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Kapitel XL: Von Bangkok nach Singapur, Teil 3

Bas verschwindet spurlos, nachdem er sich an den Laster gehängt hat. Das Glück allerdings führt uns Tage später wieder zusammen. Doch die Zeit drängt, Singapur ruft: Ich muss schließlich wieder allein weiter und stelle fest, dass ich mich auch noch mit dem Datum meines Abflugs vertan habe.

Alle Bilder aus Malaysia und Singapur

Weg ist er, weg war er, und taucht auch nicht mehr auf. Wieder allein. Ich trete und trete und trete. Ich fühle mich gut, stark, radle in einem unglaublichen Tempo den Berg hinauf. Zweiter Gang. Dritter Gang. Im Stehen. Als ob ich mit dem Rennrad unterwegs wäre. Ich fliege zur ersten Passhöhe. Kein Bas. Ich stürze mich in die Abfahrt. Gewächshäuser. Erdbeeren. Kein Bas. Ich fliege den nächsten Anstieg hinauf. Noch mehr Erdbeeren. Tee. Touristen. Kartoffeln. Mais. Stau. Kein Bas.

Als ich in Tanah Rata, der Hauptstadt der Cameron Highlands, ankomme, reißt der Himmel seine Schleusen auf. Ich überlege, ob er stellvertretend für mich weint. Die Schweizer, die Niederländer sind irgendwo, nur nicht bei mir. Ich frage in einem Gasthaus nach, wie viel eine Nacht kosten würde, denn ich weiß, die anderen wollen einen Tag in Tanah Rata bleiben. Doch 80 Ringgit liegen weit über meinem Budget. Während der Himmel aus allen Rohren flennt, flenne ich innerlich, fahre weiter, an den Teebergen vorbei hinunter nach Ringlet.

Ich fühle mich leer, bin wütend, traurig. Nach Wochen der Gemeinsamkeit habe ich das Gefühl, entblößt worden zu sein. Blöder Laster, geht es mir immer wieder durch den Kopf. Die Nacht kramt die alten Ängste hervor. Allein Zelten? Daran werde ich mich vielleicht nie gewöhnen. Mein Zelt steht unter einem Garagendach in einer verlassene Häusersiedlung. In den Wohnungen hängen Hüte, stehen Schuhe. Was, wenn auf einmal doch jemand auftaucht? Wie wird derjenige reagieren? Bevor die Sonne aufgeht, packe ich zusammen. Bas. Ach, scheiße! Warum bloß? Allein weiter.

Die Abfahrt führt mich mitten durch die dicht bewachsenen Etagen des Regenwalds, dessen tierische Einwohner mit ihren Millionen Stimmen lauter schallen als eine Autobahn. Der spektakuläre Sonnenaufgang über der weit entfernten Perakkette des des Taman Negara Nationalparks lässt mich die Einsamkeit vergessen. Das Leben tobt um mich herum. Kolibris, Affen, Paradiesvögel. Giganten von Bäumen ragen aus dem dichten Schwarzgrün des Urwalds hinaus. Bio-Unterricht. Doch zum ersten Mal wird aus der Theorie, aus zweidimensionalen schwarz-weiß Bildern von lichtdurchlässigen Stockwerken ein reales, ein lebendes Biotop; eine Erfahrung, die sich kaum in Worte fassen lässt.

Je weiter ich mich jedoch Sungai Koyan nähere, desto leiser werden die Stimmen, die Bäume schrumpfen, der Urwald verschwindet. Abgeholzt, gerodet, zerstört. Ersetzt durch Palmen, Palmen so weit das Auge reicht. Seit Jahren muss der Urwald den Palmöl-Plantagen weichen. Das fettige Gold ist den Malaysiern, der Welt, mehr wert als der Erhalt des Zuhauses von Millionen von Arten. Stille. Nutella, Alete, Milka, Dr Oetker, Heinz, Nivea, Dove – wir alle sind schuld an der unwiderruflichen Zerstörung dieses Biotops. Zumindest für mich steht fest: Palmöl-Produkte sind ab sofort gestrichen.

Die Nacht verbringe ich unter Palmen, an einem braunen Tümpel. Ich stelle mir vor, dass in diesem Tümpel ein Krokodil leben könnte. Als ich in der Nacht das Überzelt aufziehen muss, weil es regnet, halte ich Ausschau nach Schlangen. Ich habe besser geschlafen, als Andries und Bas ihre Zelte noch neben mir stehen hatten. Ich frühstücke bei Adi, der mir für 3 Ringgit auch noch gebratenen Reis für Mittag und Abendbrot mitgibt. Seine Mutter will uns verkuppeln, doch Adi ist homosexuell, was seine Mutter nicht weiß oder nicht wissen will.

Über einsame Hinterstraßen fahre ich nach Raub, weiter nach Bentong, stelle am Fuß des letzten Anstiegs vor KL mein Zelt auf. Ich richte mich auf einem verlassenen Grundstück ein, versuche mein Zelt fern der Millionen von Ameisen aufzustellen. Doch das ist in Südostasien unmöglich. Seit Vietnam plagen mich die Viecher, mehr als jede Mücke. Zweimal sind Heerscharen der krabbelnden Nervensägen in mein Zelt eingedrungen, das mittlerweile wie ein Schweizer Käse aussieht. In dieser Nacht lassen sie mich in Ruhe.

Am nächsten Morgen stoße ich auf ein Schwimmbad. Erst sehe ich nur das Schild für ein Hotel, ein Spa mit heißer Quelle. Doch vor diesem Hotel gibt es nicht nur öffentliche Toiletten und eine Straßenküche, sondern auch zwei öffentliche Schwimmbecken. Ich lasse mich in das warme Wasser gleiten, besser als jede Dusche. Anschließend gibt es Reis, Tofu und Ei. Der Anstieg ist ruhig, kein Auto überholt mich, der Anstieg ist flach, ich komme kaum ins Schwitzen im Schatten des Waldes.

Kuala Lumpur. Auf dem Weg in die Metropole treffe ich auf die Rennradfahrer Sunny und Dzul. Sie begleiten mich in die Millionenstadt, laden mich auf einen kalten Ananassaft ein und helfen mir, meinen Gastgeber Daniel zu finden. Am Abend holen sie mich wieder ab, radeln mit mir durch die nächtliche Stadt. Wir essen, fahren zu Sehenswürdigkeiten, trinken Tee Tarik. Es ist ein komisches Gefühl, nach Wochen im Dschungel durch eine moderne, hell erleuchteten Stadt zu radeln. Als ich vor den Twin Towers stehe, die ich nur aus Filmen kenne, bekomme ich feuchte Augen. Ich bin in Kuala Lumpur – mit dem Fahrrad. Unglaublich!

Eigentlich will ich am nächsten Tag wieder los, die Zeit drängt, doch Daniel überredet mich, noch einen Tag zu bleiben. Was für ein Glück, denn am nächsten Tag taucht auch Bas in der Stadt auf. Wir finden uns über Facebook, verbringen den Nachmittag gemeinsam, reden und reden und reden. Es ist vielleicht das erste tiefgehende Gespräch, seit ich Deutschland verlassen habe. Ich erfahre, dass Andries weiter zu den Orang-Utans gefahren ist, die Schweizer über Bukit Fraser ans Meer. Bas bleibt eine Woche in KL bei einem Deutschen, den er in den Highlands getroffen hat, bevor er nach Kuantan zum Meditieren fährt, um seine Reise abzuschließen. Ich lade ihn ein, Daniel und mich am Abend zu begleiten.

Wir treffen uns in einem Irish Pub. Whiskey, Cidre. Der Alkohol bringt meinen entgifteten Körper völlig durcheinander. Anschließend geht es zu einem chinesischen Restaurant – mit Anton auf dem Dach von Daniels Auto -, wo uns ein Freund von Daniel, der für die Kuala Lumpur Post arbeitet, schon erwartet. Zwei Journalisten unter sich. Das Thema ist schnell gefunden: die Entwicklung des Journalismus. Zwischendurch essen wir… also Bas und ich. Unsere zwei Gastgeber bestellen Suppe, Fleisch, Fisch, Reis. „Cyclists are always hungry. Eat, eat!“, fordern sie uns wiederholt auf. Sie selbst essen nichts.

Wir setzen Bas in den Hampshire Place ab. Der Abschied ist schwierig zu beschreiben. Ein bisschen wie in Lost in Translation: Zwei Fremde treffen sich Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, vereint durch Passionen und Herausforderungen, Heimweh und Fernweh. Von Anfang ist klar, es ist Zweisamkeit auf Zeit, keine Ansprüche, keine Erwartungen, die Wege müssen sich unvermeidlich trennen, obwohl wir uns beide am Ende wünschen, sie würden zusammenführen. Die gemeinsame Zeit hätte nicht schöner sein können, darüber sind wir uns einig. Als ich wieder im Auto sitze, fragt mich Daniel, ob ich jetzt weinen würde. Nein, natürlich nicht…

Sunny und Dzul, der einen Tag zuvor seine Mutter verloren hat, führen mich aus der Stadt wieder hinaus, zurück in die Berge. Wir frühstücken, machen Bilder, verabschieden uns. Was für ein Glückskind ich doch bin, was für eine geile Zeit das war … das ist. Bas, Daniel, Sunny, Dzul. Breit grinsend fahre ich allein weiter, nach Singapur – und dann passiert es. Ein Sechser im Lotto könnte nicht wahrscheinlicher sein. Ich bin gerade fünf Minuten allein unterwegs, als ein Mercedes an mir vorbeifährt, aus dessen Fenster – ihr glaubt es nicht – Bas heraushängt und wild winkt. Das kann nicht sein. Wie geht das denn?

100 Meter weiter hält der Mercedes, ich halte. Bas und ich fallen uns in die Arme. Klaus, Fahrer und Gastgeber von Bas, der auch seine Schwester und ihren Mann zu Gast hat, lädt mich ein, mit zum Essen zu kommen. Und es wird immer verrückter. Es geht an derselben Abbiegung 300 Meter hinab zum Restaurant – wäre ich nur zehn Sekunden schneller oder Bas zehn Sekunden langsamer gewesen, hätten wir uns verpasst. Nein, es ist noch verrückter. Sunny, Dzul und ich hatten am Morgen einen Treffpunkt ausgemacht. Weil ich das vergessen hatte, sind wir 45 Minuten später gestartet, als geplant. Als ich dann noch auf 20 Jungs stieß, die völlig verrückte Räder hatten, habe ich angehalten, um Bilder mit ihnen zu machen. Ich könnte Hundert Momente aufzählen, die mich zu dieser Begegnung geführt haben; Bas geht es genauso. Das muss ein Zeichen sein, sind wir überzeugt.

Es bleibt bei dem Zeichen. Eine Stunde später trennen sich die Wege endgültig. Klaus hätte zwar ein Bett für mich, doch mir bleiben nur noch fünf Tage, um nach Singapur zu kommen, um nach Neuseeland zu fliegen, um Dana wiederzusehen. Der deutsche Auswanderer macht mir zum Abschied aber noch ein zweites unvergessliches Geschenk (das erste war das Wiedersehen mit Bas): deutsches Brot. Ich falle ihm in die Arme. Dann fahre ich los. Völlig durcheinander. Zu viele Gefühle. Ich blicke nicht zurück. Ich kann nicht. Würde ich es tun, ich würde umdrehen.

Sprungbereit sitze ich in meinem schwarzen Ledersattel, beobachte misstrauisch meine Umgebung, nehme jedes Geräusch, jede Bewegung wahr. Nachdem ich definitiv endgültig wieder allein bin, fühle ich mich traurig, schutzlos, einsam. Allein zu reisen, bedeutet wieder, für alles selbst verantwortlich zu sein, sich allein allen Gefahren zu stellen, allein zu überleben. Ein Gewitter braut sich in den Bergen um mich herum zusammen, Blitze zucken, Donner hallt im Echo der Berge wider. Bevor die Wolken ihre Schleusen öffnen, schlage ich mein Zelt auf dem höchsten Punkt zwischen Kuala Lumpur und Titi auf. Ich vermisse Bas. Sollte ich umdrehen. Nein. Die Affen kraulen sich die Bäuche.

Der zweite Tag, die zweite Nacht, Ameisen krabbeln mir durch die Haare. Mistviecher. Ich lasse das Gefühl der Einsamkeit in den Bergen Malaysias zurück. Am dritten Tag komme ich in Malakka an.

Es ist ein sonniger Tag. Beim Frühstück starren mich alle an. Ein Malaysier fragt mich nach einem Selfie, anschließend steckt er mir 10 Ringgit zu. Es ist nicht viel, doch mir hilft jeder Cent. Mit einem Budget zu leben, treibt mich immer noch manchmal in den Wahnsinn, aber mittlerweile habe ich die nötige Selbstdisziplin. Auch das Mittagessen muss ich nicht selbst zahlen. Allein, als Frau, mit dem Fahrrad: ich ziehe alle Blicke auf mich. Lau setzt sich zu mir, fragt mich aus, lädt mich ein, ich folge ihm zu seinem Haus. Der Malaysier ist Landschaftsarchitekt, zeigt mir seinen Garten und schneidet mir Durian auf. Als ich die tropische Frucht zum ersten Mal im Mund habe, wird mir klar, warum sie auch Kotzfrucht genannt wird.

Malakka. Welterbe und Küstenstadt. Charmant, verspielt, überlaufen. Ich habe Glück, es ist Markttag. Ich kaufe Geschenke für Freunde, malaiische Speisen für mich, laufe durch die Kolonialstadt bei Nacht. Eine portugiesische Festung, ein holländisches Rathaus, eine britische Kirche, ein chinesisches Viertel, malaiische Geschichte. Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass ich nicht am 27. nach Neuseeland fliege, sondern am 27. ankomme. Es ist der 24. Ich radle von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, trete, bis ich nicht mehr sitzen kann. Als ich in Singapur ankomme, bin ich so müde, dass ich für die letzten 20 Kilometer bis zum Hostel drei Stunden und fünf Pausen brauche.

Das Tree in Lodge ist die Anlaufstelle für Radreisende in Singapur. Hostelchef SK ist selbst Radler, hilft, wo er kann, und hält stets Kartons bereit, weil Fahrradläden gern bis zu zehn Dollar für die Pappen verlangen, die sonst im Altpapier landen. SK vermittelt mir auch, einen kostenfreien Transport zum Flughafen, denn Hostelgast und Radler Amund aus Norwegen ist am Ende seiner Reise und lässt sich am gleichen Abend mit einem Taxi zum Flughafen bringen. 50 Dollar kostet der Spaß, er nimmt mich mit.

Weil Neuseeland keinen ausländischen Dreck ins eigene Land lässt, verbringe ich meinen einzigen Tag in Singapur damit, Fahrrad und Ausrüstung zu putzen. Nach einer kostenfreien Dusche an einer der Tankstelle rücke ich Anton mit der Zahnbürste auf die Pelle, dann geht es in die Box und schließlich auf die Waage. Ich bin einigermaßen schockiert. Ich war sicher, dass ich nicht mehr als 30 Kilogramm dabei hätte. Insgesamt komme ich aber auf ein Gewicht von 60 Kilogramm, das Rad wiegt 17 Kilogramm. In Chinatown kaufe ich noch eine große Tasche, in die ich meine Fahrradtaschen stecke, sodass ich neben dem Karton nur noch ein Gepäckstück habe.

Beim Einchecken verwickle ich die Mitarbeiter in ein intensives Gespräch über Reisen und Radeln, damit die zwei erst gar nicht auf die Idee kommen, mich auf das Übergewicht anzusprechen. Ich habe zwar schon im Vorfeld 15 Kilogramm dazugebucht, doch mein aufzugebendes Gepäck bringt immer zwei Kilogramm zu viel auf die Waage. Mein Handgepäck, das ich Amund in die Hand gedrückt habe, damit ich es nicht auf die Waage legen muss, wiegt das doppelte des erlaubten Gewichts. Ich lächle charmant und komme problemlos durch alle Kontrollen. Ab ins Flugzeug. Ab nach Sydney. Weiter nach Auckland, wo von meinem Gepäck nur noch das Handgepäck übrig ist.

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