search instagram arrow-down
Luisa Rische

Palim Palim

Instagram

Facebook

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Zwischenspiel XI: Auf einen Quickie mit Hiroshima, Teil 2

Ich kehre zurück nach Hiroshima und ein in das Zuhause von Marume und Nobu. Die zwei empfangen mich mit offenen Armen, verwöhnen mich mit japanischer Küche, zeigen mir ihre Stadt und nehmen mich mit zur Feldarbeit.

Bilder aus Japan | Kyoto – Miyajima

Nobu holt mich an der Haltestelle „Nakasuji“ der Astram-Linie ab. Mit dem Fahrrad fahren wir zu ihm nach Hause. Nobu ist der Freund eines Kollegens – Danke, Holger! – so haben wir uns gefunden und über Facebook verabredet.

„Ich bin zu Hause“, ruft er auf Japanisch, als wir die Wohnung im fünften Stock betreten. Seine Frau, seine Tochter und seine zwei Enkel sind ebenfalls zu Hause. Ich springe unter die Dusche, dann fahren wir zum Okonomiyaki-Restaurant. Das traditionelle Gericht gibt es an einem Tisch, das auf Höhe meines Schienbeins endet. Wir hocken auf Bampusmatten. Da die Knie nicht über den Tisch herausragen sollten, bin ich ständig in Bewegung, denn, egal ob gestreckt, im Schneidersitz oder angewinkelt, nach spätesten 3 Minuten in einer Position schlafen die Beine ein. Doch auch Nobu scheint auf der Suche nach einer bequemen Haltung und zu sein. Er ist erst an diesem Tag von einer Schulleiter-Konferenz in Sendai zurückgekehrt.

Zurück zu Hause stoßen wir mit deutschem Bier unter einer Eintracht-Frankfurt-Flagge an. Kansai. Prost. Marume und Nobu fragen mich, ob ich 2 oder 3 Nächte bleiben will. Das sei kein Problem, außer ihnen sie niemand hier, die 3 Kinder, bereits alle um die 30, längst ausgeflogen. Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Ganz im Gegenteil.

Tagsüber sind der Leiter einer Grundschule und die Köchin der Schulküche einer anderen Grundschule in ihren jeweiligen Schulen. Ich nutze die Zeit, um Jacke, Hose, Zelt und Überzug wieder regendicht zu machen, und fahre am nächsten Tag mit der Astram-Linie in die Stadt.

Am Abend tauschen wir uns aus, Sprache, Kultur, Leben. Marume verwöhnt uns mit japanischer Küche: Misosuppe, Udon, Feuertopf, Ramen, Mochi. Nobu macht mich mit Ginkgo-Nüssen vertraut. Dann soll es weitergehen. Eigentlich. Doch Marume und Nobu wollen mich nicht gehen lassen, und ich will auch gar nicht gehen.

Ich bleibe. Noch einen Tag und noch einen Tag. Nobu hat frei und fährt mit mir zu seinem Lieblingsort in Hiroshima, von wo aus wir über die Weite der Stadt blicken, umzingelt von Hügeln und Meer. Es geht weiter zu einem Feriencamp und einem Freund von Nobu, dann fahren wir, Tempura essen – mit Stäbchen eine echte Herausforderung. Die Bleistift-langen Fische, umschlossen von dem gelb-weißen, frittierten Teig, wollen nicht so recht zwischen den Stäbchen bleiben. Ich kämpfe und erkämpfe mir das nächste Stäbchen-Lob.

In Kure führt Nobu mich durch zwei Schiffsmuseen, bevor wir weiter zum Spa fahren. Heiße Quelle, Sauna, Wellness. Ich kann mein Glück kaum fassen. Während mein Kreislauf bei 39 Grad auf Notstrom herunterfährt, blicke ich auf das Meer, Berge, Inseln. Auf dem Weg nach Hause halten wir am Strand, schauen uns den Sonnenuntergang an. Zum Abendbrot gibt es Sushi, Sashimi, Mochi. Nobu und Marume sind so unfassbar gastfreundlich und herzlich, dass ich keine Sekunde zögere, als Nobu mich fragt, ob ich ihm am nächsten Tag helfen könne. Noch einen Tag.

Mit dem Auto fahren über die Hügel, mitten aufs Land. Das Tal erstreckt sich kilometerweit. Rechts und links erheben sich dicht bewaldete Hügelketten. Nobus Mutter – sein Vater ist vor einigen Jahren gestorben – lebt in einem japanischen Bauernhaus. Auf der einen Seite Wald und Bach, auf der anderen Garten und Reisfeld. Nobu hat Arbeitskleidung für mich, Gummistiefel bekomme ich von seiner Mutter – der große Zeh muss sich einrollen, um Platz zu finden.

Mit dem Kleinlaster fahren wir zum Tanken, holen Holz, ernten anschließend das Reisfeld und mähen ein anderes Feld. Bevor wir zurück in die Stadt düsen, gehen wir zu dritt im Biancho – einem japanisch-italienischem Restaurant – essen. Obwohl es anderthalb Stunden dauert, bevor die Pasta vor uns steht – was super ungewöhnlich ist – schmeckt sie großartig. Parmesan und Pinienkerne fehlen, aber sonst ganz großartig. Granate ist das Zitronen-Panna-cotta.

Marume und Nobu möchten, dass ich ihre jüngere Tochter kennenlerne, erklären sie mir bei Soba. Enkel Micky ist auch zu Hause, sein kleiner Bruder musste ins Krankenhaus, solange passen die Großeltern auf Micky auf. Ich bleibe noch einen Tag, ich könnte auch für immer dort bleiben, ich fühle mich wie zu Hause und obwohl Marume und ich uns kaum austauschen können, schaffen wir es dennoch irgendwie – was für ein gütiger Mensch!

Am nächsten Morgen holen wir die schwangere Tochter am Bahnhof ab und bringen sie anschließend zu einer Hochzeit. Nobu ist in der Schule, wohin Marume mich am Nachmittag bringt. Sie selbst fährt ins Krankenhaus, Nobu und ich schauen uns ein Volleyball-Turnier in der Turnhalle der Schule an. Anschließend führt er mich zu einem Coffeeshop aus. Dieser Coffeeshop liegt versteckt in den Wäldern, eine kleine Holzhütte, der Besitzer macht den Kaffee selbst. Geheimtipp.

Ich mag auch heute noch keinen Kaffee, aber es ist spannend dem Barista über die Schulter zu sehen, wie er in aller Geduld die Bohnen mahlt, die Temperatur des Wasser kontrolliert, das Wasser durch den Filter kippt. Ich bekomme die Light-Version. Den süßen Brownie hebe ich mir des Geschmacks wegen dennoch für danach auf. Ob ich morgen wieder helfen könne? Klar. Ob wir morgen Takoyaki machen wollen? Na, unbedingt. Ich bleibe noch einen Tag.

Mit dem halben Dorf befreien wir am Sonntag den Uferweg eines Baches von Gras, Gestrüpp, Sträuchern und Bäumen. Zwei Stunden packen wir gemeinsam an, bis der Weg frei ist. Es ist ein besonderes Erlebnis, mit diesen tief verwurzelten, urigen Japanern körperlich zu arbeiten. Sie freuen sich alle, dass ich mithelfe. Danach erfahre ich von Nobu, dass die Straße der Präfektur gehört und sie uns dafür bezahlt, dass wir sie freiräumen. 2000 Yen. Völlig unverhofft. Am Nachmittag gibt es Waffeln.

Die Takoyaki machen wir gemeinsam. Nobu holt die Heizplatte mit den Löchern hervor, als ob er das Raclette aus dem Schrank holen würde. Erst landet der Teig auf der Platte, dann kommt Fisch dazu, Zwiebeln, Ingwer, Weißkohl. Dann drehen und wenden wir, bis wir kugelrunde Takoyaki haben. Sauce, Mayonnaise und Aonori obendrauf. Es ist der letzte Abend. Wehmut. Am nächsten Morgen stehe ich gemeinsam mit den beiden um 6 Uhr auf, um mich zu verabschieden. Nobu macht ein Abschiedsfoto: er im Anzug, Marume ebenfalls zurechtgemacht, ich völlig verschlafen.

Während die zwei zur Schule fahren, lege ich mich noch einmal aufs Ohr, bevor ich das letzte von Marume angerichtete Frühstück genieße, das Fahrrad packe und super schweren Herzens aufbreche. Ja, ich habe feuchte Augen, als ich am Fluss entlang fahre, und ich gestehe, dass ich den ganzen Tag und auch in der Nacht noch überlege, umzukehren. Nobu und Marume meinten, ich solle einfach zurückkommen, wenn ich will. Aber das macht den Abschied auch nicht leichter. Deshalb fahre ich weiter.

Tag 167 | Miyajima – Hiroshima | 29,9 Kilometer | 180 Höhenmeter

Tag 168 bis 174 | Hiroshima

Alle Bilder der Weltreise

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: