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Luisa Rische

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Kapitel XLIII: Von Napier nach Wellington

Waehrend ich meinem Einjaehrigen entgegenradle – wer haette das gedacht -, geniesse ich die nahezu grenzenlose Gastfreundschaft der Kiwis. Wir wandern, wir kochen, wir quatschen. Das Wetter spielt derweil verrueckt. Auf meinem Weg nach Wellington erlebe ich alle Jahreszeiten – an nur einem Tag, jeden Tag. 

Bilder aus Neuseeland: Horahora bis Takaka Hill

Tuerkisblau. Satingrau. Das brandende Meer wirbelt die kruemelgrossen Steine des schwarzen Strands durcheinander. Grau in blau brechen die Wellen des pazifischen Ozeans an der Kueste der Hawke’s Bay. Ich beobachte das Spiel von Wasser und Stein vom Napier Hill aus, nur eine Glasscherbe von der Boeschung des Kalksteinfelsens entfernt, waehrend im Fernsehen die Commonwealth Games laufen. Netball.

Zum ersten Mal seit Malaysia sehen meine Klamotten eine Waschtrommel von innen. Als Pullover und Socken zum Trocknen in der Sonne haengen, nimmt Brian mich auf eine Fahrt durch die Region mit. Clive, Havelock North, Hastings. Wir halten an Weinguetern, erkunden Birdwoods, wandern die Te Mata Hills hinauf, waehrend ein Dutzend Hobbysportler mit Mountainbikes um die engen Kurven der Trampelpfade zirkeln. Am Abend sind wir zum Essen eingeladen, stossen in grosser Runde mit Pinot Gris an, tauschen uns aus, lachen, essen, trinken. Es fuehlt sich an wie zu Hause, wie ein Treffen mit Freunden.

Mit den Kiwis bin ich sofort auf einer Wellenlänge. Vielleicht weil die Sprache keine Grenzen setzt. Englisch spreche ich gut genug, um mit meinen Gastgebern über die Kultur der Maori, den Stuhlgang der Kühe und die regionalen Unterschiede der englischen Sprache zu diskutieren. Pudding for Tea bedeutet nicht, dass es fluffigen Vanillepudding zur Kaffeezeit gibt, sondern einen Nachtisch zum Abendbrot. To pushbike bedeutet nicht, sein Fahrrad zu schieben, sondern zu radeln.

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Am naechsten Tag übernachte ich bei Wade. Ebenfalls in Napier, weil ich mich nicht entscheiden konnte, wem ich zusagen, wem ich absagen sollte. Wade ist noch verrückter als ich, nur seine Tochter hält ihn in Neuseeland, sonst wäre er mit seinem Rad schon längst auf und davon. Er zeigt mir Bilder aus Amerika, Australien und Neuseeland. Zum Star-Wars-Filmabend gibt es Spinatcurry und Cidre. Bevor ich Wade wieder verlasse, drueckt er mir noch zwei Adressen fuer die Suedinsel in die Hand.

13 Kilometer weiter beherbergen mich Maddie und Duncan für mehrere Tag in ihrem Haus in Clive. Die zwei sind in meinem Alter und nach einer halben Stunde bin ich kein Gast mehr, sondern Freundin. Maddie ist Aerztin im Napier, Duncan Lehrer an einer Jungenschule; im Januar wollen die zwei heiraten. Eine Freundin aus Upper Hutt ist ebenfalls zu Gast. Am naechsten Tag tauchen ueberraschend noch zwei AirBnB-Gaeste aus Daenemark auf.

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Wir wandern am Strand entlang zum Kidnappers Cape, beobachten die Ganets, picknicken am Strand, waehrend die Ebbe die Funamente einstiger Felsen freilegt. Am naechsten Tag geniessen wir Pinot Gris und Antipasti auf einem Weingut, am Sonntag decken wir uns auf dem Hawkes Bay Farmers Market mit regionalem Gemüse, Kaese, Honig und Oel ein. Dass ich vor 3 Wochen noch durch die Hitze Suedostasiens gefahren bin, von Klebreis und Nudelsuppe gelebt habe, scheint eine Weltreise entfernt zu sein. Wie Tag und Nacht unterscheidet sich das Leben auf den zwei Kontinenten.

Ich radle weiter. Richtung Sueden. Waehrend die Sonne immer weiter in den Norden wandert. Ein Tag in Neuseeland ist wie ein Staffellauf. Der Winter eröffnet das Rennen. Auf dem Zelt hinterlässt er eine weiße Decke aus Eiskristallen. Der Atem kriecht in dünnen Wölkchen aus dem Schlafsack, dessen einzige Öffnung nicht breiter ist als ein Tennisball. Groß genug, um die Nase hinauszustrecken; klein genug, um die Kälte auszusperren. Ich öffne den ersten Schlafsack, öffne den zweiten, krieche hinaus. Die Sonne scheint, der Nebel löst sich auf, die zweite Jahreszeit steht in den Startlöchern.

Der Frühling wirbelt die Luft in Windeseile durch, sodass die Flamme meines Gaskochers immer wieder erlischt. Angesengte Streichhölzer türmen sich zu einem Scheiterhaufen auf. Das Zelt stopfe ich klamm in den orangen Sack. Ich selbst steige im Zwiebellook zurück in den Sattel, entblättere mich im Laufe des Tages, während der Sommer ungeduldig übernimmt, strauchelt, stolpert. Ich schäle mich noch aus meiner schweißfeuchten langen Hose, als der Herbst dem Sommer zur Hilfe kommt.

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Dämmerung am Nachmittag. Eine heiße Suppe wärmt die müden Muskeln, während das Zelt mit nur einer Zeltstange schlapp durchhängt. Der Herbst knickt ein, die doppelte Laufstrecke ist zu viel für ihn. Der ausgeruhte Winter setzt zum Zielsprint an. Ich schließe den ersten Schlafsack, schließe den zweiten, ziehe am Gummizug des Kopfendes, bis das Loch auf Tennisballgröße geschrumpft ist. Eingerollt wie ein Fötus. Weißer Atem.

Das ist Neuseeland. Ein ganzes Jahr in einem Tag. Zumindest was das Wetter betrifft.  Down Under ist alles verkehrtherum, der Lauf der Sonne verwirrt mich immer noch. Die Orientierung verliere ich auf dem Weg nach Wellington allerdings nur einmal.

Die erste Nacht zelte ich an einem Fluss, die zweite am Strand, die dritte und vierte auf Spotplaetzen mit oeffentlichen Toiletten. In Alfredton holt mich das winterliche Herbstwetter wieder ein. Das lädierte Zelt hält und nach 80 Kilometern durch den Regen komme ich in Featherston an, wo mich das leerstehende Ferienhaus von Maddies Eltern erwartet.

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Fernseher, Küche, Bett. Am nächsten Tag überrasche ich den Vater von Maddie, der einen Tag frei hat und einige Arbeiten am Ferienhaus erledigen will. Er hatte vergessen, dass ich da bin. Doch wie bei allen Neuseeländern ist seine Gastfreundschaft grenzenlos: Er macht mir ein Feuer an, zeigt mir, wo ich das warme Wasser einschalte, wo die Waschmaschine steht, wo ich meine Wäsche aufhängen kann. Draußen tobt immer noch ein Sturm. Er legt mir nahe, noch einen Tag zu bleiben. Bei diesem Wetter sei es gefaehrlich, ueber die Berge nach Wellington zu fahren.

Ich lasse mich nicht lange ueberreden. Da ich die meisten Naechte in meinem Zelt verbringen, irgendwo zu Gast bin, ode rim Schlafsaal uebernachte, geniesse ich das Alleinsein in einem Haus mit Kueche, Bad und Schlafzimmer. Privatsphaere unter einem festen Dach. Diesen Luxus habe ich auf dieser Reise bisher selten genossen.

Über eine stillgelegte Eisenbahnstrecke in den Bergen radle ich weiter nach Wellington. Der Rimutaka Cycle Trail beginnt abenteuerlich. Ueber loses Gestein fahre ich an Erdrutschen vorbei, durch ueberflutete Baeche zum ersten Bahnhof auf meinem Weg zum Gipfel. Der Weg ist kaum breiter als mein Rad. Der Verkehr jedoch haelt sich in Grenzen. Ausser Voegeln und Ziegen nichts zu sehen. Die Steigung ist entspannt, im ersten Gang geht es den Schotterweg hinauf, ueber den vor 100 Jahren Schienen liefen, die Wellington mit Masterton verbanden.

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Drei Tunnel, eine zerstoerte Bruecke und 360 Hoehenmeter spaeter komme ich am Gipfel an. Die Aussicht auf der Fahrt zum Summit Bahnhof ist spektakulaer, die Schwaerze der Tunnel erinnert mich an die Durchfahrten in Norwegen. Der Cycle Trail fuehrt mich autofrei bis nach Wellington. Auf dem Weg treffe ich zwei Bikepacker aus Spanien und Litauen, die seit vier Jahren unterwegs sind, an diesem Tag leider in die entgegengesetzte Richtung. Ich fahre allein weiter, am Hutt River entlang bis nach Lower Hutt, um den Hafen von Wellington bis nach Highbury. Nach fast 100 Kilometern komme ich bei Ismene und Hugh an.

Ismene ist aus Deutschland, Hugh aus Neuseeland, ihr Sohn Fabian ist vor einem Jahr mit seiner Freundin Inka durch Europa geradelt, ihre Tochter Tamina lebt und studiert in Hamilton. Ismene und Hugh leben plastikfrei, sogar Zahnpasta, Duschgel und Deo mixen die zwei selbst zusammen. Beeindruckend. Es geht also. So moechte ich auch leben, irgendwann, wenn ich zurueckkehre; auf der Reise ist plastikfrei eher schwer umzusetzen, auch wenn ich meinen Jutebeutel und meine Tupperdosen stets parat habe.

Ich bleibe einige Tage bei Hugh und Ismene, lasse meine Zeltstangen reparieren, fahre an der Bucht entlang bis zur Seehundkolonie. Gemeinsam spazieren Ismene und ich durch das Naturschutzareal Zealandia, beobachten Kakas und Saddlebacks; mit Hugh fahren wir zum sonntaeglichen Farmer’s Market und hoch zum Mount Victoria. Ich nutze die Zeit in Wellington auch, um meinen Flug nach Brasilien zu stornieren. Jetzt bin ich Australien schon so nahe – warum also das Outback auslassen?

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