search instagram arrow-down
Luisa Rische

Palim Palim

Instagram

Facebook

Fast vergessen

Follow Mein Fahrrad, die Welt und ich on WordPress.com

Kapitel XXXVII: Von Saigon nach Phu Quoc

Ein Labyrinth aus Flüssen zerfurcht den Süden Vietnams. Mund zu Mund-Propaganda verspricht viel, wenn es um das Mekongdelta geht. Schwimmende Märkte und gold-glitzernde Pagoden lösen diese Versprechungen ein, alles andere enttäuscht. Braun in braun weicht die einst beeindruckende Landschaft der wachsenden Zahl an Menschen und Touristen.

Bilder aus Vietnam: Da Lat bis Ha Tien

Vielleicht ist es Zeit, die Zeit hinter mir zu lassen. 2 Jahre sind nicht genug, um die Welt zu sehen. 3 Jahre vielleicht auch nicht. Schon wieder jagt mich die Zeit, weil ich nicht erwartet hatte, so oft irgendwo bei irgendwem hängen zu bleiben. Immer wieder treffe ich Bikepacker und Backpacker, die eine Zeit lang in einem Land bleiben, zur Ruhe kommen, Geld verdienen, und dann weiterreisen. Vielleicht ist das auch für mich eine Lösung. Denn das Gefühl des Zeitdrucks, dass ich Abenteuer, Länder, Flüsse, Berge verpasse, weil ich zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo sein will, zermürbt mich. Vielleicht ist es Zeit, sich davon zu befreien, 2019 nach Deutschland zurückzukehren.

Erst einmal ist es aber Zeit, Saigon zu verlassen, eine Stadt, deren Reize sich in Grenzen halten. Ich fahre westwärts, ins Mekong-Delta. Viel gehört, viel erwartet, viel erhofft. Das Mekong-Delta ist all das nicht und noch weniger als das. Eine Enttäuschung, die Erwartungen waren wohl zu groß an das übergroße Mekongdelta. Zwischen aschbrauen Flussarmen hält sich das versprochene Erlebnis in Grenzen … wie zuvor Saigon … vielleicht fängt Südostasien auch langsam an, mich zu zermürben.

Nebenstraßen sollen mich nach Ben Tre bringen, fern ab der anstrengenden Highways. Doch eine um die andere Nebenstraße endet im Nichts, in Baustellen oder auf der Autobahn. Durchgeschwitzt und schwarz vom dem ganzen Straßendreck, der überall durch die Luft wirbelt, komme ich in Ben Tre an. Der Weg zum Restaurant Kim ist schnell gefunden, gelb leuchtend erhebt sich das Lokal von seinen Nachbarn. Als ich mein Fahrrad abstelle, fällt es mir entgegen, der Ständer fällt klappernd auf die Straße. Die Schrauben sind durchgebrochen. Eine Hälfte liegt auf der Straße, die andere Hälfte steckt im Gewinde fest. Sch***e!

Ich schlafe im Restaurant. Meine Gastgeberin Van Luu habe ich bei Warmshowers gefunden. Aufgedreht und aufgeweckt. Die 35-jährige rollert mit mir durch die nächtliche Stadt. Wir essen Kokosnuss-Sesam-Mousse, ein angebrütetes Ei – allein beim Anblick der schwarzen Fötusmasse wird mir schon schlecht -, trinken warme Soyamilch. Ihre Eltern haben einen spirituellen Trödelladen im Herzen der Stadt. Wir sitzen davor, während die Nacht etwas Abkühlung bringt. Vans Mutter bringt Jackfruit und Pomelo. Während wir essen, zeigt Vans Mama, wie gut sie bereits Englisch spricht. Ihre Tochter ist ihrer Lehrerin. Die Nachbarn schauen neugierig um die Ecke.

Eigentlich wollte ich mal wieder nur eine Nacht bleiben, dann sind es zweit, dann sind es drei. Allein wegen der Menschen ist es Zeit, mich von meinem Zeitplan zu verabschieden. Van und Dam nehmen mich mit auf eine vietnamesische Hochzeit. Zuvor aber schwinge ich noch das Bügeleisen. T-Shirt und Jeans. Für das Abendkleid, das ich sowieso nicht besitze, war kein Platz mehr in meinen Fahrradtaschen. Wer hätte gedacht, dass ich mal auf einer vietnamesischen Hochzeit lande? Ich komme mir in meinem T-Shirt und meiner Jeans furchtbar plump vor, steche heraus wie ein Paradiesvogel. Doch die Freude, einen ausländischen Gast zu haben, ist zu groß, und meine Geschichte zu spannend, als dass irgendjemand was zu meinem Auftritt sagen würde. Braut und Bräutigam posieren aufgeregt mit mir vor den Kameras der fünf Fotografen.

Die Hochzeit selbst ist ein bizarres Ereignis. Nichts ist fertig, als wir ankommen. Tische werden aufgebaut, das Essen angerichtet, Scheinwerfer aufgestellt. Das Gesicht der Braut wirkt wie gelähmt, zu viel Make-up, nichts bewegt sich in dem zierlichen Gesicht, keine Falte, kein Lächeln, die künstlichen Wimpern scheinen zu klimpern. Ein 5-Gänge-Menü wird in Sekundenschnelle serviert, es ist nicht besonders gut, die vietnamesischen Gäste wirken genervt von dem westlich angehauchten Dinner mit Gabel und Messer. Zum Trinken gibt es Limonade, während ein Gast nach dem anderen auf die Bühne geht, lautstark und völlig schräg Karaoke singt. Ich komme mir vor wie bei einer Castingshow. Wo ist Dieter? Hinter uns donnern Roller und Lastwagen über die Straße. Lärm überall.

Als wir am Abend zu viert vor dem Trödelladen sitzen, Jackfruit und Pomelo essen, versuchen Vans Eltern, mich zu überreden zu bleiben. So 3 Monate vielleicht. Oder für immer? Vans Vater will einen Job für mich finden. Ich muss versprechen, in einem Jahr wiederzukommen. Dam und Canh sind ungewöhnlich weltoffen für vietnamesische Eltern. Dass Van macht, was sie will, reist, studiert, arbeitet, ein Restaurant eröffnet, übers Heiraten bisher nur Witze macht, ist den beiden völlig egal. Sie unterstützen ihre Tochter, wie ich es so zum ersten Mal in Vietnam erlebe.

Es ist mal wieder Zeit zu gehen, weiterzufahren. Der Abschied? Tränenreich. Dam versorgt mich mit Essen. Klebreis und Obst. Van steckt mir Bananen zu. Noch ein Foto. Dann heißt es wieder: nach vorne blicken. Entlang der dreckigen Arme des Deltas, an Tempeln und Dörfern vorbei, geht es nach Song Trang, mit der Fähre nach Con Dao. Strandzeit. Ausholen. Ausruhen. Die Insel gilt als Geheimtipp, weil sie noch nicht von Touristen und touristischen Attraktionen überschwemmt ist, weil noch keine Luxus-Ressort den Zugang zum Strand versperren, weil die Einheimischen noch nicht versuchen, jeden Cent aus den naiven, reichen Touristen herauszuquetschen.

Weiter nach Can Tho, die Stadt der Städte des Mekongdeltas. Warum? Can Thos schwimmender Markt scheint eine der Hauptattraktionen am Ende des Flusses zu sein. Auch ich folge der Karte zum Fluss, wo die morschen Holzboote so dicht aneinander liegen, dass ich beinah von einem Ufer zum anderen laufen könnte. Ein Händler erblickt mich am Ufer. Er will mich mitnehmen. Für 50.000 Dong steige ich zu ihm ins Boot. Zuerst wollte er 200.000 Dong haben. Stehend, zwei große Ruder in der Hand fährt er von Hausboot zu Hausboot. Melonen, Ananas, Kohlköpfe, Kürbisse, Geldscheine fliegen und wandern von einem Boot ins nächste. Eine Frau drückt mir eine Melone in die Hand, dann geht es zurück. Zurück an Land. Zurück aufs Wasser. Leben auf dem Fluss.

Auf dem Weg nach Rach Gia landen meine Kopfhörer in den Speichen, und meine Hörbücher verstummen. Ich bin zu müde, um mich zu ärgern, aber bei täglich 6 bis 10 Stunden im Sattel, helfen mir die Hörbücher nicht nur, die Langeweile manchmal zu überbrücken, sondern auch die kreisenden Gedanken im Kopf zur Ruhe zu bringen. Denn wer allein reist, hat viel Zeit über Gott, die Welt und sich selbst nachzudenken. Zu viel… Bevor der Gedankenbrei droht überzukochen, mache ich mir in der Regel ein Hörbuch an.

Mein CS-Gastgeber in Rach Gia versetzt mich im strömenden Regen. Ich strande in einem Gästehaus, unnötige Ausgaben. Aber so ist es manchmal, ich hatte bisher viel Glück bei Warmshowers und Couchsurfing und kann es kaum erwarten, all diese Erfahrungen irgendwann zurückzugeben, selbst Backpacker und Bikepacker in der eigenen Wohnung aufzunehmen, mit Essen, Routen und Wissen zu versorgen.

Über Ha Tien geht es mit der Fähre nach Phu Quoc. Ich zelte im Nationalpark, bevor ich in die Stadt fahre. Auf dem Weg zum Hostel treffe ich Bärbel. Wir verabreden uns für den Abend. Bärbel und Sabine sind gemeinsam durch Vietnam gereist, Phu Quoc ist ihre letzte Station, bevor es über Saigon zurück in die Heimat geht. Die zwei laden mich nicht nur ein, sondern drücken mir auch noch ein Kehrpaket mit Sonnencreme, Mückenspray, Shampoo, Schuhe und Tee in die Hand. Außerdem gibt es noch ein Buch. Robert Seethaler. Ein Ganzes Leben.

Vorletzte Nacht. Ein Donnern reißt mich aus dem dem Schlaf. Ein Donnern, das kein Ende nimmt. Wie ein Wasserfall schlägt der Regen auf das Wellblechdach des Schlafsaals. Seitdem ich vor einer Woche ins Mekong-Delta aufgebrochen bin, regnet es täglich. Dabei beginnt die Regenzeit erst im April. Nach einem letzten Frühstück in Hardy’s Bäckerei fahre ich weiter. Ein italienischer Radler begleitet mich bis zur Stadtgrenze fahren. Dann biegt er zum Strand ab, ich zum Nationalpark.

Von hinten nähert sich ein Roller. Nichts ungewöhnliches. Doch er kommt von rechts. Da ist doch gar kein Platz, denke ich, als Anton einen Tritt in den Arsch bekommt, und ich irritiert zur Seite schaue. Der Rollerfahrer hat sein Bein ausgestreckt … gegen Anton … also bitte … dann lächelt er, gibt Gas und schiebt mich den Berg hinauf. So ein Motor hat schon was. Als der Rollerfahrer längst wieder verschwunden ist, biege ich in den Nationalpark ab. Mitten ins Grün, mitten durchs Gestrüpp. Zwischen Bäumen, Ästen, Büschen, Sträuchern, Wurzeln, Pilzen schaffe ich Platz für mein Zelt. Letzte Nacht auf Phu Quoc. Letzte Nacht in Vietnam.

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: