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Kapitel XXXI: Von Osaka nach Kyoto

Wir sind mal wieder zu zweit unterwegs. Zumindest für zwei Tage, dann stellen wir fest, dass wir nicht auf einer Wellenlänge reisen. Sabrina erkundet Kyoto auf eigene Faust, ich stelle mich dem Abenteuer „Wartung des Fahrrads“. Hilfe bekomme ich von YouTube.

Bilder aus Japan | Osaka – Kyoto

Sabrina kommt mit dem Flugzeug aus Südkorea an, checkt nachts im gleichen Hostel ein: im Peace House Suzunami. Es ist Zufall. Wir haben uns bei Facebook getroffen und überlegt, Japan für einige Tage gemeinsam zu erkunden. Die 28-Jährige ist die vergangenen Monate durch die Welt gereist, war vor allem in Afrika, aber auch in Asien und Südamerika unterwegs. Eigentlich war Sabrina schon nach Deutschland zurückgekehrt, doch dann dachte sie sich, sie will noch einmal ausbrechen, bevor es in  den Alltag zurückgeht.

Wir bleiben noch einen Tag in Osaka, dann packen wir die Räder – also ich packe mein Rad, Sabrina schnallt ihr Backpack auf den Rücken – und brechen auf. Erst nach Nara, dann Kyoto. Wir manövrieren durch die schmalen Gassen Osakas, an Bächen für die städtischen Reisfelder und einstöckigen Häusern vorbei, unter Hunderten Stromkabeln hindurch, vom Tennoji-Park zum Berg Ikoma. Mir schwante schon Übles, als ich die Route auf dem Navi sah. 450 Höhenmeter. Nicht eine Serpentine. Das könnte bedeuten, dass die Steigung so flach ist, dass keine Serpentinen nötig sind. In der Regel bedeutet es das nicht.

Bereits die ersten Meter sind eine Tortur. So steil, dass keiner von uns auf dem Rad bleiben kann. Pause. Wir drehen uns um – ganz wichtig bei so einer Reise: immer wieder zurückschauen. Was für eine Aussicht! Osaka ist gigantisch, umschlossen von grünen Bergen. Wir posieren erst einmal gegenseitig für die Kamera, als Thomas hinter uns auftaucht, auf dem Weg nach Osaka. Thomas ist ebenfalls mit dem Rad unterwegs. Es ist eine Testfahrt. Thomas bietet begleitete Radreisen an und fährt die Route im Vorfeld ab. Die nächste Tour soll seine Gefährten und ihn 2019 von Berlin nach Tokio führen (wer Lust hat: www.tomtomtravel.com). Wenn Thomas nicht radelt, pendelt er zwischen Berlin und Hanoi. Sechs Monate im Jahr lebt er bei seiner Frau in Vietnam. Auch im Dezember will er in Vietnam sein – ich solle mich melden, wenn ich ankomme.

Thomas rollt hinunter, wir schieben weiter. Der Straße führt immer steiler den Berg hinauf. 19, 20, 21 Prozent. Das schaffe ich nie. Sabrina versucht, mich aufzumuntern. Positiv bleiben. Wir kommen allerdings überhaupt nicht voran – und strecken schließlich den Daumen raus. Per Anhalter. Der zweite hält. Hat aber keinen Platz. Der dritte hält. Hat ebenfalls keinen Platz. Schafft aber welchen für Anton. Mein Rad ist zwischen zwei Rennrädern in guter Gesellschaft. Den Rucksack von Sabrina verstauen die zwei Fahrer des Geländewagens auch noch und fahren los. Sabrina und ich gehen. Durch einen dichten Wald, an  Spinnen und Flüssen vorbei, über alte Steinbrücken. Steil hinauf bis zu den Reisfeldern, deren Ernte begonnen hat. Wer hat diese Straße bloß gebaut, ohne Serpentinen… Auf dem Berg treffen wir die Fahrer des Geländewagens zum Austausch wieder. Tausenddank.

Bergab schaffen wir es allein. Und machen erst einmal Pause. Es ist spät geworden. Die Sonne ist kurz davor unterzugehen. Wir hatten mal vor, die Nacht in Nara zu verbringen. Doch Nara ist zu weit entfernt, weil wir nicht nur ankommen, sondern auch einen Zeltplatz finden und das Zelt aufbauen müssen. Stattdessen schlagen wir das Zelt auf einem Waldparkplatz in Ikoma auf, wo wir Slalom durch all die Spinnennetze laufen. In Gedanken laufe ich voll hinein in so ein Netz, während ich nachts auf Toilette muss. Sabrina überlegt das gleiche. Wir merken uns die sicheren Durchgänge… Es ist schön, mal wieder einen Gefährten zum Zelten zu haben. Wir schauen Captain Fantastic, essen Chips und Schokolade.

Am nächsten Tag erreichen wir Nara früh am Morgen. Wir streicheln die Sikahirsche, die durch Parks und über Straßen laufen, und sich nur allzu gern von den Touristen verwöhnen lassen, fotografieren die Tempel und staunen über die alte Kultur der Japaner. Als wir die Stadt durch die Fußgängerzone wieder verlassen, bleiben wir im Verkehr stecken. 40, 50 Menschen haben sich um einen Stand herum gruppiert. Ein Japaner schlägt mit einem armgroßen Hammer auf eine grüne Gummimasse ein, ein zweiter schreit diese an. Immer und immer wieder. Traditionell, spektakulär, aufsehenerregend. Sie machen Mochi: Reiskuchen mit Matcha-Geschmack und süßer Bohnenfüllung. Ich bin ein vorbildlicher Tourist und kaufe einen Reiskuchen. Spektakulär.

Es geht weiter, am Fluss Kizo entlang, über einen Deich nach Kyoto. Radwege, Natur, Berge, Gärten. Es ist Sonntag. Rennradler kommen von hinten und von vorn. Grüßen, verbeugen sich. Ich fühle mich wie zu Hause, erinnere mich freudestrahlend an die Sonntage, als ich auf das Rennrad gestiegen bin: am Bodensee entlang, über Bodanrück und Höri, durch die Schweiz und Österreich. Das ist das erste, was ich mache, wenn ich zurück bin: Mit dem Rennrad, ohne Gepäck, mal wieder richtig Gas geben. Wir schieben unsere Räder über eine alte Holzbrücke. Zum nächsten Deich. Zum nächsten Radweg. Es ist ein komplett anderes Fahrgefühl als in China. Ich kann mein Glück kaum fassen, verliebe mich jeden Tag ein Stück mehr in dieses Land.

Ankommen in Kyoto. Wir checken im nächsten Peace House ein, mitten in Gion. Zwischen Sabrina und mir funkt es leider nicht, wir stellen am ersten Abend in Kyoto fest, dass wir nicht auf einer Wellenlänge reisen und gehen wieder unserer eigenen Wege. Sie schaut sich die Stadt an, ich kümmere mich endlich um Anton. Herbstputz. In der Waschanlage verarscht mich zunächst der Wechselautomat, dann rate ich wild durcheinander, welcher Knopf der richtige zum Waschen sein könnte, und drücke irgendeinen. Es kommt Wasser aus dem Kärcher und zehn Minuten später glänzt Anton wieder.

Am nächsten Morgen kontrolliere ich alles von unten bis oben, drehe Schrauben nach, reinige und öle die Nabenschaltung. Ganz allein. Etwas stolz. Während ich vor dem Hostel sitze, Fahrrad kopfüber, Werkzeug rundherum, kommen die Schüler der benachbarten Junior Highschool vorbei. 7.50 Uhr. Schulbeginn. In Zweierreihen laufen die Kinder mit weißem Hemd und schwarzer Hose, Mütze und Jackett, Schultasche und Trinkflasche an mir vorbei. Ich muss schmunzeln, das Bild ist zu klischeehaft.

Während ich einen kleinen Schlauch im Mund habe, der an der Nabenschaltung angeschlossen ist, zieht mir ein Schüler von hinten seine Trinkflasche über den Kopf. Aus Versehen. Aus Versehen hole ich Luft und das Dreckswasseröl aus der Nabenschaltung schießt mir in den Mund. Ich huste wild darauf los und denke, dass ich vielleicht doch so eine Plastikspritze hätte kaufen sollen, die das Öl mit Luftdruck in die Schaltung hinein und wieder hinaus befördert – statt mit dem Mund daran zu saugen. Ich muss lachen. Der Schüler in seiner Uniform entschuldigt sich, verbeugt sich, Handflächen flach an den Oberschenkeln, und wetzt, leicht rot im Gesicht,  zu seinen Freunden zurück.

Ich widme mich der Kette. Die alte pfeift auf dem letzten Ritzel. Ich habe mich bisher davor gedrückt, weil ich keine Ahnung davon habe und Angst hatte, etwas kaputt zu machen. Nun aber habe ich keine Wahl mehr, die Kette muss runter. Weil ich zum ersten Mal eine Kette wechsle, lasse ich ein YouTube-Tutorial laufen. Es klappt erstaunlich reibungslos. Probefahrt. Alles fährt und schaltet. Ein kleines Wunder. Ich fahre an der Schule vorbei. Auf dem Sportplatz stehen alle Schüler aufgereiht, wie bei einer Militärparade. Eine Lautsprecherstimme schallt über den Hof. Die Schüler gehen in die Knie und wieder hoch. Kniebeugen. Sie machen Frühsport. In ihrer Schuluniform. Was für ein Bild.

Nach der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen: Kyoto. Die Stadt der 2000 Tempel und Schreine. Das Wien von Asien. Die stolzeste Stadt Japans. Wo soll ich bloß anfangen mit dem Sightseeing?

Tag 138 | Osaka – Nara | 37,1 Kilometer | 680 Höhenmeter

Tag 139 | Nara – Kyoto | 44,4 Kilometer | 120 Höhenmeter

Bilder aus Japan | Osaka – Kyoto

 

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