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Zwischenspiel VIII: Auf einen Quickie mit Osaka

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, denn da kann man die Chinesen im Gleichschritt von steuerbord nach backbord hechten sehen. In Osaka hechte ich nicht, sondern bleibe einfach mal stehen – auch weil das chinesische Visazentrum schlechte Nachrichten für mich hat.

Bilder aus Japan | Osaka – Kyoto

Schlaflos auf der Fähre nach Japan. Ich habe wohl immer noch Hummeln im Hintern. Als die Sonne irgendwo hinter Wolken und Nebel aufgeht, bin ich schon wieder wach. Im Kopf rattert es mal wieder. Ich will nicht packen, ich will das Schiff noch nicht verlassen. Wie schön wäre es, noch einen ganzen Tag auf dem Meer zu bleiben. Hilft alles nichts. Ich mache mich fertig. Als ich jedoch merke, dass die anderen einfach weiterschlafen, oder im Schlafanzug über die Decks laufen, und ich die einzige bin, die in Hektik ausbricht, überlege ich noch mal. Am 21. September legt die Fähre an, ja, ziemlich sicher, und heute ist der … ach, verflucht… nein, heute ist natürlich nicht der 21.9. Ich bin am 19.9. an Bord gegangen, das war gestern.

Mit Schlafanzug und innerlich vor Freude brüllend, stürze ich zum Oberdeck. Atme ein, atme aus, grinse wie ein Honigkuchenpferd. Das Meer ist endlich wieder dunkelblau, Heimat, die braune Brühe ist verschwunden. Was für ein geruhsamer Anblick. Einen ganzen Tag auf dem Meer abhängen, ich kann es immer noch nicht fassen. Die Grenzen einer Reling können manchmal sehr befreiend sein: gezwungen zu sein, stehen zu bleiben, und doch voranzukommen. Nach einem chinesischen Frühstück mit dieser geschmacklosen Getreidebrühe, die ich bereits in Linyi hatte, nutze ich den Tag, um zu schreiben, zu lesen, Tischtennis und Mahjong zu spielen, um Hörbuch zu hören, zu schlafen, Reisende aus Belgien und den USA kennenzulernen.

Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne, die durch das mannshohe Bullauge lugt. Kamera raus und ab ans Deck. Ich schwenke nach steuerbord. Ich bin allein. Das Schiff dreht sich leicht – die Sonne, die eben noch Backbord aufging, zeigt sich jetzt Steuerbord – sodass ich die aufgehende Sonne vor der Linse habe. In diesem Moment kommen – echt, es ist wie im Film – 10, 15 Chinesen um die Ecke gelaufen, im Gleichschritt, alle mit Spiegelreflex und Stativ ausgestattet, stellen sich wie eine Horde Fotojournalisten auf, schießen los. Als das Schiff wieder leicht dreht, laufen sie hintereinander weg zurück auf die andere Seite.

An diesem Morgen muss ich das Schiff auf jeden Fall verlassen. Kein Zurück. Bevor sich die Türen jedoch öffnen, muss bei allen Passagieren die Temperatur kontrolliert werden. Wer krank ist, kommt in die Quarantäne. Alles gesund. Ab durch den Zoll – bis zum 20.12. dürfte ich in Japan bleiben – und raus in die kochendheiße Sonne. Google hat noch nicht wieder begriffen, dass die chinesische Internetmauer gefallen ist und will mir meinen Standort nicht anzeigen, weshalb ich erst einmal völlig ins Blaue starte. Ich verlasse das Schiffsgelände, halte an einer Ampel und wundere mich, warum der Laster auf der anderen Seite der Kreuzung auf der falschen Seite steht. Und warum die Ampeln falsch hängen… und die Pfeile auf dem Boden auch falsch herum… Ach, verflucht, kann es sein, dass die Japaner links unterwegs sind?

Ich fahre erst einmal auf dem Gehweg weiter, damit ich nicht als Geisterfahrer unter die Räder komme. Quer durch den Stadtteil. Überall sind gigantische Brücken, hunderte Meter hoch, doch keine für Radler. Wo muss ich bloß ich hin? Ich fahre mal hier und mal dort entlang und bin völlig verwirrt, stecke zwischen Fischhallen und Containern fest. Irgendwo am Hafen. Ich suche mir Wifi im Zentrum des Stadtteils und Googlemaps wacht endlich wieder. Auf geht’s nach Osaka.

Es ist still, so unfassbar still. Das ist das erste, was mir auffällt. Mitten in der Woche, mitten am Tag. In meiner Erinnerung schraubt sich die Lautstärke, der ich in China ausgesetzt war, gleich noch etwas in die Höhe, während ich durch die Stille Japans trödle und zufrieden in den Himmel pfeife. Und die Straßen, so klein, so angenehm klein. Ich fahre durch Gassen, an zweistöckigen Häusern vorbei, und bin überrascht, wie schnell der Kopf von rechts nach links umschaltet. Weil mein Couchsurfer noch bis 20 Uhr arbeitet, schlendere ich durch die Stadt, erkunde Osaka, und entspanne im Tennoji–Park. Sonnenschein. 35 Grad. Zum Mittag gibt es Takoyaki. Tintenfischbällchen. Ich verbrenne mir den ganzen Mund. Und bin doch verliebt.

Pete ist aus Polen, lebt aber seit 10 Jahren in Japan. Er ist selbst schon um die Welt gereist und danach nach Japan zurückgekehrt. In Osaka arbeitet er in einer TV–Produktionsfirma, in der Filme zum Thema Reisen produziert werden. Seine Wohnung ist winzig, das Bad mit einem verschachtelten Duschraum führt einen, ohne Umwege über die Abschussrampe, auf das Raumschiff Avalon. Die Badewanne ist genauso winzig, quadratisch und doch groß genug für mich. Träumchen. Wir essen, schnacken, schlafen.

Obwohl Pete mir weismachen will, dass Osaka langweilig sei und nichts zu bieten habe, bin ich von der Stadt begeistert. Der Reiz des Neuen, der Reiz des Unbekannten. Zwischen kleinen Gassen, in denen Restaurant an Restaurant Stammgäste und Touristen bewirtet, verlaufen die überdachten Einkaufsboulevards, in denen dichtes Gedränge herrscht. Alles ist so bunt und verspielt, dass ich an Kreuzungen nie weiß, in welche Straße ich als nächstes einbiegen soll. Riesige Tintenfische strecken ihre Tentakel über die Menschenmassen. Alle paar Meter tauchen Pachinko-Hallen auf, in denen die Japaner versuchen, Geld zum Shoppen zu gewinnen.

In der Nähe des Tennoji–Parks gibt es einen Stadtteil, der mit seinen eckigen Schriftzügen an den Eingängen an alte Gameboy– und Segaspiele erinnert. Im Zentrum der vollgestopften Straßen von Ebisuhigashi steht der Tsūtenkaku: ein 103 Meter hoher Sendeturm, ein Stahlgerüst, Aussichtsturm. Vorbild soll der Eiffelturm gewesen sein. Das ist nicht unbedingt zu erkennen… Ich laufe hierhin und dorthin und bin überrascht, wie viele Eisläden es in Osaka gibt. Erst einmal esse ich allerdings Okonomiyaki, japanische Pizza. Typisch für Osaka.

Am Abend stoßen Pete und ich auf meinen 29. Geburtstag an. Der letzte vor der 3. Einer zum Erinnern. Erst eine Flasche Wein, dann machen wir den polnischen Schnaps auf. Pete schenkt einfach immer nach. Ich fühle mich wie zu Hause und bin froh, dass mein Gastgeber an diesem Tag kein Japaner ist. Es ist leichter, mit Polen zu trinken als mit Asiaten. Wir schauen Trainspotting, trinken zu viel und quatschen. Pete ist auf seiner Weltreise mit einem Segelschiff von Europa nach Amerika gefahren per Boat–Hitchhiking. Er hat viel Zeit in Südamerika verbracht und verrät mir, welche Länder ich lieber meiden sollte, dass Kolumbien völlig ungefährlich ist und wie ich von Bolivien nach Panama komme.

Pete erzählt mir auch von den Japanern. Es sei eine Tortur gewesen, in Japan einzuwandern, leicht sei es dagegen gewesen, alles zurückzulassen. Er ist aber frustriert, weil die Japaner nicht in die Zunkunft investierten. Zitat: Japan sitzt mitten auf der Straße und ein Lastenzug kommt auf sie zu. Immer schneller. Sie sehen ihn. Doch sie denken, er könnte auch an uns vorbeifahren. Übersetzt: Weil alles funktioniert, setzt Japan auf alte Strukturen, und weil Hierarchie alles bedeutet, bleibt es so. Familie bedeutet genauso viel. Frauen verführten die Männer, ließen sich schwängern und zwängen die Kerle so in eine Ehe. Liebe? Auch in Japan nicht. Bereits beim zweiten Date wollten Japannrinnen wissen, wie es denn aussieht mit Ehe und Kindern. Pete will weder das eine noch das andere, weshalb nach dem zweiten Date meistens Schluss war.

Pete und ich verabschieden uns drei Tage später. Mein erster Weg führt mich dann zum Visa Application Centre. Weil ich damit rechne, noch einige Tage warten zu müssen, habe ich mich solange in einem Hostel einquartiert. Im Hostel bleibe ich zwar, doch warten muss ich nicht. Es gibt nämlich gerade mal wieder keine Touristenvisa für China. Ich gebe ihnen meine E-Mail-Adresse. Sie wollen mich informieren, sobald wieder Visa vergeben werden. Den Grund wollen sie mir nicht nennen; ich vermute, dass die nationale Feierwoche und die anschließenden Wahlen ihre Finger im Spiel haben.

Ich bleibe die Tage im Hostel – und bleibe einfach mal stehen. Eigentlich wollte ich über Koya an die Ostküste fahren. Aber nach 8 Ländern in 4 Monaten, tausenden Kilometern mit Rad, Zug und Fähre habe ich einfach keine Lust, schon wieder aufzubrechen. Im Hostel können sie sich das Schmunzeln nicht verkneifen, als ich meinen Aufenhalt zum dritten Mal verlängere. Ich lasse mich treiben, sitze im Café, auf Toiletten mit Sitzheizung, Meersrauschen und Po-Putz-Massage-Wasserstrahl, schreibe, schlafe, genieße die unendliche Geduld, Höflichkeit und Freundlichkeit der Japaner und warte auf meine Reisebegleitung, mit der ich mich über Facebook verabredet habe, und die am 28. September in Osaka ankommt.

Nur dieses einlagige Toilettenpapier treibt mich in den Wahnsinn. Immerhin darf es wieder ins Klo. In China landet das Klopapier im Mülleimer, was ich immer mal wieder vergessen habe. Zum Glück bin ich nie lange genug an einem Ort geblieben, um herauszufinden, welche Konsequenzen das wohl mit sich bringt…

Tag 127 bis 129 | Shanghai – Osaka | Fähre

Tag 130 bis 137 | Osaka

Alle Bilder der Weltreise

 

One comment on “Ab auf die Klobrille mit Sitzheizung: Endlich in Japan!

  1. Schade! Da haben wir uns in Japan nur knapp verpasst! Ich musste so lachen bei diesem Beitrag, denn all das was du beschreibst, Zunge an den Takoyaki verbrannt, viel zu dünnes Toilettenpapier, kleine Badewanne usw. haben wir ja gerade erst selbst erlebt.
    Weiterhin gute Fahrt und viele tolle Eindrücke!

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