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Zwischenspiel XV: Auf einen Quickie mit Phnom Penh

Folter, Ermordung, Terror. Bis zu 2 Millionen Leben soll die Schreckensherrschaft der Roten Khmer gekostet haben. Unter dem einstigen Joch leiden die Kambodschaner noch heute. Das wird nirgendwo so schonungslos gezeigt wie in Phnom Penh. Ich erkenne einmal mehr, dass Reisen auch bedeutet, Geschichte zu erfahren. Denn nur wer die Geschichte eines Landes kennt, kann die Kultur und die Menschen verstehen.

Alle Bilder aus Kambodscha

Der frühe Vogel fängt den Mönch. Um 8 Uhr klingelt der Wecker. Phnom Penh. Irgendwo am Zentralmarkt. Stahl trifft auf Eisen, Fett brutzelt in der Pfanne, Roller dröhnen und heulen durch die Straße vor unserem Fenster. Aufstehen, Duschen, Anziehen. Priscilla ist mit einem ehemaligen Mönch verabredet. Chhunny Noem. Ich begleite sie. Wir radeln quer durch die Stadt. Frechheit siegt auf dem glühenden Asphalt der Kambodschaner, die alle von einer Karriere in der MotoGP träumen. Priscilla – völlig verplant und ohne Orientierung – verfährt sich ein Dutzend Mal, bis wir am Café ankommen, wo Chhunny bereits seit 30 Minuten wartet. Kein Problem. In Südostasien ist Pünktlichkeit nur ein Dorn im Auge.

Chhunny hat sich den gelborangen Kittel der buddhistischen Mönche mit 12 Jahren übergestreift. Einfach mal ausprobieren, wie sich der Mantel des Gebets, der Pflichten, des Glaubens, des inneren Friedens so anfühlt. 3 Monate wollte er den Weg des Mönchs beschreiten. Den Tempel verließ er erst 7 Jahre später. Weil er neugierig war. Weil er wissen wollte, wie sich das Leben fern seiner Komfortzone anfühlt. Wie sich Liebe anfühlt. Wie sich Betrunkenheit anfühlt. Wie sich Völle anfühlt. Er wollte das alles fühlen, um jungen Menschen mit seinen Erfahrungen zu helfen. Heute ist er Gründer und Geschäftsführer von Anakot Asia. Building Empathetic Leaders, steht auf der Rückseite seiner Visitenkarte. Als ich ihn frage, wie empathisch die Führer des Landes seien, ob er sie gern mal unter seine Fittiche nehmen würde, wird er sehr still. Die Wände scheinen Ohren zu haben. Das reicht mir als Antwort.

Wie Ameisen drängeln sich die Kambodschaner durch die engen Straßens Phnom Penhs. Wir lassen uns nicht aufhalten. Ich fahre vor, denn ich kenne den Weg zurück. Weil die Preise im Café europäischen Standards entsprachen, kaufe ich mir eine Tüte Obst am Straßenrand. Dazu gibt es Zucker. Weil es praktisch ist, kippe ich den Zucker ohne Rücksicht auf Verluste auf das Obst und steche mit dem verlängerten Zahnstocher zu. Mein Kreislauf verabschiedet sich fast, als ich das Obst, das im Chilizucker badet, esse. Nach zwei Stunden ist die Tüte immer noch halbvoll – und ich habe keine Taschentücher mehr. Reis und Fisch sollen aushelfen, doch dieser ist so voll von Gräten, dass ich mehr mit entgräten, als mit essen beschäftigt bin. Läuft noch nicht so richtig. Tuk-tun? Nein, Essen.

Mit Claire besuche ich am Nachmittag das Tuol Sleng Genozid Museum, das Gefängnis S-21 der Roten Khmer, das an die Verbrechen der einstigen Führer Kambodschas erinnert. Waterboarding, Elektroschocks, Aufhängen. Drei Jahre, acht Monate und 20 Tage dauerte die Folter der Roten Khmer. Ihre Idee eines radikal-kommunistischen Bauernstaates kostete bis zu zwei Millionen Menschen das Leben. Das Blut auf den ausgeblichenen Böden der schmalen Zellen in der ehemaligen Schule ist längst getrocknet, aber nicht zu übersehen. 14.000 Menschen sollen in dem Gebäude, in dem einst die Zukunft gelehrt wurde, gestorben sein. Bilder zeigen jeden einzelnen von ihnen. Als sie ins Gefängnis kamen. Als sie es wieder verließen – was von ihnen noch übrig war.

Auf dem Zentralmarkt decken wir uns mit Gemüse ein. Priscilla schachert so lange, bis sie uns das Gemüse sprichwörtlich hinterher werfen. Die Hälfte der grünen Super-Vegetables kenne ich nicht einmal. Beim Obst allerdings ist nichts zu machen. Importiert, überteuert. Europäische Preise. Der Zentralmarkt eine touristische Attraktion. In Kambodscha wird in Dollar gerechnet, auch wenn sie mit dem Khmer Riel ihre eigene Währung haben. Weil es für viele Touristen immer noch billig ist, zahlen sie alle die horrenden Preise, anstatt zu handeln. Pech für uns. Dass wir Touristen sind, sehen sie alle auf den ersten Blick – und versuchen, auch uns übers Ohr zu hauen. Wir machen den Spaß jedoch nicht mit.

Am nächsten Tag wollen wir zur Insel Koh Dach fahren – klein, grün, gemütlich – doch wir kommen zu spät aus dem Haus. Priscilla muss ihr Visum verlängern, deshalb warten wir zwei Stunden auf jemanden, der ihren Pass abholen will, der eigentlich auch pünktlich vor dem Haus stand. Doch dann ist die Kommunikation etwas missglückt. Monorom hilft aus – und so findet der Pass-Abholer uns irgendwann dann doch. Weil es zur Fähre, die uns zur Insel bringt, 20 Kilometer sind, beschließen wir also, stattdessen die Hauptstadt zu erkunden. Tuk-Tuk? Nein, wir haben doch offensichtlich Fahrräder.

Wir fahren zum Denkmal der Unabhängigkeit, weiter zum Palast. Am Straßenrand decken wir uns mit frittierten, gefüllten Teigbällchen ein, kaufen uns zwei Kokosnüsse, hocken uns in den Palastgarten. Fern des hupenden Verkehrs scheint fast Ruhe zu herrschen. Um uns herum leuchten die Tempel in gold, rot, orange vor dem azurblauen Himmel. Tauben fliegen um uns herum. Ein Mädchen, nicht älter als 4 Jahre, mit blauem Sonnenhut läuft neugierig zu uns. Ihre Mutter arbeitet im Garten, hält alles sauber, sorgt dafür, dass die Touristen sich wohl fühlen. Doch so, wie sie und ihre Tochter aussehen, kann sie von dem Lohn kaum genug Essen kaufen. Ich Kambodscha sickert der furchtbare Gestank der Korruption aus allen sichtbaren und unsichtbaren Ritzen. Ein Erbe der Roten Khmer.

Wir fahren weiter ins Bophana Audiovisual Resource Centre, probieren uns auf dem Weg durch weitere Straßenessen. Geschmackserlebnisse irgendwo zwischen Reis, Kokosnuss, Soya, Ei, Friteuse. Das Kulturzentrum und Archiv quillt über mit Wissen und Filmen zur Geschichte des Landes. In Khmer und Französisch, manchmal in Englisch. Ich bin überfordert, überlasse Claire und Pris die Recherche, der Französin und der Belgierin. Wir sehen uns einen Ausschnitt vom Einmarsch der Vietnamesen in Phnom Penh an, 1979, das Ende des Terrors der Regierung um Pol Pot. Anschließend eine Dokumentation über die Filmindustrie Kambodschas, deren Vermächtnis die Roten Khmer nahezu auslöschten.

Noch eine Ananas und irgendwas Frittiertes, dann geht es zurück, mit frischem Gemüse vom Zentralmarkt und unseren zwei Kokosnüssen zur multikulturellen Wohngemeinschaft. Monorom, Kosoma und Melanie bilden gemeinsam die Wohngemeinschaft. Melanie ist aus Frankreich, mit dem Rad durch zahlreiche Länder gereist und hat ein Innovationszentrum für junge Unternehmer in Phnom Penh gegründet, um Startups zu fördern, Entwickler und Ideen zusammenzubringen, junge Unternehmen konkurrenzfähig zu machen. Monorom ist ebenfalls aus Frankreich, ihre Eltern sind während der Herrschaft der Roten Khmer aus Kambodscha nach Frankreich geflohen. Ihre Großeltern leben immer noch in Kambodscha. Sie ist zurückgekehrt, weil sie dem Land mit ihren Ideen, ihrem Einsatz, ihrem Wissen helfen möchte. Kosoma ist aus Kambodscha, studiert in Phnom Penh und unterstützt Melanies Impact Hub als Trainerin.

Elie ist erst vor Kurzem dazugestoßen. Er ist von Frankreich nach Kambodscha geradelt. Als er in Phnom Penh ankam, bei Melanie übernachtete, hat er sich in Monorom verliebt. Er radelte einige Wochen durch Thailand, um den Kopf freizubekommen, nachzudenken, was er machen will. Jetzt lebt er mit den 3 Mädels in der Wohngemeinschaft in Phnom Penh, arbeitet als Französischlehrer und verbringt viel Zeit mit Monorom. Ich genieße die Tage zwischen den jungen, ruhelosen Entdeckern, während die Stadt die Schwarz-Weiß-Bilder der Herrschaft der Roten Khmer in mein Gedächtnis einbrennt. Eine Stadt, die nicht viel zu erzählen hat, doch das, was sie zu erzählen hat, ist wichtig. Die Herrschaft der Roten Khmer ist nicht beispiellos, aber die Beispiele in der Geschichte vielleicht schon mit einem Finger aufgezählt.

Melanie ist nicht in Phnom Penh, als ich da bin, da sie nach Frankreich zu einer Beerdigung geflogen ist. Ich hätte die Frau, die Menschen in Phnom Penh verbindet, ob Kambodschaner oder nicht, gern kennengelernt. Als sie jedoch zurückgekehrt, habe ich die Stadt längst verlassen. Genau wie Claire und Pris. Während die zwei nach Kampot aufgebrochen sind, radle ich nach Siem Reap.

One comment on “Im Schatten der Vergangenheit: das Erbe der Roten Khmer

  1. Liebe Luisa,
    hier die offizielle Benachrichtigung, dass dein Blog den Mystery Award bekommt – und zwar von mir 😊
    Warum? Weil er es verdient!

    Meine Fragen an dich und weitere Infos über den Award, findest du hier: https://audreyimwanderland.wordpress.com/2018/03/09/mystery-blogger-award-premiere/

    Ich bin gespannt, auf deine Antworten!

    Greetz 💫,
    Audrey

    Gefällt mir

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