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Kapitel XXXV: Von Dong Hoi nach Hoi An

Ein Elefant von einem Schwein brennt sich für immer unser Gedächtnis ein, eine alte Frau jagt mir eine Gänsehaut ein, mit zwei Belgiern teilen wir einen Seafood-Hotpot und Grasgeschichten, den Wolkenpass stürmen wir mit links und Kette rechts: unser Weg nach Hoi An.

Bilder aus Vietnam: Hanoi bis Hoi An

Das Undenkbare passiert. Absolut außergewöhnlich. Nachdem wir den Schlafsaal des Hostels in Dong Hoi im Chaos verlassen haben – weil wir das Zimmer als Trockenraum für unsere gesamte Ausrüstung nutzen mussten – und zwei Frühstücke verputzt haben – weil wir nicht wussten, dass es inklusive ist – sticht die Sonne durch die Wolken hervor. Ein Strahl des Lichts, ein Strahl der Wärme gleitet über unsere, von der vielen Nässe schon ganz schrumpeligen Haut. Blauer Himmel. Es gibt ihn wirklich.

Bis nach Hoi An geht es immer an der Küste entlang: durch den dichten Verkehr des Highway 1, weil die Zeit knapp ist. In 25 Tagen mit Fahrrädern nach Saigon zu kommen, ist möglich, aber schlecht durchdacht. Immerhin können wir die erste Hälfte des Tages auf eine Straße ausweichen, die uns zwischen einsamen Dünen hindurchführt. Das Bild jedoch, das sich uns an diesem Tag für immer einbrennt, ist das Bild eines toten, aufgedunsenen Schweins, das urplötzlich weiß in weiß aus dem Dünensand emporwächst. Riesig. Ein Elefant von einem Schwein. Nach 9 Tagen in Vietnam haben Florian und ich den gleichen Gedanken: Wie viel Geld das ganze Fleisch wert sein muss.

Am Abend suchen wir uns einen Zeltplatz in einem lichten Wald. Doch wir bekommen Besuch, bevor es dunkel wird: eine alte Frau. Die Haut schwarz von Sonne und Dreck, schrumpelig, ledrig, als ob sie 100 Jahre alt wäre oder älter. Der Körper nicht mehr als Haut und Knochen, ein Armeehelm auf dem Kopf. Die Zähne sind ihr alle ausgefallen. Sie setzt sich zu uns, redet vietnamesisch, sie scheint nicht ganz bei Sinnen zu sein. Sie macht mir Angst. Als sie sich neben mich setzt, über die Schulter fährt, Millimeter von mir entfernt, spüre ich schon das Messer in meinem Hals. Sie will in meinen Rucksack greifen. Als ich den Rucksack nehmen will, spüre ich, wie viel Kraft in der dürren Gestalt steckt. Ich stehe auf, gebe Florian zu verstehen, dass ich hier sofort weg will. Wer weiß, ob die alte Frau in der Nacht nicht zurückgekehrt wäre…

5 Kilometer weiter finden wir einen Wald, dessen Bäume so dicht stehen, dass uns jemand nur finden kann, wenn er über unser Zelt stolpert. Wir gehen tief hinein in das Gestrüpp. Das schlechte Gefühl aber bleibt. Diese Frau hinterlässt immer noch einen Schauer bei mir – ich bin froh, dass ich ihr nich allein begegnet bin. Hue ist unser Ziel am nächsten Tag. Es ist eine gewöhnliche Tour, immer an der Straße entlang. Wir sehen dreimal unseren Radler aus dem Hostel wieder, zweimal einen anderen Radler, der sich beim zweiten Mal unserem Hostelbekannten angeschlossen hat. Uns entgegen kommen ein japanischer und eine koreanische Radreisende, die auf dem Weg nach Laos sind. Am Tag zuvor hatten wir zwei Franzosen getroffen. Wir strampeln weiter nach Hue.

Die einstige Hauptstadt und Kaiserstadt lockt jedes Jahr tausende von Touristen an. Wir schlängeln uns durch die Rollerkarawanen, die anarchistisch ihren Weg suchen. Ampeln gibt es kaum. Der Stärkere gewinnt. Florian und ich fahren einfach drauf los, kämpfen uns erfolgreich zum Hostel, in dem wir mit Tee und Bananen empfangen werden. Khe Sanh Homestay – umwerfend, gemütlich, warmherzig. Wir nutzen das letzte Licht an diesem Tag, um einen Blick auf die von Mauern umgebene verbotene Stadt zu werfen. Dann gehen wir im Madam Thu zu Abendbrot essen – noch so ein wundervoller Platz. Es gibt vietnamesische Pancakes, Garnelen in einem durchsichtigen, zähen Reisteig, Fleischspieße und Nudelsalat mit Erdnusssauce. Obst zum Nachtisch, einen Mojito zum Nachnachtisch.

Wir fahren weiter nach Hoi An. Weil es über den Wolkenpass geht, wollen wir zwischendurch noch einmal das Zelt aufschlagen. Doch es kommt alles anders. Auf dem Weg treffen wir ein belgisches Ehepaar, das mit dem Rad unterwegs ist. Erst holen wir sie ein, dann sie uns. Wir wollen heute über den Pass, sie am nächsten Tag. Als ich merke, wie oft ich stehen bleiben muss, um zu fotografieren, überlege ich, dass es sinnvoll ist, wenn wir auch erst morgen fahren. Dann habe ich mehr Zeit zum Fotografieren und wir müssen nicht gegen die Sonne, oder eher die Dunkelheit anfahren.

Gesagt, getan. In Lang Co quartieren wir uns im Hotel ein, ziehen das Badezeugs an und brechen auf zum Meer, das einsam, unberechenbar gegen das Land schlägt. Die Wellen brechen so perfekt, so anmutig, dass ich ewig zuschauen könnte. Badewetter ist das nicht – außer wir wollen uns umbringen. Während ich die Kamera heraushole, rauscht eine Welle auf uns zu, viel höher als alle anderen. Wir laufen. Sie holt uns ein. Gut, dass wir Badezeugs anhaben. Definitiv keine Brandung, um zu schwimmen. Stattdessen schauen wir im Hotel der Belgier vorbei und fragen, ob sie mit uns Abendbrot essen wollen.

Über eine auseinander fallende Brücke aus morschen Holzbalken gelangen wir auf eine Plattform, in ein Fischrestaurant. In roten und blauen Badewannen schwimmen die Fische, liegen die Meeresfrüchte, die, einmal ausgesucht, Minuten später auf dem Teller landen. Wir, 4, entscheiden uns für einen Seafood-Hotpot. Raoul und Dominique sind 70 und 65 Jahre alt, im Ruhestand, reisen führ ihr Leben gern, genau wie ihre Kinder, und sind seit einigen Jahren mit dem Rad unterwegs. Raoul rauchte vor zehn Jahren noch zwei Packungen Zigaretten am Tag, heute keine einzige. Die zwei wirken wie ein Hippie-Pärchen, erzählen uns Gras-Geschichten – du bist so jung, wie du dich fühlst.

Der Wolkenpass. Ist gar nicht so hoch. Die Wolken sind nur zu niedrig. Oder der Smog. Das ist in Vietnam nicht immer eindeutig zu trennen. Weil die Autos durch einen Tunnel geleitet werden, haben wir die Straße fast für uns allein – nur einige Roller, Kühe und Affen begleiten uns. Es ist eine wunderschöne Auffahrt. Still, grün, eine breite, geschwungene Straßen mit angenehmen 8 Prozent Steigung. Und Dutzenden Möglichkeiten für Fotos. Auf der Hälfte treffen wir die 2 Belgier wieder. Diesmal holen sie uns nicht wieder ein. Wir stürmen den Gipfel und warten dort auf die beiden, bevor wir uns endgültig verabschieden. Der Ausblick ist atemberaubend.

Nach zehn Kilometern bergab landen wir mitten im Verkehr, auf dem Weg nach Da Nang. Die Stadt hinterlässt einen furchtbaren Eindruck. Es ist nicht nur laut und stickig, die Menschen sind nicht annähernd so freundlich, und den Flughafen haben sie, der Lautstärke zu urteilen, mitten in die Innenstadt gebaut. Der Verkehr ist schlimmer, dichter, brutaler als in Hanoi. Als wir am Wasser Pause machen, kommt uns ein Aufseher hinterhergerannt. Die Fahrräder können nicht hier bleiben. Warum? Nein. Die Promenade ist leer. Wir gehen 300 Meter weiter, dort haben zwei Vietnamesen ihre Roller ebenfalls mitten auf der Promenade geparkt. Wir stellen unsere Räder dazu. Als der Aufseher uns eine halbe Stunde später wieder hinterhergerannt kommt, machen wir ihn auf die anderen Roller aufmerksam, stehend oder fahrend. Doch er interessiert sich nur für uns.

Wir nutzen die Gelegenheit, um aus dieser furchtbaren Stadt zu fliehen. 30 Kilometer sind es noch bis Hoi An. Nach und nach verschwinden die Hotelanlagen, die Häuser schrumpfen, die Bäume wachsen. Hoi An wirkt wie Kyoto, das kulturelle Erbe von Vietnam, kein Haus größer als die Kirche, verschachtelt, umgeben von Flüssen, Seen und Reisfeldern. Der einst größte Hafen Asiens in Zentralvietnam ist heute überflutet von Touristen statt Handelsschiffen. Doch Hoi An, deren historische Altstadt von den Bomben des Vietnamkriegs verschont geblieben ist, ist eine der reizvollsten Städte dieses Landes. Rote und grüne Lampions erleuchten die zweistöckigen Altstadthäuser in der Dunkelheit, strahlen eine wohlige Atmosphäre aus; die schmalen Gassen sind abends vom Verkehr befreit, vietnamesische und internationale Küchen in allen Preisklassen verwöhnen den Gaumen. Eine Stadt zum Verweilen.

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