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Kapitel XLI: Von Auckland nach Horahora

Wie sehr habe ich diesen Moment herbeigesehnt: die Wiedervereinigung mit Dana, Arbeitskollegin, Saufkumpanin, Fahrlehrerin, Mitbewohnerin, zweitbeste Freundin. Zusammen mit Franzi aus Dresden bringt Dana Zuhause zu mir auf die andere Seite der Welt. Mit Campervan Speedy erobern wir die Kiwi-Nordinsel, besteigen aktive Vulkane, springen Wasserfälle und aufblasbare Rutschen hinab, schaukeln über dem Meer und schlittern nur knapp an der Katastrophe vorbei.

Bilder aus Neuseeland: Auckland bis Horahora

Unter den Wolken. Ein Krachen kündigt das Ausfahren des Fahrwerks an. Das Flugzeug sinkt. Das Meer rast uns entgegen. Die Landebahn beginnt am Ufer der Tasmansee. Das rechte Fahrwerk setzt auf, das linke hinterher. Wie ein Flummi hüpfen zurück in die Höhe. Die Nase schwingt nach links. Mir wird schlecht. Ich umklammere den Sitz, meine Knöchel sind weiß. Dann setzen wir ein zweites Mal auf. Beidseitig. Sicher. Angekommen. Neuseeland. Heimat der Kiwis. Heimat der Schafe. Heimat der Hobbits. Mehr oder weniger.

Was sich im Flieger von Singapur nach Sydney bereits angedeutet hat, nimmt am Gepäckband in Auckland reale Formen an: Anton und mein Gepäck sind in Sydney geblieben. Die Verspätung konnte oder wollte der Flughafen-Gepäcktransfer-Dienst (oder so) nicht mehr einholen. Während ich zu meinem Flieger nach Auckland lief, lief das Ladeband aus dem Flugzeug heraus im gewohnten Tempo. Die Fluggesellschaft drückt mir ein Survival-Package mit Schlafanzug, Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierer, Kamm, Duschgel und Shampoo in die Hand. Dem Zoll erkläre ich ausführlich, was dieser von meinem abgegebenen Gepäck zur erwarten hat, wenn er es 12 Stunden später öffnen wird.

Dass Anton es nicht mit mir nach Neuseeland geschafft hat, ist an diesem Tag kein Problem. Dana erwartet mich. Dana und Franzi. Mit dem Campervan. Anton brauche ich ausnahmsweise nicht. Doch die zwei erwarten mich dann doch nicht, als ich die Ankunftshalle verlasse. Kein freudiges In-die-Arme-Springen. In einer Stunden wollen sie kommen – das ist alles, was ich erfahre, bevor die 45 Flughafen-Wifi-Minuten abgelaufen sind. Drei Stunden später sind die zwei immer noch nicht da. Ich weiß nicht, wo ich hin soll. Wenn ich ins Gebäude hineingehe, könnten sie vorbeifahren, draußen allerdings wird es immer kälter. Es ist Herbst. Dann tauchen sie doch noch auf, meine Laune am Tiefpunkt.

Als ich Dana auf dem McDonalds-Parkplatz endlich in die Arme schließen kann, ist alles wieder gut. Und es dauert, bis ich sie aus der Umarmung entlasse. Eine Flut aus Bildern läuft vor meinem inneren Auge ab. Kopfkino. Es ist einer dieser Momente, in denen mir klar wird, was ich mache, was ich erreicht habe, wo ich bin, wo ich vor einem Jahr war und wie verrückt das alles irgendwie ist. Ich erinnere mich an die ersten Tage, die ersten Wochen meiner Reise. Es gab kaum eine Zeit, in der ich nicht an meine Freunde gedacht habe, an das, was ich zurücklasse und ob ich es wirklich zurücklassen will für eine Reise ins Unbekannte, ins Ungewisse, die mich vielleicht nie wieder nach Hause bringt. Dana. Neuseeland. Glückskind.

Es ist 19, vielleicht 20 Uhr, die Sonne ist längst untergegangen. Wir fahren durchs nächtliche Auckland, Hassbild der Neuseeländer, wie ich in den kommenden Monaten erfahren werde. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, die Straßen leer, die Menschen in ihren zweistöckigen Einfamilienhäusern, Schulen, Spielplätze, Sporthallen, leere Straßen. Zurück in der westlichen Welt, zurück in der Zivilisation – zumindest was wir darunter verstehen.

Der erste nächtliche Campingplatz ist bereits geschlossen. Wir halten auf einem Parkplatz mit öffentlicher Toilette. Camping ist nicht erlaubt, doch der vorbeifahrende Sicherheitsdienst erklärt uns, dass das schon ok wäre. Wir klappen die Sitzbänke um, richten eine Zwischendecke aus Holzplatten ein. Dana und Franzi schlafen unten, ich schlafe unter dem Autodach. Die zwei drücken mir Mitbringsel von zu Hause in die Hand. Schuhe, Hose, Weihnachtsgebäck, Handwärmer, Rätselspiele, Regenjacke. Vieles kommt erwartet, völlig unerwartet halte ich neue Stricksocken von Rosie in der Hand. Ich kann es kaum fassen. Bevor es ins Bett geht, springe ich im Dunkeln ins kalte, wunderbar kalte! Meer.

Aufstehen, abbauen, einpacken, einkaufen. Zwischen Fahrkabine, Küche und Schlafzimmer bleibt nicht viel Platz für unser Gepäck. Es ist also eine glückliche Fügung, dass die Fluggesellschaft Anton und meine Fahrradtaschen in Sydney vergessen hat. Ich habe alles, was ich brauche, weil ich nicht nur den Rucksack mit meinen Wertsachen, sondern auch die Fahrradtasche mit den Klamotten als Handgepäck im Auge behalten hatte. Anton lasse ich vorerst in den Händen der Fluggesellschaft, wir hätten kaum Platz für ihn. Der Camping-Urlaub kann beginnen.

Neuseeland ist das vierte Land in Folge, das links fährt. Vor meiner Reise hätte ich nicht mal vier Länder mit Linksverkehr aufzählen können. Dana ist schnell als Fahrerin ausgemacht. Franzi kommt mit der Schaltung auf der linken Seite nicht zurecht, ich halte mich grundsätzlich vom Gaspedal fern. Wenn Dana wieder murrt, fragen Franzi und ich nur: Bist du dir sicher, dass du uns ans Steuer lassen willst? Dann ist die Sache geklärt. Ich habe zwar einen Führerschein, aber meine Fahrpraxis bezieht sich im Wesentlichen auf meine Fahrschulstunden und meine Fahrstunden mit Dana… du brauchst das Gaspedal nicht voll durchzudrücken, wenn du durch eine Kurve fährst...

Wir fahren durch Coromandel zum Heißwasser-Strand, wo Urlauber während der Ebbe mannshohe Löcher buddeln, um an das warme Wasser der heißen Quelle zu kommen. Ich genieße das kalte Meereswasser. Auf dem benachbarten Top 10 Holidaypark finden wir Unterschlupf und Internet. Die Fluggesellschaft hat mir bereits eine nervöse E-Mail geschickt. Das Gepäck sei in Auckland und durch den Zoll, sie möchten wissen, wo es hingeliefert werden soll. Ich zapfe meine Quellen in Neuseeland an. Nicht, dass ich welche hätte, aber zufällig habe ich doch einen Kontakt. Mein Plan: Das Rad zu Ingos altem Schulkollegen schicken zu lassen. Ingo ist ein Freund und ehemaliger Arbeitskollege von Dana und mir aus Deutschland, der zufällig auch gerade auf der nördlichen Kiwi-Insel ist und seinen Schulfreund besucht, der nicht weit von Auckland lebt. Mein Plan geht auf, gleichzeitig verabreden wir uns mit Ingo zum Heimspiel der Chiefs am Freitagabend.

Es geht weiter an der Küste entlang, vorbei an Kiwi- und Avocado-Farmen, hinauf und hinab. Wir machen uns lustig über die Kiwi-Vögel, die stolpernd über die Fahrbahn rennen, sobald wir uns nähern, anstatt davon zu fliegen. Der Asphalt ist mit toten Opossums ausgelegt. In Omokoroa übernachten wir, gehen zwischen Eukalyptus-Bäumen und über englisch gemähten Rasen spazieren, schaukeln über dem Meer, baden, baden in dem wunderbar kalten Wasser. Am nächsten Tag geht es an einer eingestürzten Goldmine vorbei, durch kleine Kleinstädte hindurch, die mit ihren zweistöckigen Holzhäusern an alte Western-Dörfer erinnern, weiter nach Hamilton.

Das Waikato Stadium ist die Heimat der Chiefs. Die Gegner sind die Highlanders von der Südinsel. Der Rahmen ist die internationale Super-Rugby-Liga. Wir sind die ersten, die das Stadion betreten, schauen uns das Spiel der Amateure an und machen uns mit den Regeln des Rugby vertraut – mehr oder weniger. Der Sportart können wir nur bedingt viel abgewinnen. Immerhin fallen die durchtrainierten Schränke nicht bei jeder Berührung um, schauspielern und tun so, als ob sie schwer verletzt wären – wie es in der Bundesliga heute Alltag ist. Doch zurückpassen und gegen eine menschliche Wand anrennen? Die Faszination bleibt mir verborgen; fasziniert bin ich von der Tatsache, dass Ingo, Dana und ich uns am anderen Ende der Welt wiedersehen.

Die Nacht verbringen wir im Moanaroa Reserve, an dessen Fluss morgens die Ruderer und Wakeboarder trainieren. Ich laufe eine Dreiviertelstunde, bevor wir weiter nach Süden reisen: Der Berg Taranaki ist unser Ziel, ein junger, aktiver Vulkan. Je näher wir dem Berg kommen, desto schlechter wird das Wetter. Vom Vulkan sehen wir nicht viel, fahren aber dennoch hinauf zum Stratford Plateau. Speedy – spontaner Taufname unseres Campervans, weil er die Berg in Mopsgeschwindigkeit hochrast – schwingt wie ein Schaukelstuhl im Rhythmus der Sturmböen, die um den Berg toben. Die Wasserpumpe der Toilette ist ausgefallen. Wir bleiben dennoch und frieren uns in der Nacht die Füße ab. Der Regen knallt gegen Fenster und Blech, die Temperatur sinkt unter Null Grad.

Guten Morgen, Ostersonntag. Die aufgehende Sonne weckt uns, zur Hälfte bestrahlt sie den rot glühenden Spitzkegel des Vulkans. Die untere, teils begrünte Hälfte liegt im Schatten. Spektakulär. Als ich aus dem anderen Fenster schaue, sehe ich, dass der Parkplatz Zuwachs bekommen hat. Aus drei Fahrzeugen sind 8, 9, 10 geworden. Alles Wanderer, die das gute Wetter nutzen, um den Berg zu bezwingen. Zeitumstellung. Wie spät ist es? Wir verlassen vulkanische Plateau, Taupo ist unser Ziel, unterkühltes Zentrum der Nordinsel.

Mit müden Augen stolpern wir mehr schlecht als recht durch den Tag. Ich bin an der Tankstelle so auf das Toilettenschild fixiert, dass ich blindlings einen Neuseeländer umrenne. Speedy fliegt fast von der Straße, weil Dana die Kurve unterschätzt. Wir drei sind so verschlafen, dass wir gar nicht realisieren, wie die zwei Reifen auf der Fahrerseite kurz davor sind, abzuheben. Quietschend bleiben wir stehen und brüllen los. Es ist ein wunderbarer Moment, wie in alten Zeiten, als wir die Polizei auf der Jagd nach einer guten Geschichten verfolgten. Deshalb haben die Kurven also empfohlene Höchstgeschwindigkeiten, vermutet Dana.

Auch Franzi ist nicht gegen die Müdigkeit gefeit. Nach einer Pause an einem Aussichtspunkt, bemerkt Dana, dass Speedy sich komisch anhört. Sie dreht sich um. Die Schiebetür steht weit offen. Reflexhaft bremst Dana ab. Ein Rutschen, ein Krachen, die Tür ist zu. Ähm, also Tür war auf, bemerkt Dana, aber jetzt ist sie wieder zu. Wir fahren weiter. Krämpfe vom Lachen.

Taupo und Rotorua. Eiskalte Seen, heiße Quellen, die größte aufblasbare Rutsche der Welt (in Neuseeland). Fahren, essen, schlafen. Ich genieße es, die Verantwortung los zu sein, mit einem Motor die Berge hochzuknattern; gleichzeitig geht mir alles zu schnell, meine Augen, mein Kopf, mein Rücken können sich an das Autofahren nicht gewöhnen. Im Rhythmus des Taktstocks planen sich Dana und Franzi durch die begrenzten Urlaubstage, während mein Taktstock nur zum Ende meiner Visa zu schlagen anfängt. Am Pukehina Beach bleiben wir zwei Tage, genießen die Ruhe, die Sonnenuntergänge, das Meer, den Strand. Ich laufe am frühen Morgen anderthalb Stunden durch den weichen Sand, das Wasser der Flut umspült meine Füße. Zurück am Campervan ist Peanutbutter-Jelly-Time.

Der vorletzte Abend. Wir quatschen, bis die Sonne hinterm Horizont verschwindet. Über verrückte Zeiten, lange Nächte, getrennte Weg. Dann schlendern wir zum Canpervan, zum Donnie-Darko-Filmabend. Ich entsorge den Müll, drehe mich um und denke, was hängt denn da an unserer Rückscheibe. Ich starre ungeniert, greife danach, als Dana ruft, Lulu, falscher Campervan. Die unbekannte Frau im falschen Campervan glotzt mich an, ich sie, weil es dunkel ist, sieht niemand, wir mir das Blut in den Kopf schießt. Mit geduckten Kopf laufe ich zu unserem Speedy, springe hinein und vergrabe mich in der Decke. Dana und Franzi, die den Campervan mal wieder dreimal umgeparkt haben, brüllen vor Lachen. Die anderen zwei Camper verlassen den Parkplatz am nächsten morgen frühzeitig. Verjagt.

Dana und Franzi stürzen sich an unserem letzten gemeinsamen Tag noch durch die Wasserfälle, Hühlen und Steilhänge der Waitomo Schlucht, bevor wir nach Kihikihi fahren, um Anton bei Jarno abholen. Ingos Schulfreund drückt uns auch gleich noch eine Tüte mit grünen Baumfrüchten in der Größe von Kiwis in die Hand. Feijoas. Das gut gehütete Geheimnis der Kiwis. Die Frucht, die keine Verwandten kennt, die nicht eingefroren und nicht exportiert wird, und im Herbst tonnenweise von den Bäumen fällt. Dana und Franzi finden keinen Gefallen an Feijoas – für mich sind es die ersten Feijoas von vielen, sehr vielen, sehr sehr vielen, sehr…

Der letzte Abend. Wir schlafen auf der Horahora Domain. Zum Abendbrot gibt es Burger, Bier, Weihnachtsschokolade und Sandfliegen. Am nächsten Morgen setze ich Anton wieder zusammen, fette meinen ausgetrockneten Brookssattel, packe die Taschen, die nun noch schwerer sind. Eines der Bremsgummis ist verschwunden, deshalb muss ich die Bremsen an beiden Rädern austauschen. Dann pumpen wir gemeinsam mit meiner handgroßen Handpumpe die Reifen wieder auf, bis uns die Arme abfallen.

Abschied. Franzi und Dana haben Zuhause zu mir nach Neuseeland gebracht. Unglaublich, wer solche Freunde hat! Doch der deutsche Alltag ruft. Zuhause fährt wieder nach Hause. Ich fahre allein weiter.

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