search instagram arrow-down

Palim Palim

Instagram

Facebook

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel XXXII: Von Kyoto nach Okayama

Ich lasse Kyoto hinter mir, folge der Küste nach Südwesten – im Gepäck einen hartnäckigen japanischen Virus. Japan allerdings gefällt mir so gut, dass ich mich entscheide, China hinter mir zu lassen, in Japan zu bleiben und nach 4 Monaten und 8 Ländern einfach mal zu trödeln.

Bilder aus Japan | Kyoto – Miyajima

Es regnet immer noch. Ich kann das Wasser hören, wie es zur Seite spritzt, wenn ein Auto hindurchfährt. Das butterweiche Bett fühlt sich noch weicher an als am Morgen zuvor. Ich drehe mich um, decke mich zu, drehe mich um, drehe mich um. Ich könnte auch einfach noch eine Nacht bleiben, denke ich. Aber, nein, langsam ist mal genug gehostelt. Es wird Zeit, dass ich weiter komme. Aber Bett, kuschelweich, trocken, Dusche, und es gibt ja noch so viel zu entdecken in Kyoto. Verdammt!

Arschtritt, raus aus dem Bett, fertigmachen, los. Mit meinem unfassbar lieben Hostelchef tausche ich noch Abschiedsgeschenke aus, bevor ich aufbreche. Hiroshima ist mein Ziel. 5 Tage sollte es dauern – 10 Tage später bin ich immer noch nicht angekommen. Aber zurück zum 7. Oktober. An diesem Tag ist nur Eintrudeln angesagt, ein bisschen treten, das Gefühl zurückgewinnen, das Fahrrad nach all meinen Wartungsarbeiten testen.

Es läuft. Auch in meinem Kopf. Eben noch wollte ich das Hostelbett gar nicht verlassen, jetzt, zurück auf dem Fahrrad, zurück in der Natur, wieder unterwegs, fühle ich mich befreit. Die Fesseln der Stadt lasse ich hinter mir. Abenteuer, ich komme! An diesem Tag nur eine Floskel, ist mir nicht bewusst, wie recht ich damit mal wieder habe. Aber ich schweife schon wieder ab… so ist das, wenn man so viele Tage mit dem Schreiben hinterherhinkt.

8. Oktober. Ich bleibe in Japan. Das entscheide ich an diesem Tag. Es ist halb 8 – in China wäre ich jetzt bereits seit 1,5 Stunden unterwegs. Am Ufer des Yodo liege ich um diese Zeit immer noch im Schlafsack. Als ich aus dem Zelt herauskrieche, im Licht der Sonne, grüßt mich ein Angler freudig. Es ist Sonntag. In aller Ruhe mache ich mich fertig, ziehe mich an, frühstücke, putze Zähne. Keine Hektik. Japan fühlt sich wie Urlaub an nach den vergangenen aufwühlenden Wochen.

Die ersten Kilometer führen mich an den äußeren Grenzen Osakas entlang. Hunderte Radfahrer, Läufer, Fußgänger kommen mir am Uferweg entgegen. Je näher ich an die Stadt komme, desto mehr Sportstätten erwachsen am Ufer, alle voll belegt und belebt. Überall spielen Jung und Alt Baseball und Fußball, Rugby, Football und Tennis oder einfach nur mit den Kindern auf den Wiesen. Vielleicht sollte ich nach Japan auswandern, eine Fußballmanschaft trainieren, so wie bei den Kickers. Deutsch– und Englischunterricht könnte ich auch noch geben. Gedankenspiele.

Ich träume weiter und fahre über Osaka nach Kobe, wo ich „frisches deutsches Brot“ kaufe. 300 Höhenmeter später komme ich in einem Freizeit– und Regenerationspark an. Auf dem Zeltplatz können Besucher nur in fest installierten Zelten schlafen. Die sind alle voll. Doch der Besitzer zeigt mir, wo ich mein eigenes Zelt aufbauen kann. 500 Meter weiter stehe ich zwischen Familienkutschen und mannshohen Zelten, Glamping auf Japanisch, die Auto- und Grillplätze sind alle belegt. Ich niste mich auf einer Wiese ein, schließe mich einem Fußballspiel an und grille danach mit einer japanischen Familie.

Am nächsten Tag neigen sich nicht nur meine Powerbanks dem Ende, sondern auch meine eigenen Energiereserven. Die Powerbanks hatte ich alle auf dem Schiff platt gemacht, was ich total vergessen und die Banks deshalb nicht wieder aufgeladen habe. Jetzt laufe ich der Energie an jeder Steckdose hinterher. Mit nur einem Adapter kann ich die Powerbanks erst einmal nicht wieder aufladen.

Mich selbst plagen Halsschmerzen, seit ich Kyoto verlassen habe. Wieder so ein Hostel–Schlafsaal–Virus, der mich nach und nach in die Knie gehen lässt. Ich versuche noch einige Tage, ihn zu ignorieren. Doch der Hals wächst, die Kraft sinkt. Über Himeji schleiche ich weiter nach Ako. 35 Kilometer. In der Hafenstadt übernachte ich auf einem Zeltplatz, springe ins Meer, nehme einen tiefen Zug Salzwasser, doch selbst der hilft nicht, die Nase freizubekommen. Die Sinne völlig vernebelt, bleibe ich dann auch noch an einer Parkplatz–Begrenzung, einem armlangen Kantstein hängen. Ich setze mich aufs Rad, rolle los, bleibe abrupt hängen, kippe um. Vor einem parkenden Auto, in dem ein Japaner hockt. Ich gucke ihn gar nicht an, stehe so würdevoll auf, wie es mir möglich ist, und fahre weiter – mit offenen Augen diesmal.

Der Zeltplatz ist so gut wie leer, die Saison vorbei. Auch der angrenzende Park mit Riesenrad kann die Massen wohl nur noch am Wochenende locken. Es ist still, so still. Ich bleibe noch einen Tag, schlendere durch die Stadt, verstecke mich im Zelt und fliehe gleich wieder – viel zu heiß. Am nächsten Morgen hört sich mein Hals beim Gurgeln wie ein verstopfter Abfluss an, die Ohren schmerzen, die Augen tränen. Ich breche auf.

Bei Regen fahre ich weiter in Richtung Okayama, höre Hörbuch und schlage auf halbem Weg mein Zelt auf. Das Land bleibt wunderschön, auch die Radstrecken, immer wieder kann ich Kakis, Granatäpfel und sogar Kiwis von Bäumen pflücken, doch der Hals nervt. Bonbons, Eis und Tabletten helfen nicht. In Okayama mache ich einen weiteren Tag Pause, und noch einen, und noch einen. Ein weiser Freund weist mich daraufhin, dass Viren in anderen Teilen der Welt mehr zusetzen, weil ich nicht dagegen immun sei. Merke ich dann auch, und schaue mir den Regen durch eine Glasfassade an. Weil ich mir das Hostel nicht leisten kann, schlage ich täglich an den Grenzen der Stadt mein Zelt auf und verbringe die verregneten Tage im Einkaufszentrum, wo ich Strom und Internet habe.

Als alle Röhren zum Atmen wieder frei sind, die Stirn nicht mehr glüht, geht es weiter nach Hiroshima. Diesmal verhindert die Natur meine geplante Ankunft.

Tag 145 | Kyoto – Takatsuki | 17,5 Kilometer | 30 Höhenmeter

Tag 146 | Takatsuki – Kobe | 76 Kilometer | 1020 Höhenmeter

Tag 147 | Kobe – Himeji | 53,2 Kilometer | 70 Höhenmeter 

Tag 148 | Himeji – Ako | 43,7 Kilometer | 120 Höhenmeter

Tag 149 | Ako | Ruhetag

Tag 150 | Ako – Bizen | 35,4 Kilometer | 570 Höhenmeter

Tag 151 | Bizen – Okayama | 17,6 Kilometer | 100 Höhenmeter

Tag 152 bis 154| Okayama | Ruhetage

Alle Bilder der Weltreise

 

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: