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Fast vergessen

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Gegenwind II: Seit 6 Monaten Weltreisende

Ich bin angekommen im Unterwegssein und denke nicht mehr ständig daran, wie gemütlich das Leben mit einem Bett, einer Heizung, einer heißen Dusche, einem Wasserkocher, einer Steckdose sein kann. Unterwegs sein, ist jetzt mein Leben.

Alle Bilder der Weltreise

Es gab Abenteuer, die haben mir meine eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt, es gab Momente, die haben mich bis zum Heimweh frustriert, es gab Landschaften, die haben mich sprachlos zurückgelassen, es gab Menschen, deren Herzlichkeit und Gastfreundschaft so unermesslich waren, dass ich einen Teil meines Herzens bei ihnen gelassen habe. Klingt pathetisch? Ist es auch. Ich reise allein mit dem Fahrrad um die Welt. Was könnte pathetischer sein?

Nach 6 Monaten ist es Zeit, einen Blick zurückzuwerfen. Europa liegt eine gefühlte Ewigkeit hinter mir, dabei habe ich Finnland erst vor 4 Monaten verlassen. Es ist eine andere Reise, seitdem ich in Asien bin. In Europa waren meine größten Sorgen die Finanzen, wild zu zelten, allein zu sein und das Radfahren nicht zu übertreiben. In der Mongolei und China ging es auf einmal darum, sich verständig zu machen, nicht vom Gewitter gegrillt zu werden, zu überleben, einen Platz zum Zelten zu finden, die Grenzen des Visums einzuhalten – überhaupt ein Visum zu bekommen.

Es ist auch eine andere Reise, weil die Mongolei mich nach Krankheit, Visumstress, Handyklau, Gewitter und der unliebsamen Begegnungen mit einer Viehherde völlig verunsichert zurückgelassen hat. Als die Bilder meiner Freunde von meinem inneren Auge an mir vorbeizogen, dachte ich, das war es jetzt. Aber irgendjemand hatte Erbarmen mit mir. Ich reiste also in China ein, nachdem sich all mein Selbstbewusstsein, mein Selbstvertrauen, meine Selbstsicherheit in die Unendlichkeit des Alls verabschiedet hatten. So verunsichert allein durch das Land der großen Internetmauer, die mich nach dem Verlust des Handys von allem und allen isolierte, zu reisen, ist kein Spaß.

Nach 2 Tagen war ich so entnervt von der penetranten Aufmerksamkeit der Chinesen, die mich zu Fuß, auf dem Roller oder im Auto verfolgten, mich heimlich fotografierten und filmten, und wie ein Schwarm Fliegen um mich herum schwirrten, sobald ich anhielt, dass ich an diesem Punkt am liebsten nach Hause geflogen wäre. Hinzu kam, dass ich mit dem Rad im Wesentlichen und ausschließlich auf Megastraßen und in Megastädten unterwegs war.

Couchsurfing, Warmshowers und zwei Begegnungen haben mich gerettet. Ich fand nicht nur sichere Plätze zum Schlafen, sondern konnte mit den Menschen und der chinesischen Kultur auf Tuchfühlung gehen, und sie nach und nach verstehen lernen. Yafu, Scott, Bob, John und vor allem Millie – sie haben mir geholfen, China kennen und schätzen zu lernen, und unvergessliche Momente zu erleben – ganz zu schweigen von dem fantastischen Essen, zu Hause bei meinen Gastgebern, auf Straßenmärkten oder in fliegenden Küchen. Das mit dem Wildzelten blieb nervenaufreibend.

Japan fühlt sich nach all diesen Abenteuern wie Urlaub vom Reisen an – nach 6 Monaten vielleicht auch höchste Zeit. Das Land ist ein Traum, die Menschen unglaublich höflich, die Natur unberührt und beeindruckend, die Kultur faszinierend, das Wetter so wechselhaft wie in Deutschland. (Jedes Mal, wenn ich bibbernd im Zelt liege, frage ich mich, warum es mich immer in die nass-kalten Länder zieht…). Es gibt Radwege und Campingplätze, und überall Convenient-Stores mit heißem Wasser und Toiletten. Es ist ein Land, in dem ich bleiben könnte, das mich täglich aufs Neue beeindruckt – mein Favorit nach Norwegen.

Die Zeit. Anfangs wollte sie sich gar nicht bewegen, jeder Tag dehnte sich zur Unendlichkeit aus. Mittlerweile rennt sie mal wieder. In der Mongolei und China, weil ich innerhalb von 30 Tagen die Länder wieder verlassen musste; in Japan, weil ich mich ans Reisen gewöhnt habe. In diesem Land habe ich es endlich geschafft, auch mal anzuhalten, für eine Weile an einem Ort zu bleiben, die Menschen kennenzulernen. Ich habe mir Zeit zum Stehenbleiben genommen – und bin trotzdem vorangekommen. Bemerkenswert ist, wie die Sonne das Reisen bestimmt. Während der weißen Nächte hatte ich noch alle Zeit der Welt, heute muss ich um 17 Uhr meinen Schlafplatz gefunden haben.

Am schwierigsten war es, ist es und wird es wohl immer sein, mit den Extremen umzugehen und nicht ständig im Gefühlschaos zu ersticken. Der Mount Everest und der Marianengraben sind meist nur einen Gedanken, nur eine Situation, nur ein Erlebnis voneinander entfernt. Die Tiefen machen natürlich die Höhen umso schöner. Doch zu lernen, nicht auf die Extremen – zwischen Gewittersturm in der Mongolei und Aufenthalt bei Nobu und Marume – jedes Mal extrem zu reagieren, die Achterbahn gefühlsmäßig mitzufahren, zwischen Fernweh und Freundesweh hin und her zu springen, ist vielleicht die größte Herausforderung.

Das ist weltreisen. Das ist extrem. Das ist pathetisch. Desto mehr freue ich mich, in 3 Wochen wieder einen Begleiter an meiner Seite zu wissen. In Hanoi stößt Flori (ihr erinnert euch, Kopenhagen?) endlich wieder zu mir, mit Fahrrad, für 4 Wochen. Ich kann es kaum erwarten.

Tag 1 bis 187| Lübeck – Shibushi | 7634,5 Kilometer | 55.873 Höhenmeter

Alle Bilder der Welteise

4 comments on “Radeln, zelten, weltreisen – oder lernen, mit den Extremen zu leben

  1. Florian sagt:

    Ich freue mich ja auch schon so ein bisschen 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. luisarische sagt:

      Und ich mich erst 😊

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  2. Ich freue mich immer, wenn eine über Bericht eintrudelt. Jedes Mal ziehe ich meinen Hut. Ich fand ja schon mehrwöchiges Wandern beeindruckend, aber bei deinem Projekt bleibt mir regelmäßig die Spucke weg. Chapeau – und vielen Dank fürs Teilen. Du bist eine echte Inspiration (klingt auch pathetisch 😉). Ich kann mir vorstellen, wie sehr du dich darauf freust, endlich mal wieder mit jemandem reden zu können und die tollen Eindrücke zu teilen. Bis dahin: erfreu dich an deinen Momenten allein und halte uns auf dem Laufenden!

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    1. Ein neuer (nicht eine über)…

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