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Kapitel XL: Von Bangkok nach Singapur, Teil 1

Ich verlasse Bangkok allein. Doch schon am zweiten Tag schließt sich Andries mir an. Wir radeln an der Küste entlang, schützen uns vor diebischen Affen, füttern in Ketten gelegte Elefanten, quälen uns durchs Zentralgebirge und schlemmen uns durch die Genüsse Thailands. Bei 37 Grad geht meinem Körper das Wasser aus, die tausend Stimmen des Urwalds wecken uns am Morgen und auf einer Kautschuckplantage werden wir mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen.

Bilder aus Thailand: Aranyaprathet bis Ranong

2 Monate. Bangkok liegt so lange hinter mir, dass es mir eine Weltreise entfernt scheint. Ein anderes Land, ein anderer Kontinent, ein anderes Leben. Die Bilder der Erinnerungen an diese Zeit flimmern, einige stärker, andere schwächer, fließen in den ungebremsten Strom aus Eindrücken, Begegnungen, Abenteuern. Ich war frustriert, mürbe von der Lautstärke Vietnams, von dem Nichts Kambodschas, von der vermüllten Natur Südostasiens. Ich gestehe mir solche Gedanken nie gern ein, schließlich ist diese Reise ein Privileg und ich sollte jede Sekunde genießen. Doch manchmal ist es kein Genuss, manchmal ist es mühsam. Ich war gelangweilt, ungeduldig. Ich wollte weg. Bangkok war ein Farbkleks. Bangkok war der Beginn eines neuen Gefühls.

Ein Fahrrad-Café in Samut Songkhram soll mir auf dem Weg nach Cha-am Schutz bieten. Als die Sonne nur noch Zentimeter über dem Horizont schwebt, habe ich es immer noch nicht gefunden. Ich suche eine wilde Alternative, ein Stück Wiese zwischen zwei Bächen und Kokosnussfarmen scheint mir geeignet zu sein. Weil ich den Besitzer des Hofs nicht finden kann, baue ich einfach mal mein Zelt auf, als dieser samt Polizei um die Ecke kommt. Anstatt mich vom Grundstück zu werfen, überlegen die drei, ob der Platz sicher für mich ist. Es gebe viele Hunde in der Nachbarschaft.

Schließlich wird entscheiden, dass ich bleibe. Einer der Polizisten will in der Nacht immer wieder vorbeikommen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist; der Besitzer selbst versorgt mich mit Reis und gebratenen Eiern zum Abendbrot. Ich bin überrascht. Nicht von meinem unerwarteten Gastgeber, sondern von der Polizei. In Kambodschaner scherte sich die Polizei weniger um meine Sicherheit als um mein Geld. Der dreckige Gestank der Korruption – noch so ein Grund, warum ich genug von Südostasien hatte. Doch Thailand ist anders. Ganz anders.

Am nächsten Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück mit Suppe, Reis und Kokosnuss und einem weiteren Versprechen, dass ich zurückkomme, geht es weiter. Zum Strand, zum Meer. Keiner hupt, keiner drängelt. Die Straße ist sogar als Fahrradstraße ausgeschildert. Unterwegs treffe ich Michi und Ilka aus Deutschland. Sie fahren allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Andries aus den Niederlanden dagegen fährt in meine Richtung. Wir schließen uns kurzerhand zusammen, radeln gemeinsam gegen den Wind nach Cha-am zu unseren Warmshowers-Gastgebern Paul und Natt.

Paul hatte mich angeschrieben, als ich gerade Hanoi verlassen hatte. Jener war auf meine Bewertung für unseren Gastgeber in Hanoi gestoßen und lud mich ein, auf meinem Weg nach Singapur in Cha-am zu halten. Zweieinhalb Monate später also komme ich in der grünen Oase rund um ein graues, selbst gebautes Containerheim am Rande der Stadt an an. Andries taucht natürlich völlig überraschend auf, doch unter Radlern ist das kein Problem, es ist eine Bereicherung. Paul aus Australien und Natt aus Thailand beherbergen nahezu täglich Radreisende. Außer Andries und mir ist auch noch Alex aus Russland da. Alex ist mit dem Rennrad unterwegs, radelt täglich 200 Kilometer und bricht früh morgens nach Bangkok auf.

Paul begleitet Andries und mich am nächsten Tag mit dem Rad bis nach Phetchaburi, wo wir uns verabschieden – von Paul. Andries und ich radeln vorerst zusammen. Immer nach Süden. Immer an der Küste entlang. Andries ist 60 Jahre alt, aus den Niederlanden, Vater, Polizeidetektiv. Er hat Verbrecher hochgenommen und Mordfälle gelöst. Er sagt, die Menschen, die er in seiner Uniform trifft, die er verhört, denen er im Gericht begegnet, denen er Handschellen anlegt, seien zu 99 Prozent der Dreck der Gesellschaft, das Böse, die Dunkelheit, die einem im Schlaf verfolgt. Er hatte den Glauben an die Menschen schon verloren, als er aufs Rad stieg und erkannte, dass es umgekehrt ist, dass 99 Prozent der Menschen herzensgut sind.

Deshalb radelt er. Immer weiter. Andries Menger hat die Welt schon bereist. Zumindest scheint es kaum ein Land zu geben, dessen Radwege er noch nicht erkundet hat. Neuseeland, Peru, Chile, Namibia. Regenwald und Wüste, Berge und Meere. Am wohlsten fühlt er sich, wo es warm ist, wo die Sonne ungeschützt durch die Ozonschicht knallt, wo kein Baum Schatten spendet, wo Regen ein ferner Alptraum ist.

Ich kämpfe mit den Temperaturen. Während ich aus Deutschland Bilder von eisigen Kunstwerken erhalte, tropft der Schweiß wie ein Wasserfall von meinem Körper. Sechs, sieben, acht Liter. Der Durst verharrt. Auf Toilette gehe vielleicht zweimal am Tag. Im Nationalpark schlagen wir unsere Zelte am Strand auf, Affen turnen um uns herum. Ich will baden gehen, doch es ist Ebbe. Ich laufe 500 Meter weit, doch meine Knie schauen immer noch aus dem Wasser heraus. Mit der Taucherbrille auf meinem Kopf sehe ich auf, als wäre ich auf dem Weg zum Karneval.

Am nächsten Tag fühle ich mich, als würde ich eine Erkältung bekommen, der delirische Zustand zwischen Schlafen und Wachsein liegt den ganzen Tag wie ein Stein auf mir. Die Hitze explodiert in meinem Körper, die eigene Klimaanlage scheint ausgefallen zu sein. Doch Andries treibt mich voran. Wäre ich allein, ich hätte schon lange mein Zelt aufgeschlagen. So quäle ich mich weiter, schütte mir Elektrolyte ins Wasser, schlafe 13 Stunden und finde am nächsten Tag zurück in die Spur. Der schwarze Tee, der Kaffe und die Cola zwei Tage zuvor waren wohl schuld. Da ich noch nie Cola und Kaffe getrunken habe, haben die Überdosis Koffein und die 37 Grad wohl dazu geführt, dass ich dehydriert war. Das vermute ich – ich habe aber keine Ahnung.

Wir radeln erst am, dann auf dem Strand. Der feuchte Sand knirscht unter meinen Reifen, heftet sich an das schwarze, angeraute Gummi, während weiße Muschelteppiche wie Glasscherben unter dem Gewicht splittern. Die Ebbe hat den feuchten Meeresgrund freigelegt, der dicht genug ist, um mit dem Fahrrad darüber zu fahren, ohne im Sand steckenzubleiben. Zu meiner Rechten stehen katalog-grüne Palmen, zur Linken liegt die ganze azurblaue Weite des Thailändischen Golfs. Euphorisiert kann ich das Dauergrinsen nicht mehr abstellen. Der Lärm ist verschwunden, die Wüste ist verschwunden, der Müll ist verschwunden. Das kann nur ein Traum sein. Bin ich immer noch dehydriert.

Diebische Affen haben es auf unsere Bananen abgesehen, doch Straßenhunde kommen ihnen zuvor, reißen die Plastiktüte mit 20 Bananen mitten in der Nacht unbemerkt an sich. Unsere Zelte schlagen wir Nacht für Nacht am Strand auf, wo uns das Rauschen des Meeres in den schweißnassen Schlaf wiegt. In den zahlreichen Straßenküchen stopfen wir unsere ausgehungerten Mägen mit gebratenem Reis und Wasser voll; Andries braucht jede Stunde eine Kaffee- oder Colapause, was mich schon bald in den Wahnsinn treibt, doch ich schlucke meine zynischen Kommentare herunter. Mit 29 Jahren kann ich kaum nachvollziehen, welche Leistung es ist, mit 60 seinen Körper täglich an seine Grenzen zu bringen.

In Chumphon gönnen wir uns ein Hotel mit Dusche. Andries zahlt. Andries zahlt auch das Abendbrot: Feuertopf so viel wir essen können. Derartig gestärkt starten wir am nächsten Morgen ins Zentralgebirge von Thailand. Ich hätte gern die asphaltierte Straße genommen, weil mir der Stachel der Zeit im Nacken sitzt – der Flieger nach Neuseeland startet am 27. März. Doch ich genieße es zu sehr, zu zweit unterwegs zu sein, dass ich Andries über seine geliebten Dirtroads folge. Es ist eine einsame Straße, die uns nach Ranong führt, es ist eine Straße, die uns über die eigenen Grenzen hinaus und fern unserer guten Laune bringt.

Weil ich die Verantwortung der Navigation längst an Andries abgegeben habe, weiß ich nicht, was uns erwartet. Es geht bergauf, bergab, wieder bergauf weiter bergauf, bergauf. 700 Meter. 130 davon bei 15 bis 17 Prozent Steigung. Andries fragt mich ironisch, ob ich keinen Spaß mehr habe, als er mein gequältes Gesicht sieht. Das Lachen ist mir längst vergangen. Bis 10 Prozent sind Steigungen mit Gepäck machbar. 13 Prozent sind ein Kampf, jeder Meter tut weh, das Herz rast. 17 Prozent sind die Hölle. Die Straße lacht einen aus. Unmöglich, schreit sie einem mit ihrer übertriebenen Krümmung immer wieder entgegen. Wir treten, atmen, treten, atmen. Kopfsache. Wir kommen oben an und finden einen der schönsten wilden Zeltplätze in Thailand: hoch oben im Zentralgebirge, der Regenwald und seine 1000 Stimmen um uns herum.

In der Stille der Natur lassen wir den Tag ausklingen. Die Sonne sinkt hinab hinter die Berge, die Vögel begleiten das Schauspiel mit ihren Singstimmen; am nächsten Morgen weckt uns das bombastische Konzert des Urwalds. Mit 29 Jahren und seit vielen Jahren im Sattel verankert, reicht mir eine Nacht aus, um zu regenerieren. Andries, der bis dato problemlos meinem Tempo folgte, kommt plötzlich nicht mehr hinterher. Ich sprinte die Berge am nächsten Morgen hinauf, ich weiß gar nicht, wohin mit all dieser Energie, stehe auf und fahre 17 Prozent im Stehen hoch. Andries prustet hinter mir. Tired legs, sagt er und lacht. Ich hatte am Morgen noch gesagt, ich hoffe, ich sei nicht die einzige, deren Beine ein wenig müde sind.

In Ranong lässt Andries erneut ein Hotelzimmer springen. 300 Baht für zwei Personen. Dusche, Strom, Ventilator. Als sich unsere Mägen bemerkbar machen, schlendern wir zum Food Market, der nur 500 Meter entfernt liegt: ein Fest aus thailändischen und birmanischen Delikatessen. Die Auswahl fällt nicht leicht, das Angebot ist viel zu üppig und meist habe ich keine Ahnung, was sich hinter den Bananenblättern verbirgt. Abenteuer Abendbrot. Ich lasse mich durch alle möglichen und unmöglichen Genüsse gleiten.

An diesem Punkt sollten sich unsere Wege eigentlich trennen. Andries will mit der Fähre nach Myanmar, die Südspitze des Landes mit einem 48-Stunden-Visum erkunden. Ich sehe keinen Sinn darin, Geld für die Fähre zu auszugeben, um einen Zipfel Myanmars zu sehen, der von Touristen überschwemmt ist, nur um anschließend sagen zu können, ich war in Myanmar. Zu radeln ist da nicht viel, zu sehen auch nicht mehr als in Thailand. Viel lieber will ich mir irgendwann die Zeit nehmen, dieses gespaltene Land tatsächlich zu erkunden. Andries kommt nach einer Nacht Schlaf zum gleichen Schluss.

Wir fahren die Westküste entlang nach Phuket, sehen Affen zu, wie sie die Kokosnüsse aus den Dächern der haushohen Palmen holen, waschen und füttern Elefanten mit Bananen, denen wir unerwartet am Wegesrand begegnen. Es ist aufregend, die Tiere in ihrer Heimat, nicht in einem Zoo zu erleben, doch frei sind sie nicht. Die Affen an der Leine, die Elefanten in Ketten. Es treibt mir die Tränen in die Augen, diese gutmütigen Tiere gefesselt und unter der Peitsche zu sehen. Doch die Touristen zahlen dafür, auf den Elefanten reiten zu können, und die Malaysier sind viel zu arm, dass sie sich viel um den Schutz der Tiere kümmern würden.

Wir fahren weiter. An der James-Bond-Insel vorbei zum Samet-Nangshe-Viewpoint zurück an die Küste. Der Strand ist mehr Moor, sodass wir unsere Zelte woanders aufschlagen müssen. Weil es fast dunkel ist, verschwinden wir spontan auf einer verwilderten Kautschuckplantage. Die schwarzen Becher liegen auf dem Boden, das Kautschuck ist getrocknet, Büsche wuchern um die angeritzten Bäume herum. Müde verschwinden wir in unsere Zelte, Andries telefoniert nach Haus, ich lese noch, bis uns beiden die Augenlider, ohne Böses zu ahnen, zu fallen. Flackernde Lichter und lautes Geschrei reißen uns mitten der Nacht unvermittelt aus dem Land der Träume.

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