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Zwischenspiel XVI: Auf einen Quickie mit Bangkok

Same same. But different. Das Motto Bangkoks. Die Stadt im Norden der Bucht von Thailand hat die dreckige Fassade, die Hanoi, Saigon und Phnom Penh prägen, abgelegt. Wer in das ursprüngliche Thailand eintauchen will, muss allerdings abseits festgetretener Pfade wandeln. Die Stadt ist ein Erlebnis mit neuen Abenteuern an jeder Ecke, versteckten Märkten, Palästen, buddhistischen Kunstwerken; sie wirkt aber auch aufpoliert, für die Touristen, für die Backpacker.

Thailand war für mich immer die asiatische Türkei: Ein fernes Urlaubsland, in das (nicht nur) die Deutschen gern reisen, um billig ein Maximum an sonnengebräunter Erholung rauszuschlagen. Klischeehafte Bilder von weißen, einsamen Sandstränden zwischen grünen Kokosnusspalmen und türkisblauem Wasser, aus dem die Korallen leuchten, ploppen in meinem Kopf auf, wenn ich an Thailand denke. Zu heiß, zu sandig, zu all-inclusive, zu poliert – für mich. Das dachte ich zumindest, bevor ich nach Thailand einreiste, auch wenn der Grenzübertritt selbst erst einmal klischeehaft beginnt.

Alle wollen nach Thailand. Stau an der Grenze. Ventilatoren blasen vergeblich gegen die schuftenden Schweißporen an. Die körpereigne Klima-Anlage läuft auf Hochtouren. Zwei Stunden dauert das Schlangestehen. Touristen in 2-Dollar-Shirts – ich selbst trage auch eines – und Strohhüten fächern sich mit den Händen vor dem Gesicht herum. Ein Mann, irgendwo zwischen 30 und 50, dessen Haut weiß ist und dessen Bauch schwabbelig zwischen Shorts und Shirt hervorblinzelt, hängt am Fenster, schweißgebadet, kotzt sich die Seele aus dem Leib – hat wohl was falsches gegessen.

Als der Stempel in meinem Reisepass prangt, radle ich durch die Provinz Nakhon Nayok, immer links entlang nach Pathum Thani, wo mich Pam und eine Hotelsuite erwarten. The Smart Place ermöglicht mir, für eine Nacht aus dem Low-Budget-Radlerleben auszubrechen. Kingsize-Bett, Fernseher, Dusche mit warmem Wasser, Klima-Anlage, Privatsphäre. Die Luxusübernachtung hat eine Vorgeschichte: Vor sieben Monaten hat mir Jon aus Norwegen nicht nur eine Hütte auf seinem Zeltplatz zur Verfügung gestellt, sondern auch eine Adresse in Bangkok in die Hand gedrückt. Damals wusste ich nicht einmal, ob ich es nach Bangkok schaffe, es schien mir eine Weltreise entfernt zu sein, heute bade ich glücklich in einem Moment des Luxus.

Pam lädt mich zum Essen ein. Es gibt Thai. Scharf, schärfer, am schärfsten. Die Servietten gehen für meine Nase drauf. Wir reden über Norwegen, über Pams Tochter Snow, über ihr Hotel, in das sie mich nach dem Essen bringt. Schlafen bei 21 Grad. Ein Traum, aus dem ich gar nicht mehr aufwachen will. Am nächsten Tag zeigt mir die Thailänderin ihr Haus und ihre Drogerie, wir trinken noch einen Tee, bevor ich weiterfahre. Ich muss versprechen zurückzukommen. Dann breche ich ins Zentrum von Bangkok auf.

Bangkok könnte tatsächlich die schlimmste Stadt zum Radfahren sein. Der Verkehr gleicht einem verstopften Abwasserrohr, die Logik der Kreuzungen ist so verwirrend, dass ich teils mitten auf der Straße stehe – von allen Seiten kommen Autos und Roller – und ich habe keine Ahnung, wo ich hin muss. Taxis, Busse, Transporter schneiden mich jederzeit, bremsen mich aus. Schließlich aber schaffe ich es zum nächsten Hostel, wo ich nicht lange fackle und mit Lara zum Chatuchak-Markt fahre, in dessen schmalen Gängen wir uns durch das Straßenessen probieren, Mitbringsel kaufen, uns verirren. Wo ging es noch einmal hinaus? Ein lebhafter Irrgarten, der von Stund zu Stund mehr droht, aus allen Nähten zu platzen.

Bangkok scheint das Zentrum der Backpacker zu sein – und das Born Free Hostel der Ort, an dem wir alle zusammenkommen. Als Lara längst in den Norden Thailands aufgebrochen ist, gehe ich mit Felix Abendbrot essen, bevor dieser nach Uganda weiterfliegt. Henry ist mit seinem Fahrrad auf dem Weg zu Melanie in Phnom Penh. Mit Marius und Pius spiele ich in einer Bar fern ab des Rummels der Khaosan-Straße Darts und Jenga um Freibier. Es stellt sich heraus, dass Marius nicht nur aus Singen ist, sondern sein Onkel einer meiner frühere Kollegen. Die Welt ist ein Dorf.

Die Stadt wirkt auf mich ganz anders, als das, was ich bisher von Südostasien gesehen habe. Es ist, als ob Saigon, Peking und Kingston in einem Mixer gelandet und über Thailand ausgeschüttet worden wären: ein Mosaik aus der wirbelnden asiatischen Straßenkultur, modernen Wirtschaftszentren, die in den Himmel ragen, gechillter Reggaekultur auf den Straßen, auf denen die Touristen bevorzugt ihre Nächte verbringen und sich eine Fußmassage für 100 Baht gönnen. Charmant-verrückt, aufpoliert und auf der Suche nach sich selbst zwischen traditioneller Vergangenheit und moderner Konsumgesellschaft. Das ist Bangkok.

Die überaus missglückten Bilder der Königsfamilie prangen überall. Die Thailänder scheinen ihre Monarchie zu lieben, und, nach vielen Gesprächen, bin ich überzeugt, dass das nicht nur Schein ist. Vor 2 Jahren erst starb König Bhumibol. Vor einem Jahr fand die fünftägige Trauerfeier zu seinen Ehren mit Hunderttausenden Gästen statt. Ein Teppich aus Schwarz, der kniend die Prozession der Urne begleitete. Bhumibol hatte sieben Jahrzehnte an der Spitze des Landes gestanden, damals war er der am längsten regierende Monarch der Welt, bevor er mit 88 starb. Die Trauerzeremonie folgte einem buddhistischen Ritual, das seit Jahrhunderten bei der Feuerbestattung von Königen üblich ist.

Bangkok ist eine Stadt mit Abenteuern an jeder Ecke, auch wenn das Ursprüngliche immer mehr der glänzenden Fassade weicht, die Bangkok für die Welt errichtet. Mich treibt die Stadt – wir alle Millionenstädte – schon bald in den Wahnsinn. Zu viel Lärm, zu viel Verkehr, zu viel Chaos, zu viel Unfreundlichkeit. Stillstand zwischen Hektik. Ich putze mein Fahrrad, wechsle die Kette, pumpe die Reifen auf. Die Mäntel sehen nicht mehr allzu gut aus, abgefahren, rissig, löchrig. Doch sie machen ihren Job, ich will sie vorerst behalten, weil mir sowieso gerade das Geld für zwei neue fehlt. Dann geht es zurück auf den brennenden Asphalt, das Leben in sechs Taschen verstaut, immer nach Süden. Im Herzen bin ich schon in Neuseeland und erkenne bald, dass ich zu früh mit Südostasien abgeschlossen habe.

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