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Kapitel XXXIX: Von Phnom Penh nach Poipet

Wer immer mehr will, verlernt zu geben; wer nie etwas besaß, verschenkt alles, was er kann. Die Kambodschaner lehren mich, was Güte und Großzügigkeit bedeuten. Es ist ein Geschenk, das vielleicht mehr wert ist als alle anderen. Denn im Streben nach mehr verliert Güte seine Bedeutung.

Alle Bilder aus Kambodscha

Flach wie ein Brett. Das ist Kambodscha. Karge Landschaften, so weit das Auge reicht; Gräser, Tiere, Bäume, Anton und Lulu, die unter der feuchten Hitze ächzen. Ein Flimmern zeigt mir den Weg, Zentimeter über der Straße, die Sonne kennt keine Gnade, der Wind pustet kräftig von vorn. Die vereinzelten Häuser sind auf Stelzen gebaut, brüchig, morsch, geflickt. Die Stelzen sollen wohl das Wasser während der Regenzeit fernhalten, vermute ich. Kambodscha hat nicht viel, die Menschen haben nicht viel, die Bauern leben von dem, was sie produzieren. In arm und reich wird hier nichts bemessen. Luxusgüter ist ein Wort, dass von Kambodscha weiter entfernt ist als der Mond.

Ich bin Südostasien langsam über. Weil ich 4 Jahreszeiten liebe, weil ich grüne Landschaften liebe, weil ich schneebedeckte Gipfel liebe, weil ich die Stille liebe, weil ich den Müll am Wegesrand ganz und gar nicht mag. Anstatt seinen Müll nach China zu exportieren, sollte Deutschland vielleicht mal darüber nachdenken, seine Entsorgungstechnologie nach Asien zu exportieren. So einfach ist es nicht, ich weiß, und es gibt sicher schon Projekte, die genau an diesem Problem arbeiten, aber es ist schon bedrückend, die Straßen aus Müll zu sehen, die fern des glühenden Asphalts die Landschaften verzieren, Strände zu Müllkippen machen, einst blaue Flüsse in ein schwarzes Monster verwandeln.

Nichtsdestotrotz kann ich Kambodscha – vor allem nach fast 2 Monaten Vietnam – viel Gutes abgewinnen: Das Land ist dünner besiedelt, der Verkehr entspannter, niemand hat seinen Daumen mit Sekundenkleber an der Hupe fixiert. Die Menschen sind viel offener und kennen in ihrer Großzügigkeit meist keine Grenzen. Sie haben nichts und geben, was sie können, und noch mehr, Wasser, Essen, ein Bett. Fern der großen Städte ist niemand auf Profit aus, fern der großen Städte ist es selbstverständlich, anderen Menschen zu helfen, egal, wie sie aussehen, egal, wo sie herkommen.

Das Navi führt mich abseits der Straße entlang. Buckelpiste. Asphaltierte Wege sind in Kambodscha begrenzt. Ich finde einen einsamen Zeltplatz umgeben von Riesenameisen und Affen. Die Straße ist weit weg, alles ist ruhig. Das Überzelt brauche ich nicht. Es hat seit Tagen nicht mehr geregnet. Trockenzeit. Ich esse Reisnudeln mit Sprossen und Sojasauce. Den nächsten Tag radle ich durch. 120 Kilometer gegen den Wind. Zum Mittag gibt es Melone für 50 Cent, es ist so heiß, dass ich keinen Hunger mehr habe. Zucker und Wasser, mehr scheine ich nicht zu brauchen.

Als die Sonne nur noch ein schwacher, dunkelroter Kreis knapp über dem Horizont ist, halte ich an einem dieser Häuser, das auf Stelzen steht, an. „Hello, hello, hello“, rufen mir drei Jungs entgegen. „Guten Tag. Mein Name ist Luisa. Ich brauche Hilfe“, holpere ich durch die Landessprache. Dann zeige ich der Familie eine Nachricht, die Kosoma aus Phnom Penh für mich verfasst hat. Sie schreibt, wer ich bin, was ich mache und dass ich einen Schlafplatz suche. Die Frau und ihre Tochter nicken, als sie die Nachricht lesen. Die Großmutter führt mich zu einem dunklen Raum, in dem ein Holzbett steht, ein Hochzeitsbild hängt, ein Hund liegt. Sie haben nichts, sie geben alles.

Ich spiele mit den drei Jungs, wir radeln, werfen uns einen Ball zu. Der jüngste ist völlig aufgedreht, präsentiert aufgedreht seine große Zahnlücke. Er rennt, er lacht, er kann es kaum fassen, dass ich da bin, dass ich Fotos mache, dass ich mit ihnen spiele. Als die Dämmerung in der Nacht verschwindet, essen wir Abendbrot. Die Mutter versorgt mich mit Mangosalat und Reis, in dem sich mehr Ameisen tummeln als Reiskörner. Augen zu und durch. Proteine und so. Ich kann nicht. Die Hunde bellen die ganze Nacht; hundemüde geht es am nächsten Tag weiter. 150 Kilometer bis Siem Reap. Strampeln bis zum Umfallen.

Als ich in Siem Reap ankomme, ist es noch hell. Ich bin gut in der Zeit. Dann verirre ich mich. Irgendwo an den äußeren Rändern der Stadt, wo es laut Navi hier und dort Wege geben soll, die in Wirklichkeit Äcker und Flüsse sind. Ich muss wieder zurück. Als es längst dunkel ist, entdecke ich schließlich das Haus, dessen blaues Dach in der Nacht verschwindet. Seyha, mein Gastgeber, ist noch nicht zu Hause. Seine Frau und eine Freundin begrüßen mich, versorgen mich mit Reis und Gemüse. Seyha selbst kommt erst mitten in der Nacht aus Thailand an, als ich schon längst durchs Land der Träume fliege.

Seyha ist ein Prediger, nicht beruflich, sondern dazu berufen, im Guten wie im Schlechten. Er gibt, hilft, wo er kann, ist ausgeglichen, ruhig, besonnen. Er glaubt an Gott, dass er ihm Zeichen sendet, dass er ihn durchs Leben führt. All seine Entscheidungen begründet er mit seinem Glaube, sein Weg durchs Leben bedeutet, nichts zu Begehren, nichts zu neiden, das zu nehmen, was ihm frei gegeben wird, das zu geben, was er geben kann. Er hört sich gern selbst reden, lässt andere kaum zu Wort kommen, und spricht immer mit einem missionarischen Unterton und nicht immer die Wahrheit, sondern manchmal nur das, was sich gut anhört. Ein Prediger. Im Guten wie im Schlechten.

Bevor ich nach Angkor aufbreche, genieße ich die Ruhe seines Zuhauses fern ab des Zentrums. Gerade mal zwei andere Häuser stehen in unmittelbarer Nachbarschaft, rundherum ist Moor und Wiese, Vögel, Mücken, Frösche, Eidechsen, Ratten. Es ist ein Ort zum Meditieren, ein Ort, um zu sich selbst zu finden, ein Ort, wo die Gedanken zu Ruhe kommen können. Doch Ruhe steht an diesem Tag nicht auf meinem Plan. Angkor ist mein Ziel, die Tempelstadt, Zentrum des Khmer-Königreichs zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert, UNESCO-Welterbe.

Wenige Meter vor dem ersten Tempel will ich mir die Eintrittskarte kaufen. Doch der Beamte am Kontrollpunkt erklärt mir, dass ich umdrehen müsse, 10 Kilometer zurück, dort könne ich die Karte kaufen. Wo genau, kann er mir nicht erklären. Ich kämpfe mich durch den Stau, frage mehrere Tuk-Tuk-Fahrer und finde schließlich, leicht entnervt, die Ticketschalter. Ein Blick auf den Preis genügt jedoch, um mir die Laune endgültig zu verderben: 37 Dollar für eine Tageskarte – und der Tag ist nach 30 Kilometern auf dem Rad schon halb rum. 37 Dollar sind umgerechnet Mahlzeiten für 5 bis 10 Tage – und einfach nicht im Budget drin. Ich erkunde stattdessen Siem Reap.

Kunst, Kultur, Architektur. Europäisches Eis, kambodschanischer Reis. Zwischen dem Tonle Sap und dem Sivatha Boulevard überrascht ein Irrgarten aus schmalen Gassen mit einer Vielfalt an Cafés und Restaurants, Handwerk und Mode, Malereien und Installationen. Das Leben brummt. Die halbe Welt will Angkor sehen, die halbe Welt übernachtet in Siem Reap, wo das Geld aus den Händen der Europäer in die Hände der Europäer fließt. Kambodschanisch scheint nur der Markt im Herzen dieser pulsierenden Stadt zu sein. Ich gönne mir ein Eis, zwei Kugeln, Schoko und Banane, nachdem ich gerade 37 Dollar gespart habe, versüße ich mir den Frust mit meiner Lieblingsspeise.

Als ich am Abend zurückkehre, stößt ein weiterer Radreisender dazu. François aus Belgien. Er hat sich ebenfalls verirrt, kommt ebenfalls erst lange nach Sonnenuntergang an, weil er sich ebenfalls auf seine Handykarten verlassen hat. Auch Seyhas Familie ist angekommen. Sein Vater musste für die Roten Khmer kämpfen, ist anschließend krank geworden und schon für tot erklärt worden. Heute lebt er immer noch, leicht zittrig zwar, aber seine Lebensfreude scheint nicht gebrochen. Früher war er Englischlehrer. Seyhas Mutter und Schwester sind da sowie ihr Freund aus Neuseeland. Eine Patchworkfamilie.

Francois ist mit dem gleichen Rad unterwegs, von Australien nach Singapur nach Belgien, oder nach Afrika – das weiß er noch nicht so genau. Vor 3 Monaten ist er gestartet. Er erzählt mir, wie er in buddhistischen Tempeln und in einer Pflegestation für Elefanten übernachtet hat. Mit einem Fotoprojekt will er sich bei den Menschen, die ihm auf dem Weg helfen, bedanken. Er knipst, druckt die Bilder aus, schenkt sie den Fotografierten. Wir verbringen unseren zweiten Tag in Siem Reap gemeinsam, bevor François nach Laos aufbricht, ich über Battambang zur Grenze nach Poipet fahre. Nach Thailand.

One comment on “Wer nichts hat, gibt alles: was Großzügigkeit und Güte bedeuten

  1. Thank you Luisa for the fun day we spent together!
    Thank you as well for maintaining my German to a certain level by making me read your great posts!

    You rock 🙂

    Gefällt mir

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