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Zwischenspiel X: Auf einen Quickie mit Hiroshima, Teil 1

Nach dem Taifun erreiche ich trockenen Rades Hiroshima, Hafenstadt, Millionenstadt, Stadt des ersten kriegerischen Atombombenangriffs. Die Nächte verbringe ich bei Reiko, die mich mit japanischem Essen verwöhnt, bevor ich weiter zur heiligen Insel Miyajima fahre und tief in die japanische Kultur eintauche.

Bilder aus Japan | Kyoto – Miyajima

Die Straßen sind breiter, die Häuser sind höher, die Menschen sind distanzierter: Hiroshima ist eine andere Stadt. Das kulturelle Erbe dieser Stadt ist im Feuersturm des 6. August 1945 verbrannt, fast 80.000 Menschen starben unmittelbar durch den ersten kriegerischen Einsatz einer Atombome, bis zu 160.000 an den Spätfolgen. Daran erinnert der Friedenspark, das Friedensmuseum, das Friedensdenkmal. Das Gerüst aus Beton und Stahl der Atombombenkuppel am Motoyasu-Fluss ist Mahnmal des Schreckens, genau wie die Grundmauern des verschwundenen Schlosses, genau wie die Tafel am Bodennullpunkt, genau wie das Fehlen der heiligen Schreine und Tempel, die sonst überall in den Gassen der japanischen Städte zu finden sind. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Hiroshima.

Ich verbringe den Tag in der Stadt; am Abend empfängt mich Reiko, Altenpflegerin und meine Couchsurfing-Gastgeberin, die eifrig Englisch lernt. Die Japanerin, deren Familie im ganzen Land verstreut lebt, nimmt mich für zwei Nächte auf. Gleich den ersten Abend führt sie mich aus. Es geht in ein winziges Restaurant, mit einem Tresen für vier Personen, einem Tisch für acht. Zwei Stammgäste haben es sich bereits am Tresen gemütlich gemacht, wir setzen uns dazu. Es gibt Okonomiyaki. Hiroshima-Style. Weißmehlfladen, Weißkohl, Sojasprossen, Schweinebauch, Nudeln, Tempura-Teig, Ei, Sauce – die Köchin bereitet das Essen auf einer heißen Platte am Tresen vor, dann schiebt sie es zu uns hinüber. Während wir das stadt-typische Gericht essen, schauen wir Baseball. Hiroshima verliert gegen Yokohama. Mein Sitznachbar gibt mir ein Pils aus. Die Japaner haben einen Faible für Deutsch. (Ich würde euch so gern Bilder zeigen, doch wir sind so überstürzt aufgebrochen, dass ich die Kamera vergessen habe. Ab Vietnam habe ich wieder ein Handy, und eine Kamera für solche Gelegenheiten.)

Während Reiko arbeitet, kann ich endlich mal wieder Wäsche machen. Was in der Mongolei und China viel zu kurz kam, ist in Japan kein Problem. Der japanische Reinigungsfimmel ergreift mich dennoch nicht. Duschen, waschen, waschen, duschen – die Japaner neigen dazu, das Ganze zu übertreiben. Selbst in der Suppe herrscht Ordnung: Am zweiten Abend – nachdem ich von einer traditionellen Kagura-Vorführung zurückgekehrt bin – gibt es japanischen Feuertopf. Pilze, Nudeln, Sprossen, Fleisch, Weißkohl, Tofu haben alle ihren festen Platz in der köchelnden Brühe. Stäbchentime. Nach 2, 3 Monaten habe ich die Chopsticks im Griff – Reiko fragt mich sogar, ob wir in Deutschland auch mit Chopsticks essen.

Am nächsten Morgen verlasse ich Hiroshima vorläufig, fahre über Kure auf die Insel Etajima und schließlich weiter nach Miyajima, zur heiligen Schrein-Insel. Die Insel ist unglaublich schön, auch wenn der Ort völlig überlaufen ist. Alle wollen den Itsukushima-Schrein aus dem 12. Jahrhundert und sein ikonisches Torii, Eingangstor, sehen, das während der Flut tief im Wasser steht, und bei Ebbe begehbar ist. In den Straßen des Dorfes gibt es Schnickschnack bis zum Umfallen, Muscheln und mit Bohnepaste gefülltes Gebäck in Ahornblattform. Typisch. Traditionell.

Der Tourismus ballt sich vor allem um den berühmten Shintō-Schrein. Fernab, wo die Insel ihre wahre Mystik entfaltet, gibt es nur noch wenige Menschen, wenige Touristen. Am Hang des Bergs Misen, der teils noch von Urwald bedeckt ist, tauche ich zwischen Gebetsmühlen und religiösen Statuen im Kloster Daishō-in tief in die Traditionen Japans ein. Mönche beten, Mönche trommeln, in einer unterirdischen Höhle hängen tausende Lichter über tausenden Statuen. Die teils feixenden Gesichter zeigen sich in allen Formen mit allen Accessoires: betend, lächelnd, mit Mütze oder Brille, langnasig, mit großen Ohren, runden Wangen. Ein ganzes Fotoalbum ließe sich mit diesen vielseitigen Gesichtern füllen.

Ich schlage mein Zelt am Meer auf, mit Blick auf den Torii, das meist fotografierte Wahrzeichen Japans,und wandere am nächsten Tag den Berg Misen hinauf. 535 Meter geht es steil in die Höhe. Auf dem Weg, am Daisho-in vorbei, treffe ich auf keine Menschen. Die Touristen nutzen in der Regel die Seilbahn, die hinauf zum Gipfel führt – vielleicht auch, weil am Wegesrand alle 500 Meter vor giftigen Schlangen gewarnt wird. Der Weg ist sonst allerdings wander-freundlich: befestigt und immer wieder mit Bänken ausgestattet.

Oben angekommen, eröffnet sich mir ein Rundum-Blick auf die Insel, auf Hiroshima, auf Kure, auf das Meer. Atemberaubend.  Überlaufen ist auch der Gipfel nicht – zumindest in der Woche. Miyajima ist einer dieser Orte, die auf die Liste gehört: Places to see before you die. Wälder und Berge, Tempel und Schreine, Religion und Mythologie – die Insel vereint Vieles, was Japan ausmacht. Ich verbringe die zweite Nacht an einem kleinen Wasserfall, es regnet die ganze Nacht. Das Zelt ist nach fünf Monaten nicht mehr in der Lage, den Fluten standzuhalten. Boden und Wände sind nass, als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt in den strömenden Regen krabbele. An diesem Abend allerdings erwartet mich ein trockenes Bett. Auf die Fähre und zurück nach Hiroshima.

Tag 163 | Hiroshima

Tag 164 | Hiroshima – Kure – Etajima Island | 64,8 Kilometer | 840 Höhenmeter

Tag 165 | Etajima Island – Miyajima| 85,5 Kilometer | 920 Höhenmeter

Tag 166 | Miyajima

Alle Bilder der Weltreise

 

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