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Zwischenspiel VII: Auf einen Quickie mit Shanghai

„Geschafft“, um es in den Worten Hiro Nakamuras auszudrücken. Ich bin in Shanghai und erlebe einen unvergesslichen Tag mit Millie. Danach geht es mit der Fähre weiter nach Japan, Heimat von Hiro Nakamura, Heimat von Akira Toriyama und Son Goku, Heimat von Naruto Uzumaki… und Gregor… und Van… und Tai… und Shinichi… und…

Bilder aus China | Peking – Shanghai

5.30 Uhr. Dämmerung. Die Sonne versteckt hinterm Horizont. Ich bin wie immer nicht die einzige, die früh auf den Beinen ist. Die Chinesen schlafen nicht viel. Sie gehen spät zu Bett, sind ab 6 Uhr wieder auf den Beinen. Die Feldarbeit ruft. Work-Life-Balance ist ein Luxus, den sich keiner leisten kann. Ich verlasse die Hauptstraße, die Pendler und Fernfahrer, biege ab auf eine vergessene Landstraße, als die Sonne über den Horizont krabbelt. Zwischen Wolkenbergen, grauen Steinhäusern und Nebel über flachen Feldern kämpfen sich die Strahlen zur Erde, verdrängen mit atemberaubenden Bildern allen Schlafsand aus meinen Augen. Ich genieße diesen Moment, halte ihn mit der Kamera fest. Ich weiß, sobald ich diese Straße verlasse, erreiche ich die Grenzen Shanghais.

Straßen, Ampeln, Menschen, Häuser, Smog. Überall. Kein Tritt, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Je länger ich unterwegs bin, desto mehr frustrieren mich die Massen mal wieder. Im Kopf führe ich mit den ganzen Verkehrsraudis monologe Dialoge: Klaro, scheide mich doch oder Du kannst so viel hupen, wie du willst, auf so etwas reagiere ich gar nicht oder Rechtsfahrgebot, Madame! Meine  stillen Erziehungsmaßnahmen haben natürlich keine Wirkung, außer mich zu beruhigen. Als ich im Zentrum Shanghais ankomme, lasse ich mir Zeit, atme durch, lasse die müden Beine austrudeln, erhasche zwischen all den turmhohen Häusern einen Blick auf den ikonischen Fernsehturm des Bund.

Shanghai. Geschafft. Wow. Die Gefühle, die für pathetische Momente und feuchte Augen zuständig sind, überrennen mich. Shanghai. Stadt über dem Meer. Tor zur Welt. Paris des Ostens. Drachenkopf–Metropole. Perle des Orients. Wikipedia spuckt viele Namen für die Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang am Huangpu-Fluss aus. Die Weltstadt nennt viele Superlative ihr Eigen. Für mich ist Shanghai mein gegenwärtiges Ziel. Abfahrtsort nach Japan. Ankunftsort, nachdem ich vor 28 Tagen in China angekommen bin. Erenhot. Shanghai. So schnell kann es gehen. In 2 Tagen läuft mein Visum aus.

Mein Hostel liegt in der sechsten Etage eines Hochhauses. Eigentlich hätte ich bei Millie schlafen sollen, aber ihre Mitbewohnerin war von der Idee nicht so begeistert. Zurück in den Schlafsaal. Mir ist alles recht nach 11 wilden Nächten irgendwo im Nirgendwo. Spätestens als ich die Dachterrasse betrete, bin ich von meinem Hostel restlos begeistert. So ein Pech, dass Facebook, YouTube, Instagram, Google und Netflix immer noch gesperrt sind. Doch der Ausblick auf die blinkendeblitzende Stadt ist spektakulär genug, mich zu unterhalten, bis der Schlafsand zurückkehrt.

Am nächsten Morgen bin ich mit Millie verabredet, die ich zwei Wochen zuvor in Tianjin kennengelernt hatte. Bevor wir uns treffen, mache ich noch einen Abstecher zum Fährterminal. Ich will herausfinden, wo die Fähre abgelegt, durch welchen Eingang ich muss, was ich mit Anton mache undundund. Doch der Ausflug bringt wenig Wissenswertes, ich bin genauso schlau und unruhig wie vorher. Ich fahre weiter zur Nanjing Road, wo ich Millie am Ausgang der U–Bahn treffe und zunächst alle Sorgen um die Fähre vergesse.

Einkaufsstraße. Touristenmagnet. Reklamespektakel. Millie führt mich durch die Straße, die Einwohner grundsätzlich meiden. Die Nanjing Road ist die Haupteinkaufsstraße von Shanghai. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, wieder im Westen zu sein. Auf der Straße sind weit mehr Rundaugen als Schlitzaugen unterwegs. Deutsche, Schweden, Briten, Amerikaner. Geld zum Shoppen habe ich zwar nicht, aber Millie führt mich durch Läden, die chinesische Tradition verkaufen: Kräutermedizin und vergoldete Schmuckstücke in allen Gestänken und Formen. Millie erklärt mir, dass mein Tierkreiszeichen, der Drache, früher nur den Kaisern vorbehalten war. Nach einem Abstecher zum Hunangpu-Fluss und zum Bund, der berühmten Uferpromenade Shanghais, gibt es im Laoshengchan Tomatensuppe, Teigtaschen, Frühlingsrollen, Eierteig, Reis und Pilze zum Mittag. In China wird das Essen in Einzelteilen an den Tisch gebracht und sofort gegessen.

Bevor wir mit der U–Bahn nach Tiánzǐfáng fahren, zeigt mir Millie noch, in welchem Park Mütter frühzeitig um Ehemänner für ihre Töchter bitten; angeblich verschachern sie ihre Töchter dort auch. Denn mit 27 gehören Frauen zum Reste-Status. Ehe, Familie, Kinder haben einen weit höheren Stellenwert als Liebe. Bis zur Ehe gilt es, scheu und keusch zu sein. Millie erklärt mir aber auch, dass immer mehr junge Frauen sich dagegen wehren – wie Millie selbst, die gar nicht daran denkt zu heiraten. Jeder sollte leben, wie und mit wem er will, verheiratet oder nicht, Eltern müssen das akzeptieren, erklärt Millie. Kein Wunder, dass sie mir auf Anhieb sympathisch war. Ich will wissen, ob sie je daran gedacht habe, China zu verlassen. Schon, aber so richtig könne sie es sich nicht vorstellen – auch weil es für Chinesen sehr schwer sei, zum Beispiel in ein europäisches Land einzuwandern.

Es geht weiter nach Tiánzǐfáng, ein Kontrapunkt zur reizüberfluteten Nanjing Road. In den schmalen Gassen zwischen alten Dreistockhäusern verstecken sich Düfte, Fächer, Porzellan, Brillen, Postkarten, Krimskrams und deutsches Bier. Wir lassen uns treiben durch all den Schnickschnack, während mir Millie mehr über China erzählt, dass Angestellte nur 5 Urlaubstage im Jahr haben, dass in der Schule zwar Englisch unterrichtet, aber selten praktiziert werde, dass die Regierung  meist baut und abreißt, ohne jemanden zu informieren. Am Abend trennen wir uns wieder, in den Hände halte ich Plastikbeutel voller Essen. Alles von Millie. Wir wollen in Kontakt bleiben. Falls Millie irgendwann mehr als 5 Urlaubstage hat, will sie nach Deutschland kommen. Dann drückt sie mir noch eine Schachtel Mondkuchen in die Hand, die es traditionell zum herbstlichen Mondfest gibt.

19. September. Aufbruch. Ich komme zweieinhalb Stunden zu früh an der Fähre an. Schuld ist mein Generator für Worst–Case–Szenarien. In meinem Kopf habe ich mal wieder alle möglichen und unmöglichen Möglichkeiten durchgespielt, was passieren könnte. Falscher Anleger, ich finde den Eingang nicht, ich komme zu spät, sie lassen mich nicht auf das Schiff, ich habe das Datum verwechselt… Weil ich am Tag der Abfahrt China aufgrund meines auslaufenden Visums verlassen muss, ist mein Generator besonders aktiv und ich habe mir vorsichtshalber die Adresse der Behörde notiert, die für eine Verlängerung meines Visums zuständig wäre.

Letztendlich gibt es aber nur einen Eingang, der für das Boarding in Frage kommt. Weil ich also noch zwei Stunden Zeit habe und sowieso nichts mehr machen kann, fahre ich doch noch einmal zu Starbucks, hole mir eine heiße Schokolade und nutze das Wifi, um zum zehnten Mal zu checken, wann und wo die Fähre abfährt. Die Daten sind immer noch die gleichen. Verrückt. Ich mache mir natürlich viel zu viele Sorgen, stellt sich zurück am Anleger heraus. Nach einem Sicherheitscheck, Check–In, einem zweiten Sicherheitscheck und der Zollkontrolle darf ich die Su Zhou Hao betreten.

Ein Matrose führt mich in meine Kabine und mir entgleisen jegliche Gesichtszüge. Ich fange laut an zu lachen, es ist ein Palast. Nein, ehrlich, das habt ihr noch nicht gesehen! Vor zwei Jahren bin ich mit der Fähre nach Island gefahren. Innenkabine, 4 Frauen, 4 Quadratemter. In absoluter Dunkelheit dieser zentralen Schiffskabine habe ich in der ersten Nacht geträumt, dass uns eine Monsterwelle verschluckt – zwei Tage zuvor hatte ich in der Schlussredaktion noch einen Artikel darüber gelesen. Auf der Su Zhou Hao flutet mir Licht aus meiner 12–Quadratmeter–Kabine entgegen, deren Bullaugen mit japanischen Milchglasfenstern ausgestattet sind. Es ist ein japanisches Zimmer. Bambusmatten liegen auf dem Boden, an Wänden sind Decken und Kissen gestapelt. Es ist wie ein riesiges Bett. Wisst ihr noch, wie viel Spaß es früher gemacht, einfach nur im Bett herumzuhüpfen. So fühle ich mich in diesem Moment. Schuhe aus und rein ins Vergnügen.

Den Rest des Tages verbringe ich zwischen Bett und Oberdeck. Weil nicht allzu viel zu sehen ist zwischen Smog und braun verdrecktem Wasser, verbringe ich mehr Zeit im Bett. Zum Abendbrot in der Schiffskantine lerne ich fünf Japaner kennen, die mich einladen, mit ihnen zu essen. Mein Deutschland–Trikot hat sie auf mich aufmerksam gemacht. Eigentlich habe ich das für die Weltmeisterschaft eingepackt, aber es ist das letzte saubere, nicht stinkende T–Shirt. Und ich hörte, die Japaner legen Wert auf Sauberkeit und angenehme Gerüche.

Wir unterhalten uns über Japan und Deutschland. Sie empfehlen mir, nach Hokkaido zu fahren, und versorgen mich mit Weintrauben und japanischer Birne. Ich zeige ihnen Bilder meiner Reise. Die Japaner sind mir auf Anhieb sympathisch, weil sie irgendwie völlig normal sind. Sie lachen, machen Scherze, sind freundlich, hören zu, schreien nicht beim Reden, sprechen Englisch und Deutsch. Schade, dass ich die Fähre morgen schon wieder verlassen muss.

Tag 125 | Gulizhen – Shanghai | 83,3 Kilometer | 100 Höhenmeter 

Tag 126 | Shanghai

Tag 127| Shanghai – Osaka | Fähre

Alle Bilder der Weltreise

 

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