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Kapitel XXXIV: Von Hanoi nach Dong Hoi

Außergewöhnliche Menschen, außergewöhnliche Orte begegnen uns auf dem Weg nach Dong Hoi. Der Himmel jedoch bleibt grau in grau. Die Sonne sehen wir zum ersten Mal, als wir bereits neun Tage unterwegs sind – in einem Monat, der laut Wetterdiagrammen der trockenste sein soll.

Bilder aus Vietnam | Hanoi – Hoi An

Radeln, zelten, radeln. Das wildefreie Leben geht in die nächste Runde. 7 Monate. 9 Länder. Was andere immer noch zum Staunen bringt, ist für mich längst Normalität. Tatsächlich versuche ich, mir jeden Tag einen Moment Zeit zu nehmen, um mir bewusst zu werden, was ich mache, was ich erlebe und wie mein Alltag auch aussehen könnte: Bürostuhl statt Fahrradsattel. Handywecker statt Sonnenaufgang. Brötchen vom Bäcker statt Cao Lau. 40 statt 168 Stunden. Nur die Menschen, die mich die vergangenen Jahre begleitet haben, vermisse ich jeden Tag. Sonst gibt es wenig zu vermissen – na gut, zugegeben, meinen Wasserkocher. Nach 7 Monaten allerdings neige ich dazu, diese Reise manchmal für selbstverständlich zu nehmen – was sie nicht ist.

Der Weg führt Florian und mich von Hanoi nach Ninh Binh. Der Himmel zeigt sich grau in grau. Ob der Smog, die Wolken oder der Nebel dafür verantwortlich sind, wissen wir nicht. Es wirkt wie eine graue Suppe aus Allem, was grau ist. Moderne Kunst vielleicht… 20 Kilometer vor Ninh Binh tauchen wir in das einzigartige kulturelle Erbe dieser Region ein. Zwischen einsamen Seen und Bergen verstecken sich eine stadtgroße Tempelanlage, eine schmale Treppe, die hoch auf einen Berg führt, Relikte, Höhlen; ein Fischer rudert in eine Höhle, tief in einen Berg hinein. Bevor er verschwindet, winkt er uns zu.

Während ich an einer Kreuzung nach dem Weg schauen will, kommen uns 2 Deutsche auf einem Roller entgegen. Sie helfen uns, wir quatschen kurz. Als die 2 weiterfahren und wir zurück in die Pedalen steigen, kommt der nächste Roller auf uns zu. Zwischen all den Vietnamesen erkennen sich die Touristen auf Anhieb. Es wirkt manchmal so, als ob die Touristen und Reisenden ihr eigenes Volk wären, Sprache und Leidenschaft verbinden uns, unser Land ist die Welt. Wir helfen den zwei Britinnen, Tochter und Mutter, so wie die zwei Deutschen gerade uns geholfen haben.

In Ninh Binh stellt sich unser Hostel als Baustelle heraus; wir fahren weiter zum nächsten. Ein Glücksgriff. Im GoNinhBinh gibt es nicht nur 2 gemütliche Betten für uns, sondern auch einen sicheren Platz für unsere Räder. Abendbrot. Kartenspielen. Ab ins Bett. Der nächste Morgen begrüßt uns… richtig, grau in grau. Wir kaufen noch eine SimCard für Vietnam, bevor es mit dem Rad an den Strand nach Sam Son geht. Auf dem Weg treffen wir 2 radelnde Amerikaner und einen Deutschen. Thomas ist vor 8 Monaten aufgebrochen, quer durch Asien gefahren und auf dem Weg nach Bangkok. Ende Januar geht es zurück.

In Sam Son holt uns Thuy mit ihrem Roller am Strand ab. Wir laden das Gepäck im Haus ihrer Eltern ab, dann geht es weiter zum einzigen Berg der Stadt; wir wandern, quatschen, fotografieren. Thuy studiert Englisch in Thanh Hoa und arbeitet als Freiwillige als Englischlehrerin. Ihre Freundinnen wohnen in einem Hostel, Thuy bei ihren Eltern. Als wir über Kulturen sprechen, bestätigt Thuy, was Florian und ich schon vermutet haben, als wir all die tragenden Hundeweibchen, die Welpen und die in Käfige gesperrten Rüden sahen. Des Menschen bester Freund steht in Vietnam auf der Speisekarte. Was wir denn essen würden, wegen Abendbrot, fragt Thuy. Alles. Nur keine Hunde.

Zu Hause gibt es erst einmal Verwirrung. Mein Begleiter ist ein Mann. Das war Thuy nicht klar. Getrennte Zimmer. Ich schlafe bei Thuy und ihrer Schwester. Nachdem dieses Problem gelöst ist, gibt es Essen. Reis, Fisch, Fleisch, Tofu, Kimchi, Salat. Thuys Mutter kann nicht aufhören zu lachen, weil Florian und ich alle zwei Minuten unsere Sitzposition wechseln müssen, damit unsere Beine nicht absterben. Thuy erzählt uns auch, dass ihre Mutter furchtbar nervös sei, dass uns das Essen nicht schmeckt. Wir erklären ihr, es sei großartig. Der strenge Vater füllt uns mit Bier ab.

Wir reden noch lange mit Thuy, vor allem über die Unterschiede unserer Kulturen. Thuy ist das dritte Kind, ihr Vater wollte unbedingt einen Jungen, und hat seine Enttäuschung Thuy ihr ganzes Leben lang spüren lassen. Ihre Mutter lässt sie nicht von Zuhause weg, nicht in andere Länder gehen. Dennoch spricht Thuy voller Respekt über ihre Eltern. Ihre älteste Schwester ist verheiratet, die zweitälteste findet keinen Mann – was eine Katastrophe für die Familie ist. Thuy hat noch Zeit. Thuy aber denkt weit über die Grenzen Vietnams hinaus. Mit ihren Eltern kann sie darüber nicht reden, aber mit uns. Mir zerreißt es das Herz, wie Thuy darüber spricht, was sie sich wünscht, erträumt und wie Realität und Tradition eine andere Zukunft von ihr fordern.

Am nächsten Morgen ist Thuy früh auf, fährt zur Uni, sie schreibt eine Klausur. Wir haben ihr versprochen zu warten, bevor wir wieder aufbrechen. Als sie zurückkehrt, gibt es noch mehr zu essen: kleine Pfannkuchen, die wie Eierkuchen schmecken, noch mehr Reis und Fisch und Fleisch und Kimchi. Als Florian eine zweite Schüssel Reis ausschlägt, lernt er seine erste Weltreiselektion: Iss! Iss immer weiter, solange du es drin behalten kannst. Lehne bloß keinen Nachschlag ab, wenn noch alle am Essen sind. Denn die Familie fragt ihn gleich, ob es ihm nicht schmecken würde. Asiaten sind in der Regel extrem stolz auf ihre Esskultur, für sie gibt auf der ganzen Welt nichts besseres als im eigenen Land. Diese Esskultur zeigen und teilen sie wahnsinnig gern mit Ausländern.

Enegiegeladen und kugelrund fahren wir weiter. Über schmale Pfade in die Berge. Kinder auf Rädern und Rollern kommen uns hinterher, rufen „hellohellohello“. Manchmal auch: „What’s your Name?“ oder „Where are your from?“ An diesem Abend zelten wir zum ersten Mal wild in Vietnam. Der Zeltplatz ist schnell gefunden, die Sonne um 17.20 Uhr verschwunden. Grau und grau geht es am nächsten Tag und am Tag darauf weiter. Wir versorgen uns in Straßenküchen und auf Märkten. Mal abgesehen von der fragwürdigen Wasserqualität in Vietnam, mit der alles gewaschen und zubereitet wird, ernähre ich mich wohl so gesund wie noch nie in meinem Leben. Die Märkte sind wie fast überall in Asien ein außergewöhnliches Erlebnis, ein chaotisches Biotop, in dem das Leben tobt. Fleisch, Gemüse, Obst. Überall. Die größte Attraktion aber sind Florian und ich, sobald wir einen Markt betreten.

Gefüllte Reisblöcke in Blättern verpackt, Bananen, frittierte Bananen und Nudelsuppen bringen uns durch die Tage. Die Suche nach Zeltplätzen gestaltet sich mal schwieriger, mal leichter. Einmal verschwinde ich so tief zwischen Bäumen und Gestrüpp, dass ich nicht mehr weiß, wo ich bin. Florian ist schon leicht nervös, als ich auf einem anderen Weg zu ihm zurück gelange. Es gäbe aber überall billige Hotels, sodass wir nicht fürchten müssen, auf der Straße zu übernachten. In Dong Hoi atmen wir durch. Ein Tropensturm hat uns ordentlich die Haare durcheinander gewirbelt; klitschnass und pechschwarz, wir, das Zelt, die Räder. Doch wir haben Glück, ich wage kaum, es auszusprechen, aber wir haben Rückenwind – und kommen täglich mit einer unfassbaren Geschwindigkeit voran.

Zum Abendbrot in Dong Hoi gibt es Obst. Ich kenne nicht alle Namen, aber eine Drachenfrucht, Orangen und Litschis sind mit dabei. Ein weiterer Radler stößt am Abend dazu, allerdings mit leichtem Gepäck und an diesem Tag mit dem Zug unterwegs. Er wird uns in den kommenden Tagen, auf dem Weg nach Hue, und darüber hinaus noch einige Male begegnen. Als wir am nächsten Tag aufbrechen, wir können es kaum glauben, bricht die Sonne durch die Wolken. Völlig verrückt. Nach 9 Tagen. Es werde Licht…

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