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Kapitel XXXVIII: Von Phu Quoc nach Phnom Penh

Nichts geht ohne Stempel. Nichts geht ohne Vertrauen. Vietnam endete mit einem Tritt in den Arsch, Kambodscha beginnt mit einem Tritt in den Rücken. Keine Panik. Kampot lässt den Puls schlagen wie in Zeitlupe. Einatmen. Ausatmen. Ich meditiere. Doch die Gedanken kreisen. Neuseeland, Amerika, Europa – und dann? Durch die Sahara? Der Seidenstraße folgen? Zurück zum Moment. Kampot. Hier bin ich.

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Die Fähre bringt mich zurück aufs Festland, mein Fahrrad zur nächsten Grenze. Die vietnamesischen Beamten an der Grenze lächeln freundlich, nicken, winken mich nach Kambodscha durch. Keine Kontrollen. Kein Nacktscanner. Kein Stempel. Ich stutze, fahre aber weiter. Die werden schon wissen, was sie machen, und falls Kambodscha mich nicht hineinlässt, kann ich immerhin nach Vietnam zurückkehren, denke ich. Ich hoffe, ich bin nicht einzige die so naiv durchs Leben rennt.

Ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken: Die kambodschanischen Beamten schicken mich wieder durchs Niemandsland zurück. Ohne Stempel geht es nicht weiter. Nachdem ich fünf Grenzbeamte Vietnams befragt habe, finde ich auch endlich denjenigen, der mich ausstempeln darf. Versunken auf seinem Stuhl in einer dunklen Kammer. Die erste Nacht in Kambodscha verbringe in Kem am Strand, wo die dunkelrote Sonne die Fischerboote in der Dämmerung zu dunklen Silhouetten werden lässt. Traumhaft. Das Hupen hat sich in Luft aufgelöst, seit ich Vietnam verlassen habe. Naja, nicht ganz, aber im Vergleich zu Vietnam… traumhaft.

Die Straßen sind schmaler, der Asphalt brüchiger, die Roller sind mit Bastkörben beladen, in den sich ein ausgewachsener Mensch verstecken könnte. Auf beiden Seiten des Rollers sind jeweils zwei Körbe übereinander gestapelt, dazwischen sitzt ein Bauer, vor ihm, unter ihm der Fahrer. Am Straßenrand verkaufen die Händler gelben Treibstoff in Colaflaschen abgefüllt. 100 Meter vor mir tritt ein abgemagerter Mann nach einem Rollerfahrer. Ich sehe, wie er ausholt, um nach mir zu treten. Ich bremse ab, er tritt in die Luft. Als ich versuche, Anton mit seinem Elefantenpo wieder in Schwung zu bringen, trifft er mich dann doch im Rücken. Erst steigt die Wut in mir auf, dann schlucke ich sie hinunter. Vergessen. Weiter geht‘s.

Kampot. Die verschlafene Stadt am Fluss, 10 Kilometer vom Meer entfernt, in der die Uhren alle etwas langsamer ticken, ist gezeichnet von bröckelnder französischer Kolonialarchitektur. Klein, niedlich, ruhig. Ein bisschen Provence am Golf von Thailand. Südostasien ist nur in den Gesichtern der Menschen zu erkennen – und das nicht einmal in besonders vielen. Vom Café zum Yoga, vom veganen Müsli zur Meditation: nur eine Treppe entfernt. Kampot ist Zufluchtsort europäischer Stressflüchtlinge, die in Kampot inneren Frieden und positive Energien suchen.

Ich bleibe. Übernachte in der Monkey Republic, wo ich Luca und Anni kennenlerne, die mich mit zum Mexikaner mitnehmen. Die zwei sind auf Umwegen zum Studium. Keine schlechte Idee. Mir fiel es wahnsinnig schwer, all die Jahre geduldig zu bleiben. Die Welt spukte mir durch den Kopf. Die Google-Karte für meine Route hatte ich schon vor Jahren angefangen zu erstellen. Zum Frühstück gibt es Joghurt mit geröstetem Müsli, Melone, Drachenfrucht, Mango, Ananas und Papaya. Ein teurer Traum, der es wert ist. In meinem Mund explodiert alles nach tausenden Nudelsuppen. Morgens, mittags, abends.

Am nächsten Tag fahre ich über die rotsandigen Buckelpisten Kambodschas zu den Höhlen von Tuek Chhou. Arun holt mich mit seinem Roller ein, zeigt mir den Weg zu den Höhlen. Für 5 Dollar führt er mich durch die schwarzen Ungetüme, in denen zahlreiche Steine die Formen von Tieren haben. Vor allem Elefanten zeigt mir Arun immer wieder. Wir klettern. Es ist glitschig, weil es die ganze Nacht geregnet hat. Durch schmale Felswände geht es in die nächste Kammer, einen Stein hinauf, durch einen Tunnel. Meinen Rucksack muss ich abnehmen, zusammen passen wir nicht hindurch. Ich schürfe mir den Ellenbogen auf. So viel Abenteuer hatte ich gar nicht erwartet. Arun ist verblüfft. Viele Männer hätten sich nicht getraut, diesen Weg zu nehmen, erzählt der hagere Junge.

Weiter geht’s zur Pfefferfarm. Nhean führt uns kostenlos durch die Plantage. Nachhaltig, organisch, fairtrade. Rot, grün, schwarz und weiß. Neben Pfeffer gibt es Drachenfrüchte und Ananas, Mangos und Melonen. Wir kosten uns durch die scharfen Früchte der Pfefferpflanzen, anschließend gibt es Nom Krourk, Reis und Kokosnuss-Pfannkuchen. Zurück in Kampot meditiere ich im Licht der untergehenden Sonne im Simple Things. Einatmen, ausatmen. Ich konzentriere mich auf die Brandung des Meeres. Einatmen, ausatmen. Eigentlich soll ich mich von allen Gedanken befreien. Aber das ist gar nicht so leicht. Das Meer hilft mir, mich zu fokussieren. Auf die Wellen. Wie sie den Strand erobern, wieder zurückweichen. Einatmen, ausatmen. Meine Gedanken schweifen schon wieder ab. Marokko, Iran, Nepal. Ich will überall hin. Das Meer. Einatmen, ausatmen. Jetzt bin ich hier.

Mit dem Rad fahre ich in den Ream Nationalpark, durch Sihanoukville in den Kirirom Nationalpark. Ich übernachte die erste Nacht am Strand, die nächste Nacht verbringe ich am See. Fast wie in Norwegen. Wenn der ganze Müll nicht wäre. Weil ich am Strand nicht allein bin, warte ich, bis es dunkel wird, bevor ich zwischen den Palmen mein Zelt aufschlage. Über der dunkle See blinken grüne Lichter. Hundertfach. Gefischt wird wohl immer. Ab ins Zelt unter den Palmen. Ein Traum unter zwei Stangen. Ich hätte das Zelt eigentlich gern in der Tasche gelassen, aber es bläst ordentlich. Das Zelt schützt mich. Vor dem Wind, dem Sand, Tieren. Am See, eine Nacht später, bin ich völlig allein. Ruhe. Stille. Ich lausche den Fröschen und Grillen, denke an Norwegen. Dorthin will ich zurück. Jetzt aber bin ich hier.

Am nächsten Tag holpere ich über sandige Straßen, fahre gegen den Wind nach Phnom Penh. Die Bein hängen schwer in den Seilen. Eigentlich wollte ich die Millionenstadt mal umfahren. Eigentlich wollte ich auch mal nach Laos und Myanmar. Doch die Zeit jagt mich mal wieder. Ich erwarte Freunde in Neuseeland. Ende März kommen sie an. Vor neun Monaten schien mir das genug Zeit zu sein. Jetzt hätte ich gern noch drei Monate. Aber ich bin auch froh, Südostasien bald zu verlassen. Vietnam war ziemlich anstrengend. So viel es in diesem Land zu entdecken gibt, mit dem Fahrrad hält sich der Entdeckergeist zwischen verdreckter Natur, überfüllten Straßen, Menschen und Lärm überall in Grenzen.

Als die Sonne untergegangen ist, komme ich am Zentralmarkt in Phnom Penh an, wo Melanie lebt. Wo sich die Wohnung genau befindet, weiß ich nicht, deshalb frage ich einen Nachbarn, ob ich sein Wifi nutzen kann. Er gibt mir nicht nur sein Passwort, sondern stellt mir auch gleich noch einen Stuhl hin. Zehn Minuten später stehe ich vor der Tür der Wohngemeinschaft. Melanie ist gerade in Frankreich. Monorom öffnet mir die Tür. Kosoma ist auch da. Außerdem Claire und Priscilla aus Frankreich und Belgien. Irgendwann taucht auch noch Elie auf. 2 Mitbewohner, 4 Gäste. Ich schlafe mit Claire und Pris in Melanies Zimmer. Australien, Antarktis, Sahara. Einatmen, ausatmen. Jetzt bin ich hier. Phnom Penh.

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