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Kapitel XXXVI: Von Hoi An nach Saigon

Nachdem ich Georg und Lanh in Hoi An verabschiedet habe, geht es zurück nach Da Lat. Diesmal mit dem Fahrrad. Auf dem Weg in die Bergstadt gehen mir Essen und Wasser aus. Ich komme dennoch an – und treffe Simon und Viktor: zwei Reisegefährten, die ich sofort ins Herz schließe.

Bilder aus Vietnam: Da Lat bis Ha Tien

Wie ein Wasserall stürzt der Schweiß von meinen Armen, meinen Beinen, meinem Rücken. Der Kopf hängt durch, salzige Tropfen kullern zum Kinn, fallen auf den Rahmen des Rads, spritzen zu allen Seiten. Ich kann nicht mehr. 55 Kilometer. 420 Höhenmeter. Zweieinhalb Flaschen Trinkwasser. 2 Brötchen. Und ich bin gerade mal am Fuß des Bergs. 1200 Höhenmeter liegen noch vor mir. Das Wasser ist fast leer. Ein Brötchen habe ich noch in der Tasche. Ich habe den Anstieg völlig unterschätzt, oder meine Kräfte überschätzt. Ich dachte, ich schaffe es an diesem Tag bis zur Passhöhe. Danach wäre es bis zur nächsten Straßenküche nicht mehr weit. Stattdessen lege ich mich erst einmal hin.

30 Minuten später purzle ich zurück in den Sattel. Treten. Immer weiter. Einfach treten. Mehr kann ich sowieso nicht machen. Ein Vietnamese mit weißem Bauhelm stoppt mich. 100 Meter weiter kracht Geröll vom Berg hinunter; auf dem Hang turnen zwei Arbeiter herum, die wohl den Hang sichern wollen. Hinter mir stoppt ein Shuttle mit Touristen. Ich nutze die Gelegenheit, frage sie nach Wasser. Sie drücken mir zwei Flaschen in die Hand.

Am Straßenrand stehen Bananenstauden, ohne ihre verführerischen Früchte. Ich trete, genieße die Aussicht. Hunderte Kilometer kann ich über das Tal blicken. Atemberaubend. Die Gluthitze lässt nicht nach. An einem Wasserfall fülle ich eine Flasche auf. Für den Notfall. 500 Höhenmeter weiter finde ich allerdings drei versiegelte Wasserflaschen am Wegesrand. Die lasse ich in meiner Tasche verschwinden. Ein Motocrossfahrer fragt mich, ob ich eine Pumpe habe. Klar, aber ich bezweifle, dass die passt. Er versucht es dennoch. Ohne Erfolg.

Es fängt an zu regnen. 300 Höhenmeter vor der Passhöhe ist der Anstieg für mich an diesem Tag beendet. Ich baue mein Zelt ziemlich nahe an der Straße auf. Mein Magen knurrt. Schnell einschlafen, denke ich, damit ich den Hunger nicht mehr spüre. Das Zelt steht am nächsten Morgen halb unter Wasser. Warum, weiß ich gar nicht so genau; es regnet zwar die ganze Nacht, aber das Wasser im Zelt kommt nicht von oben. Ich packe alles ein, kämpfe mich durch Regen und Nebel die letzten Höhenmeter hoch und rolle erleichtert die Abfahrt hinunter bis zur nächsten Suppenküche. Die Sonne kommt heraus, während mein Magen vor Aufregung Luftsprünge macht, als die heiße Brühe die Röhre hinunterfließt.

Mein Wasser darf ich kostenfrei in einem Café wieder auffüllen, zum Mittag gibt es eine riesige Portion Reis mit Fleisch, Gemüse, Kimchi, Tofu und einer interessanten Unterhaltung mit einem jungen Vietnamesen, der mutig genug ist, seine Englischkenntnisse zu zeigen. An Kaffeefeldern und Erdbeergewächshäusern geht es weiter, zurück in die Bergstadt, nach Da Lat, zu Lucky. Ausspannen. Erholen. Luckys Hunde begrüßen mich aufgeregt, Lucky selbst führt mich zu meinem alten Bett. Während ich es mir gemütlich mache, stürmen immer wieder Reisende durch die Tür, beschweren sich lautstark über ihre Motorräder, an denen wohl mehr kaputt ist, als die Werkstatt reparieren kann. Ich freue mich ein bisschen, dass ich mit dem Rad unterwegs bin.

Am Abend trommelt ein Gast des Hostels alle anderen Gäste zusammen, um gemeinsam zum Abendbrot zu essen. Ob ich auch mit will? Na, klar doch. Zu acht geht es zur nächsten Suppenküche. Dass ich mit dem Rad unterwegs bin, hatten die meisten schon gesehen. Jetzt beginnt die Fragestunde. Ich komme mal wieder kaum zum Essen; als die Schüsseln der anderen leer sind, ist meine noch bis zum Rand gefüllt, weil ich versuche, den Sturm an Fragen zu bewältigen. Anschließend ziehe ich mit Jiri, Ory und Simon aus Kroatien, New York und Berlin durch das Nachtleben Da Lats. Auf der Straße findet ein Hip Hop und Dance Battle statt. Eine DJane legt auf.

Zu Simon habe ich sofort einen Draht, wir unterhalten uns ewig – auch als wir längst wieder zurück im Hostel sind, wo Simons bester Freund Viktor dazustößt. Simon ist so begeistert von der Idee, mit dem Fahrrad zu reisen, dass er Vicky schnell ansteckt und die zwei ernsthaft überlegen, sich in Australien Räder zu kaufen, die sie anschließend mit nach Neuseeland nehmen wollen. Wir verabreden uns in Neuseeland. Wir wollen uns wiedersehen, vielleicht gemeinsam mit dem Rad reisen. Sonst trampen. Zuvor aber nehmen wir uns vor, in Saigon wieder zusammen zu kommen.

Die 4 starten am nächsten Morgen mit ihren Motorrädern Richtung Saigon. Ich breche zwei Tage später auf, mit 5 Peanutbutter-Sandwiches und 20 Bananen im Gepäck. Damit ich nicht wieder hungern muss. An der nächsten Passhöhe, bevor es 1200 Meter in die Tiefe geht, schlage ich mein Zelt auf. In einem kleinem Waldstück baue ich alles auf, ziehe mich um, lege mich auf die Isomatte, atme aus und überlege, wie schön es ist, endlich zu liegen, die Augen zu schließen … als auch meine Isomatte einmal ausatmet und mich auf dem harten Waldboden zurücklässt.

Ich denke, dass es das Ventil ist. Hatte mich schon gefragt, wie lange das noch hält, die Isomatte hat schließlich schon einige Jahre auf dem Buckel. Ich hebe die Matte an: Ein fingerdicker Ast kommt zum Vorschein, der sich nicht nur durch den Zeltboden, sondern auch durch die Isomatte gebohrt hat. Sch***e! Ich klebe erst einmal notdürftig Ducktape darauf, reparieren will ich es später, morgen übernachte ich sowieso im Hostel.

Nach einer harten Nacht geht es den steilen Abhang hinunter, an einem Stromwerk und einem See vorbei, zurück in die Ebene. Das Wetter ist tropisch, ich bekomme kaum Luft. Überall fließt es. Mit einem Traktor spiele ich Katz und Maus. Erst überhole ich ihn, dann er mich. Als ich merke, dass ich wieder näher komme, halte ich kurz. 5 Minuten später habe ich ihn dann doch wieder eingeholt. So läuft das auch immer mal wieder mit den Rollern, weil ich bergab schneller bin als deren tattrige Motoren, die es kaum bis zur 40 auf dem Tacho schaffen.

An das tropische Wetter muss ich mich noch gewöhnen. Die Sonne brennt mir den Schädel weg. Als ich an einem Haus vorbeikomme, das nicht mehr als ein Skelett ist, weil die Arbeit am Bau frühzeitig eingestellt wurde, lege ich mich eine Stunde in den Schatten unter das fertiggestellte Dach, esse, trinke, bevor es an der Küste entlang nach Mui Ne geht. Oh, wie ist es schön, wieder am Meer zu sein. Wind, Wellen, Kitesurfer.

Einen Euro kostet mich die Übernachtung in einem Hostel in Mui Ne, einem einst kleinen Fischerdörfchen, heute der Ballermann von Vietnam. Nach dem Check-In, nach einer Chao Ga, suche ich den Weg zum Strand – und verzweifle. Die umzäunten Sterne-Luxus-Ressorts mit privatem Strandzugang reihen sich nahtlos aneinander. Es dauert eine Weile, bis ich einen schmalen Pfad zum Strand der Kitesurfer entdecke. Baden kann ich zwischen den fliegenden Boards nicht, aber bewundern, wie die Surfer mit dem Wind durch die tosenden Wellen schneiden. Ich will auch… Das Leben ist zu kurz, um all das zu machen, was ich noch gern machen möchte, schießt es mir durch den Kopf.

Am nächsten Tag fahre ich durch das völlig überfüllte Phan Tiet, decke mich mit Banh Chung ein, radle an Drachenfruchtfeldern vorbei und weiter die Küste entlang. An einem unbewohnten Stück Strand, kurz vor Ho Tram, wuchte ich das schwere Rad durch den feinen Sand. Zwischen den Dünen, geschützt vor dem Wind, schlage ich mein Zelt auf. Die Wellen donnern an den Strand. Ich springe ins warme Wasser, bevor ich mit dem Geräusch des rauschenden Meeres, mitten im Strandsand liegend – da stört es auch nicht, dass die Isomatte ein Loch hat – einschlafe.

Früh morgens geht es weiter. Am Wegesrand decke ich mich wieder mit Klebreis ein, bevor ich meinem Navi auf versteckten Pfaden, fern des anstrengenden Verkehrs, folge. Auf meiner rechten Seite liegen Melonenfelder, auf meiner linken stehen Mango- und Papayabäume. Ich würde sie am liebsten plündern, aber der Platz auf meinem Fahrrad ist auch irgendwie begrenzt. Durch Vung Tau führen keine Schleichwege, doch ich brauche nicht lange, bis ich die Fähre nach Saigon gefunden habe. Über die verschlungenen Arme des Song Sai Gon, an dicht bewachsenen Wäldern vorbei, deren Wurzeln weit über die Wasserkante hinausblicken, geht es mitten ins Herz der größten Stadt Vietnams.

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