese Möglichkeit bereits überlegt –, ist die Brücke gesperrt. In der Hoffnung – ich bin ja Optimist –, eine weitere Brücke oder einen befahrbaren Tunnel zu finden, fahre ich am Ufer entlang, verfahre mich einige Male und nehme aus dem Augenwinkel ein Knäuel wartender Motorroller wahr. Ob die auf eine Fähre warten? Ich stürze mich ins Getümmel und bin 10 Minuten später mit 50 bis 100 weiteren Radlern und Rollerfahrern tatsächlich auf einer Fähre. Endlich wieder auf dem Wasser.

Weil ich es noch nicht einmal 10 Uhr ist, überlege ich, ob ich die Nanjing–Sightseeing–Tour mit Anton mache. Doch so richtig Lust habe ich nicht. Nach elf Tagen auf dem Fahrrad und 1100 Kilometern sind die die Beine doch etwas schwer und es geht ja gleich am nächsten Tag weiter nach Shanghai. Das sind auch noch einmal 330 Kilometer in 3 Tagen. Außerdem darf ich mit Anton sowieso nicht in die öffentlichen Parks, also radle ich direkt zum Hostel.

Das Hostel liegt im Viertel Laomendong an der Stadtmauer – was erst einmal blöd ist, weil ich mit dem Fahrrad dort nicht hinein darf. Alle Eingänge sind gesperrt und bewacht. Nur am Haupteingang ist es überhaupt möglich, das breite Fahrrad ins Viertel zu schieben. Ich rede also so lange auf den nur Chinesisch sprechenden Sicherheitsbeamten ein, bis er Anton und mich durchlässt. Das neue alte Viertel mit nachgebauten Häusern im alt–chinesischen Stil ist eine Insel der Ruhe in einer hektischen Millionenstadt. Ich nutze die Zeit, um Kräfte zu sammeln, sitze im Café, schreibe und esse Eis. Zurück im Hostel hat es einer der Gäste mal wieder auf mich abgesehen. Er will unbedingt mit mir Essen gehen. Machen wir. Als er jedoch noch zur Universität fahren will, muss ich ihn enttäuschen. Nicht nur, weil ich müde bin. Der Kerl ist ein bisschen eigenartig… Ein Beispiel: Er erzählt mir, in wie vielen Ländern er Freunde habe. Ich frage ihn, wie er die alle kennengelernt habe, ob er auch schon um die Welt gereist sei. Nö, das seien seine Kunden…

Ich breche am nächsten Morgen früh auf. 330 Kilometer sind es bis Shanghai. Weil ich nicht weiß, wie viele Stadtgebiete und ausbremsende Ampeln ich tatsächlich überqueren muss, will ich keine Zeit verschwenden. Ich mache mir allerdings zu viele Sorgen. Trotz städtischer Betonwüsten und Gegenwinds komme ich gut voran. Als ich am Nachmittag frühzeitig auf einen Bach mit einem bewaldeten Ufer stoße, stelle ich ohne viel zu überlegen mein Zelt auf. Ein guter Schlafplatz ist wichtiger, als bis zum letzten Sonnenstrahl Kilometer zu treten.

Am nächsten Tag habe ich auch noch Glück, geradezu unverschämt viel Glück! Ich starte mit Rückenwind. Vor mir liegt eine riesige Stadt und ich muss eigentlich durch sie hindurch. Doch das Navi ist mal wieder nicht up–to–date. Statt der Landstraße, die ich fahren soll und die mich direkt in die Stadt führt, gibt es einen neuen Highway, der natürlich nicht schön zum Fahren ist, doch er führt mich an der Stadt vorbei und ist sogar noch eine Abkürzung. Auch die weiteren Straßen sind gut zu befahren, leicht zu merken und der Wind ist auf meiner Seite. Als dann noch John an meiner Seite auftaucht, ist klar, dass ich heute so viele Kilometer mache, dass ich Shanghai am nächsten Tag ohne große Anstrengungen erreiche.

Wer ist John? Der chinesische Rennradler mit schwarzem Trikto, weißem Helm und Brille taucht kurz vor Danyang an meiner Seite auf. Das Gespräch beginnt wie so oft. Chinesich. Nein. Englisch. An dieser Stelle verschwinden die meisten Chinesen wieder, doch John traut sich und spricht auf Englisch weiter, weil er radbegeistert und neugierig ist. Es sei das erste Mal, dass er mit einem Ausländer in einer fremden Sprache spricht, erzählt er und entschuldigt sich, dass er so nervös sei. Doch je länger wir reden, desto selbstbewusster wird er, desto schneller und deutlicher kommen die englischen Vokabel aus seinem Mund.

John Yi Young ist 21 Jahre alt und studiert in Nanjing. Mit dem Rennrad ist er auf dem Weg nach Hause, nach Changshu, um seine Eltern am Wochenende zu besuchen. Wir haben also den gleichen Weg und ich habe nicht nur einen Weggefährten, sondern auch einen Navigator. John trainiert. Er will an einem 400–Kilometer–Radrennen in Shanghai teilnehmen und trainiert seit Monaten. Er sieht allerdings aus, als ob er das mühelos schaffen wird: schlank, lange Beine und im Juli ist er mit Freunden von Shanghai nach Lhasa gefahren. Wir überlegen, eines Tages zusammen nach Lhasa zu fahren, weil ich ihm erzähle, wie gern ich mit dem Rad durch Tibet fahren würde. Bevor sich unsere Wege also trennen, tauschen wir Nummer und E–Mail aus.

Ich fahre noch durch Changshu und schlage mein Zelt schließlich kurz hinter der Stadt auf. Der grüne Abschnitt zwischen Changshu und Zhitangzhen ist die letzte Möglichkeit vor Shanghai, ungestört zu zelten. Danach kommt nur noch Stadt und Straße, Beton und öffentliche Parks. Die vorerst letzte wilde Nacht in China schlafe ich nicht viel, ich bin viel zu aufgeregt. Shanghai. Millie. Fähre. Japan… tzzzzzz…

Tag 119 | Linyi – Xinyihe-Brücke (Xindianzhen) | 112 Kilometer | 80 Höhenmeter 

Tag 120 | Xinyihe-Brücke – Baojizhen | 129,1 Kilometer | 180 Höhenmeter 

Tag 121 | Baojizhen – Chengqiaozhen | 113,4 Kilometer | 320 Höhenmeter 

Tag 122 | Chengqiaozhen – Nanjing | 49,2 Kilometer | 100 Höhenmeter 

Tag 123 | Nanjing – Fangxianzhen | 99,6 Kilometer | 320 Höhenmeter 

Tag 124 | Fangxianzhen – Gulizhen | 141 Kilometer | 170 Höhenmeter 

 

Alle Bilder der Weltreise

 

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