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Zwischenspiel XIV: Auf einen Quickie mit Saigon

Das Straßenessen, die Straßen & der Müll – das Gute, das Schlechte & das Hässliche: Das sind die Gesichter Vietnams, das sind die Gesichter Saigons. Die Stadt ist ein chaotischer Strudel aus modernen Wolkenkratzern, bröckelnden Fassaden und westlich geprägten Kolonialgebäuden, aufdringlichen Straßenhändlern und motorisierten Rammböcken. Das Leben pulsiert in dieser Stadt so intensiv, dass es einen nach wenigen Stunden in den Wahnsinn treibt.

Bilder aus Vietnam: Da Lat bis Ha Tien

Der Fluss führt die Fähre mitten ins Zentrum. Mein Schlafplatz führt mich wieder heraus. Ich couchsurfe. Mein Gastgeber lebt in Distrikt 2 – 12 Kilometer von Distrikt 1 entfernt. Helm auf, Halstuch vor den Mund, zurück in den hupenden, drängelnden Verkehr, immer die Hauptstraße entlang. Zu sehen gibt es entlang des Wegs nicht viel. Häuser über Häuser, groß, grau, langweilig; Straßen über Straßen, groß, grau, laut. Das ist Saigon. Das Halstuch saugt die feuchte Luft von allen Seiten auf.

Als ich in Distrikt 2 ankomme, weiß ich nicht hundertprozentig, wo ich hin muss. Dean hat mir seinen Standort geschickt, aber nur für 60 Minuten. Jetzt ist das Fähnchen auf der Karte verschwunden. Ich rufe an. Doch statt Dean meldet sich eine sonore Computerstimme: vietnamesischer Kauderwelach. Auch die SMS will nicht durchgekommen. Ich mache mich auf die Suche nach Wifi und erreiche Dean über WhastApp; wir verabreden uns am Honda-Shop. Von dort aus geht es in eine Hintergasse zu einem dreistöckigen Haus. Die Tür steht weit offen, Motorräder stehen im und vor dem Eingang.

6 Studenten leben in dem Haus. Agrarwissenschaften, Handel, Wirtschaft, Englisch. Träumer, Visionäre, Idealisten. Richard ist der Gründer der Wohngemeinschaft, der Gründer des Easy English Community. Dean – mein CS-Kontakt – ist freischaffender Lehrer. Täglich unterrichten Richard und Dean ambitionierte, junge Vietnamesen. Ihre Mission: sie träumen zu lassen, ihnen zu helfen, die Welt zu entdecken, einen gut bezahlten Job zu finden. Englisch als Tür zur Welt. Die vier Mitbewohner sind nicht nur Studenten an der Uni, sondern auch Studenten der Easy English Community.

Die Wasserpumpe im Haus ist ausgefallen, deshalb funktioniert nur die Dusche im Erdgeschoss. Die Küche sieht aus wie in einer Erstsemester-Wohngemeinschaft. Über die Wände krabbeln Ameisen und Echsen. Das Klassenzimmer ist nachts das Schlafzimmer. Nach einer kalten Dusche – warmes Wasser gibt es seit Mui Ne nicht mehr – kochen wir gemeinsam, essen gemeinsam. Alle Mitbewohner kommen von außerhalb Saigons, alle aus Vietnam. Nur Dean kommt von den Philippinen. Vor einem Jahr hat er die Inseln verlassen, um sein Glück in Singapur zu suchen, dann kam er für einen Kurzurlaub nach Saigon, couchsurfte in der Easy English School und blieb dort hängen. Heute lebt und unterrichtet er in der Schule.

Am nächsten Morgen rolle ich mein Bett früh zusammen, breche Richtung Zentrum auf. Die morgendliche Rush-Hour zwingt selbst mich zum Stillstand. 80 Minuten dauert das Zick-Zack durch die Rollerlawinen, bis ich am Ngoc Thai Gästehaus ankomme. Der Rezeptionistin erkläre ich, dass ich zwei Jungs suche, aus Deutschland, Simon und Viktor. Sie gibt mir die Nummer des Schlafsaals. All the way up. Oben angekommen, klopfe ich an die Tür. Nichts regt sich. Ich klopfe noch einmal. Stille. Die Tür ist nicht abgeschlossen. Ich öffne sie. Zögerlich. Hallo? In einem der Betten hebt sich ein Kopf. Ich muss dreimal hinschauen, bevor ich ihn erkenne: Viktor. Simon schlummert noch hinter seiner Schlafmaske.

Nach dem Frühstück – Viktor lässt unbemerkt zwei Bananen für mich mitgehen, damit ich nicht mit leerem Magen starten muss – geht es Richtung Hai Tinh Markt. Am Wegesrand kaufen wir eine Kokosnuss, und noch eine Kokosnuss, und einen Orangensaft, und zwei Zuckerrohrsäfte, frittierte Bananen und gefüllte Teigbällchen. Der Markt ist weit entfernt, wir sind die ganze Zeit am Quatschen, und heiser, als wir am Markt ankommen. Es fühlt sich an, als ob wir uns auf der Tanzfläche einer Diskothek unterhalten würden.

Viktor und Simon sind auf der Suche nach einem Wok. Sie klappern die Geschäfte am Rande des Markts ab. Die Händler wollen sie übers Ohr ziehen, doch die zwei spielen das Spielchen nicht mit und werden schließlich aus dem Geschäft geworfen. Im nächsten Geschäft muss Viktor über Messer und Gabeln, Teller und Bretter klettern, um an die Woks zu kommen. Doch überzeugen kann keiner. Auch im nächsten Geschäft werden wir nicht fündig und ziehen unverrichteter Dinge zurück. Also noch nicht ganz. Erst einmal machen wir Pause im Convenience Store… wo es so still ist… wo es so kühl ist… wo wir uns nicht bewegen müssen.

Zurück im Hostel essen wir Avocado. Wir fragen nach Salz und Pfeffer und ernten irritierte Blicke, als wir die Avocado, herzhaft gewürzt, löffeln. Die Hostelchefin erklärt uns, dass Avocados in Vietnam mit Zucker gegessen wird – Obst übrigens mit Salz. So scheiden sich die Geister. Ory stößt wieder zu uns. Zu viert ziehen wir los, kämpfen uns durch den nächtlichen Verkehr, werden nicht von lichterlosen Rollern überfahren und stehen schließlich vor Notre Dame Cathedral of Saigon. Nun ja… ähm… es gibt beeindruckender Kathedralen… Im angegliederten Hauptpostamt, ebenfalls von den französischen Kolonialisten entworfen und gebaut, gebe ich die letzten Postkarten aus Vietnam ab. Am Turtle Lake essen wir Reispapiersalat in Plastiktüte, eine Ecke weiter gibt es dann noch eine Suppe und Eistee.

Als ich zurückkomme, ist die Schule bereits verriegelt, zweimal, Richard gewährt mir lächelnd Eintritt. Im Klassenraum der Schule breiten wir alle Matratzen aus. Schlange stehen vor dem Bad im Erdgeschoss. Der Ventilator wedelt die ganze Nacht durch. Am nächsten Morgen frühstücke ich mit Richard und Dean. Die zwei mit dem Roller, ich mit dem Rad, geht es zum nächsten Vegetarier. Es ist die beste Suppe, die ich bis zu diesem Zeitpunkt in Vietnam gegessen habe. 15.000 Dong. 60 Cent – und das Gefühl, dass es in den vegetarischen Küchen die besten Suppen gibt – die Fleischverschmäher scheinen irgendwie kreativer zu sein.

Dann geht es wieder ins Zentrum. Hin und her. Her und hin. Ich halte bei Mr. Bicycle Saigon. An meinem Gepäckträger hat sich eine Schraube gelöst, die Mr. Saigon kostenfrei ersetzt. Dann geht es zurück zu Simon und Viktor. An diesem Tag besuchen wir das berühmte War Remnants Museum oder vier Stockwerke absolute Fassungslosigkeit. Schwarz-Weiß-Fotos zeigen uns schonungslos Tod, Qualen und Verstümmelung. Der kaltblütige und tödliche Racheschuss des Poliziechefs von Saigon ist nur eines von Hunderten. Die Tränen sind kaum zurückzuhalten beim Blick auf die für immer eingefrorenen Momente unendlicher Grausamkeit, Angst, Verzweiflung. Wir schweigen, als wir das Museum wieder verlassen.

Dann müssen wir uns verabschieden. Simon und Viktor fliegen an diesem Tag nach Australien. Es ist ein Abschied auf Zeit. Zum Glück, sonst würde mir der Abschied schwerer fallen. In Neuseeland wollen wir uns auf jeden Fall wiedersehen. Ich hoffe es sehr, ich habe die zwei Berliner ins Herz geschlossen, die Zeit mit ihnen war so unkompliziert, so aktiv, so gesprächig, so gefräßig, einfach nur wunderschön und völlig entspannt.

Ich nehme am letzten Abend in Saigon am Unterricht der Easy English Community teil. Dean testet seine Schüler. Anschließend sprechen sie über die Zukunft, Vorhersagen. Wird es Autos geben, wir es Zeitungen geben, wird es Englischlehrer geben? Wir diskutieren. Nach anderthalb Stunden Easy English geht es im Forum mit noch mehr Schülern weiter. Gesprächsrunde. Das Thema ist Freelancing. Ich berichte, wie ich reise und gleichzeitig arbeite, die Schüler erzählen mir – zunächst etwas schüchtern, dann immer mutiger – von ihren Träumen. Im Ausland studieren, reisen, Geld verdienen. Ich versuche, ihnen Mut zu machen, zu erklären, dass es heute auch für die, deren Geld im Ausland nicht viel wert ist, möglich ist zu reisen. Couchsurfing, Warmshowers, Workaway, Work and Travel, Hitchhiking, Boathiking – eine Reise um die Welt ist heute fast für jeden möglich.

Nach zwei Tagen Saigon, vielen Gesprächen und eine Woche schlaflosen Nächten bin ich dann kurz davor, entkräftet vom Stuhl zu fallen. Doch es geht weiter. Trotz vorgerückter Stunde gehen wir alle gemeinsam noch Feuertopf essen und Bier trinken, um weiter zu quatschen, sich kennenzulernen, auszutauschen. Dann heißt es auf Wiedersehen. Zunächst verabschieden ich mich nur von den Schülern, am nächsten Morgen von der Wohngemeinschaft. Es ist wie immer. Wir bleiben in Kontakt. Ich komme wieder. Bis zum nächsten Mal. Ich bin einfach nicht gut, was Abschiede betrifft.

Der Abschied von Saigon fällt umso leichter. Diese Stadt hat nicht viel Sehenswertes zu bieten, ist laut, stickig, völlig überfüllt. Der Verkehr ist so rücksichtslos wie überall in Vietnam. Einzig das Straßenessen ist ein Erlebnis – doch das findet ihr überall in Vietnam, und überall sehr viel billiger als in Saigon – und das Kriegsmuseum, so bedrückend es auch ist, diese Bilder sollte jeder gesehen haben.

One comment on “The Good, the Bad & the Ugly: drei Tage im Feuertopf Vietnams

  1. Wir haben unsere Zeit in Saigon geliebt! 3 Monate, Hanoi dagegen fanden wir sehr anstregend. Wir waren insgesamt 6 Monate in Vietnam, falls Du Tipps brauchst!

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