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Ein Blick über die Schulter III: Von Da Lat nach Saigon

Florian bricht mit dem Fahrrad nach Saigon auf, Luisa fährt mit dem Nachtbus zurück nach Hoi An. Der eine kämpft sich durch die tropische Hitze des Südens und den aggressiven Verkehr Saigons, die andere kämpft mit gesundheitlichen Problemen und nicht enden wollenden Regenfällen.

Mein erster Weg aus Da Lat hinaus führt mich zu einem Geldautomaten. Da ich kein Zelt hab’s, übernachte ich in Hotels, für die ich noch vietnamesische Dong brauche. Doch der Geldautomat will kein Geld rausrücken und meldet mir nur, ich solle mich an meine Bank wenden. Verdammt – komme ich genau so weit und muss wieder zu Luisa zurück, um sie anzupumpen? Die wird schauen… Der nächste Automat macht mich aber wieder zu einem Millionär und so verlasse ich Da Lat.

Ich fahre den Weg zu den Elephant Falls entlang. Die Aussicht auf dem Rad ist noch schöner als aus dem Bus. Die Straßen sind wenig befahren und ruhig: Busse und Lastwagen, sonst überholen mich vor allem vietnamesische Touristen auf Rollern, die mich anfeuern. So fällt das Fahren alleine gar nicht so schwer. Ich lasse die Elephant Falls hinter mir, kaufe Bananen, trinke eine gekühlte Kokosnuss und erreiche bald den Flughafen von Da Lat. Die über mich hinwegdonnernden Flugzeuge machen mir bewusst, dass meine Zeit in Vietnam bald vorbei ist. Am Abend komme ich in Di Linh an, wo ich mich in einem Hotel einquartiere, in dem ich mich über Luisas Care Paket hermache (sie hatte wohl Angst, ich würde mal wieder vergessen, etwas zum Essen zu kaufen).

Der Wind wütet immer noch die schmalen Häuser und engen Gassen der Bergstadt. Fensterläden knallen aneinander, Müll fliegt umher. Ich kehre in Luckys Hostel zurück, lege mich ins Bett, schlafe. Die halbe Nacht kamen und gingen Reisende. Tür auf, Tür zu. Licht an – ups, da schlafen ja welche – Licht aus. Immer wieder rissen mich alte und neue Gäste aus meinen Träumen. Schlafen aber will nicht kommen. Am Nachmittag muss dann auch ich das Hostel verlassen. Um 17 Uhr fährt der Bus nach Hoi An ab. Ich versorge mich mit Gebäck und Brötchen – viel bekomme ich allerdings nicht runter. Mein Magen hat die ungewöhnlich hohe Dosis an Alkohol nicht unbeschadet aufgenommen – stattdessen grummelt er lautstark vor sich hin.

Der Bus kommt um 18 Uhr – hätte ich doch noch eine Stunde im Bett bleiben können. Ruckelnd und hupend verlassen wir Da Lat, kämpfen uns an den Rollern vorbei in die Hügel des Zentralgebirges. Mein Magen beschwert sich nachdrücklich über die Achterbahnfahrt. Augen zu. Entspannen. In Nha Trang wache ich wieder auf, der Bus ist leer. Change bus, ruft mir der Fahrer zu. Ich greife mir meine sieben Sachen, vergesse meine wertvolle Wasserflasche und springe barfuß in den nächsten Schlafbus. Ruckelnd und hupend geht es weiter. In Nah Trang entdecke ich an jeder Eck einen Neujahrsgruß, Happy New Year hängt als großer Schriftzug über zahlreichen Straßen. Also haben sie wohl doch irgendwo in Vietnam Silvester gefeiert, denke ich und schließe die Augen.

Bis ich meine Sachen gepackt habe, hat sich der Nebel gelichtet und die Sonne scheint wieder. Nach einer Nudelsuppe zum Frühstück folgt eine zweite Abfahrt, die zwar schön im Grünen liegt, aber keine Möglichkeiten zum Anhalten bietet, um die Landschaft wirklich zu genießen. Danach wird es heiß, richtig heiß! Ich muss immer wieder anhalten, um neues Wasser zu kaufen oder mir ein bisschen Schatten zu gönnen: Die plötzliche Hitze macht mir zu schaffen. Praktisch ist, dass die Cafés am Straßenrand immer Hängematten haben – so leiste ich mir auf dem Weg den ein oder anderen Eiskaffee und lege die Beine ein bisschen im Schatten hoch.

Der Rest des schwülwarmen Tages ist bis auf einen vietnamesischen Jungen, der mit einem chinesischen Drachenkopf am Straßenrand spielt, eher ereignisarm. Als ich den Junge sehe muss ich zweimal hinschauen. Dann halte ich und bitte ihn um ein Foto, das er schüchtern von sich machen lässt. Ohne das Foto hätte ich später wohl gedacht, mein Kopf hätte mir nach all der Sonne einen Streich gespielt. Am Abend erreiche ich den Ho Tri An Stausee. Ich checke in einem Hotel ein und versuche nicht zu viel darüber nachzudenken, warum hier Äffchen gehalten werden. Wenn hier auch Hunde gegessen werden? Grenzen kennen die Vietnamesen beim Essen nicht…

Meine Augen fühlen sich wie Steine an. Dick, geschwollen. Der Bus hält an. Schlaf – was war das noch mal? Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Aber ich würde so gern vorher auch noch einmal schlafen. Ich habe Glück. Der Bus hält einen Katzensprung entfernt von Cloudy Homestay an, unser altes Hostel, wo Anton auf mich wartet. Ich schlurfe über die regennasse Straße. Als ich im Hostel ankomme, fängt es an, aus allen Rohren zu schütten. Lanh Doan empfängt mich breit grinsend und mit offenen Armen. Your are back! Yes I am, krächzt es von irgendwo hervor. You want to stay one mir night. Nichts lieber als das. Meine Batterien laufen im Stromsparmodus. Noch sind allerdings alle Betten besetzt, sodass ich in die Stadt gehe, um zu frühstücken. Das ist zumindest der Plan. Mein Magen jedoch ist nach schlaflosen Stunden in einem schwankenden Bus noch angepisster.

Ich kehre ins Hostel zurück, lese mich online durch die Sportnachrichten, um mir die Zeit zu vertreiben, als mein Gegenüber mich fragt, welches mein Team sei. Ich lache. Also auch deutsch. Die Adler seien mein Team, erkläre ich, die Deutschen Skispringer. Meine Wintersportsonntage – auf dem Sofa gammeln, Nordische Kombination, Biathlon und Skispringen gucken, heiße Schoki und Tee trinken – sind etwas, das ich wirklich vermisse. Georg und ich unterhalten uns. Weniger über Sport, mehr übers Reisen. Lanh kommt um die Ecke. Ich könne jetzt in den Schlafsaal. Es ist unser altes Zimmer – nur Florian ist nicht da. Stattdessen kommen Garibald und Georg dazu. Georg reist allein von Deutschland nach Nepal. Mit Zug, Bus und per Anhalter. Seine Reise hält er mit der Videokamera fest. Regelmäßig lädt er Vlogs bei YouTube hoch. An diesem Tag sitzt er stundenlang am Computer, um zu schneiden. Auch ich müsste eigentlich arbeiten. Aber nicht heute. In die Horizontale zu gehen, ist alles, was an diesem Tag auf meiner To-do-Liste steht.

Ich starte um sieben Uhr bei angenehmen Temperaturen nach Saigon. Der erste Teil des Wegs führt mich am See, mit darauf schwimmenden Häusern, vorbei und über ruhige Straßen durch Bananenplantagen hindurch. 50 Kilometer vor dem Ziel beginnen die Vorstädte von Saigon. Der Verkehr ist extrem chaotisch, der Smog unerträglich. Ein Kantholz fliegt von einem LKW, der mich überholt, rollt auf mich zu und nur knapp hinter meinem Rad an mir vorbei. Keine Minute später sehe ich, wie eine Frau von einem Roller, der auf meiner Seite der Straße dem Verkehr entgegenfährt, angefahren wird – sie stürzt und steht humpelnd wieder auf, der Roller fährt weiter. Am Straßenrand sind Plakate aufgestellt. Auf ihnen ist dargestellt, was im Straßenverkehr alles verboten ist – Handy am Steuer, überladener Roller, Motorrad ohne Licht…

Nach einigen Stunden erreiche ich die Innenstadt, in welcher der Verkehr im Vergleich zu den Vorstädten regelrecht zivilisiert ist. Ich fahre zur Notre Dame, mache ein Beweisfoto und suche mein Hostel, wo ich mich erst mal ein bisschen ausruhe. Nach dem Essen laufe ich ein bisschen durch die nächtliche Stadt, vorbei am Rathaus, dem Saigon Skydeck zum Fluss, an dem ein bisschen Ruhe in der ansonsten hektischen Stadt herrscht.

Ausgeschlafen. Eingepackt. Es geht weiter. Für Georg mit dem Roller, für mich mit dem Rad. Bevor wir uns verabschieden, tauschen wir Kontakte aus: Wer Georg folgen möchte, kann das auf YouTube machen. Noch herzlicher ist der Abschied von Lanh, sie umklammert mich, will mich gar nicht loslassen. Ich muss versprechen, irgendwann zurückzukehren. Dann geht es los. Ich überlege, ob ich noch einmal auf den Bus zurückgreifen soll, um meinem Körper noch Zeit zum Erholen zu geben. Doch das Budget für Vietnam ist so schon heillos überzogen; Geld sparen das Motto für den Rest des Monats. Bevor ich Hoi An verlasse, treffe ich noch auf die Patchwork-Reisegruppe Nathan, Cam und Jonas aus England, den USA und Deutschland. Sie lassen mich erst weiter, als sie meine Geschichte gehört haben.

Ich lasse es ruhig angehen. Bleibe erst einmal am Highway 1. Der Verkehr treibt mich in den Wahnsinn, dieses ständige Gehupe ist unerträglich, der Smog verstopft einem die Atemwege, aber in die Berge kann ich jetzt noch nicht starten. Die Muskeln sind nur Wackelpudding. Ich folge der Straße drei Tage, die mit wie die Unendlichkeit vorkommen, dann fühle ich mich kräftig genug, abzubiegen, ins Hinterland, in die Berge, in die Stille, auf die Bergstraße nach Da Lat. Die Sonne bricht durch den Smog hervor, Grün überall löst eine tiefe Befriedigung aus. Durchatmen.

Am nächsten Tag hole ich meinen Karton aus einem Radladen ab. Der Weg zum Laden führt mich an unzähligen sich im Bau befindenden Hochhäusern vorbei, vor denen mit großen Plakaten der fertigen Wolkenkratzer im Sonnenuntergang inmitten von grünen Palmen geworben wird – Palmen gibt es hier zwar, ihr Grün verschwindet aber im Grau des Smogs. Als ich wieder zurück bin, schreibe ich die letzten Karten und bringe sie zum Hauptpostamt, das sich in einem von Gustave Eiffel entworfenen Gebäude befindet.

Am Abend esse ich im Secret Garden. Wenn man es mal gefunden hat, wird man mit einer wundervollen Atmosphäre belohnt – über die Dächer weht ein lauer Wind und man hat einen schönen Blick auf die Wolkenkratzer der Stadt. Da ich allein bin, werde ich an einen großen Tisch gesetzt, dort sitzen schon zwei Deutsche. Die beiden sind erst ein paar Tage unterwegs, waren aber schon in Bangkok, Siem Reap und Phnom Penh. Wir lassen uns das leckere Essen schmecken und reden anschließend bei ein paar Bier über die jeweiligen Reisen. Dann rufen sich die beiden einen Roller – ich laufe zurück zum Hostel.

Nach einem letzten Frühstück auf der Straße packe ich mein Rad. Mit dem nach allen Seiten überstehende Karton auf dem Gepäckträger komme ich mir schon sehr vietnamesisch vor. Mein Flieger geht zwar erst am Abend, ich will mein Rad aber möglichst ohne Stress auseinander bauen und verpacken, daher fahre ich am Vormittag los. Ich stürze mich in den dichten Verkehr – in einem Kreisverkehr geht es zentimeterweise vorwärts, trotzdem komme ich mittags am Flughafen an. An der Zufahrt steht, dass Roller und Fußgänger diese nicht verwenden dürfen – der Polizist winkt mich trotzdem gütig durch. Ich finde einen ruhigen Platz, an dem ich mein Rad auseinander baue – alles läuft reibungslos, die Mitarbeiter am Check-in übersehen sogar großzügiger Weise die zwei Kilo Übergewicht des Radkartons. So endet die schöne Zeit in Vietnam, als der Flieger im Dunkeln abhebt und über die hellbeleuchtete Stadt davonschwebt.

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