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Kapitel XL: Von Bangkok nach Singapur, Teil 2

Ein Trommelwirbel aus Eindrücken saust Tag für Tag auf mich nieder auf meinem Weg nach Singapur. Radeln, essen, radeln, essen, schlafen. Von der Kautschuckfarm ins Strandressort in den Unendlichkeitspool auf die Palmöl-Plantagen. Andries verlässt mich, nur um auf Langkawi wieder dazuzustoßen. Dann treffen wir Bas. Als wir in die Berge fahren, haben sich uns Firmin, Arlen und Robin angeschlossen. Kann mich mal jemand kneifen?

Bilder aus Thailand: Ranong – Satun

Grelles Licht lässt die Nacht zum Tag werden. Ich drehe mich auf die andere Seite, blinzle mit müden Augenlidern. Das Licht flackert über die Wände meines Zelts, verschwindet, taucht wieder auf. Stimmen brüllen thailändisches Kauderwelsch. Ich schalte mein Tablet an. 1.22 Uhr. Wo bin ich? Ach ja, Kautschuck-Plantage.

Die Stimmen kommen näher, so nahe, dass die Männer, denen die Stimmen gehören, vor meinem Zelt stehen müssen. Ich sehe nichts, ich öffne nichts, ich bleibe liegen. No Thai, ruft Andries aus seinem Zelt. Kauderwelsch. Dann verschwinden die Lichter, die Männer entfernen sich. Sie ritzen die Bäume, um an das Kautschuk zu kommen, das in weißen Rinnsalen schwerfällig am Baum hinunterläuft. Ich schlafe weiter.

Wir fahren die Küste entlang nach Phuket, weiter nach Vanich Bay. Aye ist nicht zu Hause, doch die Thailänderin hat uns den Schlüssel da gelassen, sodass wir einen sicheren Schlafplatz haben – ohne Taschenlampen, die einen mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen. Es ist ein strauchelndes Haus aus Holz, überall hängen Räder, im Wohnzimmer stehen Leuchttürme. Gemütlich, brüchig. Der Kühlschrank leckt, die Spüle leckt. Ich schnappe mir das Badezeug, laufe quer durch die Büsche zum Strand, zu einer versteckten Bucht. Das Wasser ist kristallklar, Segelschiffe ankern einige Hundert Meter entfernt. Ich tauche an weißen, verkümmerten Korallen vorbei, die in der Hitze des Meeres nicht mehr überlebensfähig waren.

Wir brechen frühzeitig zur Fähre nach Koh Lanta auf. Als ich mein Rad die enge Gangway hinunterschiebe, bleiben Anton und ich stecken. Von vorne kommt Hilfe, ich klettere rückwärts über Antons Elefantenpo, will mich an der Reling der Gangway festhalten, doch stattdessen greife ich ins Nichts. Antons Elefantenpo hatte ja nicht auf die Gangway gepasst… richtig, denke ich, während ich nach hinten falle und irgendwie die vertikalen Stangen des Geländers zu fassen bekomme. Ich mache eine Rolle rückwärts und in der Luft, lande sicher auf beiden Füße, rücke meine Sonnenbrille zurecht und tue so, als ob das alle geplant gewesen wäre.

Als der Motor losheult, die Fähre im Rhythmus der Wellen schaukelt, der Wind durchs immer noch kurze Haar bläst, muss ich schlucken. Wie ich es genieße, auf dem Meer zu sein! Unendliche Freiheit. Der Horizont als Wegweiser, die Sonne als Kompass. Die Fähre bringt uns zur Bucht von The Beach, Ko Phi Phi, deren Blau- und Grüntöne uns mit 100 Prozent (Über-)Sättigung entgegenschlagen. Mehr Klischee geht nicht – auch was die Menschen betrifft. Boote liegen dicht an dicht, vom Strandsand ist nicht mehr viel zu erkennen. Durchtrainierte Traveller schaukeln oberkörperfrei ihr Bier durch die Luft.

Phi Phi Ko Lanta 5 minutes hurry up, brüllt jemand durchs Mikrofon. Wir müssen umsteigen. Doch über die Gangway drängeln sich Hunderte Urlauber, keine Chance. Der Brüller fragt mich jedoch: Ko Lanta? Ko Lanta! Er wirft sich vor die anstürmende Menschenmenge, hält uns den Weg frei. Auf nach Ko Lanta. Ich schaffe es dieses Mal ohne Purzelbäume auf das Boot.

Anton steht sicher, ich sitze etwas unsicher. Ein Holzsteg eine Armeslänge über dem Wasser, meine Stummelbeinchen schaffen es nicht bis zur Oberfläche. Die Sonne prallt aufs Meer, auf die tosenden Wellen. Wo die zwei Türme der Heckewelle zusammenprallen, stehen die Wassertropfen für einen Moment still. Phi Phi nur noch ein Schatten auf dem Meer. Paul ist schuld. Paul hat den Floh in mein Ohr gesetzt. Paul aus Osaka. Boathiking. Wenn ich vom Radfahren genug habe, boathike ich vielleicht um die Welt.

Es ist mein letzter Tag mit Andries. Auf Koh Lanta trennen sich unsere Wege. Es wird Zeit, wieder den eigenen Routen zu folgen, auf den eigenen Rhythmus zu hören, allein zu sein. Die Zeit mit Andries hat Abwechslung gebracht, und doch heißt zu zweit radeln, Kompromisse einzugehen – ich freue mich darauf, wieder meiner eigenen Nase zu folgen. Während Andries nach Malaysia weiterfährt; staune ich nicht schlecht, als ich bei meinem nächsten Warmshowers-Gastgeber ankomme.

Ich fühle mich fehl am Platz, als ich mein Rad, an dem nicht nur die rote Erde Kambodschas klebt, über den blankgeleckten, beigen Fliesenboden schiebe. An der staubfreien Rezeption steht ein Gast. Geduscht, gestylt, geschniegelt. Ich stecke mir heimlich den Kopf unter die Achseln, nehme eine kräftige Nase. Es ist erträglich, aber meine Kleidung hat seit Wochen keine Waschmaschine mehr von innen gesehen, meine Haut ist schwarz von dem eingeschwitzten Staub.

Ich trete vor. Ähm… Warmshowers… ähm… Taunjai… ähm… here? Ich traue dem Frieden nicht ganz. Moonlight Exotic Bay Resort. Das kann doch niemals für umsonst sein. Ob die die Regeln von Warmshowers verstanden haben? Hierfür kann ich ja niemals zahlen, aber nachfragen kann ich irgendwie auch nicht. Als mich die Rezeptionistin zu einem umzäunten Haus bringt, bin ich erleichtert, dass ich nicht in einem Hotelzimmer untergebracht bin. Dann ist es vielleicht doch frei…

Am nächsten Morgen lerne ich Taunjai kennen. Meine Gastgeberin ist Gründerin und Besitzerin des Resorts mit Privatstrand. In ihrem Haus auf dem Grundstück des Hotels hat sie zwei freie Räume, in denen verschwitzte Radreisende regelmäßig Unterschlupf finden. Ich kann es immer noch nicht fassen. Dann bringt Taunjai mich zum Restaurant am Strand, in dem das Frühstückbuffet serviert wird. Reis, Eier, Kartoffeln. Brötchen, Muffins, Honig. Curry, Orangensaft, Drachenfrucht. Und, und, und. Ich traue mich nicht, zuzugreifen. Ob das wirklich alles frei ist? Ich traue mich nicht zu fragen. Halte mich zurück. Am nächsten Tag allerdings bin ich selbstbewusst genug, mir den Magen vollzuschlagen.

Mit den Fahrrädern fahren wir am Abend zur Eröffnung des alljährlichen Inselfestivals im Old Town. Ein Freund von Taunjai führt uns durch ein Haus am Wasser, das auf einem Holzsteg endet, mit Blick auf das Meer, auf die Küste Thailands. Models, die mich um 3 Köpfe überragen, laufen an mir vorbei auf den Steg, wo ein schlaksiger Thailänder mit tiefschwarzen, lockig-langen Haaren die Ukulele spielt, das Bier griffbereit. Die Sängerin, Stimme und Aussehen einer Beth Dito, sitzt neben mir. Kann mich mal jemand kneifen? Der Shuttleservice des Hotels holt uns in der Nacht ab, nachdem wir ein Räucherstäbchen am buddhistischen Tempel angezündet und goldene Papierfetzen auf schwarze Kugeln geklebt haben. Zurück im Hotel gibt es gebratenen Reis in einer ausgehüllten Ananas.

Allein geht es weiter durch die Hitze der Tropen nach Satun. Zwei Nächte verbringe ich in buddhistischen Tempeln; Mönche versorgen mich mit Reis, Fisch, Fleisch, Eiern, Schnecken, Wasser und Tee. Meine letzte Nacht verbringe ich nahe des Fähranlegers von Satun bei einer muslimischen Familie, die ich kurz von Sonnenuntergang frage, ob ich auf ihrem Rasen übernachten könne. Sie helfen mir, mein Zelt in einer Hütte aufzustellen, in der ein halbes Dutzend Vogelkäfige hängen. Die Unterhaltung hält sich in Grenzen, keiner spricht die Sprache des anderen. Wir sitzen minutenlang, schweigend nebenbeiander. Weil mir die Situation unangenehm ist, durchbreche ich die Stille immer wieder. Doch es hilft nichts. Kauderwelsch.

Auf Langkawi treffe ich überraschend wieder auf Andries, der mich erneut einlädt, im Hotel zu übernachten. Wir schließen uns wieder zusammen und treffen am Morgen, im Fährterminal, auf einen weiteren Bikepacker aus den Niederlanden. Gemeinsam geht es auf die Fähre, gemeinsam geht es nach Penang. Bas ist ebenfalls vor einem Jahr aufgebrochen und hat seine Reise nach China für Discovery Channel auf YouTube festgehalten. Seinen Vlog endete zwar in China, doch mit dem Rad fährt er weiter bis nach Singapur, bevor es mit dem Flugzeug zurück nach Hause geht. Mein Herz erobert Bas, als er mir ein selbst bestrichenes Peanutbuttersandwich in die Hand drückt. Nicht dass ich all den Klebreis nicht immer noch lieben würde, aber das Peanutbuttersandwich löst schon einige Geschmacksexplosionen in meinem Mund aus.

Ich muss aufstehen, um einen Blick aus dem Fenster der Fähre werfen zu können. Hochhaus um Hochhaus. Schlangestehen an der Küste der Straße von Malakka. George Town. Ich fühle mich, als ob ich wieder in China wäre – bis ich die Fähre verlasse, ins Zentrum der Stadt eintauche, zwischen Cafés und Straßenkunst verschwinde. Charmant bis künstlerisch. Bas und Andries sind an meiner Seite, als wir vor den zwei Kindern auf dem Fahrrad posieren. Star Wars, die Minions, Beethoven, Mr Bean verstecken sich ebenfalls an den Wänden der Gassen.

Bas bleibt über Nacht in der Stadt, Andries und ich lassen die Häuserschluchten hinter uns, radeln die Küste entlang nach Batu Ferringhi. Ein Pförtner wirft einen Blick in unsere Pässe, bevor Polly Matheson uns am Infinity-Pool vorbei zur Wohnung ihrer Familie bringt. Das Warme-Duschen-Netzwerk, über das ich Libby Matheson, die Mutter von Polly, angeschrieben habe, überrascht mal wieder mit einer Luxus-Ausgabe. Doch warme Dusche, Waschmaschine, heiße Suppe, Meerblick sind nur Beiwerk zur Gesellschaft der weltoffenen, vierköpfigen australischen Familie. Nach dem Abendbrot verschwinden Andries und ich im Infinity-Pool. Nach dem Unendlichkeits-Bad hänge ich die Wäsche auf und kann nicht aufhören, die Düfte des Waschmittels zu schnüffeln.

Ich würde gern bleiben, doch Bas erwartet uns am nächsten Morgen an der Fähre nach Butterworth – er hat sich über Nacht entscheiden, uns in die Cameron Highlands zu begleiten. Zu dritt radeln wir aus dem Beton-Dschungel hinaus zu den Palmenplantagen. Zu dritt zelten wir zwischen Feuerfliegen und Affen, verstecken uns in unseren Zelten, als ein Sturm über uns hinwegfegt, baden in einem See, der geschätzte 32 Grad Celsius warm ist. Zu dritt stellen wir fest, dass es gar nicht so leicht ist, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden.

Während Bas mit seinen langen Beinen kaum zu bremsen ist, muss ich ganz schön prusten, um dran zu bleiben. Andries kommt nicht hinterher. Am Berg gewinnen meine Stummelbeine. Während Bas dranbleiben kann, bleibt Andries zurück – und verliert nach und nach die Lust, beschwert sich über dies und jenes. Nur nicht über die Hitze – die plagt Bas und mich.

Bevor wir in die Highlands vorstoßen, kommen von hinten drei Schweizer Radler angeprescht. Hello Bike World. Wir schließen uns zusammen, starten zu sechst in die Berge, wo sich unsere Wege schnell wieder verlieren, als ein tropischer Regenschauer über uns hinwegfegt. Während Bas und ich mit neuer Energie durch den Regen radeln, verdrücken sich Firmin, Arlen, Robin und Andries unter ein Dach. Bevor es dunkel wird, 600 Höhenmeter unter dem ersten Gipfel, halten wir, warten auf die anderen. Die Schweizer holen uns nach 40, 50 Minuten wieder ein, doch unseren Zeltplatz hinter einer verlassenen, aber verriegelten Holzhütte gefällt ihnen weniger. Sie wollen ein Dach über dem Kopf und fahren weiter. Andries taucht nicht mehr auf.

Nach einer kühlen Nacht am Hang fahren Bas und ich gemeinsam weiter. Es ist ein sonniger Tag, die Beine fühlen sich gut an, und 200 Meter vor dem Gipfel taucht aus dem nichts eine Straßenküche mit Mini-Markt auf. Davor stehen ein Fahrrad und zwei Sitzräder. Firmin, Arlen und Robin genießen bereits ihren Eiscafé; nach einer halben Stunde taucht auch Andries wieder auf. Doch die Gemeinsamkeit währt nicht lang.

Die Schweizer fahren vor. 20 Minuten später starten Bas, Andries und ich. Andries hat den Anschluss schon wieder verloren, als ein Laster an uns vorbeirollt. Ich, mit meinen Gedanken völlig woanders, erkenne die Chance nicht, Bas reagiert – wenn auch etwas verschlafen – , beschleunigt auf eine unglaubliche Geschwindigkeit am Hang und hängt sich an den Laster. Ich trete vergebens, wähle einen zu hohen Gang. Keine Chance. Bas verschwindet hinter der nächsten Kurve. Ich sehe ihn nicht wieder.

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