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Zwischenspiel XII: Auf einen Quickie mit Tokio

Tokio ist ein Spagat. Zwischen Tradition und Fortschritt. Zwischen Wachstum und Grenzen. Zwischen Fischmarkt und Neonlicht. Tokio ist eine Reise in eine andere Welt, eine Heimat für alle. Bunt und schrill, verspielt und aufdringlich – und dann auch wieder ganz still.

Tokio Night Lights

Ein Roboter, so hoch wie der schiefe Turm von Pisa, erwartet Joni und mich, als wir in die Diver-City schlendern. Der Plastik-Riese in weißer Rüstung, lila Neonlicht, der Fotomodel für 1000 Yen steht, sieht aus wie ein Transformers, ein höher entwickeltes Wesen von einem anderen Planeten, das sich auf der Erde in ein spektakuläres Auto verwandelt, um nicht aufzufallen. Das weiß-pinke Ungetüm ist allerdings ein Mecha, ein mobiler Anzug, der von einem Menschen gesteuert wird. Denn das Einkaufszentrum ist die Basis dieser Kampfmaschinen; die Basis von Fuji TV liegt in Sichtweite, Americatown mit Freiheitsstatue und Regenbogenbrücke einen Steinwurf weiter.

Tokio wirkt wie das Vorbild des Sets eines Science-Fiction-Films, Blade Runner, Dredd, Minority Report. Vorwärts ist keine Richtung? Für Tokio ist es die einzige Richtung. Die Stadt pulsiert, überall, alle Zeit, auf den Blech-überfluteten Straßen, in neonlicht-schillernden Gassen. Die Stadt treibt, in die Zukunft, in die Höhe, ihre engen Grenzen immer weiter am Rande ihrer Möglichkeiten. Mission: Possible. Und dazwischen? Kultur. Temple und Wälder. Orte der Stille, Orte des Besinnens.

Mein erster Weg führt mich zur Botschaft Vietnams. Ich fahre quer durch Tokio, von einer Mitte zur anderen, 20 Kilometer. Ich muss mich zusammenreißen, mit den Augen auf der Straße und im Verkehr zu bleiben. Tokio verführt. Ein Kunstwerk für das Auge, völlig überreizt, verspielt, kindisch. Ich fahre über futuristische Brücken, durch Gassen, die von Jahrhunderten gezeichnet sind, an Italienern, Schweden, Indern, Marokkanern, Mexikanern und Kanadiern vorbei. Es ist Dezember, Weihnachtszeit. Love and Mercy everywhere, Jingle Bells und Silent Night klingen aus den Lautsprechern. Was Weihnachten ist, weiß niemand. Doch die Amerikaner feiern es, die Europäer wohl auch. Grund genug, den Weihnachtszauber auch durch Tokio wehen zu lassen.

Der Besuch der Botschaft ist schnell abgehakt. Antrag ausfüllen, abgeben, Visum entgegennehmen. Zack, erledigt! Liebe Alle Anderen Botschaften – ich will ja jetzt keine Namen nennen, weil mir die Asiaten immer wieder erzählen, was für eine Farce die deutsche Botschaft aus den Visa-Anträgen macht – aber so kann es auch gehen. Danke, Vietnam! Das lässt mich für die Zukunft hoffen. Weil ich wieder 20 Kilometer zurück muss und es kurz vor Dunkel ist, breche ich auf, hänge bei Joni ab und gehe auch den nächsten Tag völlig entspannt an. Fuji TV, Blade Runner 2049, Udon.

Dann nimmt Joni mich mit auf Wanderschaft. Mit der Metro fahren wir in den Norden der Stadt. Zwischendurch müssen wir umsteigen, Suizid, das ist in Japan nicht anders als in Deutschland. Die Bahnhöfe dagegen wirken wie das KaDeWe zur Weihnachtszeit, alle Zeit. Wo muss ich hin? Welches Ticket brauche ich? Steht das auch irgendwo nicht in japanischen Schriftzeichen? Zum Glück habe ich ja Joni dabei.

Wir holen Natalie ab, fahren in die Berge, wandern durch die bunten Wälder des japanischen Herbstes. Zum Mittag gibt es Reisbällchen, bei den Bauern kaufen wir Satsumas. Auf dem Weg kommt uns eine alte Frau entgegen, den Rücken gekrümmt, geschrumpft von all den Gewichten, die sie ihr ganzes Leben getragen hat. Auch in diesem Moment trägt sie vier Kisten voll mit Satsumas. Eine kippt um, die Satsumas rollen den Berg hinunter. Joni und ich springen hinterher, sammeln alle ein, bringen sie der alten Frau. Am liebsten würde ich ihr die Last abnehmen, doch drei andere Wanderer sind schon da und haben die gleiche Idee.

Der nächste Tag gehört ganz allein Tokio. Auf dem Fischmarkt scheint Überfischung kein Thema zu sein. 2000 Tonnen. Täglich. Das höchste Gebot gewinnt. Ich schachere nicht lange und lasse den frisch gefangenen Fisch auf meiner Zunge zergehen. Thunfisch, Weißer Fisch, Lachs, Octopus, Krabben. Gesättigt und Sushi-glücklich schlendere ich durch die Gärten des Kaiserpalastes nach Shinjuku, wo ich im Odakyu Southern Tower, über den Dächern Tokios, ein weiteres Festmahl genieße. Empfehlung eines Freundes. Es ist ein Hochgenuss. Und mein Magen wölbt sich, treibt die Grenzen über das Mögliche hinaus – wie Tokio.

Im Yoyogi Park hinterlasse ich am Meiji-Schrein eine Gebetstafel aus Holz, selbst beschrieben, mit Wünschen für die wichtigsten Menschen. In Harajuku drängle ich durch die engen Gassen, auf der Suche nach dem Sailor Moon Café. Doch ich finde nur ein Schild, das zu einem Kellerraum voller Umzugskartons führt. Next time. Mit dir dann, Catha! Von Harajuku stürze ich mich ins Neonleben von Shibuya, berühmt für seine ikonische Kreuzung, Dauerbrenner jeder Tokio-Berichterstattung. Mit der Metro geht es zum Tokio Tower, der orange-rot über die Stadt ragt. Weil das Budget sowieso schon im Höhenrausch ist, lasse ich mich mit dem Fahrstuhl zur Aussichtsplattform fahren. Das Geld ist nicht verschwendet. Future City leuchtet über alle Grenzen hinweg.

Dann ist es schon wieder Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. Ich radle nach Matsudo, wo Hiroyuki mich für zwei Nächte aufnimmt. Im benachbarten Fahrradladen finde ich auf Anhieb einen Fahrradkarton, den ich am nächsten Morgen, zweimal gefaltet, oben drauf schnalle. So bepackt bringt Anton mich nach Narita. Die letzte Nacht in Japan verbringe ich im Hostel. Der Eigentümer hilft mir, Anton auseinander zu nehmen und im Karton zu verstauen. Am nächsten Morgen bringt er mich zum Flughafen, der Check-in ist ein großer Spaß für alle. Das Übergewicht schneidet noch einmal tief in die Geldbörse, doch es läuft alles reibungslos. Das ist mir in diesem Moment tausendmal wichtiger als alle Gebühren. Ab ins Flugzeug, Panik-Attacken abschütteln und los. Erst nach Seoul, dann nach Hanoi und zu zweit durch Vietnam.

Bilder aus Japan | Miyajima – Tokio

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