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Kapitel XXXII: Von Hiroshima nach Osaka

Bevor ich mich auf den Rückweg mache, fahre ich weiter in den Süden, nach Beppu, in die Stadt der heißen Quellen, und zu Riki, Juria und An. Die Nachtfähre bringt mich schließlich zurück nach Osaka, wo ich an zwei Abenden das Ende der Grillsaison begieße.

Bilder aus Japan | Miyajima – Tokio

Während die Küste an mir vorbeifliegt, denke ich immer noch über die vergangenen Tage nach, denke darüber nach, was für ein Privileg es ist, durch all diese Länder zu reisen, all diese Menschen kennenzulernen, all diese Erinnerungen zu sammeln. Es ist nicht so, dass ich es bereuen würde, wenn ich zu Hause geblieben wäre – das stimmt nicht, ich würde es bereuen 😂 – aber mittlerweile ist es so, dass ich all diese Erfahrungen der vergangenen Wochen wirklich für Nichts mehr missen möchte. Es ist eine Weltreise, die vielleicht klischeehafter kaum sein könnte, sie ist all das, was man von so einer Reise erwarten würde und noch mehr – und ich bin einfach nur dankbar für diese Chance.

Ich fahre über Hofū, über Buzen, über Kunasaki nach Beppu. Auf der Insel Honshū zieren rauchende Schornsteine und Industrie-Anlagen die Küste. Auf Kyūshū dagegen sind all diese Umweltverschmutzer verschwunden. Steilküsten, Sandstrände und Wälder begleiten mich auf den Weg nach Beppu. Nachdem ich die vergangenen Wochen eher damit verbracht habe, mich durch die japanische Küche zu futtern, als Rad zu fahren, schnaufe ich bergauf ordentlich – sind nicht unbedingt leichter geworden, die 6 Taschen. Ich übernachte wild am Stausee, am Strand und auf einem saison-bedingt geschlossenen Zeltplatz. In Beppu komme ich bei Riki, seiner Schwester Juria und seiner vietnamesischen Freundin An unter.

Wir verstehen uns, als ob wir uns schon ewig kennen würden, quatschen bis tief in die Nacht, bis wir alle unsere Augen kaum noch aufhalten können. Alle drei studieren in Beppu. Mit Riki tausche ich mich vor allem übers Radfahren aus, mit Juria und An über unsere Kulturen, Weihnachten, Neujahr, warum am Sonntag in Deutschland die Geschäfte geschlossen sind – und das auch gut so ist -, warum während der mehrtägigen Neujahrsfeier jährlich Japaner ersticken: An Neujahr essen Japaner traditionell Mochi, eine zähe, süße Reismasse; alten Menschen bleibt der süße Naschkram gern mal im Halse stecken, weil sie die Masse hektisch, ohne zu kauen, herunterschlucken – und das ist jetzt kein Witz. Das passiert tatsächlich! Das sollte jetzt aber niemanden davon abhalten, Mochi zu probieren, sie schmecken nämlich wirklich großartig.

Ich bleibe zwei Tage bei der dreiköpfigen, internationalen Wohngemeinschaft. Tagsüber tauche ich ab in die heißen Quellen der Stadt, abends kochen wir Vietnamesich oder Japanisch. Diesmal schaffe ich es, mich rechtzeitig loszureißen und nicht in Beppu zu versacken – was gar nicht so leicht ist, denn die drei meinen mal wieder, ich könne so lange bleiben, wie ich will. Aber Vietnam ruft, und schließlich muss ich noch den Weg nach Tokio bewältigen. Also fahre ich wieder. Bergauf. 300, 400, 500 Meter. Mitten in einen Bambuswald hinein, wo ich mein Nachtlager aufschlage.

Es geht über die südliche Insel, vor allem durch einsame Landschaften, vorbei an Vulkanen, fernab jeglicher Gesellschaft. Überlebenscamp. Das Trinkwasser kommt aus dem Berg. Mit viel Pasta schaffe ich all die Höhenmeter, rolle zurück an die Küste und fahre weiter nach Shibushi. Die Nächte werden immer kälter, ich friere, obwohl der Schlafsack eigentlich noch zehn bis zwölf Grad von seinem Limit entfernt ist. Frostbeule. Wie soll ich bloß bis Tokio überleben, im Norden werden die Nächte nicht unbedingt wärmer sein…

In Shibushi nehme ich die Nachtfähre. Die heiße Dusche fühlt sich nach 6 Tagen wie eine Offenbarung an, einen Baderaum gibt es auch auf dem Schiff. Ich schlafe mit 19 anderen Frauen in einer Kabine und werde mal wieder mit Essen von meinen Mitfahrerinnen eingedeckt. Am nächsten Morgen legen wir in Osaka an. Weil ich noch den ganzen Tag Zeit habe, fahre ich einen Schlenker über Koya und schließlich in den Tsurumi Ryokuchi Park im Norden von Osaka.

Auf einem frei nutzbaren Zelt- und Grillplatz schlage ich mein Zelt auf. Ich will gerade mein Abendbrot auspacken – Brot und Butter – als einer der grillenden Japaner von schräg gegenüber zu mir kommt. Er bittet mich, mitzukommen, mit zu grillen, mit zu feiern. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich sitze noch nicht auf der Bank, da wird mir schon von allen Seiten Essen zugetragen: Hähnchen, Rind, Würstchen, Kohlrabi-Salat. Ob ich ein Bier haben will? Ich habe noch gar nich geantwortet, da halte ich das erste Bier schon in der Hand – ich sei ja deutsch, klar wolle ich ein Bier – ein anderer Japaner schenkt mir Sake ein. Nun gut. Der Alkohol ist in den vergangenen Monaten sowieso zu kurz gekommen…

Wir quatschen – so gut es eben geht -, dann wirft Koji den Fisch auf den Grill. Noch ein Bier? Danke, ich hab… Schon halte ich das nächste Bier in der Hand. Eine abgespeckte Form des Okonomiyaki gibt es schließlich auch noch. Als die Sonne längst untergegangen ist, bauen die Japaner ihr BBQ ab, gehen nach Hause. Ich schleiche ins einsame, kalte Zelt. Erst wollte der Sommer nicht gehen, dann ist schlagartig der Winter gekommen. Ich friere mich mal wieder durch die Nacht.

Weil mich mein Couchsurfing-Gastgeber in Kyoto erst am kommenden Tag erwartet, bleibe ich noch einen Tag auf dem Zeltplatz im Park – in dem scheinbar halb Osaka seinen Sonntag verbringt. Laufend, spielend, essend. Eine Band dreht auf einer Wiese ein Musikvideo; um die Wiese herum findet ein Schülerstaffellauf statt; am Fuße eines Hügels spielt die ältere Generation Golf; im ganzen Park sind Läufer mit Startnummern unterwegs. Auch ich ziehe meine Laufschuhe an und – Claudi, was sagst du dazu! – gehe Laufen. Immerhin eine Stunde. Danach läuft mir Koji noch einmal über den Weg. Er hatte mir in der Nacht noch zwei Bier vor das Zelt gestellt, nun bringt er mir Kaffee und Kuchen vorbei.

Am Abend, als ich wieder allein an meinen Zeltplatztisch hocke, bekomme ich die Einladung zur nächsten Grillparty. Drei Generationen einer Familie haben sich an einem Nachbartisch versammelt, sind neugierig auf meine Geschichten, decken mich mit Pizza, Fisch, Camembert, Chips, Bier und Sake ein.

Wir sprechen übers Radfahren und Zelten; ich werde gefragt, wo ich heute geduscht habe. Ich erkläre, gar nicht, so sei das manchmal beim Zelten. Eines kommt zum anderen und als die Familie nach und nach aufbricht, nimmt Yoko mich mit dem Fahrrad zum Spa um die Ecke, lädt mich ein, sie selbst fährt nach Hause. Ich schlendere 3 Stunden zwischen heißen Quellen und Saunen hin und her. Ein Traum. In der Sauna gibt es übrigens nicht nur Wedel-Vorstellungen (das hast sicher irgendeinen kulturellen Hintergrund, ich kenne ihn nur nicht), sondern auch einen Fernseher. Ich muss sofort an das Sauna-Erlebnis in Finnland denken, die Finnen würden bei diesem Unterhaltungsprogramm wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Irgendwann schließt der Spa und ich muss wieder gehen. Leider. Das Zelt ist so kalt wie die Luft, kälter jeden Tag, ich ziehe mich mehrlagig an und kann das Zittern doch nicht verdrängen. Yoko hat mich noch mit Wärmekissen eingedeckt, doch die will ich mir aufheben – wer weiß, welche Temperaturen mich auf dem Weg nach Tokio noch erwarten.

 

Tag 175 | Hiroshima – Nakayamagawa Dam | 66,5 Kilometer | 860 Höhenmeter

Tag 176 | Nakayamagawa Dam – Ube | 81,1 Kilometer | 780 Höhenmeter

Tag 177 | Ube – Yukuhashi | 79,6 Kilometer | 790 Höhenmeter

Tag 178 | Yukuhashi – Imi | 84,8 Kilometer | 800 Höhenmeter

Tag 179 | Imi – Beppu | 71,5 Kilometer | 860 Höhenmeter

Tag 180 | Beppu

Tag 181 | Beppu – Tano | 43,9 Kilometer | 1540 Höhenmeter

Tag 182 | Tano – Takachiho | 63,5 Kilometer | 1090 Höhenmeter

Tag 183 | Takachiho – Hyuga | 66 Kilometer | 1070 Höhenmeter

Tag 184 | Hyuga – Miyazaki | 95,5 Kilometer | 490 Höhenmeter

Tag 185 | Miyazaki – Kushima | 71,2 Kilometer | 1200 Höhenmeter

Tag 186 | Kushima – Shibushi | 35,1 Kilometer | 430 Höhenmeter

Tag 187 | Osaka – Koya – Osaka

Tag 188 | Osaka

 

Alle Bilder der Weltreise

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