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Kapitel XLIV: Von Wellington nach Scott’s Beach

Eine der zehn grossen Wanderungen Neuseelands liegt vor mir. Allerdings nicht zu Fuss, sondern mit dem Rad. Der Heaphy Track, der mich zur Westkueste fuehren soll, wird körperlich schnell zu meiner groessten Herausforderung, die mich weit ueber meine Grenzen hinausbringt.

Bilder aus Neuseeland: Takaka Hill bis Wellington

Am schwarzen Strand entlang, ueber einen der wenigen Fahrradwege geht es am naechsten Tag nach Napier zu Brian. Der Rentner wohnt auf dem Dach eines Kalkstein-Felsens, der vor 80 Jahren vom Meer umgeben war. Doch ein schweres Erdbeben hat die Region in den 30er-Jahren erschuettert und das Land in der Hawkes Bay um mehrere Meter angehoben. Heute ist die Kueste dicht besiedelt und ganz oben thront Brian, in seinem zweistoeckigen Luxuspalast.

Bluebridge. Blaue Bruecke. Mit der Fähre geht es nach Picton. Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenfrei, die schattigen Riesen der Suedinsel erheben sich aus den Untiefen des pazifischen Ozeans. Vorfreude. Als ich in Picton ankomme, hat die Dämmerung bereits eingesetzt, doch meine fünf Lichter – vorne, hinten, an den Speichen – leuchten mir den Weg über den Queen Charlotte Drive zur Aussie Bay. Die Luft ist warm, die Strasse leer, ich geniesse den Ritt durch die Dunkelheit.

Beim Frühstück unterhalten mich eine Handvoll Delfine, bevor ich durch Neuseelands noerdliche Fjorde, über Stock und Stein, am Kenepuru Saddle vorbei zum nächsten Zeltplatz in Rai Valley fahre. Zelten ist untersagt, doch es stehen bereits zwei Zelte auf der Wiese des Brown River Reservoirs. Ich geselle mich dazu, schlage mein Zelt am Ufer des Rai Flusses auf, in dem ich zunaechst mich und spaeter mein Geschirr wasche. Zum Abendbrot gibt es Reis.

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Die Nacht ist nass, der Morgen danach nasser. Die durchlöcherte, luftleere Isomatte saugt sich durch die Ameisenlöcher in meinem Zeltboden mit Regenwasser voll, das sich in den Bodensenken unter meinem Zelt gesammelt hat. Alles schwimmt. Im stroemenden Regen ziehe ich um, auf die hoeheren Ebenen des Zeltplatzes, die noch nicht unter Wasser stehen.

Ich schalte den Flugmodus meines Handys aus, um Tricia eine Nachricht zu schreiben, dass ich einen Tag spaeter komme. Doch sie ist mir schon zuvorgekommen. Ob Rob mich abholen soll? Ich überlege nicht lange. Eine Stunde später hängt Anton am Fahrradträger, ich drehe die Sitzheizung voll auf, während wir durch undurchdringliches Grau nach Nelson fahren.

Was einmal drei Kleinstädte waren, wächst in Nelson zu einer kleinen Großstadt zusammen. Nach meiner Rettung vor dem Ertrinken auf einem Zeltplatz geniesse ich ein heißes Bad im Haus der ehemaligen Milchbauern, die heute durch ihre arbeitslosen Tage radeln, paddeln, reisen. Am Abend sind wir bei Freunden zum Essen eingeladen. Ich erzaehle meine Geschichten zum tausendsten Mal. Alles so normal. Ich muss mich zwischendurch immer mal wieder kneifen. Bin ich tatsächlich die vergangenen neun Monate durch Asien geradelt? Es fuehlt sich voellig unwirklich an, als ob irgendjemand anderes das alles erlebt haette.

 

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Ich bleibe zwei Tage, versorge mich auf dem Wochenmarkt mit deutschem Brot und neuseelaendischen Avocados, imprägniere mein Zelt und verstecke meine Heringe so gut, dass ich sie in Nelson liegenlasse. Tricia fuellt meinen Feijoa-Vorrat wieder auf, bevor ich über Dovedale Richtung Golden Bay aufbreche. Ich bleibe 2 Naechte in Marahau, übernachte bei Alistair und Koa und erkunde den Abel Tasman, eine der großen Wanderungen Neuseelands. Am freigelegten Strand entlang wandere ich wieder nach Marahau. Ebbe. Der Ozean hat sich fast zwei Fussballfelder zurückgezogen. Ich kann bis nach Nelson schauen.

Während ein Regensturm mir die morgendliche Dusche ersetzt, geht es über die Takaka Hügelkette weiter zur Golden Bay. 1000 Hoehenmeter liegen vor mir, der Regen koennte nicht heftiger sein. Der Pass nach Takaka verläuft einspurig. Ein Zyklon hat die zweite Spur vor Wochen zerstört. Dass ich bis auf die Knochen nass bin, macht mir am Fuss des Passes nicht viel aus, das Radeln haelt mich warm. Doch je hoeher ich komme, desto kaelter wird es. Mein Haende klammern sich auf der Abfahrt verzweifelt an die Bremsen, bloß nicht loslassen, in den Fingern habe ich kein Gefuehl mehr.

Doch die goldene Bucht macht ihrem Namen alle Ehre. Die Wolken lichten sich, blauer Himmel, Sonne. Als ich bei Neil und Fleur in Takaka ankomme, bin ich fast schon wieder trocken. Die zwei sind ueberrascht, als ich auf einmal vor der Tuer stehe. Sie hatten mich gar nicht erwartet – wer faehrt denn bei diesem Wetter ueber den Pass? Ich muesse verrueckt sein. Die zwei haben keine Ahnung.

 

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Die fünfköpfige Familie lebt organisiertes Chaos. Ich könnte im Wohnwagen schlafen, doch ich schlafe lieber im Flur, mitten im Chaos, zwischen Jamal, Anya und Lani. Den ersten Morgen schleichen die Kinder noch an mir vorbei, bevor es zur Schule geht, am zweiten Morgen bin ich bereits Familie und Teil des aufgedrehten Durcheinanders. Beim samstäglichen Hockeyspiel des Dorfes schlage ich mich mit Neils Hockeyschläger durch die Verteidigungsreihen. See you next week, rufen mir die Spieler beim Abschied entgegen. Aehm… vielleicht in 4 Jahren wieder oder so…

Mit Paddel und Surfbrett geht es über den Takaka Fluss zum Meer. Ich halte mein Gleichgewicht auf dem aufblasbaren Surfbrett. Nun ja. Fast. Als wir am Strand anlegen wollen, denke ich noch daran, dass ich mich auf einen kurzen Ruck vorbereiten muss, wenn das Brett durch den Sand gestoppt wird – da ist es schon passiert: Ich liege im Wasser. Klitschnass geht es auf der Ladeflaeche des Jeeps zurueck nach Hause zum warmen Ofen.

Die Wettervorhersagen bleiben schlecht, deshalb bleibe ich, warte auf einen regenfreien Tag, um zum Heaphy Track aufzubrechen. Waehrend ich warte, schaue ich mir Pupu Springs an, radle zur anderen Seite des Abel Tasman, wandere mit Fleur bis zur Anatakapau Bucht und wieder zurueck. Die deutsche Baeckerei und die Gin Destillerie stellen mich auf eine harte Probe, mein Budget zu ueberziehen. Ich widerstehe, versorge mich nur mit nötigen Vorraeten an Reis, Nudeln und Griessbrei, weil es auf dem 80 Kilometer langen Heaphy keine Versorgungsstrukturen gibt.

 

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Neil und Fleur arbeiten für das Doc, das Departement of Conservation, das für den Naturschutz und die Pflege der Großen Wanderungen zuständig ist. Sie helfen mir, die Campingplätze für den Heaphy zu buchen, Neil organisiert mir sogar eine Mitfahrgelegenheit, obwohl er seine Sorgenfalten nicht verstecken kann: Bei diesem Wetter sei der Track selbst zu Fuß extrem. Doch Besserung ist nicht in Sicht – und irgendwann muss ich schliesslich weiter.

Am Abend, bevor ich starten will, gibt es weitere schlechte Nachrichten. Am Ende des Heaphy Tracks habe es aufgrund des schlechten Wetters Abruetsche gegeben, erklaert Neil, deshalb sei dieser Teil des Tracks gesperrt. Vor einigen Jahren allerdings fuehrte der Heaphy noch am Strand entlang, es sei also immer noch moeglich, zur anderen Seite durchzukommen, auch wenn davon abgeraten werde. Neil hat ausserdem mit seinem Kollegen in Karamea telefoniert, der meint, dass es schon gehen muesste mit dem Rad.

Mit Ranger Toni geht es am nächsten Morgen also zum Start des Great Walks, der grossen Wanderung. Diese Worte hätten mich wohl abschrecken sollen. Oder das Wetter. Oder die Abruetsche. Oder die Sorgenfalten Neils. Doch ich radle blauäugig in meine größte Herausforderung, die mich an den Abgrund bringt: an den Abgrund eines Bergs, an den Abgrund meiner Kräfte, an den Abgrund meines Willens. Der Heaphy Track führt von der Golden Bay über die Berge an die Westküste. Während der kalten Monate ist der Pfad für Fahrraeder geöffnet. Wer wahnsinnig genug ist, kann die grosse Wanderung auch mit einem bepackten Fahrrad herausfordern.

 

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915 Höhenmeter liegen vor mir. Nach einem Kilometer bin ich ueberzeugt, dass ich niemals ankommen werde. Felsvorsprünge, fußballgroße Steine, Wasserfälle. Ich reiße am Lenker, balanciere 60 Kilogramm am Abgrund entlang, steige immer mal wieder ab, trage mein Rad teils. Weil die Steine zu groß sind, der Pfad zu steil ist. Plötzlich gibt die regennasse Erde unter mir nach, mit dem linken Bein rutsche ich ab, Anton hinterher. Unter mir geht es 300, 400 Meter in die Tiefe. Nicht steil genug, um in mein Verderben zu stuerzen, aber steil genug fuer eine sehr lange, matschige und schmerzvolle Rutschpartie. Irgendwie schiebe ich uns beide Zentimeter fuer Zentimeter zurück auf den Pfad.

Es schuettet, es hagelt, es stuermt. Ich radle weiter. Ich war darauf vorbereitet, der erste Tag sollte der schlimmste sein, haben alle gesagt. Deshalb bin ich ueberrascht, wie gut ich die Steigung hochkomme, wie sicher ich das Rad ueber Stock und Stein zirkle, ohne abzusteigen. Es fuehlt sich an, als ob ich mit dem Snowboard zum ersten Mal die praeparierte Skipiste verlasse und durch Tiefschnee boarde. Vom Asphalt auf einen Pfad, der selbst mit einem unbepackten Mountainbike eine Herausforderung ist.

 

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Über Nacht wird aus Regen Schnee. Der Ausblick ist gewaltig. Ich habe in der Huette uebernachtet, obwohl ich nur einen Zeltplatz gebucht hatte. Die Huetten auf dem Heaphy sind einfach: Kohleofen, Gas, Betten. Doch die Hütten schützen Wanderer vor diebischen Wekas. Sturm und Regen. Gemütlich, urig, abgelegen. Ich schlüpfe in die klamme Kleidung, radle mich warm. Das Gummi der Bremsen ist nach zehn Minuten bergab aufgebraucht. Ich ziehe die Bremszüge nach, Minuten später ist das Gummi schon wieder abgerieben. Ersatz habe ich nicht dabei. Ich muss hinunterschieben.

Die Bäche sind mittlerweile so tief, dass mir das Wasser bis zu den Oberschenkeln geht und durch das Loch meiner kaputten Fahrradtasche am Vorderrad fließt. Anfangs versuche ich noch, trocken durch die Baeche zu kommen, doch irgendwann ist der Aufwand sinnlos. Ich wate einfach drauflos, mitten durch, mit Schuhen, Socken, Hose. Es ist sowieso alles nass. Ein Holzsteg fuehrt durch ein Moor. Auch der Steg ist ueberflutet. Das Wasser reicht bereits ueber meine Vorderradtaschen hinueber.

Sieben Kilometer bis zur Heaphy Hütte. Als die Sonne untergeht, die Konzentration nachlaesst, und ich denke, dass es gar nicht mehr schlimmer kommen kann, stehe ich vor einer Hängebrücke, die ich mit dem Rad nicht überwinden kann. Aus dem Bach unter der Brücke ist nach tagelangem Regen und steigender Flut ein stattlicher Fluss geworden. Waere ich schlau, wuerde ich Taschen und Rad einzeln ueber die Bruecke zur anderen Seite tragen, doch ich bin viel zu muede und stuerze mich in den Fluss. Dumme Idee. Ganz dumme Idee!

 

Ich versinke bis zur Brust, komme aber zum anderen Ufer durch und hebe Anton auf eine Sandkante. Während ich noch durchatme, Kraefte sammle, gibt der Sand nach, Anton rutscht ab, wird vom Fluss mitgerissen. Scheisse. Ich lasse den Lenker nicht los, tauche in das eiskalte Wasser ein, suche nach Halt in dem sandigen Boden, wuchte Anton wieder hervor, schiebe ihn zurück aufs Ufer, immer hoeher, stosse das Rad mit letzter Kraft gegen die Boeschung. Ich selbst knie immer noch im Fluss.

Die Boeschung ist so nass, dass ich das Fahrrad nicht hochschieben kann. Mit den Fuessen rutsche ich immer wieder im Schlamm aus. Nun muss ich doch alle Taschen abbauen und einzeln hochtragen. Selbst schuld. Ich haette es leichter haben koennen. Nass und kraftlos komme ich am Campingplatz an. Das Zelt hole ich gar nicht mehr hervor, sondern richte mich im Unterstand ein. Dort ist Platz, dort ist es trocken, dort kann ich mir ein warmes Mahl kochen – auch wenn mein angeschwollenes Handgelenk kaum noch den Löffel anheben kann; wenn ich es bewege, hört es sich an, als würden Feilen aufeinanderreiben.

Hinauf und hinab geht es am nächsten Tag weiter. Die wilde Brandung der Westküste schlägt mit brachialer Gewalt gegen die Küste. Schieben, treten, treten, schieben, im Schlamm ausrutschen, wegrutschen, verzweifeln. Orange Pfeile lotsen mich an den Erdrutschen vorbei über eine Steinlawine, Anton entgleitet mir fast aus den müden Armen. Dann werde ich auf den Strand geführt. Die Reifen versinken handtief im Sand, Zentimeter um Zentimeter hieve ich Anton hindurch und sinke kraftlos auf die Knie. Tränen der Erschöpfung kullern mir die Wangen hinab. Während die Flut immer näher kommt, bin ich kurz davor, aufzugeben, um Hilfe zu rufen.

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2 comments on “Ein Pfad voller Gefahren: mit dem Fahrrad über den Heaphy Track

  1. Birgit sagt:

    I really love your way of writing, but it is kind of mean to stop your story at that point…
    I check your blog nearly every morning for an update. Now I am very excited to read more….
    Have a safe ride wherever you are right now!

    Fortsetzung folgt….

    Gefällt mir

  2. Cees sagt:

    Hi! Nicht schlecht 🙂
    Schön zu lesen was und vor allem wie du es erlebst!
    Lieben Gruss,

    Cees

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